Heiko Mell

Habe ich als ehemals Leitender noch eine Chance?

Anbei meine beruflichen Unterlagen. Ich durfte einige für mich unbeeinflußbare negative Entwicklungen erleben. Ich habe aber auch Fehler gemacht, heute weiß ich das. Meine letzten Entscheidungen waren wohl übereilt.

Das Prekäre an meiner Situation ist, daß ich wohl weder für die Produktion, noch weniger für das Leiten wieder ein Angebot erhalte. Das aber ist der Kern meiner Berufserfahrung. Da ich aber in meinem Leben kontinuierlich hohe Leistungen erbracht habe, kann ich mich mit einem schlichten „Aus, Ende, vorbei“ nicht abfinden.

Habe ich noch eine Chance, wie kann ich bewerbungsstrategisch vorgehen?

Wird mir Gelegenheit gegeben, mich in ein neues Gebiet hineinzufuchsen? Wo?

Womit muß ich als ehemals Leitender in einer unteren Hierarchiestufe rechnen?

Antwort:

Damit andere mitdenken können, hier die wichtigsten Fakten: 31 Jahre; Abitur 2,2, Praktika, Wehrdienst, FH-Studium („bewußt gewählt wegen der kurzen Studiendauer, um den Eltern nicht länger zur Last zu fallen“), Dipl.-Ing. Maschinenbau, Examen 2,2 mit 26 Jahren, während des Studiums noch die zweisemestrige Zusatzausbildung zum Technischen Betriebswirt abgeschlossen.

Dann geht es los:

11 Monate Konstruktionsingenieur im Walzwerkbau; Ende durch Konkurs; Zeugnis sehr gut („hervorragende Leistungen“);

2,5 Jahre Produktionsleiter eines Werkes für textilähnliche Werkstoffe; Ende durch Umstrukturierungen (Ebene ist weggefallen); Zeugnis sehr gut („…erreichte stets ein hohes Abteilungsergebnis“);

3 Monate arbeitslos, ausgefüllt mit Weiterbildung;

3 Monate Produktionsleiter, Branche unbekannt; Ausscheiden auf eigenen Wunsch wegen nachfolgender Position („wurde angesprochen“); Zeugnis sehr gut (+ ausdrückliches Bedauern über das Ausscheiden);

7 Monate Abteilungsleiter Produktion (Metallverarbeitung, Warm- und Kaltumformung); Kündigung arbeitgeberseitig aus betriebsbedingten Gründen; Zeugnis etwa befriedigend.

Seit 1 Monat arbeitslos.

Das alles hat sich in weniger als fünf Jahren abgespielt. Sie, geehrter Einsender, geben an, die vorletzte Aufgabe mehr aus Verzweiflung angenommen zu haben, obwohl Sie wußten, daß sie alles andere als gut war. Dennoch war man dort auch nach Ihrer Einschätzung mit Ihnen zufrieden.

In der letzten Position, so sehen Sie es auch, war „erstmals in meinem Leben jemand mit mir unzufrieden; warum, bleibt mir verborgen.“ Sie geben allerdings an, der Ihnen vorgesetzte Technische Leiter sei bereits beim Vertragsgespräch „eher distanziert mir gegenüber“ erschienen (die Einstellungsinitiative ging vom Geschäftsführer aus).

Wichtig ist es, die Ursachen für die Probleme zu erkennen. Auffällig sind in dem Zusammenhang folgende Details:

Sie scheinen unter der Vernunftentscheidung für die FH zu leiden. Wollten Sie es „denen“ mit einem besonders steilen Aufstieg zeigen?

Das zweite arbeitgebende Unternehmen (Teil eines bedeutenden Konzerns) hätte Ihnen als Jungingenieur mit elf Monaten Konstruktionspraxis in einem total anderen Bereich(!) diese Position eigentlich gar nicht geben dürfen Sie hätten sie nicht annehmen sollen. Sie scheinen zwar mit der Aufgabe dort gut zurechtgekommen zu sein, sind damit aber sehr früh in ein sehr hohes Anspruchsniveau hineingeraten.

