Heiko Mell

Verloren in der Karriereplanung

Heiko Mell

Frage 1:

Nun hat das echte Berufsleben angefangen und ich fühle mich erstmals seit langer Zeit etwas verloren. Daher hoffe ich auf Ihren Rat, denn ich möchte meine Karriere nicht aus einer zu wenig bedachten Entscheidung heraus zerstören, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.

Eine Einschätzung, wie ich meinen bisherigen Werdegang sehe:

  1. Nach Wiederholung der 8. Klasse Abitur mit 2,8;
  2. aus Planlosigkeit Zivildienst (noch mehr Zeit verloren);
  3. Ausbildung zum Bankkaufmann aus Interesse (2,7);
  4. Bachelorstudium Wirtschaftsingenieur aufgrund von Interesse für Technik und Wirtschaft (Schwerpunkte Produktionstechnik und Qualitätsmanagement; 1,5; Jahrgangsbester);
  5. anschließend Masterstudium Wirtschaftsingenieurwesen in … (Originalzitat: „Mein Masterstudium habe ich am 19.09.19 mit dem Kolloquium beendet“; das ist eine noch etwas ungebräuchliche Kombination von Vergangenheitsformulierung und Zukunftsbetrachtung, geschrieben am 20.10.18; H. Mell); Durchschnittsnote 1,4;
  6. während des Masterstudiums Werkstudententätigkeit im Qualitätsbereich im heimatnahen Werk eines Kfz-OEMs für neun Monate;
  7. vor knapp acht Wochen habe ich kurz vor Vollendung meines 30. Lebensjahres meine jetzige Stelle als Junior-Referent Qualität im Kundendienst sowie im Ersatzteilwesen bei einem der attraktivsten Arbeitgeber meiner Heimatregion angetreten (in dem Kfz-Werk des OEMs gab es kaum Perspektiven für externe Berufseinsteiger).

Als Hintergrundinformation: Nach Tätigkeiten als Hilfskraft, Praktikant etc. und entsprechenden Studieninhalten habe ich großes Interesse an Themen des Qualitätswesens entwickelt. Projekte zur Prozessoptimierung machen mir großen Spaß. Ebenso das Arbeiten an Schnittstellen, Feststellen von Schwachpunkten, Anforderungsanalysen und die Entwicklung von Verbesserungsmaßnahmen.

Aus Mangel an Auslandsaufenthalten und wegen meines recht hohen Startalters (30) hatte ich mich nicht für Trainee-Stellen beworben. Mein Ziel ist es dennoch, als Führungskraft Karriere zu machen. Mehr noch, ich strebe mittel- bis langfristig eine Geschäftsführung im Mittelstand an. Eine Bereichs- oder Standortleitung im mittleren Konzern wäre für mich auch sehr erstrebenswert.

Meine Stärken liegen im schnellen Erkennen von Handlungsoptionen, einem recht guten Gedächtnis sowie einer Portion Empathie. Meine größte Schwäche ist sicher, dass ich mich bei sich wiederholenden Aufgaben schnell langweile. 

Antwort 1:

Nein, liebe Leser, ich bin auch hier ziemlich sicher, dass dies wieder einmal kein Versuch ist, mich auf den Arm zu nehmen. So etwas gibt es im praktischen Leben alles irgendwie tatsächlich. Dabei kommt das eigentliche Problem ja überhaupt erst noch im späteren Frageteil. Aber ich muss die Basis bis hier her erst einmal aufarbeiten, sonst verliere ich die Übersicht.

