Heiko Mell

Fünf Fachautoren, sechs Meinungen?

Zunächst möchte ich mich ganz herzlich für Ihr Engagement im Rahmen der Karriereberatung bedanken, verbinde ich mit dieser doch nicht nur eine immer interessante und lehrreiche Episode unseres Wirtschaftslebens, sondern auch den Beginn eines jeden Wochenendes.

Ich studiere an der Universität… Verfahrenstechnik und verfolge Ihre Serie bereits seit meinem ersten Semester. Jetzt, da ich kurz vor dem Ende meines Studiums stehe, kann ich rückblickend sagen, daß Ihre Erläuterungen und Ratschläge mein Denken im Laufe der Jahre doch stark beeinflußt haben. Einige Ihrer Aussagen zum Leben „da draußen“ haben mich anfangs zwar etwas verwundert (schließlich hat man im ersten Semester ja noch weitaus mehr Ideale und Wunschvorstellungen), doch habe ich während meiner Praktika vieles von dem wiedererkannt, was Sie Woche für Woche versuchen, Ihren Lesern zu verdeutlichen.

In etwa einem dreiviertel Jahr wird wohl auch für mich der „Ernst des Lebens“ beginnen. Aus diesem Grund studiere ich bereits heute regelmäßig die Stellenanzeigen der großen überregionalen Tageszeitungen, besuche Firmenmessen und versuche, auch sonst mit möglichst vielen Firmenvertretern ins Gespräch zu kommen.

Im Moment mache ich mir ausführliche Gedanken über die Gestaltung meiner Bewerbungsunterlagen. Hierzu habe ich auch einige Bücher der sehr zahlreich zu diesem Thema vorhandenen Fachliteratur durchgesehen. Dabei haben sich folgende Fragen ergeben:

Ein Autor empfiehlt für die Bewerbungsmappe die Verwendung eines Deckblattes mit Namen und Anschrift, auf dem ebenfalls das Foto angebracht sein sollte. Meiner Meinung nach gehören diese Informationen auf den Lebenslauf.

Ein Autor empfiehlt die Erstellung eines Inhaltsverzeichnisses für die Mappe. Ich denke jedoch, daß es eine logische Reihenfolge der Dokumente gibt, die ein Verzeichnis überflüssig macht.

Bezüglich der beizufügenden Praktikantenzeugnisse stellt sich mir die Frage, ob alle im Lebenslauf angegebenen praktischen Tätigkeiten (auch aus der Zeit des Grundstudiums oder noch davor) durch Bescheinigung oder Zeugnis belegt werden sollten. Welchen Eindruck macht es auf Bewerbungsempfänger, wenn im Lebenslauf Tätigkeiten genannt werden, ein Nachweis jedoch fehlt?

Mehrere Autoren empfehlen, wichtige Worte im Anschreiben die sogen. „eye-catcher“ durch Fett- oder Kursivdruck bzw. einen anderen Schrifttyp besonders hervorzuheben. Ich halte das bei einem Geschäftsbrief für nicht angemessen.

Antwort:

Sie kennen das von Ärzten, Rechtsanwälten, Handwerkern: Je mehr Experten Sie hören, desto mehr verschiedene Auffassungen lernen Sie kennen. Zu den Ursachen gehören die unterschiedliche Qualifikation der Fachleute ebenso wie auch die schlichte Tatsache, daß Sie mitunter durchaus auf verschiedenen Wegen zum Ziel kommen. Außerdem ist das gesamte Thema „Beruf/Karriere“ keine exakte Wissenschaft; hier bietet sich ein breites Feld für Auffassungsunterschiede und sogar Geschmacksfragen.

Ich kann drei Aspekte für meine Sicht der Dinge ins Feld führen: Seit mehr als 25 Jahren lese ich nahezu täglich Bewerbungen und weiß, was ich bei welchen Erscheinungsformen empfinde. Alle meine Anregungen wurden bisher durch positive Rückmeldungen aus der betrieblichen Praxis bestätigt. Und ich kann meine Empfehlungen begründen. Prüfen Sie, ob Sie letzteres im Detail überzeugt.

Zu 1: Stellen Sie sich einen Stapel von vorsichtig geschätzt 500 Bewerbungen vor. Die wertet nun jemand aus und arbeitet sich dabei tapfer durch jenen riesigen Stapel Papier (das sind ca. 125 kg!).

