Heiko Mell

Berufsweggestaltung / Unsteter Lebenswandel

Vor genau zwei Jahren habe ich mein TH-Diplom gemacht. Es hat dann immerhin ca. 14 Monate gedauert, bis ich meine erste Anstellung an einem Forschungsinstitut für… bekam.

Allerdings war dieser Vertrag auf vier Monate befristet mit der mündlichen Versicherung, daß ich diesen Vertrag mit einer 99%igen Wahrscheinlichkeit auf etwa zwei Jahre verlängert bekäme. Vorausgesetzt, meine Arbeit sei gut und das Projekt fände bei dem Kooperationspartner Anklang.

Dem war nicht so, das Projekt ist geplatzt, und ich wurde von einem Projekt zum nächsten mit Zeitverträgen eingestellt. Insgesamt fünf Verträge in einem Jahr, jeder wurde mir als der letzte befristete vorgelegt.

Während dieser Zeit habe ich mich intensiv bei anderen Firmen und Instituten in meinem Fachgebiet beworben ohne Erfolg. Bei einem Gespräch wurde nach Durchsicht der Unterlagen behauptet, ich hätte einen unsteten Lebenswandel, weil ich mich nach so kurzer Zeit schon wieder woanders bewerben würde.

Ist diese Einstellung verbreitet? Wie kann ich potentiellen Arbeitgebern meine Lage klarmachen? Bin ich mit meinem einen Jahr an Berufserfahrung weder Fisch noch Fleisch? Wie sehen Sie meine Lage?

Antwort:

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich strebe nicht nach einem Beliebtheits-Oscar, schon gar nicht bei jungen Menschen. Diese Einstellung erleichtert es mir, ohne größere Rücksichten auf Verluste (an Popularität) meinen Zielen näherzukommen. Ich will vor allem hilfreiche Informationen zur Verfügung stellen ob diese dann auch angenommen werden, ist eine andere Frage. Und steht nicht auch sinngemäß in der Bibel: So ihr mich nicht liebt, sollt ihr mich wenigstens fürchten?

Nachdem das geklärt ist, zur ersten Sachproblematik: Beim Durchblättern der richtigerweise beigelegten Bewerbungsunterlagen stoße ich auf das Bewerbungs-anschreiben, das lt. Datum noch fast druckfrisch ist (Jan. 96). Nehmen wir beispielsweise nur einmal die letzten beiden Sätze des vorletzten Absatzes. Ich zitiere zunächst den ersteren: „Als Jahresgehalt stelle hätte ich gerne zwischen 65.000,und 70.000,- DM.“

Langweilen Sie mich bloß nicht mit einer Erklärung, wie man solchen Unfug in einer Situation von existentieller Bedeutung überhaupt zustande bekommt. Was in jedem Fall und diskussionslos unentschuldbar ist: Man setzt unter einen solchen holperigen Unsinn in einer Bewerbung nicht seinen Namen. Niemals!

Daß eines Tages ausgerechnet ich noch eine durchaus ernstgemeinte Gebrauchsanweisung für den Umgang mit dem PC bei extrem wichtigen Briefen geben muß, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Aber ich springe gern in diese Lücke:

1. Der Bildschirm ist bei der Gestaltung wichtiger Texte eine akzeptable Arbeitsebene mehr nicht.

2. Alleinige Kontrollebene und für die abschließende Qualitätsendprüfung unerläßlich ist der ausgedruckte Brief.

3. Unabhängig von allen Operationsund Kontrollhandlungen am Bildschirm ist der ausgedruckte Brief mit extremer Sorgfalt von vorn bis hinten prüfend zu lesen. Ungeübte Personen lesen am besten langsam und laut(!). Dann erst darf man das Werk unterschreiben.

Ich warne jeden, derartige Belehrungen an die Adresse von aufstrebenden Akademikern etwa für überflüssig zu halten. Wer die täglich eintreffenden Ergebnisse leichtfertigen Tuns kennt, wird mich verstehen. Den Zweiflern versichere ich: Es ist nicht nur so schlimm, es ist schlimmer!

So, geehrter Einsender, nun wieder zum Detail: „…hätte ich gern“ klingt nach kindlichem Weihnachtswunschzettel, ist aber in der Bewerbung eines (etwas) berufserfahrenen Akademikers unangemessen.

Weiter im Text: Eine Gehaltserwartung „zwischen 65.000 und 70.000 DM“ ist etwas naiv. Wenn beispielsweise ein Gebrauchtwagenhändler an sein Fahrzeug schreibt: „4.500 6.000 DM“ wer bietet dann wohl noch 6.000 DM?

