Heiko Mell

Der Computer macht alles noch „schlimmer“

Ich las, daß es in den USA bereits vorkommt, daß Bewerbungen in den Computer eingescannt werden, und dann wird abgezählt, wie oft wünschenswerte Schlüsselwörter im Text vorkommen. Soll es hier auch in dieser Richtung weitergehen?

Antwort:

Sehen Sie, verehrter Einsender, es mir bitte nach, daß ich aus Ihren längeren Ausführungen einfach einmal dieses Stichwort aufgreife. Das Thema ist hochaktuell, brisant und der Erörterung wert. Auch ich habe einen Artikel darüber gelesen („Blick durch die Wirtschaft“, 13. 11. 1995). Einer der Kernsätze lautet: „Wer in den Vereinigten Staaten Bewerbungen verschickt, muß damit rechnen, daß sein Schreiben mit beruflichem Werdegang niemals von einer menschlichen Hand berührt wird. Ein Computer hat in vielen amerikanischen Unternehmen den Job des Personalchefs übernommen. Er sichtet Bewerbungen mit seinem elektronischen Auge und wählt aus, was vor seinem Elektrohirn bestehen kann.“

Und dann folgt der Hinweis, etwa drei Viertel der 500 größten Firmen Nordamerikas arbeiteten bereits mit Personalauswahl-Software.

Und: „Auch in Deutschland ist der Computer in den Personalabteilungen auf dem Vormarsch.“

Bei dem dargestellten Verfahren werden die Bewerbungen in den Computer eingelesen. Anschließend durchsucht dieser die Informationen auf Schlüsselwörter, die man ihm zuvor benannt hat. Für jedes „Keyword“ gibt es einen Punkt. Viele davon sind gut, unter einer Mindestzahl fliegt der Bewerber hinaus. Man kann danach beispielsweise Branchen, Funktionen, Altersgruppen, Einkommensbandbreiten und Unternehmensgrößen verschlüsseln sofern die Bewerbung sie hergibt (ich brauche das Argument noch, speichern Sie es schon einmal). Ein Kapitel des Artikels beschäftigt sich mit Bewerberberatung.

Es heißt dort: „In den Vereinigten Staaten geben Personalberater Stellensuchern bereits Tips, wie ihre Bewerbungen vor dem elektronischen Auge bestehen können…

Er rät allen Stellensuchenden, auf der ersten Seite ihres Bewerbungsschreibens unter Adresse und Bewerbungsfoto auch eine Schlüsselwörterzusammenfassung zu plazieren. Das Geheimnis des Erfolges liegt für den Bewerber dann darin, das richtige „Keyword“ zu finden. Begründet wird das sowohl in den USA als auch von einem namentlich genannten deutschen Personalberater mit dem Argument, man könne anders praktisch der Bewerberflut nicht mehr Herr werden.

Lassen Sie mich als erste Stellungnahme ein paar Gedanken dazu äußern das Thema wird uns sicher noch öfter beschäftigen.

1.Was aus Amerika kommt, ist hier kaum aufzuhalten. Man richte sich also besser darauf ein auch der Hamburger ist schließlich allgegenwärtig, obwohl eindeutig scheußlich.

2.Was machbar ist, wird grundsätzlich gemacht. Und würden 299 von 300 Fachleuten aus ethisch-moralischen Überlegungen so etwas ablehnen der 300. würde es tun und die anderen müßten zähneknirschend mitziehen. Es hat sich jemand gefunden, der Atombomben auf Menschen abwerfen ließ, da wird sich auch jemand finden, der (viel harmloser!) Menschen durch schlecht programmierte Computer aussortieren läßt. Ich weiß, daß dies ein überzogenes Argument ist, gebe das aber nur für die jeweilige Auswirkung zu, nicht für die Begründung des einleitenden Satzes zu diesem Punkt.

3.Wer einmal daran mitwirken durfte, wie eintausend und mehr Bewerbungen von Hochschulabsolventen in einer einzigen Aktion gelesen werden mußten, kennt die Versuchung, schlicht die Fakten durch den Computer zu jagen.

4.Völlig klar ist: Die Computer-Vorauswahl wird nicht etwa erforderlich, um beispielsweise 300 Bewerbungen, die auf eine Anzeige eingehen und hochqualifiziert sind, in eine Rangreihe zu bringen das könnte dann doch nur ein Mensch. Nein, es geht darum, das Aussortieren der ja von mir hier immer wieder angeführten Quote von 8095% ungeigneter Bewerbungen zu erleichtern, damit der teure, leicht ermüdende Mensch sich auf die restlichen etwa 10% konzentrieren kann.  Dem Computer-Einsatz liegt also die von mir mehrfach veröffentlichte Erkenntnis zugrunde, daß ein sehr hoher (10% würden den Aufwand nicht rechtfertigen!) Prozentsatz aller Bewerbungen so weit neben den Anforderungen liegt, daß sich das (menschliche) Lesen nicht lohnt. Dieses Argument müssen Sie, liebe Leser, die Sie fast alle früher oder später auch Bewerber sind, einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und dann sollten Sie sehr, sehr nachdenklich werden…