In der bisherigen Schilderung stecken mindestens folgende unglücklich gelaufene Lebensabschnitte, Fehler, Merkwürdigkeiten und sonstige Nachteile:

  1. Wer „hinten“ den Uni-Master mit 1,4 macht, den davorliegenden Bachelor als Jahrgangsbester abschließt, muss schon einige geistige Fähigkeiten haben. Wer nun diese hat, vermeide ein sehr schwaches Abitur und ein Sitzenbleiben vor demselben. Es ist besser, hinterher sagen zu können, man sei praktisch stets (!) recht gut, wo immer man hingestellt werde. Gerade diese Fähigkeit motiviert später Arbeitgeber, jemanden „auf Verdacht“ für anspruchsvolle Jobs einzustellen, in denen er noch nie tätig gewesen ist.
  2. Man kann zwar schwache Leistungen bis 20 und ein viel zu hohes Lebensalter beim Absolvieren landesüblicher Ausbildungsschritte mit Top-Zielen im beruflichen Bereich kombinieren, aber es wirkt irgendwie nicht überzeugend.
  3. Eine Haustür ist vor allem Tür, weniger Haus. Das ist bei zusammengesetzten Begriffen so. Auch ein Oberinspektor ist mehr Inspektor als Ober. Also ist ein Wirtschaftsingenieur vor allem Ingenieur – der Bankkaufmann passt nicht optimal dazu, wenn er auch nicht direkt schadet. Aber zum Studienschwerpunkt Produktionstechnik und zum industriellen Qualitätswesen passt er nicht.
  4. Das Qualitätswesen ist ein anspruchsvoller betrieblicher Tätigkeitsbereich, keine Frage. Aber, wenn dort Ihre Interessen liegen, warum taucht „QM“ nicht beim Thema der Masterarbeit auf?
  5. Dass Sie gern konzeptionell arbeiten, ist für einen Uni-Master mit 1,4 absolut „normal“ – nur der jetzt gefundene Job passt dazu nicht.
  6. Und: Zum elitären Berufsziel „Geschäftsführer im Mittelstand“ passt die QM-Laufbahn kaum bis gar nicht. Der Vertriebs-, der Entwicklungs- und auch noch der Produktions-/Werkleiter können im Mittelstand Geschäftsführer werden. Über QM führt der Berufsweg eher nicht dorthin.
  7. Ein hohes Eintrittsalter ins Berufsleben und elitäre Karriereziele passen grundsätzlich schlecht zueinander. Der Anspruch, zur Elite zu gehören, bedeutet auch: „Was immer zu tun ist, mache ich in der Regel besser und schneller als andere.“ Selbst das wäre immer noch kein Beweis, sondern eher eine Art Mindestvoraussetzung.

Und bei der Gelegenheit muss ich auch das einmal loswerden: Karriere ist immer auch der Sieg vor diversen Wettbewerbern. Mal muss man diverse Mitschüler hinter sich lassen, später Kommilitonen, dann Mitbewerber und Kollegen. Sie, geehrter Einsender, rühmen sich im Lebenslauf einer mehr als zehnjährigen Erfahrung als Fußballtrainer. Was sagen Sie denn einem jungen Anfänger, der offenbar Talent hat und von der Bundesliga träumt? Ich vermute: „Gib von Anfang an dein Bestes, wenn du hoch hinaus willst.“

Frage 2:

Im Moment habe ich Selbstzweifel wie noch nie. Seit Beginn des Studiums lief alles wie geplant. Nach erfolgreichen Bewerbungen hatte ich Jobangebote von namhaften Großfirmen und diversen kleinen Beratungen.

Die Entscheidung für meinen jetzigen Arbeitgeber fiel aufgrund des Versprechens des Unternehmens, einen Entwicklungsplan zu erstellen. Ich habe auch eine Klausel im Vertrag, die mich nach ca. einem Jahr vom „Junior“-Prefix befreit und eine Tarifgruppe nach oben stuft. Es wurde auch von Trainings/Schulungen und Weiter-Qualifikation gesprochen. Der Gruppenleiter, der mich eingestellt hat, ist in Elternzeit. Der neue Gruppenleiter (mein Vorgänger) kennt die Inhalte jener Gespräche nicht. Er kennt auch meinen Lebenslauf nicht. In meinem Team habe ich als einzige Person einen Masterabschluss von einer Universität.

