Heiko Mell

Wenn der „Schlüssel“ mehr „Zacken“ hat, als das „Schloß“ vorschreibt

…lese ich des öfteren Ihre Antworten und Ratschläge, um von den Erfahrungen und Fehlern anderer zulernen. Ihre sehr direkte Art weiß ich zu schätzen, denn „Die Wahrheiten, die man am wenigsten liebt, sind die, welche am wertvollsten für uns wären“ (Jean de La Bruyère).

(Anm. des Autors: Französischer Schriftsteller, vor genau 300 Jahrengestorben.)

Ich gehöre seit einem halben Jahr zu den ca. 10% Arbeitslosen der Bundesrepublik Deutschland, obwohl ich bei den Absolventen meines Studienjahrganges zu denoberen 10% gehöre.

Um so weniger verstehe ich, daß ich nach ca. 90 Bewerbungen und einer Stellengesuch-Anzeige in den VDI-Nachrichten nur zu drei Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde. Obwohl diese Gespräche positiv verliefen, habe ich bereits zwei Absagen erhalten.

Mir ist die miserable Marktlage bewußt; dennoch gibt es international ausgerichtete Stellenangebote, auf die mein Profil paßt.

Liegt es eventuell daran, daß ich mich überschätze und nicht so überdurchschnittlich qualifiziert bin, wie ich glaube, oder verkaufe ich mich falsch?

Antwort:

Sie fügen eine komplette Bewerbung mit Anschreiben und Stellenanzeige des suchenden Unternehmens bei. Das ist eine solide Basis für eine Analyse. Wobei ich sagen muß: Es ist leichter, Ansatzpunkte für Kritik zu finden, als etwa zu garantieren, daß bei entsprechenden Korrekturen nun die Erfolge nur so purzeln.

1. Die Anzeige: Ein vermutlich eher mittelgroßes deutsches Unternehmen stellt Werkzeugmaschinen her und sucht für die „Mechanik“ Konstruktionsingenieure.

Gefordert werden die üblichen „einige Jahre Berufserfahrung“ es heißt dann jedoch ausdrücklich im Text „…aber auch Absolventen“.

Nur zur Klarstellung: Nix ist mit internationaler Ausrichtung der Position, ganz normale Konstruktion hier in D wird geboten, allerdings natürlich für den weltweiten Markt. Aber da schickt man seine Verkäufer hin, nicht seine (Berufsanfänger-)Konstrukteure.

2. Sie schreiben u. a.:

a) „Ich bin davon überzeugt, daß ich aufgrund meiner Ausbildung und meiner Zusatzqualifikation ein interessanter Bewerber für Sie bin.“

Das ist nicht so besonders toll. Zunächst gibt kein erfahrener Bewerbungsleser etwas auf die Überzeugung des Bewerbers in eigener Sache. Sie glauben gar nicht, was da sonst alles herauskäme. Außerdem gibt es noch die Logik: Wenn Sie nicht überzeugt wären, dürften Sie sich gar nicht bewerben.

Also gilt der Rat: keine Floskeln, keine Behauptungen dort, wo auch Fakten stehen könnten, und keine Beurteilung der Bewerberqualifikation durch diesen selbst. Und wenn Sie etwas zu bieten haben, sagen Sie es konkret der Leser sieht dann schon, ob das für ihn interessant ist (oder auch nicht).

b) „Als Entwicklungsingenieur bei der Firma Max Müller Ingenieurbüro, in deren Auftrag ich bereits meine Diplomarbeit absolviert habe, sammelte ich Erfahrungen in der Meßund Regelungstechnik.“Zur Erklärung für die anderen: Dort waren Sie nur sechs Monate, dann ging denen die Arbeit für Sie aus (steht im Zeugnis).

