Heiko Mell

Anfängerprobleme trotz sehr guten Examens

Vor knapp einem Jahr habe ich mein Studium als Diplom-Ingenieur (FH) Physikalische Technik mit der Note „sehr gut“ beendet. Nach dem Studium habe ich an einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen, um nicht zu Hause „rumzuhängen“. Diese Maßnahme ist vor zwei Monaten zu Ende gegangen.

Seit 1,5 Jahren schreibe ich regelmäßig Bewerbungen, vorwiegend auf Stellenanzeigen, aber auch Initiativbewerbungen. Eine Mappe samt Anzeige und Absage sende ich Ihnen zur Beurteilung mit.

1. Das Verhältnis von Vorstellungsgesprächen zu Bewerbungen beträgt ca. 10 %, wobei alle Initiativbewerbungen erfolglos waren. Ist das normal?

2. Was soll man bei Initiativbewerbungen beachten, um nicht nur Absagen zu bekommen?

3. Außerdem plane ich, um der Untätigkeit zu entgehen, ein zweites Studium aufzunehmen. In die engere Wahl habe ich ein Fernstudium (Lasertechnik an der FSU Jena) oder ein Universitätsstudium (Physik, Uni Hamburg) genommen. Ein Aufbaustudium Wirtschaft kommt mangels Begabung für die Materie nicht in Frage. Während des Zweitstudiums würde ich mich weiterhin um eine Arbeitsaufnahme bemühen. Wozu raten Sie?

4.Wie wird eine Bewerbung aus einem gerade begonnenen Studium bewertet?

Antwort:

Also wenn ich meine Kartoffeln schon nicht nach Kg gewichten darf (inzwischen darf ich doch wieder), dann sollten Sie Ihre Verhältnisse nicht in Prozenten angeben. Entweder ist das Verhältnis 1:10 oder der Anteil der Vorstellungsgespräche beträgt 10 %.

Genau dort, bei den Vorstellungsgesprächen, möchte ich ansetzen. Sie geben leider keine absolute Zahl an. Waren das nun 2 oder 20 oder mehr Gespräche? Ich tippe auf 20 dann allerdings hätten Sie ein Problem: Was sagen Sie dort, was für einen Eindruck hinterlassen Sie, welche Forderungen erheben Sie, wie stellen Sie sich dar?

Und da dies doch wohl der harte Kern Ihres Problems ist: Warum stellen Sie diese Frage nicht in den Mittelpunkt? Wobei ich das Thema gern auch an andere weiterreiche: Warum kommen eigentlich so wenig Fragen zum Vorstellungsgespräch? Wenn acht Bewerber wegen einer Position eingeladen werden, müßten anschließend doch mindestens sieben Fragen haben.

Aber nun wieder zu Ihnen und dies ist gezielt an den Einser-Kandidaten (1,3) gerichtet: Es ist nicht wichtig, daß Ihre Gesprächspartner Sie anschließend für ein fachliches Genie halten, sie müssen Sie hingegen mögen und gern auf den freien Stuhl setzen.

Ihr Brief an mich (hier gekürzt) ist ebenso wie das vorgelegte Anschreiben absolut sachlich und vernünftig, es gibt keine Auffälligkeiten. Also wiederhole ich die Frage: Was läuft da in den Vorstellungsgesprächen ab? Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir noch einmal dazu (mit möglichst vollständiger Schilderung eines typischen Gesprächsverlaufes inkl. Ihrer Empfindungen und Äußerungen).