Wer jetzt ganz erschreckt nach schlechten Beispielen sucht, um Nachahmungen zu vermeiden, braucht nur in früheren Beiträgen dieser Karriereberatung zu stöbern (alles in preiswerten Büchern zu haben, siehe den jetzt vorgestellten Band 10 geben Sie zu, die Werbung ist unauffälliger als im Fernsehen). Wobei es in diesem Falle nur um einen Teilbereich der letztlich ungeeigneten Bewerbungen geht:

Der Computer kann sich vorläufig nur um Fakten kümmern (Studium, Dauer, Examensnoten, Werdeganggestaltung, fachliche rote Linie, Branchenstetigkeit, Arbeitgeberwechsel, passende Tätigkeitsund Hierarchiebezeichnungen und so zentrale Fragen wie „Läßt dieser Kandidat überhaupt irgendeine sinnvolle Verbindung zum Thema erkennen?“).

Das anspruchsvolle Anschreiben, der überzeugende Bewerbungsaufbau, die saubere Gesamtgestaltung, die logische Argumentation, die guten Zeugnisformulierungen das kommt ja erst danach. An „Ich Tarzan, du Jane; bin ich mittelständig tätig“ stößt sich ja das elektronische Gehirn noch nicht (vorläufig). Wer also bisher mir nicht geglaubt hat, glaubt nun vielleicht der erwähnten Meldung über Computer-Einsätze. Die dazu dienen, eine überwältigende Spreu vom bißchen Weizen zu trennen. Versuchen Sie, Weizen zu sein.

5. Ein bißchen kann einem ja schon „angst und bange“ werden, wenn man sieht, wozu geballter Computereinsatz so führt: Der Brief dieses Einsenders erreichte mich über den Internet-Anschluß der VDI-Nachrichten und liegt mir in Kopie des Ausdrucks vor. Oben im Kopf hätten früher beim konventionellen (veralteten) Brief zwei bis drei Zeilen für den Absender gestanden und noch einmal drei bis vier Zeilen für die Adresse mit viel Abstand dazwischen und sehr übersichtlich geordnet.

Hier jedoch beträgt dieser Textblock, in dem nichts anderes drinsteht als von wem für wen die Nachricht ist, geballte, sagenhafte zehn Zentimeter in der Höhe. Das meiste davon sagt mir wenig, das kann aber an mir liegen. Ansprechend fand ich die Zeile, in der u.a. vorkommt „HYM CEVJ VA08Y600D“. Also, da war mir das vertraute frühere „Mittelständig“ ja doch beinahe sympathisch und man wußte doch wenigstens, was gemeint hätte sein sollen. Entzückend jedoch fand ich die Buchstabenfolge „vxmedy.medy.me“, der ich vielleicht keine weitere Beachtung geschenkt hätte wäre sie nicht innerhalb der zehn Zentimeter Texthöhe in neunfacher Wiederholung aufgetaucht (da ich nicht durchschaue, welche dieser Kürzel Rückschlüsse auf den Absender zulassen, habe ich die Buchstabenfolge hier etwas verändert).

Jetzt ist mir auch klar, warum man ganze Datenautobahnen braucht bzw. womit man die füllt. Und ich hatte schon die neuen Postleitzahlen für kompliziert gehalten.

6. Nach diesem Ausflug nun wieder ganz ernsthaft: Die Geschichte mit den Schlüsselwörtern kennen Sie, liebe Leser, aus vielen Beiträgen dieser Serie längst sehr genau. „Reizwörter“ habe ich sie genannt. Es ging dabei um die wiederholte Aufforderung, erkennbar auf den Text einer Stellenanzeige einzugehen und diese Reizwörter gezielt in Anschreiben und(!) Lebenslauf auftauchen zu lassen. Behandeln Sie in diesem Bereich den heute noch „überwiegend menschlichen“ Leser Ihrer Bewerbung ruhig schon einmal so, als wäre er ein Computer. Wer 300 Bewerbungen zu einer Ausschreibung lesen muß, übersieht sonst leicht Ihre Qualifikation bzw. findet sie im Informationswust nicht.

Ganz klar funktioniert eines nicht: Mit dem Standardbrief und -lebenslauf schafft man das niemals, der ist halt gerade unter diesen Umständen garantiert fehl am Platze. Auch reicht es nicht, einfach einmal alles aufzuzählen, was man jemals getan hat und zu hoffen, die Masse werde es schon bringen. „Bringen“ kann es hingegen nur das gezielte Eingehen auf die „Reizwörter“ des Inserates durch möglichst wörtliche Wiederholung eben dieser „Schlüsselwörter“.

