Heiko Mell

Wie finde ich meinen Beruf?

Frage/1

Zunächst vielen Dank für Ihre wertvollen Tipps, durch die ich bereits vieles über das Arbeitsleben lernen konnte, noch bevor ich überhaupt selbst in dieses eintrete.

Ich bin bald mit meinem Master in technischer BWL fertig und daher nun am Überlegen, wie es für mich danach weitergehen soll.

Antwort/1

Da mir bereits ein erster Blick auf Ihre Mail zeigt, dass Sie, geehrte Einsenderin, hier eines der für den Berater schwierigsten Probleme aus dem Gesamtkomplex „Berufsleben“ zur Diskussion stellen, nutze ich jede Chance, Ihnen wenigstens in Kleinigkeiten wirksam helfen zu können (meinen speziellen Charme auf diesem Gebiet kennen Sie ja schon, siehe oben):

Die Formulierung „ich bin am Überlegen“ ist in der deutschen Sprache nicht vorgesehen, sie klingt scheußlich – auch wenn man meinen könnte, sie sei aus dem Englischen entlehnt (was vermutlich nicht stimmt, denn z. B. hier im Rheinland benutzt man sie schon seit „ewigen Zeiten“ – was die Sache keineswegs besser macht). Wenn man schon so spricht, ist das schlimm genug, in der Schriftsprache blamiert diese Wendung den Verfasser. Falls es Zweifel gibt, was korrekt wäre: „Ich überlege“ oder, ganz speziell, „ich überlege gerade“. Da Sie demnächst Bewerbungen schreiben werden, sollte man diesen möglichen Fehler schon einmal eliminieren.

Frage/2

Während des Studiums hatte ich zwar verschiedene Jobs, allerdings war nichts dabei, was ich jetzt „hauptberuflich“ weitermachen kann oder möchte. Da dieses Problem sehr viele meiner Kommilitonen betrifft, wäre ich besonders dankbar, wenn Sie meine Frage abdrucken könnten.

Am liebsten würde ich erst einmal verschiedene Tätigkeiten, Arbeitgeber und Arbeitsmodelle (angestellt oder selbstständig) ausprobieren, da ich noch überhaupt nicht weiß, was mir liegt und Spaß macht. Aus der jetzigen Position heraus kann ich mir erst einmal noch gar nicht vorstellen, jeden Tag acht Stunden im Büro zu verbringen, aber das kommt vermutlich mit dem ersten „richtigen“ Job?

Die Frage, die mich umtreibt, ist, wie ich Verschiedenes ausprobieren kann, ohne einen brüchigen Lebenslauf zu bekommen (mit vielen Wechseln in kurzer Zeit). Oder ist es eventuell gar kein so großer Nachteil, zu Beginn des Berufslebens mehrere Arbeitgeber und Tätigkeiten auszuprobieren? Sind manche Branchen offener und toleranter als andere, zum Beispiel im Gründerbereich?

Antwort/2

Sie haben ein Problem, das erkenne ich an. Nun dient diese Serie, wie man sich denken kann, mehr der Information und auch der Unterhaltung eines möglichst großen Leserkreises – und der Abschreckung möglicher Nachahmer – als der detaillierten Hilfestellung nur für einen einzelnen Fragesteller. Wenn ich also Ihnen auch vielleicht gar nicht helfen kann, so liefere ich doch eventuell solchen Familien wertvolle Denkanstöße, deren Töchter und Söhne sich gerade in einer derartigen Entscheidungsphase befinden.

Auch dieses Thema besteht aus verschiedenen „Mosaiksteinchen“, die zusammen ein Bild ergeben:

  1. Das Problem besteht, weil Sie Ihre „Hausaufgaben“ nicht gemacht haben, warum auch immer. Diese Aufgaben sind:

1.1 Bis zum Abitur muss der junge Mensch seine Studienrichtung festlegen. Dazu sind große Anstrengungen zu unternehmen. „Ich weiß nicht“ oder „mir fällt nichts ein“ ist inakzeptabel. Mit großer Energie sind Eltern, Verwandte oder Bekannte „auszuhorchen“ (meist zu den Besonderheiten ihrer eigenen Berufstätigkeit), ist die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch zu nehmen, ist der Wirtschaftsteil einer Tageszeitung zu durchforsten, ist im Internet zu recherchieren.

Zweifachen Nutzen bietet auch ein intensives Studium der frei zugänglichen Internet-Stellenbörsen: Allein schon das Durchblättern der dort veröffentlichten Stellenanzeigen gibt Anregungen und zeigt, was es überhaupt für Berufe gibt, wobei die dafür erforderliche Studienrichtung auch gleich angegeben wird. Fast noch wichtiger ist jedoch dieser Aspekt: Man sieht sofort, ob für die eventuell ins Auge gefasste Fachrichtung denn auch ein „Markt“ existiert, also ob jemand später überhaupt derartig ausgebildete Menschen zur Anstellung sucht – denn eine solche wird man in der Regel brauchen.