Erwartungsvoll nimmt der Analytiker die 287. Zuschrift auf und quält seine übermüdeten Augen auf dieselbe. Die Mappe enthält ein Deckblatt. Oben steht „Bewerbung“ drauf. Wie elektrisiert fährt er auf, sein spontanes Interesse ist geweckt: eine Bewerbung endlich einmal etwas Interessantes. Erst Sekunden später fällt ihm ein, daß die 286, die er schon las, ebenso wie die 213, die er noch lesen muß, auch Bewerbungen sind. Pffft, geht die Luft raus aus seiner Begeisterung. Tapfer jedoch macht er weiter: Max Müller heißt der Kerl. Ist ja toll. Und wohnt in Wiesweiler-West. Ist ja noch toller. Warum eigentlich? Na, ist ja auch egal. Es wird schon einen Grund geben. Aber abgespannt, wie er ist, fällt der ihm jetzt nicht ein. Also weiter: Da ist als letzte Information auf dem Deckblatt noch das Foto. Hübsch sieht er aus, dieser Max Müller aus Wiesweiler-West. Wenn man auch von ihm sonst noch nichts weiß. Nicht, ob er die fachlichen Voraussetzungen erfüllt, ob sein Englisch gut genug ist, ob er nicht eine Ewigkeit fürs Studium gebraucht hat. Aber hübsch. Obwohl, je länger der Betrachter das Foto anstarrt (was sollte er sonst anstarren, mehr Informationen stehen auf der ganzen Seite ja nicht drauf), desto mehr fällt ihm auf, daß der Kerl irgendwie so einen Zug um den Mund hat. Jetzt bemerkt der Betrachter auch, daß der Bursche eigentlich ausgesprochen dumm dahergrinst. Und seine Krawatte ist schief. Und nachdem der Analytiker sich, gestreßt, wie er ist, erst einmal „festgebissen“ hat an dem Bild, mag er auch die Hemdfarbe nicht.

Nach wie vor müde und jetzt auch noch gereizt, weil Max Müller ihn zwang, sich mit einer nutzlosen Seite Papier zu befassen, blättert er um und liest nun das Anschreiben.

Und die Moral von der Geschicht? Gereizte Bewerbungsleser dienen deinen Zwecken nicht!

Und sachlicher: Name und Anschrift interessieren in diesem Stadium überhaupt nicht. Und für das Foto ist es fast immer besser, es klebt klein und harmlos oben rechts auf dem Lebenslauf. Dann wird das Auge des Betrachters flüchtig prüfen, ob der Mensch ausschaut, wie ein Dipl. … ausschauen sollte, anschließend kann sich der Leser mit den wichtigen Sachinformationen auf jener Seite befassen.

Hinzu kommt: Wenn alle 500 Bewerber dem folgen, haben wir 500 Blatt Papier bei diesem einen Vorgang(!) eingespart. Das ist eine Menge „Holz“ schichten Sie diese Seiten einmal aufeinander ….

Zu 2: Ich behaupte einmal, „kein Mensch“ liest die Inhaltsverzeichnisse von Bewerbungen. Und hat Lust, sich mit dem natürlich immer wieder höchst individuellen System jedes Bewerbers auseinanderzusetzen.

Hinzu kommt: „Vorne“, wenn der Analytiker also gerade erst das Anschreiben gelesen hat, interessiert ihn das Verzeichnis noch nicht noch sucht er ja nichts. Später einmal, wenn er gezielt ein bestimmtes Zeugnis braucht, ist es für ihn einfacher, dies durch kurzes Blättern zu suchen als erst mühsam das Inhaltsverzeichnis aufzuspüren, das individuelle Ordnungssystem zu ergründen („alle Schulzeugnisse liegen hinter blauen Registern, alle Studienzeugnisse hinter gelben“) und dann doch blättern zu müssen.

Allerdings sollte der Aufbau der Mappe einer gewissen inneren Logik folgen: das älteste relevante Zeugnis (z. B. Abitur) liegt unten, dann folgen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge (also auch von unten nach oben) die anderen Dokumente. „Oben“ liegt also bei Anfängern das Examensdokument, bei berufserfahrenen Bewerbern das letzte (vorhandene) Arbeitgeberzeugnis.

Bei dieser „Logik“ weiß der Leser sofort, wo er suchen muß.Weiterbildungsbescheinigungen o. a., die man für wichtig hält, die sich aber einer chronologischen Einordnung entziehen, weil sie „zeitlosen“ Charakter haben (Seminarbescheinigungen, PC-Kurse, Sprachlehrgänge) werden übrigens noch „unter“ das beispielhaft erwähnte Abitur geheftet. So stören sie nicht, wenn man blätternd ein wichtiges Zeugnis sucht.

Und da Techniker sicher manches Verwaltungsdetail nicht so genau kennen: Die umgekehrt chronologische Abheftung ist im kaufmännischen Bereich (Personalwesen!) üblich. Man legt bei Aktenordnern stets das jüngste Dokument obenauf. Meist ist der jüngste Brief ohnehin der interessanteste und man erspart sich bei jeder Abheftung das Anheben und Umschichten der schon abgehefteten Dokumente.

Da wir gerade vom Sparen reden: 500 Bewerbungen ohne Inhaltsverzeichnis bedeuten wiederum 500 eingesparte Seiten. Mit denen aus Punkt 1 sind das jetzt schon 1.000 bei einem einzigen Vorgang!

Also: kein Inhaltsverzeichnis, keine Register. Und bei der Gelegenheit: keine dicken, schweren Mappen, kein (Kunst-)Leder, kein idiotisches Überformat (das in keinen Umschlag paßt). Ach ja: keine Leerblätter irgendwo, keine „Kapitelblätter“ (auf denen nur steht „Zeugnisse“). So wenig Papier, so wenig Gesamtmasse wie möglich.

