Heiko Mell

Arbeitslos nach Kündigung „zwecks Studium“

Durch ein Zusatzstudium „Beriebswirtschaft“ bin ich in eine kritische Situation geraten, aus der ich dringend einen Ausweg suche.

21 Jahre arbeitete ich erfolgreich in einem mittelständischen Unternehmen Maschinenbau/Elektrotechnik als Konstrukteur, Gruppenleiter, Projektleiter, Projekt- und Verkaufsingenieur, Vertriebsbeauftragter im Außendienst (letzteres vier Jahre).

Im dritten Jahr meiner Außendiensttätigkeit wurde mein Einsatzgebiet so eingeteilt, daß ich von meinem Wohnsitz aus nicht mehr wirtschaftlich arbeiten konnte. Ich kündigte, um Betriebswirtschaft zu studieren; aus heutiger Sicht leider ein Fehler.

Ablauf des BWS-Studiums: siehe Lebenslauf. Die Vorlesungen des Hauptstudiums an der Uni belegte ich als Gasthörer, da ich mich ohne Vordiplom nicht immatrikulieren konnte.

Leider hatten meine während und nach dem letzten Studienabschnitt gestarteten Bewerbungen keinen Erfolg.

1.Muß ich in der Bewerbung das Zusatzstudium begründen? Was sollte ich dazu erklären?

2.Fehlt meinem Bewerbungsschreiben der Biß?

3.Enthält mein Zeugnis negative Wertungen?

4.Kann ich mich nach diesen letzten Jahren Außendienst als Projektingenieur bzw. -leiter bewerben?

5.Hätte ich von einem „technikfreundlicheren“ Wohnort aus mehr Erfolg?

Anmerkung: Nach meiner Beobachtung sind viele Ingenieure nach vom Arbeitsamt geförderten Qualifizierungsmaßnahmen in einer ähnlichen Situation. Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag in der Karriere-beratung kommentieren.

Antwort:

Ich hoffe nur, der Entschluß zu Ihrem komplizierten Vorhaben, mit dem Sie gegen jede Vernunft aus einer gesicherten Position in die Arbeitslosigkeit gegangen sind, ist nicht auch noch durch Förderung seitens einer öffentlichen Institution erleichtert worden. Das wäre dann ja kaum noch mit Anstand zu kommentieren. Gehen wir einmal davon aus, das sei nicht der Fall gewesen.

Sie und die anderen Leser kennen die Spielregeln dieser Serie: Ich übe Kritik so, wie das vermutlich Arbeitgeber, Bewerbungsempfänger u. ä. auch tun Sie hören deren Bemerkungen nur sonst nicht. Natürlich meine ich damit nicht den zufällig betroffenen Einsender. Er steht, als Preis für die Beratung, nur stellvertretend für viele andere. Mein Hauptanliegen ist es nicht, den jeweiligen Betroffenen zu „ärgern“, sondern Nachahmer abzuschrecken.

Dazu wiederum ist eine Analyse erforderlich, wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Dabei nun wird man hier spontan fündig: Zentraler Fehler war es wieder einmal, in einer beruflich schwierigen Situation über extrem komplizierte Auswege nachzudenken nur um den sich als Lösung anbietenden Umzug abzuwenden („…von meinem Wohnsitz aus nicht…konnte.“).

Ich finde, daß die dadurch hervorgerufenen Probleme nun sehr, sehr viel größer sind, als es ein Umzug jemals hätte sein können. Man müßte einmal nachforschen, wie oft ich allein im Rahmen dieser Serie vor den teilweise existenzbedrohenden Problemen gewarnt habe, die fehlende Mobilität mit sich bringt. Immer wieder sehe ich mich darin durch die Praxis bestätigt. Es sage vor allem niemand, ich hätte ihn nicht rechtzeitig auf die Risiken hingewiesen.