Dazu gehört auch, dass man sich über seine Stärken und vor allem Schwächen absolut im Klaren ist (Maßstab sind die anderen Abiturienten; jeder kann irgendetwas besser als die Masse der anderen – und wenn es das Züchten von Schafen in Neuseeland ist).

Das Interesse an einer Fachrichtung ist ein Teil der Lösung, die Begabung dafür ein wichtiger anderer. Das Studium muss dem Kandidaten nicht unbedingt „großen Spaß“ machen – es ist nur eine vorübergehende kurze Phase. Der künftige Arzt soll gern und gut Patienten heilen, nicht unbedingt gern Medizin studieren. Da muss man durch, dann ist das vorbei, und die viel längere Phase der Berufstätigkeit beginnt. Oft hat ein Studium ohnehin wenig mit der späteren Berufsausübung zu tun.

Damit man sieht, wie ernst es mir mit diesem Teil der „Hausaufgaben“ ist: Wenn der junge Mensch dann schließlich trotz guten Willens überhaupt nicht „zu Potte kommt“, rate ich z. B. gern zu einem Jahr als Au-pair in Frankreich oder England oder etwa zum Freiwilligen sozialen Jahr oder zur Bundeswehr. Das Prinzip: hinaus aus dem Entscheidungsdruck, völlig neue Eindrücke gewinnen, ganz anders „gestrickte“ Menschen kennenlernen. Sehr oft (!) ist danach plötzlich der Weg, der nun gegangen werden soll, ziemlich klar definiert.

Aber wer kein dickes Fell hat, sei vorsichtig mit solchen Empfehlungen: Der letzte Vater, der meine Hilfe in dieser Frage suchte und dessen sehr begabte (die tun sich besonders schwer damit) Tochter ich für ein Jahr nach Frankreich empfahl, hat sich nicht einmal mehr für den – in seinem Fall sogar kostenlosen – Rat bedankt.

1.2 Der zweite Teil dieser Hausaufgaben fällt während des Studiums an und besteht in der Auswahl möglicher späterer beruflicher Tätigkeiten auf der Basis des Studiums. Hier gilt, was schon unter 1.1 galt: insbesondere die Internet-Stellenbörsen sind eine sehr gute Informationsquelle. Praktika sind besonders geeignet, um spätere Einsatzgebiete (inkl. verschiedener Unternehmenstypen) ins Herz oder auszuschließen.

  1. Wer generell bei einmal getroffenen Entscheidungen bleiben kann, ist im Vorteil. Korrekturen bei der Studienrichtung sind möglich (besser nach zwei als nach acht Semestern), kosten aber Zeit. Korrekturen bei der späteren beruflichen Ausrichtung sind schon schwieriger, aber in den ersten Jahren immer noch möglich.
  2. Nein, spätere Arbeitgeber mögen keine Bewerber, die erst einmal viele verschiedene Wege ausprobieren. Sie müssen ja befürchten, auch selbst wieder nur Partner eines unentschlossenen, immer noch „suchenden“ Bewerbers zu werden. Und Sie müssen wissen: Für ein Unternehmen lohnen sich Beschäftigungszeiten neuer Mitarbeiter von unter zwei Jahren nicht, das sind nur teure Fehlschläge.
  3. Als Trost: Nur ganz selten wird ein aktiver, offener und für Veränderungen aufgeschlossener, beruflich tüchtiger Mensch in jener Anstellung pensioniert, in der er seinen Berufsweg begonnen hatte.
  4. Es gibt Menschen, die sind überhaupt entscheidungsschwach. Und wenn sie sich dann endlich einmal festgelegt haben (weil es sein musste), zweifeln sie noch jahrelang die eigene Entscheidung an („Hätte ich nicht vielleicht doch die andere Variante nehmen sollen?“). Warum sollten Menschen dieses Typs ausgerechnet bei der Berufswahl von ihrem Schema abrücken? Sie werden damit leben müssen.
  5. Der Mensch verändert sich, seine ganze Persönlichkeit macht Entwicklungsstufen durch, er wächst mit seinen Aufgaben. Auch seine Maßstäbe, Vorlieben und Abneigungen ändern sich: Aus manchem steinewerfenden Berufsdemonstranten von 1968 ist später ein Mensch mit „unauffälliger“, z. T. sogar überzeugender Berufsausübung geworden. Viele Erwachsene sind recht zufrieden mit etwas, das in ihrer Jugend völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft gelegen hätte.