Außerdem klingt Ihre ganze Formulierung so fröhlich selbstbewußt, als hätten Sie die stärkste Verhandlungsposition aller Zeiten. Die aber haben Sie ja nun nicht, Sie suchen verzweifelt einen Job mit „anständigem“ Vertrag. Die Geschichte mit der Verhandlungsbereitschaft im nächsten Satz macht das auch nicht besser: „In beide Richtungen verhandlungsbereit“ also auch nach oben, ja? „Fordere 70.000, nehme aber auch, wenn Sie mich lieb bitten, 80.000 oder 90.000.“ Das heißt es doch wohl. Wollen Sie einen existenzsichernden Job, oder möchten Sie den Leser Ihrer Bewerbung auf den Arm nehmen (milde ausgedrückt)?Und dann noch grundsätzlich zu jenem letzten Satz im fraglichen Absatz Ihres Bewerbungsbriefes: „Bin aber in beide Richtungen verhandlungsbereit.“

Sehe das nicht so gerne in Briefen. Klebe lieber am Althergebrachten. Kenne die Regel, daß Sätze auch ein Subjekt haben müssen. Habe mich sehr daran gewöhnt, vermisse Fehlendes spontan. Bin kompromißlos dabei. Habe soeben der dritten Kavallerie Angriffsbefehl gegeben. Erwarte Seine Kaiserliche Hoheit zur Inspektion. Treffe Sie dann im Casino.

Klingt ein bißchen scheußlich, nicht wahr? In offiziellen Briefen beginnt nach dem Punkt jeweils ein neuer Satz. Dieser braucht ein Subjekt („Wer oder was ist verhandlungsbereit?“). Ich fürchte fast, das gibt es schon in der Grundschule.

Ich wiederhole frühere Warnungen: Die absolut überwältigende Mehrheit aller Geschäftsbriefe wird in ziemlich einwandfreiem Deutsch mit sehr wenigen Rechtschreib und kaum je mit Flüchtigkeitsfehlern (die auf mangelndes Interesse des Schreibers am Thema hindeuten!) geschrieben. Das ist der Standard. Bewerbungen sollten qualitativ darüber liegen, niemals jedoch darunter sonst fallen sie bei geschäftsbriefgewohnten Lesern unangenehm auf. Wer aber unangenehm auffällt, bekommt die Stelle nicht. Alles wirklich Wichtige im Leben ist im Grunde ganz einfach, so auch das.

Nun zum Inhalt (bisher sprachen wir ja nur über die Verpackung): Die Geschichte mit dem „unsteten Lebenswandel“ ist hübsch formuliert. Kern ist die von mir stets deutlich hervorgehobene Abneigung von Arbeitgebern, sich mit Bewerbern zu beschäftigen, die „dauernd das Unternehmen wechseln“ ob sie ständig auf eigenen Wunsch hin gehen oder immer wieder entlassen werden, ist dabei nur ein gradueller Unterschied.

Sie, geehrter Einsender, hatten ja eine Erklärung für Ihre Situation. Schauen wir einmal, wie Sie diese dem Leser Ihrer Unterlagen nahegebracht haben.

Eine zentrale Rolle dabei spielt der Lebenslauf. Ich weise stets darauf hin, daß dieses Dokument gerade wegen des von großen Bewerberzahlen geprägten Arbeitsmarktes besonders sorgfältig gestaltet werden muß: Wenn Sie ein bißchen Pech haben, liest der Bewerbungsempfänger in einem Schnelldurchgang (Stichwort „Computerauswertung“) nur die Lebensläufe, um „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Alles, was so mehr oder weniger schön im Anschreiben stand, ist dann schlicht „weg“, wird zunächst also gar nicht beachtet.

Ihren Lebenslauf nun finde ich (das ist auch Geschmackssache!) schon vom Aufbau her extrem unschön: Er beginnt oben mit der Geburt, dann kommt die angestrebte Position (gehört nicht in dieses Dokument), dann geht es rückwärts über die Berufserfahrung zum Studium, „danach“ zu den Praktika, eine Schulbildung kommt gar nicht mehr vor. Das läuft dem in diesem Lande üblichen Denken entgegen; ich will ohne „Verrenkungen“ die chronologische Entwicklung inkl. Schule nachvollziehen können. Die meisten Empfänger dürften ähnlich denken.

Was nun liest der Analytiker (ob Amateur oder Profi) in Ihrem Lebenslauf? Er findet ein TH-Studium, das in einem Jahr anfing, aber in einem Monat endete („1986 bis Januar `94“). Was soll das für eine Systematik sein? Man wird dann auf acht Jahre und damit sechzehn Semester schließen. Das ist eine ganze Menge. Das Ergebnis geben Sie mit 2,7 an. Das Diplomzeugnis nennt nur „befriedigend“ als Gesamtnote, es kennt keine 2,7.

Anschließend folgt (ich lese also jetzt gegen alle Regeln und gegen meine Gewohnheit von unten nach oben) eine Zeit, die Sie korrekt mit „Januar Mai `94“ angeben (es geht also doch) und in der Sie noch an der Hochschule blieben, um das Kernstück Ihrer Diplomarbeit in der Praxis zu testen. Geht in Ordnung.

Die nächste Phase, die beschrieben wird, lautet „Januar März `95“ mit einem (hier weggelassenen) unmotivierten Punkt hinter „Januar“. Sie waren damals Projektingenieur in einem Ingenieurbüro. Und um es vorwegzunehmen: Es findet sich weder ein Zeugnis noch eine Tätigkeitsbescheinigung darüber in den Unterlagen.