Das war also Ihr Fehler Nr. 1. Den Platz 2 besetzt die Idee, nach 21 Berufsjahren, in einem Alter von 44 Jahren und als gut ausgebildeter graduierter Ingenieur (nachdiplomiert) den Job hinzuwerfen und ein Vollzeit-Studium anzufangen. Es ist in diesem Lande nicht üblich, eine einmal begonnene Berufstätigkeit vollständig aufzugeben und hauptberuflich jahrelang(!) wieder zu studieren. Das kann man tun, wenn man arbeitslos geworden ist, trotz intensiver Bemühungen nichts findet und dann nach Strohhalmen greift. Aber in der hier vorliegenden Gesamtsituation war das derart „daneben“, daß mir kein druckfähiger Kommentar dazu einfällt.

Nun könnte man dafür ja noch Verständnis haben, wenn jemand den Jugendtraum mit sich herumschleppt, Betriebswirt zu werden. Und immer wieder mit tiefem Seelenschmerz verpaßten Chancen nachtrauert. Wenn der dann eines Tages glaubt, hier und jetzt unbedingt zugreifen zu müssen…

Also gut, unterstellen wir das einmal als entlastendes Argument. So, Sie sind jetzt also Dipl.-Ing. und zusätzlich…? Die Wahrheit ist: ich weiß es nicht. Hier liegt die komplette Bewerbungsmappe bei. Allein ist es mir nicht möglich, daraus abzulesen, was das Ergebnis dieser dreijährigen „betriebswirtschaftlichen“ Bemühungen ist.

Nicht einmal Sie sagen im Lebenslauf, Sie seien nun Betriebswirt. Über den ersten Abschnitt dieser drei Jahre heißt es „Vorlesungen gehört“, über den zweiten sagen Sie „Abschluß: Schulzertifikat“ und der dritte betrifft „Umweltmanagement und Qualitätssicherung“ mit auch einem Abschluß. Was war das Ziel gewesen? Sie baten um Kommentierung. Ich verweigere das, um mich selbst zu schützen. Würde ich sagen, was ich davon halte, bliebe als Reaktion nur noch eine Beleidigungsklage.

Fehler Nr. 3 also war damit die unkonventionelle Gestaltung eines Vorhabens, das Sie nennen „um Betriebswirtschaft zu studieren“. Es ist nichts, was dem ursprünglichen Ziel auch nur nahekäme, dabei herausgekommen.Leider ist es kein Wunder, daß die Praxis das Ergebnis dieses Tuns als „nicht vermarktungsfähig“ einstuft. Es ist noch schlimmer: Man versteht das alles nicht einmal. Die Motive nicht und das Resultat schon gar nicht. Und um dieses Marktgesetz zu lehren, hätte eine einzige Unterrichtsstunde/Vorlesung ausgereicht was der „Kunde“ nicht versteht, das „kauft“ er nicht.Es ist also absolut logisch und nachvollziehar, daß die Bewerbungsempfänger diese Unterlage (mehr oder minder kopfschüttelnd) zur Seite legen.

Schauen wir einmal in Ihre Mappe: Facharbeiterprüfung mit „sehr gut“. Examens-Zeugnis so selektiv kopiert, daß man keine Noten erkennt (außer der für die Abschlußarbeit). Das ist nicht zulässig Sie sind nicht berechtigt, aus diesem Gesamtdokument eine Auswahl zu treffen. Besonders interessant ist das Industriezeugnis nach jenen 21 Jahren. Es heißt dort u. a.:

„Herr…hat die ihm übertragenen Aufgaben, gestützt auf sein erworbenes Fachwissen, mit Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit in die Tat umgesetzt.“ Das ist, von der Sprache einmal abgesehen, nicht viel: Aufgaben in die Tat umgesetzt das spricht nicht für tolle Umsatzsteigerungen, dramatische Neukunden-Zuwachsraten und was man sonst so von einem Vertriebsbeauftragten im Außenbüro erwartet. Gesagt wird weiterhin, Sie seien äußerst vertrauenswürdig gewesen mit einwandfreiem Verhalten nach allen Seiten.

