Heiko Mell

Neue oder alte Rechtschreibung?

Es geht um die Rechtschreibung in Bewerbungen. Wenn ich Ihre Ausführungen zu mittelständischen Unternehmen und mittelständigen Blütenpollen richtig interpretiere, ist sie eines Ihrer Steckenpferde.

1. In einem Buch mit Tips für die „richtige“ Bewerbung las ich, die Datumschreibweise der 80er Jahre „07.09.96“ sei out, man schreibe jetzt „96-09-07“. Meine Augen schmerzen.

2. Wie ist eine Bewerbung zu bewerten, die sich auf ein Inserat in den „VDI nachrichten“ bezieht statt auf eines in den „VDI Nachrichten“? Beide Schreibweisen finden sich in dieser Zeitung.

3. Seit einiger Zeit sind die neuen deutschen Rechtschreibregeln bekannt. Bis zum Jahre 2005 gelten die alten als überholt, aber nicht falsch. Daraus ergibt sich das Dilemma: Sollte man seine Bewerbung nach den neuen Regeln schreiben? Versteht ein Bewerbungsleser die „Message“ (so sagt man ja wohl) richtig: „Schaut her, ich bin informiert und auf dem neuesten Stand“? Sie erwähnen gelegentlich, daß die Bewerbung eine Arbeitsprobe sei. Nachdem wir im Informationszeitalter leben, gehört Informationsbeschaffung bzw. -umsetzung zum Alltagsgeschäft.

Mir persönlich sträubt sich das Nackenhaar, wenn ich meine Frau demnächst mit einem Kuss erfreuen soll, wie es die neuen Regeln verlangen, statt mit einem Kuß.

Zu meiner Person: Ich bin Dipl.-Ing. (FH), 31, und bilde mir ein, die deutsche Sprache zu beherrschen.

Antwort:

Wichtig ist vor allem, daß sich niemals die Nackenhaare Ihrer Frau sträuben, wenn Sie sie demnächst mit jener schwierig zu schreibenden Zärtlichkeit erfreuen „sollen“.

Sehen Sie, ich bilde mir ganz und gar nicht ein, die deutsche Sprache oder überhaupt irgend etwas zu beherrschen. Aber ein durch intensives, jahrzehntelanges Lesen und Schreiben geschultes Sprachgefühl sagt mir, daß jenes „soll“ die Schwachstelle Ihrer sprachlichen Konstruktion ist. Denn von offizieller Seite aus „sollen“ Sie Ihre Gattin weder so noch so erfreuen.

Jene genannte Zärtlichkeit, die auszutauschen sicher ebenso Ihnen wie Ihrer Frau Gemahlin Freude bereitet, dürfen Sie in Kürze und müssen Sie in Bälde „Kuss“ schreiben. Sollen sollen Sie eigentlich eher gar nichts in dem Zusammenhang (außer Ihre Frau meint, Sie sollten mehr… was uns nichts anginge).

Warum ich so bissig starte? Nun, Sie haben angefangen. Wie bei den Kindern im Sandkasten: Eines beginnt, den anderen die Förmchen wegzunehmen. Und schon haut ein anderes zurück. Sie, geehrter Einsender, stellen völlig korrekte Fragen und greifen mich auch keineswegs direkt an. Und doch, da schwingt latent in Ihrer Aussage eine Prise von leichter, zu Arroganz neigender Überheblichkeit oder doch zumindest starke Lässigkeit mit von der Sie wissen sollten, daß sie Ihnen nicht immer Freude schaffen wird.

Sie meinen, gerade ich hätte es nötig, Ihnen so etwas auch nur andeutungsweise vorzuwerfen, wo doch meine Formulierungen nur so trieften von gewissen…? Mag ja alles sein, aber ich baue darauf mein Image als Serienautor auf und verdiene noch etwas Geld damit. Und ich muß für Unterhaltungswerte Sorge tragen. Außerdem ist es für mich eine Stilübung, ich kann durchaus auch sachlich-korrekt schreiben (meinen Sie, ich hätte sonst noch Kunden?).

Also erfülle ich meine Beraterpflicht und warne Sie: Wenn Sie weiter so formulieren, wird sich der eine oder andere Angesprochene so fühlen, als seien Sie seinem „Förmchen“ zu nahe gekommen. Und mit ein bißchen Pech ist er stärker als Sie.

Rechtschreibung ist übrigens keineswegs ein Steckenpferd von mir. Auch verfüge ich über keinerlei Schulung oder Wissen oberhalb des Niveaus eines Bürgers mit absolut normaler (Aus-)Bildung. Wohl erheitere ich gelegentlich dies lesende Germanisten, aber das ist ein anderes Thema.

Verstehe einer diese Ingenieure! In Fragen ihres eigenen Fachgebietes sind sie wie man hier in meiner Wahlheimat sagt „sowas von pingelig“, daß man sich fürchten muß, auch nur einen Millimeter vom Pfad der geltenden Norm abzuweichen. Man braucht nur in dieser Serie „Kilo“ zu schreiben, dann toben sie schon los. Versteht denn niemand, daß dieses Bemühen um die richtige Lösung ebenso bedeutsam ist, wenn es statt um Technik um Sprache geht?

Ich könnte ja auch den erfahrenen Facharbeiter auf einer Werkstattzeichnung schriftlich anweisen: „Bohren Sie mal da unten links ein paar fingerdicke Löcher rein“, wenn letztere nur untergeordneten Zwecken dienen sollen. Allein der Fachmann schüttelt sich schon bei dem Gedanken.

