Heiko Mell 01.01.2016, 01:27 Uhr

Gilt eine in Anzeigen nicht geforderte Promotion als Überqualifikation?

Aus meinen Unterlagen ist ersichtlich, daß ich bei meinem ersten Arbeitgeber nach dem Studium neben meiner Tätigkeit auch die Möglichkeit der Promotion bekam. Die damit verbundenen Aktivitäten wurden im wesentlichen außerhalb der täglichen Arbeit bewältigt. Dennoch wird dies, wenn ausgeschriebene Positionen keine Promotion erfordern, als Überqualifikation gewertet, fürchte ich.

Antwort:

Ein suchender Arbeitgeber hat stets auch Angst vor Überqualifikation und damit Unterforderung. Bei der Promotion von Ingenieuren aber geht es vor allem um etwas anderes: In der Pyramide vom gewerblichen Arbeitnehmer bis zumhöchsten technischen Ausbildungsniveau steht der promovierte TH/TU-Ingenieur an der Spitze. Er zeigt durch den Doktor-Titel nicht nur Qualifikation, sondern Anspruch! Anspruch auf hochwertigste, wissenschaftlich orientierte Aufgaben.

Gibt es solche Aufgaben in dieser Position nicht, vermutet man drohende Frustration des Betroffenen. Oft geht es auch um die Wirkung auf das Kollegenteam, in dem der einzige Promovierte eine Sonderrolle spielen würde. Oder um den Chef, der je nach Ausbildung um seine fachliche Vorreiterrolle fürchten könne (das alles kommt täglich vor).

Vor allem die Sache mit dem Vorgesetzten ist ein heißes Eisen: Im kaufmännischen Bereich kommt es durchaus vor, daß ein promovierter Dipl.-Kaufmann einem Chef unterstellt ist, der nur seine Lehre und überhaupt kein Studium hat. Die Techniker reagieren da viel empfindlicher. Und so mancher altgediente graduierte Ingenieur fragt sich, ob er es sich wirklich antun muß, einen jungen Super-Akademiker in die Mannschaft zu holen. Der vielleicht, so seine Urangst, Dinge beherrscht, von denen er als Chef nie gehört hat. Selbstverständlich gibt es andere Vorgesetzte, die anders denken. Aber auch solche.

Eine Universallösung gibt es nicht. Bei Bewerbungen könnten Sie lediglich versuchen, den Doktor-Titel „tief zu hängen“. Also beispielsweise überlegen, ob er im Briefkopf stehen und in der Briefzeile erwähnt werden muß. Formulierungsbeispiel: „Die nebenberufliche Promotion war für mich lediglich eine Herausforderung, der ich mich gestellt habe. Es liegt mir fern, daraus spezielle Ansprüche abzuleiten. Ich sehe mich als Dipl.-Ingenieur und suche auch eine entsprechende Tätigkeit.“ Bei einer fünf Jahre kostenden „hauptberuflichen“ Promotion klingt das nicht sehr überzeugend was den Bewerber fünf Jahre gekostet hat, kann nicht unwichtig gewesen sein.

Kurzantwort:

Die Promotion signalisiert gerade bei Ingenieuren grundsätzlich einen gewissen Top-Anspruch. Erfüllt eine Position diese Anforderungen nicht, gilt ein promovierter Bewerber leicht als potentielle Fehlbesetzung. Dabei geht es nicht nur um die Gefahr einer Überqualifikation.

Frage-Nr.: 1089
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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