Heiko Mell

Soziale Kompetenz durch Parteiarbeit beweisen?

Ihre Karriereberatung gehört, seit ich die VDI nachrichten lese, zur ständigen und unterhaltsamen Pflichtlektüre. Bestimmt konnte ich manchen Fehler in meinen Bewerbungen dank Ihrer Hilfe vermeiden.

Auch wegen Ihnen stecke ich jetzt allerdings in einem Konflikt:

„Soziale Kompetenz“ wird von den Bewerbungsempfängern gerne gesehen, ja gefordert. Allerdings, so schreiben die meisten Autoren von Büchern über Bewerbungsstrategien, gehören religiöse und politische Überzeugungen nicht in eine Bewerbung es sei denn, der Empfänger ist ein Tendenzbetrieb.

Nun begründe ich jedoch meinen Anspruch auf soziale Kompetenz durch Aktivitäten in einer politischen Partei, im RCDS sowie in meiner Pfarrgemeinde. Trotzdem suche ich einen Arbeitsplatz in der Industrie, nicht in einem Tendenzbetrieb.

Wie kann ich mich durch Nachweis sozialer Kompetenz aus der Masse der Bewerber herausheben, ohne daß ein Bewerbungsempfänger meine Unterlagen aus Sorge vor einem „rabenschwarzen Missionar“ in seinem Betrieb aussortiert?

Zweites Problem: Nach Ausbildung und mehrjähriger Berufstätigkeit bei einem renommierten Großkonzern nahm ich mein Studium auf. Meine Diplomarbeit konnte ich, ebenso wie die Ferientätigkeiten, in der Automobilindustrie (folgt der Name eines weltweit hochangesehenen deutschen Großkonzerns, d. Autor) absolvieren. Wie schildere ich nun einem Bewerbungsempfänger, daß ich (trotz Stallgeruchs) nicht bei diesem Unternehmen arbeiten möchte? Aus der Diplomarbeit resultiert eventuell ein Stellenangebot dieses Hauses, „in der Großindustrie gescheitert“ bin ich also nicht.

Antwort:

Wir wollen die Dinge einmal schön sortieren, dann bekommen wir das schon hin.

1. Ihre letzte Frage ist für mich ganz einfach: Sie schildern gar nichts Sie gehen schlicht hin zu diesem Unternehmen. Das ist nach wie vor eine der ersten Adressen der deutschen Industrie überhaupt.Sie sollen dort ja nicht in Pension gehen. Aber die erste prägende berufliche Phase bei einem derart renommierten Unternehmen absolvieren zu dürfen dafür würden viele Studienabsolventen Teile ihres linken Armes geben.

Es ist doch völlig gleichgültig, ob es Ihnen dort so richtig gefällt oder nicht. Betrachten Sie das als Lernzeit und stehen Sie das erfolgreich(!) durch. Wenn Sie sich dann in drei oder fünf Jahren extern bewerben, haben Sie überall Top-Chancen. Der Name des derzeitigen Arbeitgebers „adelt“ einen Bewerber (wenn er, der Name, sich denn dafür eignet; dieser eignet sich). Natürlich kochen die dort auch bloß mit Wasser und bieten Arbeitnehmern keineswegs das Paradies auf Erden. Aber diese Chance nicht zu „mögen“, ohne eine Alternative zu haben, das ist schon sehr mutig gehandelt (und besonders mutige Soldaten sterben früh).

Ihre ersten Berufsjahre nach der Lehre zählen übrigens so gut wie gar nicht. Was man in einer solchen Anstellung macht, gilt als sehr(!) weit unterhalb einer Ingenieur-Tätigkeit angesiedelt. Ob Sie als Facharbeiter (o. ä.) bei der ABC AG oder bei Müller und Sohn gearbeitet haben, spielt kaum eine Rolle. Aber ob Sie als noch Ingenieur in drei Jahren von der ABC AG oder von Müller und Sohn kommen, verändert den Wert Ihrer Bewerbung ggf. um eine ganze „Dimension“.

