Heiko Mell

Steht „promoviert“ für „abgekocht“?

Frage/1:

Leider bin ich erst im Beruf auf Ihre Karriereberatung gestoßen. Sonst hätte ich mit Sicherheit früher geschrieben. Heute genieße ich die kurzen Artikel bei einer Tasse Kaffee – vielen Dank für die Unterhaltung.

Ich habe den Bachelor und den Master eines Ingenieurstudienganges an einer der TU9 mit guten 1,x-Schnitten abgeschlossen. Mein Studienverlauf ist gekennzeichnet von mehreren Auslandssemestern, Industriepraktika im Ausland und langen Reisen vor dem Studium und als eine Art Gap Year zwischen Bachelor und Master.

Im Anschluss an das Studium dachte ich sowohl an eine Promotion als auch an einen Einstieg in die Industrie. Eine Promotion an derselben Uni kam für mich nicht in Frage – obwohl ich die Stadt liebte, konnte ich mir nicht vorstellen, noch einmal drei bis fünf Jahre im gleichen Sumpf immer wieder derselben Uni und ihrer Fachgebiete zu bleiben.

Auf Bewerbungen bei zwei europäischen Top-Unis habe ich letztlich Absagen bekommen. Meine wenigen Bewerbungen in der Industrie (Fokus lag auf international angelegten Trainee-Programmen) waren durch eine hohe Erfolgsquote gekennzeichnet. So konnte ich meinen Berufseinstieg bei dem Unternehmen mit meiner Priorität eins beginnen. Dort genieße ich den Einblick in die Realität, die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen (was viele andere scheuen) und die wirklich spannende Vielseitigkeit.

Antwort/1:

Und Sie trauern der verpassten Promotion nach, wie wir noch lesen werden.

Im Interesse potenzieller Nachahmer gehe ich auch in diesem Fall auf die Ursachen Ihrer schwelenden Unzufriedenheit ein. Auch für Sie kann eine Auseinandersetzung mit den Gründen der Sie bisher nicht voll befriedigenden Entwicklung durchaus noch hilfreich sein. Ich liste Mosaiksteine auf, die zusammen ein Bild ergeben:

  1. Nach dem Abschluss mit „gutem 1,x-Schnitt“ an einer renommierten TU bietet sich eine Promotion an. Schon um später nicht dem Gefühl ausgesetzt zu sein, da wäre noch etwas gewesen, das man hätte mitnehmen können oder gar sollen. Je deutlicher der Master-Abschluss oberhalb von etwa 1,5 liegt, desto mehr gilt das. Sie könnten sonst irgendwann sagen: „Mir fehlt da etwas, das ich jetzt doch sehr vermisse“
  2. Am Beginn Ihrer Einsendung waren Sie noch erkennbar stolz auf „Ihre“ TU9. Dann scheinen die intensiven Auslandsaufenthalte Ihre Maßstäbe verschoben zu haben: Was für den Master an Uni-Qualität noch akzeptabel schien, war für den weltweit herumgekommenen jungen Mann plötzlich nur noch eine Art „Sumpf“ (?), in dem wissenschaftlich zu arbeiten für einen derart geprägten Mann nicht mehr zumutbar war. So kann man – am besten still für sich – denken, sofern man eine bessere Lösung des Promotionsproblems vorzuweisen hat. Haben Sie aber nicht. Die „europäischen Top-Unis“ haben Ihre Bewerbung nicht akzeptiert.

Vor allem der Erfolg ist ein Maßstab dafür, ob man die richtige Einstellung zu einer Aufgabe hat. Sie haben über Ihre „Heimat-Uni“ die Nase gerümpft, aber Ihr Ziel „Promotion“ anderweitig nicht erreicht. Also war das Rümpfen unangemessen.