Meine im Studium erbrachten Leistungen sind mit denen der anderen im 20-köpfigen Team kaum zu vergleichen. Unterm Strich, so glaube ich, bin ich für das Unternehmen ein recht ordentlicher Fang. 

Antwort 2:

Die Formulierung mit dem „Fang“ ist originell.

Sie sind, geehrter Einsender, mit diesen bisher zu lesenden Betrachtungen und Vergleichen auf einem gefährlichen Weg: Sie waren mit fast 30 Jahren mit dem Studium fertig, 25 Jahre wären ein durchschnittlicher Wert. Schön, Ihre Note ist vorzeigbar. Aber wenn ich unter „Ausbildung“ alles zwischen Schulbeginn und Master bewerten sollte, käme gerade ein „na ja“ heraus. Jedenfalls nichts, das zur Überheblichkeit gegenüber zwanzig Teamkollegen berechtigen würde.

Übrigens: Gerade das etwas schwächer gebildete „Volk“ hat einen ausgeprägten sechsten Sinn für eventuelle Überlegenheitsgefühle von einzelnen Kollegen, seien Sie also bitte sehr vorsichtig. Sonst muss ich mich demnächst mit einem „unerklärlichen“ Mobbing-Fall herumschlagen.

Zwei Aspekte sind in dem Zusammenhang zu sehen:

  1. a) Wenn es Sie stört, dass Sie den einzigen Uni-Master-Abschluss in Ihrem Team haben, dann hätten Sie im Vorstellungsprozess nach dem „typischen Ausbildungsabschluss“ der künftigen Kollegen fragen müssen. Ich empfehle das keineswegs pauschal, aber möglich wäre eine solche Frage gewesen.
  2. b) Bei Berufsanfängern sind Details zum Studium (Hochschule, Noten, Dauer etc.) als Basis für die Entscheidung über eine Einstellung schon wichtig. Ab dem ersten Tag der Tätigkeit jedoch fällt die Bedeutung dieser Aspekte sehr schnell gegen Null. An ihre Stelle treten Fragen wie „Einordnung ins Team“, „Vorgehen bei der täglichen Arbeit“, „Interesse und Einsatz“, „übrige Persönlichkeitsaspekte“ und vor allem „erzielte Ergebnisse bei der Arbeit“. Schon nach Wochen ist der Glanz eines guten Studienabschlusses dahin. Es zählt praktisch nur noch die tägliche Bewährung im Alltagsgeschäft.

Um Ihre Wortwahl zu übernehmen: Ein guter Fang für ein Unternehmen ist ein neuer Mitarbeiter, der schon bald in Sachen „Arbeitsmerkmale „ und „Persönlichkeitselemente“ überdurchschnittliche Bewertungen erzielt. Was früher war, ergibt eine Art „Eintrittskarte“ in das Unternehmen, die Sie beim Einstieg abgeben müssen. Aber als Teammitglied mit dem besten oder hochwertigsten Examen ist man eines Tages nur noch eine eher tragische Figur, wenn nicht entsprechende berufliche Fortschritte nachfolgen.

Frage 3:

Mein Berufsalltag besteht nun aber zu 90% aus der Bearbeitung von Reklamationen. Die Fälle sind teilweise durchaus anspruchsvoll, und ich kann noch nicht von mir behaupten, sämtliche Fälle ohne Hilfe perfekt und schneller als die geübten Sachbearbeiter erledigen zu können. Spaß habe ich aber nicht daran. Erstmals seit meiner Zeit bei der Bank schaue ich bei der Arbeit auf die Uhr und hoffe auf Feierabend. Die Perspektive, diese Tätigkeiten für einige Jahre auszuführen, lässt mich zweifeln. Komme ich wieder zu strategischen Themen, Projektarbeit? Hier im Aftersales hat QM nichts mit Lean, Six-Sigma, Prozessoptimierung, Digitalisierung oder Ähnlichem zu tun. Genau solche Themen wollte ich aber bearbeiten.