Als Warnung an Leichtsinnige: Wer sich aus ungekündigter Position bewirbt, hat noch kein Zeugnis. Später jedoch (bei der nächsten Bewerbungsaktion) ist jenes Dokument extrem wichtig. Und dann gilt: Wer ein schlechtes Zeugnis von Müller und Sohn hat, findet vielleicht noch eine Ausrede dafür. Wer jedoch ein schlechtes Zeugnis der ABC AG vorlegt, gilt schnell als „gewogen und zu leicht befunden“. Denn die Leute dort wissen, was sie tun und wie man es macht.

2. Die ach so beliebte „soziale Kompetenz“. Zum Glück haben Sie mich nicht um eine kurze Definition gebeten; ich wäre in Schwierigkeiten gekommen. Meiner Meinung nach verbirgt sich dahinter eine Mischung aus völlig richtigen Denkansätzen, nachgeplapperten Begriffen und „modischer“ Wortschöpfung. Hier hilft auch keine lexikongetreue Übersetzung weiter dafür ist „sozial“ zu vieldeutig. Beschäftigen wir uns lieber damit, was so im Durchschnitt gemeint ist, wenn man von „sozialer Kompetenz“ spricht.

Wie so oft, hilft zunächst die Negativbetrachtung: Nichts zu tun hat der Begriff mit jener Bedeutung des Wortes „sozial“ in Richtung „arm, alt, krank, hilfsbedürftig“. Gesucht werden also nicht vorrangig Hochschulabsolventen, die sich mit Sozialhilfeempfängern beschäftigen. Darum geht es schon deshalb nicht, weil eine Tätigkeit dieser Art nicht primär im Interesse der suchenden Unternehmen liegt.

Und so ist eine Tätigkeit im Zivildienst oder im Rahmen der Entwicklungshilfe vielleicht auch ein Indiz für die Bereitschaft zum sozialen Engagement, beweist aber keinesfalls zwingend auch die hier gefragte soziale Kompetenz. Andererseits hat eine Semesterferien-Beschäftigung als Aushilfs-Geschäftsführer im „Klub der Milliardäre“ nichts mit sozialem Engagement zu tun, wird sich aber sicher als Hinweis auf soziale Kompetenz interpretieren lassen.

Worum geht es den Unternehmen nun wirklich? Sie suchen die Fähigkeit („Kompetenz“) des Bewerbers, mit den Menschen im Betrieb so umzugehen, daß die Unternehmensinteressen gefördert werden. Dazu gehört, daß der junge Hochschulabsolvent sich in einer „Gemeinschaft“ von Menschen bewegen kann ohne anzuecken, daß er sich einfügt und keine „Probleme macht“, teamfähig ist etc.

Wenn es um Karriere, also um Führungsnachwuchs geht, gehört dazu noch ein bißchen mehr: Jetzt soll der Absolvent im Team nicht nur reibungslos mitlaufen können, nun soll er die Fähigkeit haben, Leitungsfunktionen zu übernehmen. Er soll andere Gruppenmitglieder überzeugen, motivieren (vielleicht auch in seinem Sinne manipulieren) können, er soll Erfahrungen mit dem Ausgleich zwischen diversen Einzel- und Gruppeninteressen gesammelt haben, er soll ggf. Menschen dazu bringen, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten.

Diese „Kompetenz“ nun ist im Vorstellungsgespräch schwer zu erkennen, insbesondere, wenn man Sicherheit haben will. Also legt man die Beweispflicht in die Hände des Bewerbers: Zeige, daß du das kannst. Und das wiederum geht nur, wenn er nachweist, daß er es erfolgreich gemacht hat.Da das bei Anfängern nicht innerhalb von Unternehmen stattgefunden haben kann, nimmt man ihr Engagement im berühmten „außeruniversitären Bereich“ dafür.

Die von Ihnen reklamierte Arbeit in der Partei, in dem Studentenring sowie in der Pfarrgemeinde eignet sich als Indiz. Wobei eine Mitgliedschaft durchaus ein Anfang ist; aber erst irgendwelche Leitungs-/Führungsfunktionen machen so richtig „kompetent“ (oder sie machen halt noch ein bißchen kompetenter).