Es gibt dann noch den einsamen Satz, man sei „mit seinen Leistungen stets sehr zufrieden“ gewesen. Das ist formal absolut gut, sollte aber in den umstehenden Sätzen durch entsprechend positive Formulierungen gestützt werden. So jedoch ist es insgesamt ein Zeugnis, das nur „mittlere“ Begeisterung des Arbeitgebers über Sie verrät.

Ihr Anschreiben ist durchaus eine gute Problemlösung, aber mit folgenden Einschränkungen:

Sie leiten den Brief ein mit „sie suchen den erfahrenen, hochmotivierten…“. Zunächst einmal dürfen Sie kein kleines „s“ an den Anfang von „Sie“ setzen, weil es um eine persönliche Anrede geht. Das ist kein Flüchtigkeitsfehler, es steht so falsch auch in einem zweiten Brief, den Sie beifügen.

Dann aber führt eben diese Formulierung zu Stoßseufzern beim Leser wie etwa: „Lieber guter Bewerber, schreib` mir doch bitte nichts, was ich schon weiß! Sage mir etwas, das mich weiterbringt.“ Wobei der Seufzer nach 187 Bewerbungen um eine Position, von denen 184 Kandidaten die-selbe „originelle“ Idee hatten, schon durchaus noch viel drastischer ausfallen kann (im Klartext: Der Leser weiß jetzt seit ca. 6 Wochen, was er sucht, es ödet ihn schlicht an).

Viel(!) wichtiger aber ist, daß selbst Ihnen bisher keine den Leser(!) befriedigende Erklärung für die Merkwürdigkeiten Ihres Berufsweges in den letzten Jahren eingefallen ist. Sie bewerben sich jetzt um die Position eines Projektingenieurs. Ihr gesamter Anschreiben-Text beschreibt Ihre Qualifikation dafür (gut). Dann aber steht als Erläuterung für die fraglichen Jahre nur: „Nach einer umfassenden Aus- und Weiterbildung in Betriebswirtschaft, Organisation, Controlling, Umwelt- und Qualitätsmanagement suche ich jetzt eine neue Herausforderung.“

Das reicht so nicht, damit läßt sich niemand überzeugen. Schließlich klingt das so, als hielten Sie derartiges Tun für ebenso selbstverständlich wie vernünftig. Potentielle Arbeitgeber tun das nicht Ihre Mißerfolge bei Bewerbungen unterstreichen es unübersehbar.

Versuchen wir einmal, zum Kern vorzustoßen: Ich glaube, der Wechsel in den aktiven Außendienstverkauf war der zentrale falsche Entschluß, der alles ins Rollen brachte. Begründung: Das gerade in diesem Bereich absolut nichtssagende Zeugnis, Ihre Frage 4 und die vorgelegte Musterbewerbung um eine Projektingenieur-Position. Sie können gar nichts verkaufen, jedenfalls nicht so, daß dies einen Beruf tragen würde.

Leider ist damit das letzte sinnvolle berufliche Tun (sinnvoll im Sinne von verwertbar) als Projektingenieur etwa acht Jahre her. Sie können mit Aussicht auf Erfolg nur die daraus(!) resultierenden Erfahrungen an den Mann bringen einen besonders hohen Marktwert haben die wegen der inzwischen verstrichenen Zeit jedoch nicht.

Was jetzt auf Sie zukommt, wird sehr, sehr schwierig aber das wissen Sie schon. Sie können, wenn überhaupt, nur sehr „klein“ wieder unten anfangen, deutlich unterhalb der an anderer Stelle genannten zuletzt verdienten mehr als 100000,- DM.Ohne jede Garantie im Hinblick auf Erfolg empfehle ich Ihnen ein Vorgehen wie folgt:

1. Bewerbung um Projektingenieurpositionen, die den Aufgaben möglichst ähnlich sind, die Sie früher einmal gelöst haben.

2. Eine einleitende Argumentation im Anschreiben, die erst einmal (ohne Jahreszahlenangaben) auf Ihre einschlägigen Erfahrungen hinweist.