Zu 3: Für Bewerber mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung sind ausnahmslos alle Praktikantenbescheinigungen total entbehrlich. Berufsanfänger sind ein Sonderfall sie haben ja noch nichts anderes. Und jeder Praxisbezug bringt Punktvorteile.

Unterscheiden müssen wir hier wie auch bei anderen Qualifikationsdetails zwischen der Darstellung in Anschreiben und/oder Lebenslauf (keine Angst vor Doppelinformationen: alles von Bedeutung gehört in jedem Fall auch in den Lebenslauf) und dem Beweis dafür.

Wichtig sind Ihre Darstellungen! Wenn Sie also auf ein dreimonatiges fachlich relevantes Praktikum bei einem namhaften Großunternehmen verweisen können, dann ist das erst einmal toll! Ebenso toll ist es, wenn Sie sehr gute Englischkenntnisse oder vielmonatige Auslandsaufenthalte für sich reklamieren können. Es gilt das Prinzip: Die Eigendarstellung des Bewerbers wird zunächst einmal geglaubt und als Basis der Roh-Beurteilung genommen. Was Sie jetzt und hier sofort beweisen müssen, ist eine ganz andere, in der Bedeutung viel „tiefer“ gehandelte Frage:

„Ich spreche fließend Portugiesisch“ damit haben Sie ein ggf. wesentliches Qualifikationsdetail ins Spiel gebracht. Damit sind Sie erst einmal bis auf weiteres- der Kandidat, der Portugiesisch spricht. Punkt. Im Extremfall brauchen Sie das gar nicht sofort zu beweisen. Entweder geht aus Ihrem Lebenslauf ein Jahr Portugalaufenthalt hervor (den man auch erst einmal glaubt) und/oder jemand testet Sie im Vorstellungsgespräch.Vor allem gilt das beim harten Kern der Bewerbung eines berufserfahrenen Kandidaten: „Ich bin seit fünf Jahren Abteilungsleiter beim XY-Konzern“ das ist sein zentrales Qualifizierungsargument. Das wird ohne jeglichen Nachweis geglaubt. Auch Ihr Name wird geglaubt niemand muß der Bewerbung seinen Personalausweis beifügen.

Es ist jedoch üblich und zwingend erforderlich, das Examenszeugnis (mit Noten!) sowie alle Arbeitgeberzeugnisse ab Studienende beizufügen.Nun wieder zu Praktikumsbescheinigungen/-zeugnissen: Wichtig ist, ob das jeweilige Praktikum bei dieser konkreten Bewerbung(!) nützt, also zum „Thema“ paßt. Dann sollte die Behauptung belegt werden. Richtige, beurteilende Zeugnisse sind (sofern sie ein gutes Urteil abgeben) positiver als rein formale Bescheinigungen.

Vermeiden Sie den Verdacht, Sie hätten mit einer vorgenommenen Auswahl etwas verbergen wollen. Lassen Sie also nicht ausgerechnet das Praktikumszeugnis des größten deutschen Unternehmens weg, bei dem Sie angeblich in den letzten Semesterferien waren. Sonst fragt jeder: „Was hat da wohl Kritisches im Zeugnis dringestanden?“

Da bei Berufsanfängern Praktikumsbescheinigungen aus einem „wertungsrelevanten Bereich“ Dokumente sind, machen Sie auch nie etwas falsch, wenn Sie alle beifügen (sofern Sie unsicher bei der Auswahl sind).Zu 4: Das Herumspielen mit Schriften (Größe, Fettdruck, Kursivform) sieht in Bewerbungsanschreiben stets ein bißchen scheußlich aus. Es ist in seriösen Geschäftsbriefen nicht(!) üblich.Außerdem: Wenn Wichtiges hervorgehoben werden muß, dann ist der Rest unwichtig. Eine Bewerbung ist aber so lange zu bearbeiten, bis alles Unwichtige völlig eliminiert wurde.

Das Prinzip ist einfach: Die Unternehmen schreiben ihre Briefe auch nicht als Schriftenpuzzle, sie wollen daher keine solchen Briefe haben. Ein Beispiel haben Sie übrigens vergessen: rot kann man manche Wörter schreiben. Wenn der Vorstand von Daimler Benz oder Mannesmann oder der Deutschen Bank eines Tages seine Geschäftsbriefe so schreibt, dann machen wir das alle auch. Ich hoffe, die Manager dort mit ihrer standardprägenden Funktion ersparen uns das.

Kurzantwort:

Wenn Sie auf unterschiedliche Empfehlungen der Autoren von Bewerbungsratgebern stoßen: Folgen Sie dem, der seine Ratschläge nicht nur begründen kann sondern dabei auch noch so vorgeht, daß es Sie überzeugt. Als Trost: Manche Regeln betreffen reine Geschmacksfragen, ein Verstoß dagegen ist nicht gleich „tödlich“. Aber auch weniger bedeutsame Negativkriterien können sich addieren ….

Frage-Nr.: 1161
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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