Heiko Mell

Wie komme ich ins Ausland?

Frage:

Leider habe ich Ihre Karriereberatung erst einige Jahre nach dem Berufseinstieg entdeckt, sodass ich mit meinem Arbeitgeber vermutlich nicht die optimale Wahl getroffen habe. Dieses Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern hat die Produktentwicklung am deutschen Stammsitz konzentriert, hier bin ich tätig. Weltweit gibt es viele Vertriebsniederlassungen, aber keine Standorte mit Entwicklungsaktivitäten.

Seit einiger Zeit hege ich den Wunsch, für eine befristete Zeit (drei bis fünf Jahre) nach Osteuropa, bevorzugt Ukraine oder Russland zu gehen. Meine Beweggründe sind: Während meiner Studienzeit habe ich die Region und die Menschen liebgewonnen und meine Frau dort kennengelernt, ich möchte die russische Sprache lernen und das damit einhergehende Karrierepotenzial nutzen.

Eine Auslandsentsendung in diese Region sehe ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber nicht. Was ist aus Ihrer Sicht ein erfolgversprechender Weg, dieses Ziel zu erreichen: einen neuen (deutschen oder russischen/ukrainischen?) Arbeitgeber mit wichtigen Standorten in dieser Region zu suchen, die sozialen Netzwerke im Internet zu bemühen oder die Unterstützung von Personalberatern zu suchen? Im Sprachgebrauch von Personalberatern: Wann ist man für „Executive Search“ interessant?

Antwort:

Kennen Sie die „Heiko-Mell-Prioritätenskala“ für Karrierebelange? Sie umfasst bis zu zehn Rangstufen wie bei solchen Skalen üblich, lässt aber – als Besonderheit – nur einen Begriff auf jeder Stufe zu (einen, ohne Kompromisse!). Das hilft enorm bei solchen Überlegungen. Die Tücke dieses Systems: Was immer Sie dabei „oben“ platzieren, es blockiert die Rangstufe und lässt dort nichts anderes mehr zu. Natürlich dürfen Sie gegen die entsprechenden Regeln verstoßen; aber glauben Sie mir, es rächt sich.

Sie bringen also jetzt Ihre Karrierebelange auf dieser Skala unter. Man fängt bei der wichtigsten, der obersten bzw. ersten Stufe an. Dort könnten Sie beispielsweise schreiben „Aufstiegsposition“ oder „Position mit interessanter fachlicher Herausforderung“. Allein Sie können es nicht, denn lt. Ihrer Einsendung ist diese alles dominierende höchste Prioritätenstufe bereits kompromisslos besetzt und zwar mit „Ort“ – „ich will an einem bestimmten Ort arbeiten“. Da Sie über den dort angestrebten Job so gut wie gar nichts schreiben, dominiert nach meiner Einschätzung dieser Begriff „Ort“ die nächsten zwei oder drei Rangstufen gleich mit und besetzt sie.

Es ist völlig gleichgültig, ob Sie in die Ukraine oder nach Posemuckel zur Schwiegermutter wollen – das zentrale Ziel ist damit belegt. Was im Sinne einer optimalen Karrieregestaltung eigentlich die zentrale Bedeutung haben sollte, kann nur noch auf den folgenden, weniger bedeutenden Plätzen kommen, bei Ihnen gefühlt auf Rangstufe 4.

Was im Durchschnitt aller Fälle (nicht zwangsläufig in jedem Einzelfall) wiederum bedeutet: Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihr zentrales Traumziel „Ort der Beschäftigung“ erreichen, dies aber klar zulasten so „unwesentlicher“ Bausteine wie „erfolgreiche Berufslaufbahn“, „jederzeit verkaufbare Werdegangdetails“ etc. Mit ein bisschen Pech stehen Sie eines Tages vor den Trümmern eines „verkorksten“ Werdeganges, den Sie aber jederzeit kommentieren können mit „immerhin war ich in der Ukraine“.

Ich weiß natürlich, was ich hier anrichte, schließlich steht der Arbeitsort auch bei anspruchsvollen Akademikern oft ganz oben auf der Wunschliste. Aber ich habe die Pflicht, Sie und die anderen Leser über die Regeln des Systems aufzuklären. Und in denen kommt nun einmal keine Dominanz des Ortswunsches vor. Sondern oben auf der Skala steht die Position, darunter kommen Details dazu, der Ort passt auf Stufe 5 oder 6 gut hin. Ich kenne alle denkbaren Gegenargumente, die ändern aber nichts am Prinzip. Wenn die Geschichte mit der so beliebten Ortspriorität so weitergeht, dann wird eines Tages noch jemand die Berufung in den VW-Vorstand ablehnen mit dem Hinweis, Wolfsburg missfalle ihm, also bliebe nur ein Nein.

Darf man denn nicht in der Ukraine arbeiten? Aber natürlich darf man – auf zwei verschiedenen Wegen:

  1. a) Sie setzen, was unbedingt Ihr gutes Recht ist, Ihren Wunschort oben auf die Prioritätenliste – und nehmen alles klaglos hin, was sich im Werdegangbereich daraus an Nachteilen ergibt. Wir sind ein freies Land.
  2. b) Ideal und regelgerecht ist es, auf die Nummern eins bis drei Details zu Position, Aufgabe und Unternehmen unterzubringen (z. B. wäre „Führung“ ein interessantes Ziel), dann den jeweiligen Arbeitgeber glücklich zu machen, aufgeschlossen zu sein für dessen Belange und dann nach Alaska oder in die Ukraine zu gehen, wenn sich das aus einer betrieblichen Notwendigkeit ergibt.

Am Ende eines erfolgreichen Berufsweges könnten Sie dann feststellen, dass Sie wesentliche Erfolgsbausteine in Ihrem Werdegang erreicht, aber z. B. nie in Russland gearbeitet haben. Aus meiner Sicht ist das besser als die umgekehrte Variante.

Konkret: Mein – sicher begrenzt willkommener – Rat lautet: Ändern Sie Ihre Zielsetzung, ordnen Sie Ihre Prioritäten neu.

Zur Vorsicht weise ich darauf hin, dass dies hier eine „Karriereberatung“ ist, kein Reisebüro. Sie können auch nicht in ein Fahrradgeschäft gehen und sich ärgern, dass Sie dort kein Smartphone bekommen.

Falls Sie es dennoch tun (den Ort auf Nummer eins setzen): Sie brauchen einen hiesigen Arbeitgeber, der einen Mitarbeiter mit Ihrer Qualifikation konkret für den Einsatz am Wunschort sucht. Durchforsten Sie Stellenanzeigen, aktivieren Sie Ihre Netzwerke, schreiben Sie Initiativbewerbungen an Firmen mit entsprechenden regionalen Aktivitäten. Der auch mögliche Schritt einer Direktanstellung bei einem ukrainischen Arbeitgeber zu den örtlichen Bedingungen jedoch wäre extrem radikal und sehr gewagt!

Und was den „Executive Search“ von Beratern angeht: Das soll Kunden ansprechen, nicht Bewerber abschrecken. Also schreiben Sie ruhig auch dort hin.

Service für Querleser:

In einer Karriereberatung darf, ja muss darauf hingewiesen werden, dass für einen Bewerber die angestrebte Position mit all ihren Details den höheren Stellenwert gegenüber dem Wunschort haben sollte. Oder: Das Hochziehen des Wunschortes auf der Prioritätenliste geht zu Lasten der Qualität der gefundenen Position.

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Frage-Nr.: 3.064
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-06-03

Von Heiko Mell

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