Heiko Mell

Selbstzweifel nach dem Bachelor

Frage/1:

Nach meinem Abitur (1,5; Leistungsfächer Mathematik und Physik) habe ich ein duales Maschinenbaustudium mit Berufsausbildung bei einem internationalen Konzern begonnen, das ich etwa in einem Jahr mit dem Bachelor abschließen werde.

Antwort/1:

Hier geht es um ein ganz anderes Thema, daher will ich einen Seitenaspekt abhaken, dann sind wir ihn los:

Wenn ein junger Mensch eine klassische Ausbildung plant und als Ausgangsbasis ein Abitur von etwa 1,5 mit den genannten Leistungskursen mitbringt, dann wird er im Regelfall keine gewerbliche Lehre zum Facharbeiter ins Auge fassen und erst dann studieren. Sondern er wird gleich in ein möglichst anspruchsvolles Studium einsteigen, um nach dem Prinzip „herausholen was drinsteckt“ sein vorhandenes Leistungspotenzial weitgehend auszuschöpfen. Sagen wir es so: Eine gewerbliche Ausbildung kann niemals schaden, aber ein 1,5er Abiturient ist dafür doch etwas falsch qualifiziert – er könnte sein Potenzial in jener Zeit, die für die Ausbildung zum Facharbeiter nun einmal gebraucht wird, noch besser nutzen.

Wenn das alles richtig ist, dann kann für jenen Beispiel-Abiturienten eine kombinierte Ausbildung, in der auch ein Facharbeiter vorkommt, nur bedingt eine Ideallösung sein.

Ich komme darauf, weil Sie in einem kurzen Zeitraum der vierte 1,x-Abiturient mit dualem Studium sind, der sich – alle auf unterschiedlichen Kanälen – an mich gewandt und vor oder kurz nach dem Examen von großer Ungewissheit, deutlichen Zweifeln oder auch einer „tiefen Leere“ gesprochen hat. Sie alle wollten auch nicht tun, was eigentlich im System, in das sie sich eingeordnet hatten, vorgesehen war: nach Studienabschluss im Ausbildungsbetrieb einen dafür vorgesehenen Job ausüben.

Also versuche ich hier, mögliche Nachahmer zu warnen und vor allem eventuelle Auch-Zweifler zu beruhigen: Diese Empfindungen sind durchaus verbreitet, sie dürften an der unter den genannten Voraussetzungen getroffenen speziellen Entscheidung für jenes Studium liegen. Natürlich muss jetzt diese Aussage folgen: Das alles spricht überhaupt nicht gegen das duale Studium, das eine sehr sinnvolle Alternative darstellt – wenn man sicher sein kann, dass das, was dabei herauskommt, zu den eigenen Ausgangsvoraussetzungen ebenso gut passt wie zu den späteren Erwartungen.

Als ausschließlich sachlich gemeinte Aussage (Themen wie diese hier sind geeignet, Emotionen zu wecken) hänge ich noch eine Erkenntnis an: Ein Abiturient mit 1,5 und „passenden“ Leistungskursen bringt alle Voraussetzungen mit, um an einer renommierten Universität ein Master-Examen mit 1,5 (± 0,5 Notenpunkte) zu erreichen. Das folgt der Regel: Wie das Abi, so der Uni-Abschluss. Das klappt nicht immer, aber überwältigend oft.

Frage/2:

Mein ausgeprägtes technisches Interesse hat sich im Studium definitiv fortgesetzt, und ich habe den eingeschlagenen Ausbildungsweg bis heute nicht bereut. Während meiner Praxisphasen im Unternehmen und in den Hochschul-Praktika sind mir jedoch erste Selbstzweifel gekommen:

Ich habe gemerkt, dass meine Kommilitonen wesentlich effizienter Aufgaben abarbeiten und sich in technische Probleme eindenken können als ich. Ich bin unsicher, ob ich den Anforderungen an Effizienz und Termintreue langfristig gerecht werden kann. Ich erreiche meistens die geforderte Qualität, jedoch mit zu großem Zeitaufwand (aus meiner Sicht).

Antwort/2:

Nehmen Sie den Vergleich mit anderen Menschen, die bei vergleichbaren Aufgabenstellungen bessere Resultate erzielen, sehr ernst! Diese Kollegen bilden den Maßstab, den spätere Vorgesetzte anlegen. Denn: einen absoluten Maßstab für solche Fälle gibt es nicht, es gibt immer nur Erfahrungs- und Vergleichswerte.

Wenn Sie also merken, dass Sie in bestimmten Anforderungskriterien hinter vielen anderen hinterherhinken, gilt spontan: Suchen Sie sofort nach späteren beruflichen Einsatzbereichen, in denen Sie diese Qualifikation möglichst nicht brauchen. Konkret: Finger weg von solchen Jobs, für die Sie nicht nur nicht begabt, sondern sogar auffallend unbegabt sind! Oder wo man Sie auf Gebieten fordert, auf denen Sie nicht einmal durchschnittlichen Anforderungen genügen.