Als diese Position intern entfiel, waren Sie 30 Jahre alt, den Produktionsleiterstatus gewohnt und hatten sicher große Probleme, den erreichten Standard auf dem Markt durchzusetzen. Große, seriöse Firmen mit soliden, langfristig angelegten Positionen wollten keinen gefeuerten 30jährigen als Produktionsleiter. Gerade diese führungsintensive Funktion verlangt Reife, Erfahrung, Persönlichkeit mit natürlicher Autorität, ein bißchen Vaterfigur für die meist etwas einfacher ausgebildeten Mitarbeiter.

Also gab man Ihnen ganz folgerichtig keinen erstklassigen Job dieser Art, sondern nur einen, den Sie nicht so toll fanden. Aber es war eine Chance! Sie jedoch warfen sie weg wegen einer vermeintlich besseren Möglichkeit. Sie hatten zu dieser Zeit keinerlei „Reserven“ mehr, nahmen dennoch Ihren letzten Zehnmarkschein und setzten ihn auf „Rot“ beim Roulette. Allein es kam „Schwarz“, Sie konnten sich nicht behaupten.

Der offenbar vernünftige Technische Leiter bei Ihrem letzten Arbeitgeber war von Anfang an gegen Sie; er fügte sich nur widerstrebend, als sein Chef Sie von irgendwoher „anschleppte“. Natürlich hat er nur darauf gewartet, bei Ihnen irgendwelche kritischen Punkte zu finden. Was ihm erwartungsgemäß dann auch gelang.

Noch etwas fällt mir auf: Die mit Abstand beste Note auf Ihrem Examenszeugnis ist eine 1,1 für das Kolloquium. Die Vermutung: Sie können gut reden, überzeugend auftreten, stellen im Gespräch etwas dar. Unter Einsatz dieser Fähigkeit könnte es Ihnen gelungen sein, Positionen zu erhalten, die eigentlich noch zu groß für Ihr Alter und Ihre Erfahrung waren. Nur Ihr letzter Chef, Ingenieur und Technischer Leiter, war immun und von Anfang an dagegen.

So weit ist das alles gar nicht so schwierig zu beurteilen. Viel problematischer ist die Frage, was Sie nun tun sollen.

Ich sehe folgende Möglichkeiten bzw. Grenzen:

1. Ich glaube nicht, daß man Ihnen Gelegenheit gibt, sich in ein völlig neues technisches Gebiet einzuarbeiten.

2. Ausnahme zu 1. wäre der Vertrieb. Überlegen Sie einmal, ob nicht eine Tätigkeit als Vertriebsingenieur Ihren Talenten (und hoffentlich dann auch Interessen) entspricht. Da Vertrieb im Ingenieurstudium praktisch nicht vorkommt, ist es „normal“, daß sich entsprechende Begabung erst nach einigem „Herumprobieren“ zeigt.

3.Sie müßten den Wiedereinstieg in der Produktion versuchen ganz bescheiden, ganz unten. Als Betriebsingenieur, als Fertigungsplaner, als Schichtführer(!). Dazu müßten Sie Ihre bisherigen Positionen im Lebenslauf „tiefer“ hängen und eine Argumentation im Anschreiben wählen, die Ihre Einsicht („Ich habe Fehler gemacht“) und meinen obigen Versuch einer Erklärung verknüpft (zu früh einen zu großen Job übernommen).

Dann müßten Sie um eine Chance kämpfen und diese in jedem Fall zum Erfolg führen. Das bedeutet, fünf Jahre erfolgreich dort zu arbeiten, mit glänzendem Zeugnis auf eigenen Wunsch abzugehen. Interne Beförderungen sind willkommen, externen Versuchungen wäre zu widerstehen. Vergessen Sie Ihr altes Gehalt und fordern Sie 70.000 DM p.a. Wie ein sehr guter Anfänger in guten Zeiten. Viel Glück!

Kurzantwort:

Wer zu früh in sehr „großen“ Positionen hineinkommt, kann z. B. bei Verlust des Arbeitsplatzes enorme Schwierigkeiten haben, diesen Weg erfolgreich fortzusetzen.

Frage-Nr.: 1142
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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