Und: Oft kommt der Appetit beim Essen – man gewöhnt sich ein.

Auch gilt: Was Millionen von Menschen problemlos akzeptieren, kann eigentlich nicht pauschal unzumutbar sein. Wer diesem Standard nicht entsprechen will, darf seinen eigenen Weg gehen – sollte dann aber auch wissen, worin der besteht. Wer sich „nicht vorstellen kann, acht Stunden täglich im Büro zu sitzen“, sollte wissen, was er stattdessen will, z. B. als Förster viel an der frischen Luft arbeiten wollen.

  1. Sie, geehrte Einsenderin, könnten z. B. wegen nicht ordentlich gemachter Hausaufgaben vor dem Abitur ein für Sie völlig falsches Studium gewählt haben. Vielleicht wären „vergleichende Theaterwissenschaften“ eine Lösung gewesen oder „etwas mit Umwelt und Menschen“. Das lässt sich aber von außen, also hier von meiner Seite aus, nicht präzisieren.
  2. Der Beruf soll Freude machen, gern und gut ausgeübt werden. Er soll der eigenen Begabung entsprechen – und er soll den Berufstätigen nähren und kleiden. Von „Spaß haben“ steht nirgendwo etwas. Beruf ist eine erfüllende, vielfach recht ernste Sache, für den Spaß gibt es Freizeit und Hobbys.
  3. Arbeitgeber sind generell nicht darauf eingestellt, Bewerbern dabei zu helfen, erst einmal herauszufinden, was diese überhaupt wollen. Sie erwarten, dass jener Prozess beim Kandidaten schon recht weit fortgeschritten ist. Oder anders: Die Festlegung der eigenen beruflichen Richtung durch den Bewerber ist eine Art „Bringschuld“ des Bewerbers.
  4. Ich kann Ihnen keine Branche oder keinen Firmentyp empfehlen, der besonders für Unentschlossene oder für Bewerber mit Selbstfindungsproblemen geeignet wäre; alle denkbaren Varianten haben ihre spezifischen Besonderheiten – und ihre speziellen Tücken für Menschen mit Ihrem Problem.
  5. Wenn Sie auf einem Rat von mir bestehen: Sofern Sie selbst keine sich Ihnen aufdrängende Lösung für Ihren optimalen beruflichen Einsatz finden, suchen Sie nicht krampfhaft eine „exotische“ Lösung. Wenn die sich nämlich als falsch erweist, haben Sie auf dem Markt ein Akzeptanzproblem. Dann empfehle ich Ihnen lieber: Gehen Sie den Standardweg, den die meisten jungen Menschen gehen und der sich für diese als akzeptabel erwiesen hat. Beginnen Sie also Ihren Berufsweg in einem renommierten, eher größeren Unternehmen, in dem viele Vertreter Ihrer Ausbildungsrichtung beschäftigt sind. Und das halten Sie dann zwei Jahre durch, komme was da wolle. Dann haben Sie sich entweder eingewöhnt (wie all die anderen) oder Sie können aus dem, was Sie dann als „für mich nicht akzeptabel“ reklamieren, wenigstens ableiten, was stattdessen Ihr Weg werden könnte.
  6. Was unbedingt noch gesagt werden muss, falls sie es noch nicht selbst so eingestuft haben: Sie haben ein pures Luxusproblem! Es ist als stünden Sie mit Ihrem Teller vor einem überreich gefüllten kalten Buffet und könnten sich nicht zwischen all den angebotenen Köstlichkeiten entscheiden.

Wir haben freie Berufswahl, keine staatliche oder – schlimmer noch – Parteiinstitution übt Druck auf Sie aus, wir leben in einem recht ausgeprägten allgemeinen Wohlstand, es herrscht Hochkonjunktur auch auf dem Arbeitsmarkt, das Internet mit seinen einmaligen Informationsangeboten und Recherchemöglichkeiten steht Ihnen zur Verfügung – jetzt müssen Sie nur noch herausfinden, was Sie eigentlich wollen. Das ist nicht zu viel verlangt und eigentlich nur ein Minimum an allgemeiner Lebenstüchtigkeit.

Service für Querleser:

Wer in eigener Sache eine wichtige Entscheidung treffen muss, sollte nicht jammern, wenn sich ihm viele verschiedene Wege anbieten: Millionen von Menschen haben eine solche Chance nie gehabt, sie träumen höchstens von einem derartigen Luxusproblem.

Die überall frei zugänglichen Stellenanzeigen können sehr hilfreich auch für die Studien- und Berufswahl sein: Man sieht auf einen Blick, welche Jobs es überhaupt gibt, was dort zu tun ist und was man dafür an Voraussetzungen mitbringen muss.

Frage-Nr.: 2.946
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-05-11

Von Heiko Mell

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