Mir ist bei der Durchsicht Ihrer Unterlagen noch etwas aufgefallen: Ihr Examenszeugnis weist bei einer einsamen befriedigenden und einer guten Note nur sehr gute Wertungen auf. Das ist doch ein tolles Ergebnis. Aber zwei Anmerkungen genau dazu:

a) Ich habe es schon öfter erlebt, daß Einser-Absolventen der FH nicht so glücklich wurden wie sie sein sollten. Fest steht, daß sie Beispiele gibt es genug mit diesem Leistungsvermögen auch die wissenschaftlich noch anspruchsvollere TH und eventuell die anschließende Promotion geschafft hätten. Nun muß man das keineswegs aber wenn man als Betroffener beispielsweise das alles auch so sieht, dann entsteht leicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben, nicht hinreichend gefordert worden zu sein. Das wiederum kann die Persönlichkeit beeinflussen statt eines positiv gestimmten, optimistisch-selbstbewußten Bewerbers zeigt sich ein unzufriedener, sich ständig für etwas entschuldigender oder nach „Höherem“ schielender Mensch (Hier steht nicht: Alle Einser-Absolventen müssen so sein!).

b) Sie waren auf einem Gymnasium und haben dort mit 19 Jahren nur die Fachhochschulreife erreicht und das auch nur mit 3,0. Dies ist bitte nicht als absolute Beanstandung zu sehen; aber ein Mann, der wenig später eine FH mit sehr gut abschließt, darf sich schon fragen lassen, wie in aller Welt er damals sein zweifelsfrei vorhandenes Talent genutzt hat.

Es geht mir bei beiden Details nicht um Vorwürfe. Um Leserbriefen vorzubeugen: Ich will versuchen, Ursachen für Probleme aufzuzeigen. Und hier haben wir es mit einem Kandidaten zu tun, der nach kurzem Studium (8 Semester inkl. Diplomarbeit) ein Top-Ergebnis produziert, sich 1,5 Jahre lang (hoffentlich) intensivst (ich weiß, ich weiß) bewirbt, in 10 % der Fälle eingeladen wird aber keiner will ihn.

Bei der Frage nach dem Warum stoße ich auf die Diskrepanz zwischen 3,0 und 1,3. Da kann es in der Persönlichkeitsentwicklung des Kandidaten ungewöhnliche Entwicklungen gegeben haben, die letztlich vielleicht zu ungewöhnlichen Eindrücken bei potentiellen Arbeitgebern im Vorstellungsgespräch geführt haben. Leistungsschwankungen in solcher Bandbreite sind es wert, hinterfragt zu werden.

Es gibt gerade für skeptische Leser noch eine ganz andere Theorie: Mit dem Status eines Einser-Kandidaten zu leben, ist gar nicht so einfach. Das fängt bei der Beliebtheit bei anderen an (wer schneller laufen kann als die anderen, ist ein Held; wer besser in Mathematik ist, bekommt leicht Probleme) und setzt sich über die Frage des zur Schau gestellten Selbstbewußtseins bis zur Anspruchshaltung fort.

Wenn da nun jemand aufgewachsen ist in der prägenden Erkenntnis, schwacher Durchschnitt zu sein, und sich plötzlich nach kurzer Zeit in der Elitegruppe wiederfindet, kann er schon Selbstfindungsprobleme bekommen (konkret: mit dem Einser-Status muß man leben lernen).An diese Stelle gehört auch die Erkenntnis, daß es im konkreten Fall durchaus auch andere Erklärungen für die Auffälligkeiten geben kann, mir liegen jedoch keine weitergehenden Hinweise vor.

Zu Frage 1: Bei Absolventen in diesen Zeiten sind 10 % Einladungen (alle geschriebenen Bewerbungen = 100 %) eine sehr gute, absolut akzeptable Quote. Es kommt ja auch noch darauf an, ob in den angesprochenen Stellenanzeigen der Berufsanfänger dieser Fachrichtung ausdrücklich gewünscht (zumindest erlaubt) war oder nicht. Wenn letzteres zutrifft, darf man nicht mit Wundern rechnen.