Nun kommt als krönender Abschluß die Angabe der heutigen Tätigkeit: „März 1995 bis jetzt“ heißt es, diesmal mit einem (wieder hier weggelassenen) unmotivierten Komma hinter „März“. Sie nennen dann Ihr arbeitgebendes Institut und Ihre Positionsbezeichnung.

Mehr ist nicht, weder an Erläuterung noch an Begründung, nichts über auslaufende Zeitverträge. Ja, was soll man denn daraus nun sonst schließen als „unsteten Lebenswandel“? Wobei ich unter „Lebenswandel“ vor allem private Gepflogenheiten verstehen würde. Sie sind eher ein „Häufigwechsler“ nach eigener Darstellung der Alptraum aller Arbeitgeber.

Für den Fall, daß jenes Dokument denn doch noch gelesen wird, werfen wir noch einmal einen Blick in Ihr Anschreiben. Dort findet sich eine einzige kleine Erläuterung zu Ihrer zentralen Frage, die da lautet: „Wie kann ich… meine Lage klarmachen?“ Sie schreiben im letzten Satz des dritten Absatzes (am 5. 1. 96): „Da mein Arbeitsvertrag am 31. Dezember ausläuft, bewerbe ich mich bei Ihnen.“

Das ist zunächst einmal so nicht richtig oder merkwürdig, wenn es richtig sein sollte Sie haben die Auswahl. Weil, wenn Sie am 5. Januar 1996 einen Brief schreiben und einen Vertrag haben, der am 31.12. ausläuft, dann hätte es entweder „ausgelaufen ist“ heißen müssen oder Sie haben noch mehr als elf Monate bis zum Vertragsende am 31. 12. 96 vor sich (die eigenwillige Stilistik in meinem Satz ist bloße Ironie).

Wäre es aber korrekter formuliert, wäre es immer noch nicht gut im Sinne Ihrer Zielsetzung (Sie wollen ja etwas erreichen mit Ihrem Brief): „Auslaufen“ wird von Bewerbern auch schon einmal verschämt gebraucht, um nicht „wurde mir gekündigt“ sagen zu müssen; erst mit dem Zusatz „Zeitvertrag“ wird das eindeutig.

Sie hätten also gut daran getan,

a) schon im Lebenslauf ein paar kurze erläuternde Informationen (erlaubt!) zu den Problemen zu geben, die Sie seit Studienende mit der Suche nach einem Arbeitsplatz hatten; da hätten Sie z. B. auf den Überbrückungscharakter der Ingenieurbürotätigkeit hinweisen können so jedoch fragt man sich bloß, warum man Sie dort wohl so schnell wieder gefeuert hat;

b) ebenfalls im Lebenslauf den besonderen Charakter der Zeitverträge beim letzten Arbeitgeber darzustellen, wodurch Ihre erneute Jobsuche verständlich gemacht würde; natürlich hätte dorthin als Begründung auch der unerklärlicherweise fehlende Hinweis gehört, daß der letzte Zeitvertrag gerade ausgelaufen ist;

c) im Anschreiben u. a. eine Erläuterung der Gesamtsituation zu geben, wie sie etwa im Brief an mich enthalten ist (ohne jegliche Anklage gegen Ihren letzten Arbeitgeber).

Ach ja, da wäre noch eine Kleinigkeit: Sie können einem Anschreiben vom 5. 1. 96 keinen Lebenslauf beifügen, in dem eine Tätigkeit, die nach Ihren eigenen Worten am 31. 12. 95 (vermutlich) ausgelaufen ist, als „bis jetzt andauernd“ beschrieben wird. Das paßt doch alles nicht zusammen, das steht für mangelnde Sorgfalt die Bewerbung ist eine Arbeitsprobe! Und „jetzt“ ist das Datum der Bewerbung.

Damit auch der Teil Ihrer Frage nicht vergessen wird: Mit einem Jahr Berufspraxis sind Sie ein „besserer Anfänger“, neuen Absolventen gegenüber etwas im Vorteil solange man nicht den Verdacht hat, man hätte Sie wegen Unfähigkeit gefeuert (dann wären Sie schlechter dran als ein jahrgangsjüngerer Jungingenieur).

Wenn Sie jetzt noch verstehen,daß ich Ihnen nur helfen will, sind Sie ein Stück weiter.

Kurzantwort:

1. Die Bewerbung ist auch eine Arbeitsprobe. Bei ihrer Erstellung muß man allergrößte Sorgfalt walten lassen und das vermeintlich fertige Ergebnis in jedem Detail kontrollieren.

2. Der Lebenslauf muß alle wichtigen Informationen enthalten und so gestaltet sein, daß der Bewerber allein dadurch für den Leser interessant wird. Anschreiben werden häufig nur gelesen, wenn der Lebenslauf dieses Interesse wecken konnte.

Frage-Nr.: 1100
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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