Heiko Mell

Ich war Mitglied einer Sekte (Scientology)

Ich bin Maschinenbaustudent und werde wohl im nächsten Frühjahr mein Studium beenden. Nun habe ich ein Problem aus meiner Vergangenheit und weiß nicht, wie ich und ob ich überhaupt dies meinem zukünftigen Arbeitgeber mitteilen soll.

Ich war vor einigen Jahren Mitglied einer Sekte (Scientology). Ich habe diese Sekte ohne Probleme verlassen und keinerlei Kontakt mehr dazu.

Meine Fragen:

Wie stelle ich das in meinem Lebenslauf dar?

Sage ich meinem zukünftigen Arbeitgeber etwas davon und wenn ja, wann (vor oder nach dem Vorstellungsgespräch)?

Zur besseren Einschätzung habe ich einen Lebenslauf beigelegt.

Antwort:

Das war gut so (nicht das mit dem Eintritt in die Sekte, sondern das Beifügen eines Lebenslaufes). Ich hätte sonst die Frage nicht verstanden.

Zunächst zum Grundsatzproblem: Wenn jemand vor mehreren Jahren irgendwo Mitglied war, ausgetreten ist, heute nichts mehr damit zu tun haben will und/oder ihm die Sache sogar ein bißchen peinlich ist, dann würde er im Normalfall einfach darüber schweigen damit hätte es sich dann.

Es gibt für Sie keine Pflicht, eine solche längst beendete Mitgliedschaft in einer Bewerbung oder im Vorstellungsgespräch zu offenbaren. Und konkrete Fragen in dieser Richtung kommen in der Einstellroutine der Firmen nicht vor.

Selbst wenn eine solche Organisation eines Tages verboten oder vom Verfassungsschutz beobachtet werden und Ihre frühere Mitgliedschaft irgendwie bekannt werden sollte, sind unmittelbare Probleme für Sie nicht zu befürchten schließlich waren Sie damals zwanzig Jahre alt und Mitglied einer seinerzeit keineswegs verbotenen Institution.

Ich möchte klarstellen, daß ich hier bewußt allgemeine Aussagen mache, die sich nicht auf eine bestimmte Organisation beziehen. Dies ist nicht das Forum für die Abrechnung mit einer bestimmten Sekte, das ist auch nicht mein Metier (falls es jemanden interessiert: ich bin in keiner Sekte Mitglied und habe auch nicht vor, das zu ändern).

Übrigens sind in dieser Republik schon Leute bis in höchste Staatsämter vorgestoßen, obwohl sie in ihrer Jugend sogar Funktionäre in Organisationen waren, die wir heute doch extrem kritisch sehen (milde ausgedrückt). Wenn die Öffentlichkeit so etwas toleriert hat, dann muß diese Toleranz in besonderem Maße Ihnen gegenüber gelten.

Dennoch ist dies vielleicht ein Anlaß, trotz der Toleranz gegenüber „Jugendsünden“ (womit ich nicht wörtlich gesagt haben möchte, Ihre Mitgliedschaft sei eine Sünde gewesen) warnend auf eine Besonderheit der menschlichen Urteilsfindung hinzuweisen: Nicht so sehr frühere Geisteshaltungen, persönliche Einstellungen, geführte Reden, gestellte Forderungen oder am Stammtisch gemachte Aussagen führen später einmal zu Problemen, sondern fast ausschließlich die nachweisbare Identifizierung mit bestimmten Organisationen. Nachweisbar sind u. a. Mitgliedschaften, namentlich gekennzeichnete Veröffentlichungen etc.

Nichts gegen tätiges Engagement, nichts gegen bekennende Mitgliedschaft. Aber man sollte dann so sicher wie nur irgend möglich sein, daß man auch später noch dazu stehen mag. Das gilt nicht etwa für staatstragende oder karitative demokratische Organisationen, aber es gilt um so mehr, je extremere oder doch „speziellere“ Ansichten die Institution vertritt und je mehr sie es schafft, in der Öffentlichkeit zumindest umstritten zu sein.

Soweit dazu – und man wundert sich, daß Sie nicht einfach zu diesem Thema schweigen. Ihr Lebenslauf liefert jedoch die Erklärung:

Sie geben in der chronologischen Darstellung für einen Zeitraum von einigen Monaten zwischen Lehre und Wehrdienst als Tätigkeit an „Ehrenamtlicher Helfer einer kirchlichen Gemeinschaft“. Und nun befürchten Sie offensichtlich, mit schlichtem Weglassen dieser Phase eine jener gefürchteten Leerzeiten zu produzieren (wenn Sie es stehenlassen, befürchten Sie vermutlich Detailfragen zur Art der „kirchlichen Gemeinschaft“).

Das ist grundsätzlich richtig, aber: Die Kontrolle auf Lückenlosigkeit, bei der auch schon ein(!) nicht belegter Monat auffällt, beginnt erst nach Abschluß der hochwertigsten Ausbildung, also z. B. des Studiums.

Bei dem Standard-Chaos, das viele junge Leute zwischen Schule und Studium anrichten oder unschuldig aufzuweisen haben, sind drei oder vier „offen“ bleibende Monate nicht so schlimm. Da wartet man auf die Einberufung zur Bundeswehr (ohne abgeleisteten Wehrdienst finden Zwanzigjährige nur sehr schwer einen Job), da wird schnell noch eine Weltreise zwischengeschoben oder durch Aushilfstätigkeiten Geld für das kommende Studium verdient. Ein paar Monate fallen an dieser Stelle(!) nicht auf. Vermutlich fragt niemand jemals danach.

Ich kann mir vorstellen, daß Ihnen folgende Aussage (noch) nicht so spontan einleuchtet: Ihr „Leben“ fängt ja gerade erst an – was bisher geschehen ist, war mehr oder minder nur die Vorbereitung auf den „Ernstfall“. Später werden Sie – wie all die anderen etwas älteren Menschen heute schon die Zeit vor dem Studium ähnlich gelassen betrachten wie etwa die Schulzeit heute schon. Dem folgt weitgehend die Praxis bei Bewerbungsbeurteilungen.

Dennoch, die Warnung muß sein: Insbesondere beim Ringen um die erste Anstellung nach dem Studium kann ein allzu großes „Chaos“ vor demselben Punktverluste einbringen. Außerdem kostet es stets kostbare Zeit. Aber ein paar im Lebenslauf „offen“ bleibende Monate sind noch keine Katastrophe.

Kurzantwort:

Ab Ausbildungsabschluß (z. B. Studierende) wird ein lückenloser Zeitnachweis im Lebenslauf verlangt. In der Zeit zwischen Schule und Studium jedoch fallen ein paar nicht belegte Monate kaum auf ein bißchen jugendliches Chaos ist fast Standard (und oft durch Sachzwänge unvermeidbar).

Frage-Nr.: 1159
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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