Als Beispiel sei hier der mir konkret vorgelegte Fall genannt: Gesucht waren Physiker (das sind ausschließlich Uni-Absolventen!) und Diplom-Ingenieure der Fachrichtung Elektrotechnik/Elektronik (stimmt bei Ihnen nicht exakt überein). Wenn für eine Position „Physiker/Entwicklungsingenieure“ gesucht werden, dann haben durch den Physiker auch die per Schrägstrich angehängten Ingenieure natürlich einen klaren TH-Touch. Und richtig heißt es dort, man möge, „eventuell auch durch eine Promotion …“, bestimmte fachliche Schwerpunkte nachweisen. Mit dem Physiker vorn und der als Wunsch angedeuteten Promotion hinten ist hier klar das Universitäts-/TH-Niveau angesprochen. Das Sie so nicht haben. Selbstverständlich durften, ja mußten Sie es dennoch versuchen. Mir geht es mit obigen Bemerkungen nur um die Betrachtung genereller Chancen und Risiken.

Die Berechtigung Ihres Versuchs ergibt sich auch aus der „Aktenlage“: Man hat Sie dann tatsächlich eingeladen. Das wiederum folgt dem Grundsatz: Wenn der Inserent schon das Universitäts-Niveau will, dann haben allenfalls FH-Absolventen mit besonders gutem Abschluß eine Chance (umgekehrt liegt der promovierte TH-Absolvent zu weit weg, wenn ausdrücklich FH-Qualifikation gesucht wird). Sie hatten diese Chance. Den Unterlagen liegt nur die nichtssagende (übliche) Absage bei. Was gab es dort, wie haben Sie sich dargestellt (siehe oben)?

Zu Frage 2: Initiativbewerbungen (ein scheußliches Wort in mehrfacher Hinsicht) haben grundsätzlich zwei Empfängergruppen:große Unternehmen, die ganz sicher oder wahrscheinlich Absolventen einstellen, aber aus lauter Angst vor Bewerberströmen derzeit gar nicht mehr inserieren. Wer dabei sein will, muß es halt ohne Anzeige probieren. Mit ausführlicher, sauber gestalteter Bewerbung mit allen Unterlagen (wie bei einer Anzeige).kleinere Unternehmen, bei denen man nicht auf Standard-Absolventenaktionen (z.B. Traineeprogramme) hoffen darf. Man kann nur auf den Zufallseffekt setzen und muß große Streuverluste einkalkulieren. Immerhin ist es denkbar, ein solches Unternehmen durch Beschreibung einer besonderen Bewerber-Qualifikation überhaupt auf eine Einstell-Idee zu bringen. Hier ist eine nach eigener Entscheidung gestaltete Kurzversion ohne allzu viele Bei- und Anlagen als erster Schritt denkbar.

Für beide Empfängergruppen gilt: Da es keinen Bezug auf eine konkrete Anzeige und damit Bedarfssituation gibt, muß der ungebeten hereinschneiende Bewerber sagen, was er will und das so konkret wie möglich. Wer nur ein Traineeprogramm will, sollte das ausdrücken. Wer direkt in die Praxis will, sollte nicht nur das verdeutlichen, sondern auch dabei konkretisieren, wohin.Gerade in kleineren Unternehmen (unterhalb der Konzernebene) entscheidet die Personalabteilung nicht selbst, sondern legt interessante Fälle der jeweiligen Fachabteilung vor. Man muß ihr nur sagen, welcher. „Für alles offen“ taugt in dem Zusammenhang so wenig wie sieben konkret genannte Alternativen. Es empfiehlt sich eher, zwanzig Firmen eine gezielt auf Entwicklung, zwanzig weiteren eine gezielt auf Vertrieb (o. ä.) ausgerichtete Bewerbung zuzuleiten.

Die Bandbreite der Einsatzwünsche findet ohnehin ihre natürliche Grenze in der Forderung, daß der Bewerber eine Brücke schlagen soll zwischen dem, was er ist und dem, was er will. Also kein Studienschwerpunkt Produktion mit Diplomarbeitsthema „PPS-System“ und dann unmotiviert in die Forschung + Entwicklung streben.