Ich wiederhole es: auch wenn „nur“ Menschen das lesen! Beispiel: „Gesucht wird Ihre Kompetenz in Sachen Schmiedetechnik“ lockt das Inserat. Wie schön wäre doch ein Einleitungssatz etwa wie: „Seit sieben Jahren bin ich Spezialist für Schmiedetechnik.“ Was jedoch wird in 90 von 100 Fällen geboten? Etwas in der Art (und sagen Sie bloß nicht, das sei schlecht erfunden, es ist geschönt!): „Ich bin 42 Jahre alt, verheiratet (seit 1973) und habe drei Töchter (Susanne, Petra und Mathilde). Nach der Schule absolvierte ich zunächst eine Lehre als Feinmechaniker. Danach nahm ich das Studium des Maschinenbaus in der Fachrichtung Fertigungstechnik auf, das ich nach zehn Semestern erfolgreich abschloß. Mein Berufsweg führte mich zunächst in ein mittleres Unternehmen des Sondermaschinenbaus, wo ich in der Arbeitsvorbereitung…“

Ich behaupte ja nicht, daß das alles nicht stimmt aber wer will so etwas an dieser Stelle überhaupt wissen, wen interessiert das, wenn doch Kompetenz im Schmieden gesucht war? „Schmiedetechnik“ übrigens taucht in meinem Beispielfall überhaut niemals auf.

Zwei Ersatzvarianten sind hingegen üblich:

a)“…erfülle ich alle genannten Anforderungen“, behauptet der Bewerber weiter unten vollmundig. Klar (für ihn), das schließt Schmieden ein, das reicht. Qualifikation muß man jedoch darlegen, im Detail nennen, möglichst beweisen. „Ich kann alles“, ist so abgedroschen, daß niemand auch nur das Geringste dafür gibt. Der Stellenwert ist etwa der des Standardspruchs „Ich bin unschuldig“ des Angeklagten vor Gericht. Kann jeder sagen, wird keiner glauben.

b)“…liegt mein Schwerpunkt heute auf der Umformtechnik in allen wesentlichen Varianten.“ Schön, liegt er. Aber vom Schmieden steht nichts. Der müde Leser findet sein Reizwort nicht, kennt aber nun die Töchter des Kandidaten, immerhin. Das aber ersetzt die Qualifikation nicht ungeeignet. Halt, sagen Sie, Umformtechnik in dieser Umschreibung sei doch ganz gewiß auch Schmieden! Sie wissen das, ich ahne das aber der lesende Personalreferent, der die erste Grobsortierung durchführt, ist Diplom-Kaufmann oder Jurist oder Volkswirt. Und der kann nur „Schmieden“ erkennen, von „Umformtechnik“ weiß er nichts! Also schreiben Sie „Schmieden“ im ersten richtigen Satz nach der Einleitung. Wenn schon nicht für den Computer, dann für den lesenden Personalfachmann.

Und falls Sie gar Elektronikspezialist sein sollten, gilt das besonders. Sie wissen zwar, daß die geforderten Fachkenntnisse in XY selbstverständlich in dem von Ihnen als „beherrsche ich“ aufgeführten ABC-Verfahren enthalten sind. Aber der Personalreferent nicht und der Computer auch nicht. Und wenn der Computer Gehaltswünsche sucht, dann sucht er Zahlen. Und nichts in der Art „…möchte ich in einem späteren Gespräch…“. Sie möchten, er schmeißt Sie raus. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

7.Ausnahmsweise will ich hier einmal ganz massiv meine Meinung sagen: Ich finde es absolut unerträglich, Menschen durch Computer auswählen zu lassen, und sei es nur teilweise oder erst einmal nach Fakten. Wenn es um das Schicksal, um die Qualifikation, um die Karriere von Menschen geht, sollte auch allein ein denkender Mensch für die Auswahl verantwortlich sein. Wollen Sie ein Beispiel?

„Zwei Semester über Standard studiert, Examensnote eine Stufe unter Standard raus“, sagt ggf. der Computer. In der Bewerbung steht: „…verlor ich kurz vor dem Examen durch einen tragischen Unfall meine Eltern und war daher gezwungen, mich zunächst um die Ordnung der Familienangelegenheiten und insbesondere um meine jüngeren Geschwister zu kümmern.“

Ich will, daß so etwas jemand liest. Und der sollte ein Mensch sein. Wie immer er das dann auch wertet. Hätte ich die Macht, ich würde die Bewerberauswahl per Scannen und Computerauswahl gesetzlich ausschließen.

Kurzantwort:

Es ist denkbar, daß in Zukunft vermehrt Bewerbungen eingescannt und dann nach jeweils vorgegebenem Faktenraster ausgewertet werden nur die „guten“ liest dabei noch ein Mensch. Auch wer das Verfahren zutiefst ablehnt, sollte sich darauf einstellen: Die Ansprüche an die Einhaltung von Standards in Studium und Werdegang werden steigen individuelle Abweichungen werden noch weniger akzeptiert werden als heute.

In jedem Fall ist auch derzeit schon daran zu denken, Bewerbungen so aufzubauen, daß der Leser schnell und eindeutig die „Reiz-“ bzw. „Schlüsselwörter“ des Falles, die stets in der Anzeige stehen, wiederfindet. Überlastete Personalfachleute sind dafür dankbar, der Computer kann sogar ausschließlich mit dieser Hilfestellung „fündig“ werden.

Frage-Nr.: 1094
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-29

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