Mein Studium war offiziell erst vor gut vier Wochen abgeschlossen. Wenn ich mich jetzt umorientiere, könnte ich ohne große Lücke im Lebenslauf noch den Kurs korrigieren. Sogar ein Verschweigen der jetzigen Anstellung wäre noch möglich.

Wäre das verfrüht? Schätze ich meine Situation falsch ein? Die nächsten Monate wird es keine Weiterentwicklung für mich geben. Anfangs wurde kurzfristig eine Qualifikation zum externen Auditor in Aussicht gestellt, jetzt aber gibt es keine konkreten Pläne dazu mehr.

Ich habe mich auch anderweitig beworben und wäre auch bereit zu gehen. Jetzt oder in einigen Monaten könnte ich mich aber auch intern bewerben.

Meine Partnerin ist ebenfalls auf Jobsuche im hiesigen Raum, damit wir wieder zusammen wohnen können.

Wie beurteilen Sie meine Situation? Was würden Sie mir raten?

Antwort 3:

  1. a) Bekannt ist ein „Praxisschock“, der viele Einsteiger nach der ganzen theoretischen Ausbildung bei der ersten Berührung mit der häufig so „banalen“ Praxis trifft. Da muss man einfach durch.
  2. b) Man soll das, was man so beruflich tut, gern und engagiert tun. Das ist zum sehr großen Teil eine Frage der eigenen inneren Einstellung dazu!

Ein irgendwie verbrieftes Recht, sehr viel „Spaß“ am beruflichen Tun zu haben, gibt es nicht. Auch in Ihrem Arbeitsvertrag wird nichts davon stehen.

Ihre erste Anstellung soll: Sie nähren und kleiden, Ihren Werdegang in einem für Sie interessanten Fachgebiet starten lassen; Ihren Lebenslauf mit einem möglichst namhaften, möglichst bedeutenden Unternehmen verbinden, was späteren externen Bewerbungen Schubkraft verleiht; Ihnen ein solides Maß an individueller Zufriedenheit schenken. Die ersten Anforderungen sind erfüllt, die letzte können Sie beeinflussen (indem Sie Ihre Anforderungen variieren).

  1. c) Sie könnten tatsächlich jetzt noch schnell extern wechseln und diese kurze Phase später „unter den Tisch fallen lassen“. Das ist, darauf muss ich hinweisen, ein bisschen Betrug (mit dem entsprechenden Risiko).Sie wären aber bei all den oben genannten Problemen, die Sie schon mit sich herumtragen, bei der ersten Schwierigkeit im praktischen Berufsleben davongelaufen. So etwas prägt – und die Wiederholungsgefahr ist sehr groß! Außerdem garantiert niemand, dass Sie beim nächsten Versuch glücklicher werden. Dort würden sicher neue Probleme auf Sie warten. Die könnten auch größer sein als Ihre heute.
  2. d) Ein Kompromiss bedeutet stets, auf Maximalforderungen zu verzichten. Ein Topjob und die Freundin am selben Ort sind Maximalvorstellungen. Bedenken Sie, dass Sie extrem hohe berufliche Ziele (Geschäftsführer) haben. Das bedeutet, dass der Faktor „Beruf“ auf Ihrer Prioritätenskala auf Nr. 1 steht (lt. Mell soll pro Rangplatz auf dieser Skala nur ein Begriff stehen).
  3. e) Als Empfehlung: Ich würde mir das Nahziel setzen, in den nächsten zwei bis drei Jahren zu den besten Q-Leuten in Ihrem heutigen Team zu gehören (im Urteil der Vorgesetzten!), in der Zeit alles an Q-Weiterbildung mitzunehmen, was zu haben ist und danach den internen Wechsel in die Q-Abteilung der Unternehmenszentrale zu realisieren. Weglaufen sollte keine Option sein.

 

Frage-Nr.: 2.984
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49-50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-12-7

Von Heiko Mell

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