Heiko Mell

Arbeiten über die Rente hinaus

Frage:

Nach über vierzig Jahren im technischen Vertrieb für erklärungs- und beratungsbedürftige Produkte mit Umsatzverantwortung hatte ich vor mehr als zwei Jahren die Grenze für die Altersrente erreicht, aber es war weit und breit kein Nachfolger in Sicht. Bemühungen des Personalbüros waren bisher ohne Erfolg. Jedes Mal fragte man mich, ob ich nicht noch ein Jahr verlängern würde – ich habe zugestimmt.

Was kann man in einem solchen Fall vom Arbeitgeber erwarten?

  1. Muss in meinem Fall der Arbeitsvertrag schriftlich verlängert werden? Bisher lief das auf mein mündliches „Ja“ einfach so weiter.
  2. Ist es üblich, für diese Zeit ein höheres Gehalt auszuhandeln oder ist gar eine Gehaltskürzung zu erwarten?
  3. Was geschieht eigentlich nach meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen mit den vielen von mir aufgebauten und ständig gepflegten Kundenkontakten? Geht dieses „Kapital“ ohne Abfindung in den Besitz des Unternehmens?

Antwort:

Sie wissen, dass dies keine Rechtsberatung sein darf und auch nicht kann. Daher hier eine eher grundsätzliche Antwort, bei weitergehendem Interesse müssten Sie je nach Sachlage einen Anwalt, einen Renten- und einen Steuerberater konsultieren, um ganz sicher zu gehen. Aus meiner Sicht sieht das so aus:

Zu 1.: Sie sollten immer auf der Basis eines gültigen schriftlichen Arbeitsvertrages tätig sein. Häufig steht im Standardvertrag, dass er „automatisch“ bei Erreichung des Rentenalters endet. Dann brauchten Sie dringend einen neuen. Fehlt diese Klausel bei Ihnen, dann läuft Ihr alter Vertrag einfach weiter bis eine Seite kündigt.

Zu 2.: Es kommt ja auch sehr auf die Interessen Ihres Arbeitgebers an. Und der will ganz offensichtlich, dass Sie einfach weitermachen und zwar zu den alten Bedingungen. Das scheint auch aus der Sicht des Außenstehenden logisch zu sein. Natürlich könnten Sie nach einer Gehaltserhöhung (in moderater Höhe) fragen, schließlich tun Sie dem Arbeitgeber einen besonderen Gefallen. Aber übertreiben Sie es nicht, der Vorwurf „Jetzt erpresst er uns, weil er weiß, dass wir keinen Nachfolger haben“ ist schnell erhoben.

Zu 3.: Das ist eine sehr originelle Frage!

Alle Ihre beruflichen Kontakte haben Sie im Auftrag Ihres Arbeitgebers und gegen Bezahlung durch ihn geknüpft und ausgebaut. Sie „gehören“ dem Arbeitgeber bereits heute. Er kann verlangen, dass Sie einen Nachfolger (den es bei Ihnen noch nicht gibt) dort einführen oder dass Sie alle Kontakte mit diversen Daten schriftlich für einen Nachfolger festhalten und hinterlassen.

Ich sage es einmal so (ganz pragmatisch): Ihnen „gehört“ von den Kontakten eigentlich gar nichts – Sie haben sie aber! Würden Sie jetzt zum Wettbewerb wechseln, dann würden Sie natürlich – davon geht jeder aus – alle diese Kunden von Ihrem neuen Unternehmen aus wieder ansprechen. Manche davon blieben dem alten Arbeitgeber treu, manche wechselten zum neuen, kämen also wieder zu Ihnen. Das ist übliches Geschäftsgebaren.

Aber Ihre Idee mit der Abfindung für das, was Sie in den vergangenen Jahren „gegen Geld“ für Ihren Arbeitgeber aufgebaut haben, ist absolut unrealistisch. Ihre Leistungen in der Vergangenheit sind mit den Gehältern in dieser Zeit abgegolten!

 

Service für Querleser:

Wenn der Arbeitgeber Sie bittet, über das Renteneintrittsalter hinaus weiter für ihn zu arbeiten, müssen Sie selbst entscheiden ob Sie das zu den angebotenen Konditionen (die auch die alten sein können) wollen. In jedem Fall sollten Sie nur mit gültigem Arbeitsvertrag tätig sein.

Alles, was der Angestellte (der ja dafür bezahlt wird) während seiner Tätigkeit für das Unternehmen erarbeitet, gehört“ dem Arbeitgeber. Nur sein Gedächtnis oder erworbene Erfahrungen nimmt der Mitarbeiter beim Ausscheiden immer mit. „Meist sind sogar in diesem Zusammenhang gemachte persönliche Aufzeichnungen beim Ausscheiden zu übergeben (z.B. Namen und Kontaktdaten der Kunden).

 

Frage-Nr.: 3.044
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-11-15

Von Heiko Mell

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