Schön, die Promotion dauert bei Ingenieuren sehr lange. Aber im Normalfall ist die Phase doch nur eine Durchgangsstation, zu promovieren ist ja kein Beruf. Es gilt, in dieser Zeit ein Ziel zu erreichen, das etwa aus drei Teilen besteht: dem Dr.-Ing., der zu erwerbenden Fähigkeit, vertieft wissenschaftlich zu arbeiten und der Spezialisierung auf ein – hoffentlich herausforderndes, später sehr gesuchtes – enges Fachthema.

Die dafür erforderliche Zeit muss investiert werden, so wie Juristen ihr Zweites Staatsexamen und die Mediziner ihren Facharzt brauchen. Schön, wenn Ihnen auch in dieser Zeit Ihre Umgebung gefällt, aber wichtiger ist, dass Sie Ihr Ziel erreichen. Mit dem Blick darauf gilt: Da muss man durch!

Konkret: Hätten Sie sich damals nicht die Überheblichkeit geleistet, Ihre alte Uni „Sumpf“ zu nennen, wären Sie heute auf gutem Weg zu Ihrem individuellen Ziel.

Frage/2:

Vor einigen Tagen habe ich meine über die Jahre gepflegte „Bucket List“ (eine Art Wunschliste für Lebensträume; H. Mell) in der Hand gehalten. Dort steht der Dr.-Ing. drauf. Nicht wegen des Titels, sondern wegen der Erfahrung, sich eigenverantwortlich bis an die Grenzen eines aktuellen Themas zu forschen, wo vorher noch niemand war.

In der Industrie erkennt man die guten promovierten Leute nicht am Titel, sondern an der abgekochten, sehr gezielt fragenden Art.

Antwort/2:

Also auf die Idee, Dr.-Ingenieure pauschal „abgekocht“ zu nennen, wäre ich nie gekommen, das will ich auch keinesfalls unterschreiben. Ganz so schlimm kann diese Eigenschaft nicht sein – Sie streben ja auch danach, „so“ zu werden.

Aber es ist etwas dran, ich formuliere es lieber positiv: In meinen zahlreichen Vorstellungsgesprächen mit promovierten und „nur“ diplomierten Berufseinsteigern ist mir aufgefallen, dass die große Masse der promovierten Kandidaten der großen Masse der nicht promovierten Bewerber im Bereich „Persönlichkeit/Ausstrahlung“ erkennbar überlegen war. Nun ist dieser Vergleich unfair, die Dr.-Ingenieure haben für diesen Vorsprung fünf Assistentenjahre gebraucht, man hätte sie mit Ingenieuren vergleichen müssen, die fünf Jahre Industriepraxis hatten.

Frage/3:

Glauben Sie, ich sollte mich damit abfinden, am Ende meines Lebens ohne den Dr.-Ing. zu bleiben? Denken Sie, ich sollte versuchen, den Dr.-Ing.-Erwerb mit der Karriere in der Industrie zu vereinen? Ist die Promotion für mich relevant?

Antwort/3:

Sie sollten es konkret angehen – unerfüllt bleibende, eigentlich aber erfüllbar gewesene Träume sind gefährlich für Ihr „Seelenheil“. Und gemäß 1. in Antwort/1 sind Sie ein Kandidat für dieses Ziel.

Aber: Sie sind jetzt im internationalen Trainee-Programm eines – vermutlich – sehr bedeutenden Unternehmens. Unter allen Umständen müssen Sie das Programm erfolgreich abschließen und danach dort etwas „werden“. In den nächsten Jahren sollten Sie diesen Arbeitgeber keinesfalls verlassen.

Jetzt versuchen Sie bitte alles, um nebenbei auch noch zu promovieren – mit oder notfalls ohne Unterstützung des Unternehmens. Das wird hart! Aber das Leben besteht halt nicht nur aus langen Reisen vor und einem Gap Year während des Studiums. Den „Sumpf“ wollten Sie damals nicht, nun bewähren Sie sich eben auf hartem, staubigem Boden.

Frage-Nr.: 2.941
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-04-13

Von Heiko Mell

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