Heiko Mell

Vom kleinen ins große Unternehmen?

Seit Abschluß meines Studiums vor zwei Jahren arbeite ich in einem kleineren Unternehmen mit ca. 50 Beschäftigten.

Diese Entscheidung fiel hauptsächlich, um spezielle Erfahrungen in diesem Unternehmen und in seinem Umfeld zu sammeln. Meine berufliche Zukunft sehe ich in einem Großunternehmen, um die dortigen Vorteile wie gründliche Einarbeitung und betriebsinterne Vorbereitung auf eine Führungsposition in Anspruch zu nehmen.

Dies ist zwar egoistisch, dafür biete ich durch meinen Arbeitseinsatz auch viel. Für mich ist es eine Verpflichtung und selbstverständlich, mich für die Produkte und die Firma voll einzusetzen. Dies bedeutet, daß ich notwendige Aufgaben selber sehe und ausführe, ohne sofort eine Verlängerung des Projektzeitplanes durchzusetzen, daß ich gerne länger arbeite, ohne gleich eine Mehrbezahlung zu fordern, und eine durchgearbeitete Mittagspause lasse ich ohne Ausgleich des Arbeitszeitkontos verfallen.

Da mir die Problematik eines Wechsels von einem kleineren zu einem größeren Unternehmen/Konzern bewußt ist, habe ich möglichst früh angefangen, mich auf interessante Anzeigen zu bewerben.Es haben sich aus meinen Bewerbungen einige Vorstellungsgespräche ergeben. Dabei versuche ich immer, den notwendigen Arbeitseinsatz in einem kleineren Unternehmen und meine eigene Bereitschaft zu voller Identifizierung mit Produkt und Firma darzustellen (um positive Punkte zu sammeln).

Das Ergebnis war aber bei der Personal und in der Fachabteilung durchweg negativ. Z.T. wurde mir eindeutiges Mißfallen mitgeteilt:

„Sie arbeiten wohl zu langsam, wenn Sie Ihre Aufgaben nicht während der normalen Arbeitszeit erledigen können.
– Warum wehren Sie sich nicht, wenn Ihr Vorgesetzter Ihnen zu viele Aufgaben überträgt?

– Ich jedenfalls habe keinen Computer zu Hause. Es fehlte noch, daß ich Arbeit mit nach Hause nehme.

– Wenn jemand behauptet, zehn Stunden gearbeitet zu haben, gehe ich davon aus, daß er zwei Stunden irgendwo Kaffee getrunken hat. Mehr als acht Stunden konzentriert und produktiv arbeiten kann man nicht.“

Ist dies nur eine Hinterfragung meiner Beweggründe, ist die Arbeitsmoral bei Führungskräften in Großunternehmen wirklich so schlecht oder bin ich so doof, mich von meinem Arbeitgeber ausnutzen zu lassen?

Antwort:

Sagen wir es einmal so:

1. Großbetriebe und Kleinfirmen sind jeweils „anders“, sehr sogar. Noch wichtiger: Sie unterstellen, daß sie „anders“ sind. Menschlich verständlich: Sie halten wechselseitig ihre Art für normal und die andere für unmöglich oder etwas, worüber man lächelt.

Gerade Großbetriebe fühlen sich kleinen „Klitschen“ haushoch überlegen.

Daraus folgt: Wer zum jeweils anderen Firmentyp geht, muß im Gespräch kräftig in das Horn des Zuhörers stoßen. Tenor in Ihrem Fall: „Ich habe die Klitsche satt und wäre froh, endlich im namhaften Großbetrieb arbeiten zu dürfen.“ Dann nicken die Zuhörer und fühlen sich bestätigt.

Ebenso freuen sich kleine Betriebe, wenn der Bewerber vom Konzern über die „unmögliche Bürokratie“ etc. beim derzeitigen Arbeitgebertyp(!) schimpft. Über den Arbeitgeber selbst sagt man nur Gutes. BR Sie haben versucht, das Gegenteil zu tun das mußte so enden.

2. Ihre Arbeitseinstellung ist uneingeschränkt lobenswert und wird Ihnen noch viele Erfolge bringen. Aber könnte es sein, daß Sie ein bißchen penetrant damit auftreten? Es klingt zumindest im schriftlichen Bereich ein wenig wie: „Ich bin besonders tüchtig.“ Das aber sagt man nicht, das müssen die anderen spüren. Sprechen Sie über Ihre Arbeit ganz sachlich und wenn dann über Ihre Frau gesprochen wird, sagen Sie beiläufig: „Sie hat viel Verständnis. Da es bei mir ja doch oft 8 oder 9 Uhr wird und ich oft auch noch Arbeit mitbringe, muß ich das besonders anerkennen.“ Das wirkt viel besser!

3. Sie sind im Kleinbetrieb erfolgreich. Das Großunternehmen hat Sie im Vorstellungsgespräch so erlebt, wie Sie sind und hat Sie nicht gewollt. Lernen Sie daraus: Nicht jeder paßt überall hin, und Sie bleiben besser auf „vertrautem Gelände“. Alles ist bestens, nur Ihr Plan mit dem Konzern taugt nichts (auf Sie bezogen).

Kurzantwort:

Großkonzern und Kleinbetrieb sind jeweils „anders“. Das gilt für Aufgaben ebenso wie für Arbeitsstil und Firmenkultur. Beide Extreme halten jeweils wenig voneinander, Bewerber müssen sich darauf einstellen. Viele Menschen kommen nur mit einem dieser Unternehmenstypen zurecht.

Frage-Nr.: 1102
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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