Nun habe ich ein Problem: Ich kann die in Bewerbungen enthaltenen Fehler in meinem Manuskript zwar originalgetreu darstellen, aber das Rechtschreibe-Kontrollprogramm beim Verlag oder bei der Druckerei wirft mir meine Absicht schon einmal über den Haufen, indem es die falsche Schreibweise schlicht wieder korrigiert. Die Leser verstehen dann nicht mehr, wovon ich überhaupt „rede“. Also umschreibe ich hier einmal die Sache so: In dem unter b) zitierten Satz kommt Ihr(!) Beruf „Ingenieur“ in einer Wortverbindung zweimal vor. Ihre Quote, dieses Ihnen vertraute Wort richtig hinzubekommen, liegt zwar bei stolzen 50% es gibt aber chronische Meckerer, die damit nicht zufrieden sind. Unverständlich so etwas, aber nun einmal Tatsache. Außerdem wollten Sie doch zur zehnprozentigen Spitzengruppe gehören üben Sie lieber noch ein bißchen (damit kein Mißverständnis aufkommt: deutsche Staatsangehörigkeit, in D studiert).

Also Sie reklamieren „Erfahrungen in der Meßund Regelungstechnik“. Erstens waren das nur sechs Monate was ist das gegenüber „Erfahrungen“ aus zehn Dienstjahren? Und dann: „Mechanik“ sollen Sie im inserierenden Unternehmen konstruktiv betreuen. Also ist Ihre unter a) aufgeführte „Zusatzqualifikation“ nichts wert in diesem Falle!

Wieviel besser wäre es gewesen, etwa so zu schreiben (und damit die „Erfahrungen“ auf ein ganz anderes Konto zu buchen):

„Zwar bin ich mit Sicherheit immer noch Berufsanfänger, der seine Fähigkeiten noch beweisen und fachlich engagiert weiter lernen muß.

Ich habe jedoch nach dem Studium schon ein halbes Jahr bei dem Unternehmen arbeiten dürfen, das mich bei der Diplomarbeit unterstützt hatte. Dadurch bin ich mit der betrieblichen Praxis schon etwas vertraut und habe gelernt, mich in ein Team einzufügen. Leider erhielt dieses Unternehmen einen wichtigen Auftrag nicht und konnte daher das Beschäftigungsverhältnis nicht fortsetzen.“Auch hat es keinen Sinn, in solchen Fällen unbekannte Firmen mit Namen zu nennen. Besser ist es dann, das Unternehmen zu umschreiben und dabei zusätzliche Informationen zu geben („…einem Ingenieurbüro mit ca. …Mitarbeitern und fachlicher Ausrichtung auf …“).

c) „Ich bin zweisprachig (Hebräisch,Spanisch) aufgewachsen und verfüge über aufgebaute Englischkenntnisse.“

Nun kann man über „aufgebaute“ Sprachkenntnisse streiten, versteht aber, was gemeint ist.

Was aber soll der ahnungslose Leser, den Sie mit dieser Aussage (optisch als Absatz hervorgehoben und inhaltlich weder mit dem vorigen, noch mit dem folgenden Absatz korrespondierend) überfallen, jetzt wohl denken?

Wer konstruiert hier schon Maschinenteile in hebräischer oder spanischer Sprache? Was wollen Sie damit andeuten? Irgendeine Bedeutung muß das ja haben, sonst hätten Sie es nicht so ins Anschreiben gepackt.

Sicher, Sprachen (insbesondere Englisch!) können nicht schaden. Aber wer seine Qualifikation dergestalt darstellt, riskiert Ablehnung:

„Können wir hier nicht gebrauchen; Leute mit Super-Sprachkenntnissen wollen diese nur honoriert haben und sind später enttäuscht, wenn sie das alles nicht anwenden können.“

Und dann noch etwas: „Zweisprachig“ wachsen hierzulande Kinder auf, die beispielsweise eine deutsche Mutter und einen französischen Vater haben. Wenn Sie also „zweisprachig“ sagen, dann zwei Fremdsprachen aufführen, wovon eine hier sehr selten vorkommt wo bleibt dann das für diesen Bewerbungsempfänger natürlich im Vordergrund stehende Deutsch?

Den Brief kann ja auch ein anderer für Sie geschrieben haben. Schön, man könnte im Lebenslauf blättern man muß aber nicht. Erstens soll jedes Dokument für sich allein aussagefähig sein und zweitens hat bei der derzeitigen Absolventenschwemme kein Bewerbungsleser Lust, auch noch Detektiv zu spielen.