Der möglichst konkret bezeichnete Wunsch direkt im Betreff des Anschreibens erleichert der Personalabteilung die Zuordnung. Beispiel:

„Bewerbung um eine Startposition als Maschinenbau-Ingenieur in der Entwicklung/Konstruktion.“

Und dann nicht seelen- und phantasielos im Anschreiben alles aufzählen, was man je studiert hat inkl. der Namensaufzählung völlig unbekannter Professoren. Sondern sich genau überlegen, was die Führungskraft aus jener(!) Fachabteilung (beispielsweise) wohl im Detail interessiert und was eher nicht. Immer interessieren spezielle Fachkenntnisse, die exakt in diese Firma passen dürften (ein Möbelbeschläge-Hersteller kann jedoch mit dem Wissen in Sachen optoelektronischer Datenübertragung wenig anfangen).

Und Hinweise auf ein erfolgreiches Hineinriechen in die Praxis zählen (Lehre, Praktika etc.). Der „Anfängergeruch“ eines gut ausgebildeten, „alles“ könnenden jungen Menschen, der noch nie ein Büro oder eine Werkhalle von innen gesehen hat, schreckt am meisten ab.

Zu Frage 3: Bitte verstehen Sie, daß ich keinen Rat zu Fachrichtung von Erst- und Zweitstudien geben kann. Das kann nur die ureigene Entscheidung eines Menschen sein. Schließlich ist einer begabt für etwas, an dem ein anderer sich die Zähne ausbeißt. Außerdem weiß niemand, was in fünf Jahren auf dem Markt gefragt sein wird.

Um überhaupt zu wissen, ob ein weiteres Studium für Sie die Lösung sein kann, müßte man mehr über Ihre Persönlichkeit wissen. Sonst besteht die Gefahr, daß sich Ihr Problem nur in die Zukunft verlagert.

Zu Frage 4: Ich darf an den Grundsatz erinnern: Alles (Sinnvolle) ist besser als nichts. Das schlimmste Bild ergäbe sich, wären Sie schlicht seit einem Jahr arbeitslos.

Ein weiteres Studium aufzunehmen und sich dann pausenlos weiter zu bewerben (mit dem Hinweis, man bräche die Ausbildung jederzeit ab), scheint relativ harmlos zu sein. Ist es aber nicht. Sie gäben nämlich mit dem jetzt gewählten zweiten Studium ein Signal. Beispiel: Nehmen Sie jetzt ein Physikstudium auf, dann kann ein Bewerbungsleser durchaus sagen: „Also jemand, der doch lieber Physiker wäre als FH-Ingenieur. Also doch der zu Frustrationen neigende FH-Einser-Absolvent. Nein, der muß den Uni-Abschluß erreichen, sonst wird er nie glücklich.“ Sprach`s und schrieb eine Absage. Würden Sie ein fachlich weiterführendes oder ergänzendes FH-Studium oder ggf. ein Uni-Studium einer anderen Fachrichtung wählen, hätten Sie diesen Einwand schon einmal nicht provoziert. Mit ein bißchen Pech aber vielleicht einen anderen es kommt hier sehr auf die individuelle Einstellung des jeweiligen Bewerbungslesers an.

Mit dem denkbaren Vorwurf, ein begonnenes Vorhaben (Studium) nicht zu Ende geführt zu haben, müßten Sie ohnehin leben.

Sie merken es schon, eine pauschale Lösung für Ihren Fall kann es so nicht geben. Wegen der vielen Berufsanfänger mit ähnlichen Problemen habe ich bewußt unterschiedlichen Denkansätzen Raum gegeben. Je mehr die Betroffenen die möglichen Überlegungs- und Entscheidungsstrukturen der „Gegenseite“ (bei Bewerbungen) kennen- und vielleicht sogar verstehen lernen, desto besser können sie sich darauf einstellen.

Kurzantwort:

Wenn seit 1,5 Jahren Bewerbungen geschrieben werden, die Einladungsquote dabei 10% beträgt und dennoch kein Vertrag geschlossen werden konnte, dann muß sich die Aufmerksamkeit des Betroffenen vorrangig auf das Thema „Auftreten und Verhalten im Vorstellungsgespräch“ konzentrieren.

Frage-Nr.: 1149
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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