3. Bleibt Ihr Verdacht, als „rabenschwarzer Missionar“ zu gelten.Zunächst zur Klarstellung: Das Management von Unternehmen denkt eher weniger „grün“. Auch „rote“ Bosse sind selten. Mit anderen „Farben“ liegt man schon eher im Trend.

Anders formuliert: Gegen die Mitgliedschaft oder eine Funktion in einer staatstragenden „schwarzen“ Partei an und für sich hat in der Wirtschaft kaum jemand etwas, vorsichtig gesagt. Eher schon gegen Funktionsträger, die ihren Schreibtisch zum Parteibüro umfunktionieren, ständig wegen einer Sitzung früher gehen müssen oder keine Zeit für Überstunden haben.

Bliebe Ihr Pfarrgemeinderat. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der jemanden stört, ganz im Gegenteil. Aber auch hier ist ein Nebeneffekt zu beachten: Manche Engagements stehen auch für eine sehr starke räumliche Bindung, für eine extreme Verwurzelung im heimischen Raum. Und damit für fehlende Mobilität. Und das wäre die wahre Katastrophe.

4. Hinzu kommt eine klare Erkenntnis: Deutschlands Manager sind in der Regel parteipolitisch ungebunden, üben vor allem kaum nebenbei politische Ämter aus. Das mag ja bedauerlich sein, weil wir damit die Parlamente den Lehrern überlassen. Aber es ist so. Man muß nun als einzelner der Masse nicht nachlaufen. Aber es gilt auch: Im Zweifelsfall schadet es nicht, grundsätzlich so zu sein wie die Zielgruppe.

5. Was das für Sie bedeutet? Ich empfehle zwei Varianten:a) Sie sind eine Persönlichkeit mit bestimmten Ansichten, einem bestimmten Engagement und einer bestimmten politischen Grundrichtung. Das prägt Sie, das charakterisiert Sie also stehen Sie auch dazu! Schreiben Sie, wie die Dinge sind und pfeife Sie auf Leute, die Sie eventuell wegen dieser klaren Festlegung nicht mögen;vertrauen Sie auf solche, die Sie gerade deswegen besonders schätzen (auch die gibt es).

b) Wenn Sie unsicher sind, andere „Leichen im Keller“ haben und jene Engagements Ihnen so viel denn auch wieder nicht bedeuten, bleibt folgende Möglichkeit (Sie können, müssen aber nicht so argumentieren): Sie schreiben etwa in der Rubrik „außeruniversitäres Engagement“ alles nieder, was Sie getan haben und setzen darunter: „Mein Einsatz in diesen Bereichen wurde nur möglich durch den besonderen Status eines Studenten. In Zukunft wird der berufliche Einsatz Priorität haben, insbesondere zeitliche. Im übrigen bin ich absolut mobil, einiger meiner Verpflichtungen werden mit dem anstehenden Umzug zwangsläufig entfallen.“

Letztlich gilt auch in diesem Bereich: Menschen handeln nicht nur individuell undwerden eines Tages Bewerber. Es sind auch Menschen, die jene Bewerber beurteilen. Und wie weit das Spektrum menschlichen Denkens und Empfindens reicht, wissen Sie aus Ihrer politischen Arbeit: Was einer nicht ausstehen kann, sieht der andere als Empfehlung. So findet auch hier jedes Töpfchen sein Deckelchen. Nur muß mancher länger suchen.

Kurzantwort:

1. Der Name des derzeitigen Arbeitgebers kann die Bewerbung „adeln“. Insbesondere Berufsanfänger sollten das Angebot einer „Top-Adresse“ aus der Unternehmenslandschaft nicht leichtfertig ausschlagen.

2. „Soziale Kompetenz“ ist nur ein neuer Begriff für Eigenschaften, die auch bei Absolventen immer gefragt waren. Nur werden heute spezielle Beweise im Vorfeld gefordert, während man früher die erste Praxisbewährung abwartete. Diese Forderungen sind auch im Zusammenhang mit der derzeitigen Absolventenschwemme zu sehen.

Frage-Nr.: 1119
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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