Das Prinzip: Die klare, verständliche, keinerlei Zweifel hinterlassende Darstellung der eigenen Qualifikation ist eine „Bringschuld“ des Bewerbers. „Bringschuld“ heißt, daß der Bewerber das „bringen“, der Leser hingegen nicht suchen muß.

Der Satz c) jedoch wirft weitaus mehr Fragen auf als er beantwortet.

d) Sie schreiben im Lebenslauf: „Berufserfahrung: OX OY 19.. Entwicklungsingenieur bei der Fa. Max Müller, Ingenieurbüro“. Ende, aus.

Damals war Ihr Studium schon vorbei, es ging also um eine echte Erstanstellung. Und? Am Ende der Probezeit gefeuert, jetzt arbeitslos das schreiben Sie dort mit anderen Worten hin. Genau das liest der Bewerbungsempfänger daraus mehr Informationen bekommt er hier ja nicht. Siehe nun zu c): Jedes Dokument muß für sich allein(!) im Sinne des angestrebten Zieles(!) aussagefähig sein, darf vor allem keine offenen Fragen(!) hinterlassen (siehe die Sache mit der „Bringschuld“). Außerdem geben Sie ja auch im Anschreiben keine Erklärung zum „Fall Max Müller“, haben also nicht einmal diese Ausrede.

Meine Empfehlung in diesem Fall: Es heißt im („Max Müller“-)Zeugnis: „…besitzt ein gesundes Selbstbewußtsein, ist sehr kontaktstark und sehr aufgeschlossen.“ Also die typische Beschreibung eines jungen Anfänger-Konstrukteurs ist das nicht. Und die Gefahr der Selbstüberschätzung lauert!

Ganz im Ernst: Haben Sie, geehrter Einsender, schon einmal an den internationalen Vertrieb (Export) gedacht? Der bietet Ihnen Raum für Sprachen, ein weites Feld für Selbstbewußtsein und natürlich für Kontaktstärke.

Jetzt, liebe Leser, habe ich nur noch ein großes Problem: Ich muß Sie dazu bringen, aus einem Beispiel abgeleitete Grundsätze auf die eigenen, höchst individuellen Gegebenheiten („mein Fall liegt ganz anders“) zu adaptieren. Versuchen Sie einmal folgendes Verfahren:

Gehen Sie Ihre fertige Bewerbung 24 Stunden später noch einmal kritisch Satz für Satz durch.

Versetzen Sie sich in die Lage des Lesers. Der wiederum findet dieses Lesen lästig, ist überlastet und verärgert wegen der neun schlechten Bewerbungen, die er vor Ihrer zehnten lesen mußte, zutiefst frustriert wegen des großen Stapels, den er noch lesen muß. Er hat für Ihr Anliegen nur wenig Zeit und die will er nicht damit vergeuden, Zusammenhängen in Ihren Unterlagen nachzugehen, die er nicht so serviert bekommt, daß er sie in Sekundenbruchteilen versteht.Achten Sie darauf, daß jedes Dokument für sich allein verständlich und für Sie werbend ist.

Wenn Sie es einfacher formuliert haben wollen: Geben Sie sich mehr Mühe. Beispielsweise jene, die man einem Akademiker abverlangen kann, der am zweitwichtigsten Projekt seines Lebens sitzt (ähnliche Bedeutung hat nur noch die Frage, wen man heiratet).

Kurzantwort:

Versetzt man sich in die Rolle des Bewerbungsempfängers und liest man die eigene Bewerbung extrem kritisch mit dessen Augen, dann müßten eigentlich alle Unzulänglichkeiten in Argumentation und Aufbau auffallen. Meist müßte man nur eingestehen, sich nicht genug Mühe gegeben zu haben. Die Suche nach dem richtigen Arbeitgeber ist das zweitwichtigste Projekt im ganzen Berufsleben, der Aufwand sollte dem entsprechen.

Frage-Nr.: 1105
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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