Und ebenso schüttelt sich der halbwegs allgemeingebildete Mensch der durchaus gleichzeitig Ingenieur sein darf , wenn jemand über „mittelständige“ Firmen schreibt.

Oder kürzer: Es ist ebenso falsch, das Gewicht einer Stahlkonstruktion in „Pfund“ anzugeben, wie etwa zu behaupten, man sei „Akwisitör“. Obwohl bei einem Minimum an gutem Willen jeder weiß, was jeweils gemeint war.

Zu 1.: Meine Augen schmerzen auch dabei, ich finde das scheußlich. Beachten Sie das Prinzip: Bewerbungen dienen einem Ziel. Das erfordert, daß sie von bestimmten Menschen wohlwollend betrachtet werden. Dazu wiederum muß man sich einer Form und Sprache bedienen, die typischen Entscheidungsträgern vertraut ist und sympathisch. Wenn die meisten Geschäftsbriefe in diesem Lande jenes jetzt von uns als scheußlich empfundene neue Datum tragen, dann ist es Zeit, dies auch in Bewerbungen umzusetzen. Vorläufig ist das absolut nicht der Fall, also lassen Sie es lieber sein.

Zu 2.: Soweit ich das (als Außenstehender!) beurteilen kann, schreibt sich diese Zeitung eher mit „n“. Für Bewerber hat das keine Bedeutung. Schließlich geht es nur um einen frei gestalteten Eigennamen, nicht um Rechtschreibregeln. Also auch wer „VDI-Nachrichten“ schriebe, müßte in diesem Zusammenhang(!) nicht mit Nachteilen rechnen (die Zeitung möge mir verzeihen).

Anders, völlig anders ist es mit Briefen, bei denen es um den Namen des Empfängers geht. Auf nichts reagiert ein Unternehmen so kritisch wie auf den falsch aus der Zeitung abgeschriebenen Firmennamen. Achten Sie also auf Punkte nach Abkürzungen, auf „+“, „&“ etc.

Zu 3.: Das ist ein Thema, zweifelsfrei. Bedenken Sie aber das Ziel einer Bewerbung (siehe zu 1.): Der Leser muß den Brief sympathisch finden. Und er ist in der Regel ein erfahrener Mensch, der die „alte“ Rechtschreibung zutiefst verinnerlicht hat, nach dessen Empfinden manches „neu“ geschriebene Wort schlicht scheußlich aussehen wird. Das wiederum nimmt ihn nicht für das Anliegen des Bewerbers ein, wenn der Ungewohntes bietet, ohne dazu gezwungen zu sein.

Also rate ich: Auf keinen Fall die neue (in erfahrenen Augen schlimm aussehende) Rechtschreibung in Bewerbungen vor dem Datum, ab dem sie gilt (nach meiner Kenntnis der 1.8.98). Und danach je nach Wollen und Können die Toleranz der ersten Geltungsjahre ruhig ausnutzen, die Empfänger werden es auch tun. Man muß sehen, wie sich das in der Praxis entwickelt. Mit schlagartiger allgemeiner Umstellung rechne ich nicht.

Lediglich der „frisch studierte“ Berufsanfänger sollte sich so brutal und endgültig umgewöhnen wie für ihn machbar (ab Geltungsdatum, wohlgemerkt).Unabhängig von der konkreten Frage: Ich wage die Vorhersage, daß im Jahre 2005 die Rechtschreibung trotz der Reform keinesfalls besser beherrscht wird als heute. Im Gegenteil: Die Übergangsphase, in der viele nicht mehr wissen, was nun gilt oder nicht, dürfte eher zur Verunsicherung beitragen als zu einer „neuen Lust an Rechtschreibung“.

Noch eine Warnung am Schluß: Rechtschreibung ist etwas, das man persönlich können muß. Der „persönliche Computer“ mit seinen ohnehin nie perfekten Hilfen ist dafür kein Ersatz! Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Sie haben ein bißchen Karriere gemacht und dürfen zu einem Thema vor dem kompletten Vorstand referieren. Man redet über die Neuordnung der Vertriebsaktivitäten in Ihrem Bereich. „Zeigen Sie uns die optimale Funktionsverteilung doch hier einmal auf“, sagt jemand. Und stolz gehen Sie nach vorn, beginnen an der großen Demonstrationswand herumzumalen und schließlich steht da groß und leuchtend „Akwisition“. Oder noch schlimmer: In einem Anflug von Panik merken Sie, daß Sie dieses Wort (und weitere) nicht ohne PC schreiben können und trauen sich nun gar nichts mehr. Peinlich, peinlich. Der Kopf, nicht das technische Hilfsmittel, macht die Persönlichkeit.

Kurzantwort:

Bewerbungen sollen den Empfänger für das Anliegen des Absenders einnehmen. Dazu gehört auch, daß die Gestaltung und die Rechtschreibung den Vorstellungen und Kenntnissen der Adressaten entsprechen. Diese nun sind zumeist erfahrene Praktiker mit eher konservativer Grundeinstellung. Denen gefällt z. B. keine Rechtschreibung, die sich nach Regeln richtet, deren Geltungsdatum noch in der Zukunft liegt. Alles andere fiele unter „vorauseilenden Gehorsam“.

Frage-Nr.: 1167
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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