3. Dann eine Passage etwa so:

„Ich habe leider bei der Berufsweggestaltung einen ganz zentralen Fehler begangen. Auslöser war, daß ich nach gern und erfolgreich gelösten Projektierungsaufgaben dem intern an mich herangetragenen Angebot nachgab, in den scheinbar finanziell attraktiveren Vertriebsaußendienst zu wechseln. Dort liegt aber, wie ich heute weiß, nicht meine Begabung. Ich sah dann zusätzlich fälschlicherweise eine Lösung meines sich abzeichnenden Problems (Akquisitionserfolge) darin, fundierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben und begann ein entsprechendes Vollzeitstudium.

Wegen nicht optimaler Voraussetzungen stieß die Realisierung jedoch vor allem auf zeitlich und finanziell bedingte Probleme. Um nun keine Ausbildungsphase ohne Abschluß im Lebenslauf präsentieren zu müssen, nahm ich ein Angebot des Arbeitsamtes im Hinblick auf die Förderung abgegrenzter Zusatzausbildungen an. Ich mußte jedoch bald erkennen, daß es für die daraus resultierende Qualifikation zumindest in meinem Fall keinen Markt gab. Mit dem engagierten Versuch, potentiellen Arbeitgebern meine neue „Gesamtqualifikation“ zu verkaufen, verlor ich weitere Monate.

Ich habe jetzt einen intensiven Neuorientierungsprozeß erfolgreich abgeschlossen. Die eingetretenen Probleme habe ich als Folge meiner eigenen Fehler erkannt. Die sich nun (ich hätte früher darauf kommen sollen) klar abzeichnende Lösung hat zu einer neuen umfassenden Motivation geführt: Ich möchte den Berufsweg da fortsetzen, wo ich am erfolgreichsten und am besten zur Zufriedenheit auch meiner Vorgesetzten gearbeitet habe: in der Projektierung.

Daher werde ich engagiert um die Chance zum Neubeginn in diesem Bereich kämpfen und bin zu einem hohen Einsatz bereit. Bitte gehen Sie davon aus, daß ich mich mit ganzer Kraft einsetzen werde niemand kann mehr an einem langfristig erfolgreichen Beschäftigungsverhältnis gelegen sein als mir.Selbstverständlich steht die Einkommensfrage derzeit nicht im Mittelpunkt. Auch eine Einstufung nahe am Berufsanfängerstatus schreckt mich nicht. Ich bin sicher, bald durch Leistung überzeugen zu können und dann auch wieder höhere Bezüge zu rechtfertigen.“

Ich weiß, daß das lang ist. Aber das Resultat der bisherigen kürzeren Erklärung kennen Sie. Wenn Sie meine Anregung kürzer fassen können, ist es hilfreich. Und Sie müssen es vielen Empfängern schicken damit Sie an jenen einen geraten (eher im kleineren Mittelstand als im Konzern), den das irgendwie überzeugt.

Zwei Anmerkungen dazu: Die Geschichte mit dem Scheitern des ersten Studiums (Vordiplom, Gasthörer) habe ich nicht verstanden. Aber das spielt so oder so keine Rolle. Und Ihre Frage 5 verstehe ich auch nicht: Schreiben Sie, Sie seien uneingeschränkt mobil, lesen Sie überregionale Zeitungen ebenso wie große regionale (aus ganz D) und dann ziehen Sie dorthin, wo man Sie haben will.

Kurzantwort:

Wer nach erfolgreichem Studium und langjähriger Praxis freiwillig den Job hinwirft, um „hauptamtlich“ erneut zu studieren, riskiert seine Existenz.

Frage-Nr.: 1150
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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