Heiko Mell

Beilage von Zertifikaten in Bewerbungen

Wann ist ein Zertifikat aus einem Fortbildungsseminar zu alt, um es in die Bewerbungsunterlagen aufzunehmen bzw. ab welcher Stofftiefe (Seminar mit/ohne Prüfung etc.) sollte man seine Fortbildungsaktivitäten dokumentieren?

Antwort:

Ich darf Ihr Problem erst einmal auf eine andere Ebene hieven – um Zertifikate geht es nämlich erst sekundär.

Es geht um die primäre Frage, über welche Seminare man in der Bewerbung überhaupt noch schreibt. Dann könnte man darüber nachdenken, was davon unbedingt bewiesen werden muß.

Schauen Sie, mir ist noch nie die Bewerbung eines Managers mit beigefügter Geburtsurkunde untergekommen! Da laufen die Leute herum, behaupten, sie seien Fachmann für dieses und jenes – und beweisen noch nicht einmal, daß sie der sind, der sie zu sein behaupten. Und es geht, tadellos sogar!

Womit ich auf eines hinweisen will: Viel zu wenig denken die Bewerber an ihre ungeheure Chance im Bewerbungsprozeß, die darauf beruht, daß man ihren Behauptungen zunächst einmal glaubt.Wer da schreibt, er sei heute in ungekündigtem Arbeitsverhältnis als Hauptabteilungsleiter der XY AG tätig, der wird als solcher gesehen. Niemand sagt ihm: „Beweisen Sie das!“ Zeugnisse darüber hat er noch nicht, das Vorlegen von Arbeitsverträgen ist nicht(!) üblich.

Eine solche ebenso unbewiesene wie (fast) unbeweisbare Behauptung hat für die gesamte Bewerbung bzw. deren Ziel einen Wert von – sagen wir – 10 „Punkten“. Demgegenüber hat die Frage, ob Sie zu einem behaupteten Seminar auch gleich das Zertifikat beilegen, im Normalfall einen Wert von 0,5 Punkten (hochgegriffen).

Außerdem blähen 20 Bescheinigungen die Bewerbungsmappe ungeheuer auf und verhindern bloß, daß man weit wichtigere Dokumente (Examens- oder Arbeitszeugnisse) in diesem Papierwust auf Anhieb findet.Wichtig ist also, welche Seminare etc. führt man – z.B. in einer Rubrik „Weiterbildung“ im Lebenslauf – überhaupt auf, wann sind die Dinge hoffnungslos veraltet? Die Antwort darauf hängt auch vom Fachgebiet ab – in manchen Branchen veralten die Dinge schneller als anderswo.

Als Versuch: Angaben aus den letzten drei Jahren sind immer akzeptabel, aus den davor liegenden zwei noch tolerabel, dann wird es dünner. Mehr als zehn Jahre alte Kurse müßten schon epochale Bedeutung haben, spätestens darüber hinaus wird es lächerlich.

Na also gut: Und dann fügen Sie von den drei, vier wichtigsten halt das Zertifikat bei. Keine Angst, der Rest wird erst einmal geglaubt (und Sie haben ihn ja bei der Vorstellung in der Aktentasche).

Ach und bitte: Manche Fähigkeiten hat man, man reklamiert sie aber nicht per Zertifikat. Ich sehe z.B. rhetorisches Können in dieser Kategorie – weil ein Seminar ja noch nichts beweist. Es ist ein bißchen so wie wenn der Nachwuchsliebhaber in der entscheidenden Sekunde ein adäquates „Diplom“ aus der Tasche zieht – wenn er Pech hat, lacht sich seine Partnerin tot.

Kurzantwort:

Im Zweifel zählen in Bewerbungen nur Weiterbildungsaktivitäten aus den letzten drei bis maximal fünf Jahren. Wobei der Hinweis im Lebenslauf genügt: Zertifikate sind nur bei wirklich wichtigen Maßnahmen beizufügen (wenn z.B. Prüfungen abgelegt wurden).

Frage-Nr.: 1082
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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