Ich sah mich bis kurz vor dem Vorexamen im Maschinenbau als kommender Stern am Konstruktionshimmel. Dann musste ich erkennen, dass ich ein sehr schwaches räumliches Vorstellungsvermögen habe: Ich brauchte ein Mehrfaches an Zeit als andere Studenten, um komplexe technische Zeichnungen zu lesen, verirrte mich in größeren Gebäuden und betrachtete ein Ikea-Regal als abendfüllende Herausforderung. Also weg mit dem Ziel Konstruktion, Wechsel zum Wirtschaftsingenieurwesen und keine technischen Zeichnungen mehr auf meinem Tisch.

Sicher, es gibt Seminare und Kurse für alles und jedes. Und vielleicht würde ein Zeitmanagement-Lehrgang Ihr Defizit von –43 % auf –37 % verbessern – gegen Naturtalente auf dem jeweiligen Gebiet sind Sie jedoch stets chancenlos. Wer zu langsam ist, bleibt zu langsam, selbst wenn er sich absolut gesehen verbessert. Ihnen liegt am besten ein Einsatzbereich, in dem die Brillanz der Leistung zählt oder ein anderes Element, wogegen es auf Geschwindigkeit der Erbringung nicht vorrangig ankommt.

Übrigens: Um ein Gefühl für die eigenen Fähigkeiten im Vergleich zur maßgeblichen großen Masse zu bekommen, fange man mit Vergleichen spätestens in der Oberstufe der höheren Schule an und setze die Betrachtung während des Studiums, bei Praktika und Werkstudententätigkeiten fort. Stets müssen Sie wissen: Wo stehe ich im Vergleich zu anderen?

Und ja: Es gibt die bedauernswerten Mitmenschen, die wild entschlossen sind, genau jene Tätigkeiten auszuüben, für die sie nicht die geringste Begabung mitbringen. Sie können zwar ihre Talente nicht verbessern, aber ihre Ziele verändern könnten sie schon.

Bei der Gelegenheit zum Trost: Jeder kann irgendetwas so gut, dass er damit beruflich überzeugen könnte. Und wenn es das immer wieder gleiche Durchziehen von Routinetätigkeiten ist, an dem andere scheitern. Aber viele Angestellte gehen in die Rente, ohne ihre Stärke herausgefunden zu haben. Man muss halt intensiv danach suchen, dann findet man auch.

Frage/3:

Das Praxissemester hat mich frustriert. Ich habe zum ersten Mal in einem Großraumbüro mit ca. 100 Mitarbeitern gearbeitet und empfand die Arbeitsatmosphäre als sehr unpersönlich und kühl. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt und mir ist es nicht gelungen, mich in das Team richtig einzufügen. Zwar habe ich die Aufgabe, die mir gestellt worden war, mit gutem Ergebnis abgeschlossen, auch die Verantwortlichen in der Abteilung waren zufrieden – jedoch hat mich der Weg dorthin viel negative Energie gekostet.

Antwort/3:

Es gibt den „Praxisschock“, der sich in verschiedenen Details zeigen kann. Er trifft den Berufseinsteiger (oder den Absolventen eines Praxissemesters), der bisher von der doch freieren Welt der Hochschule geprägt wurde und nun sieht, wieviel „anders“ (vor allem auf anderen Gebieten fordernd) die berufliche Praxis letztlich ist. Ein Teil Ihrer Empfindungen geht sicher auf dieses Konto.

Aber dennoch beunruhigt mich Ihre Abneigung, die auch nach einigen Monaten nicht nachließ. Im Normalfall gewöhnt sich gerade ein junger Mensch an (fast) alles und ist nach ein paar Wochen schon recht gut integriert. Ihnen ist es nicht gelungen, im Team Fuß zu fassen – das ist ein sehr bedenkliches Zeichen.

Was die viele „negative Energie“ betrifft, die das alles Sie gekostet habe, stehe ich vor einem Rätsel. Aber man entnimmt immerhin auch dieser Formulierung Ihre Abneigung gegen das ganze Umfeld.

Dass Sie mit der Aufgabe einigermaßen zurechtgekommen sind, ist erfreulich, beweist aber leider noch nichts: Kein vernünftiger Mensch stellt einen Studenten vor wirkliche Herausforderungen, wie man sie durchaus schon für einen Ingenieur nach Ende der Einarbeitungsphase vorsehen kann.

Frage/4:

Ich habe während ehrenamtlicher Tätigkeiten als Ausbilder und Jugendwart bei einer humanitären Organisation gemerkt, dass mir der Umgang mit (jungen) Menschen sehr liegt. Der persönliche Kontakt zu Menschen ist mir bei meinen Praktikumstätigkeiten deutlich zu kurz gekommen. Ich sehe darin auch einen Aspekt, den ich in meine persönliche Berufsplanung einbeziehen möchte.

Antwort/4:

Ein wichtiger Hinweis von Ihnen. Zwar gibt es auch im klassischen Tagesgeschäft von Ingenieuren in der Industrie hinreichend viele Funktionen, die ständigen Kontakt mit Menschen mit sich bringen, aber Sie sprechen gezielt die Arbeit des Erwachsenen mit überlegener Ausbildung im ständigen Umgang mit deutlich jüngeren Menschen an. Das gibt es in Einzelfällen, aber nicht als vielfach vorhandene Standardfunktion, die Sie überall in der Industrie wiederfinden könnten.

Frage/5:

Nach meinem Bachelor sehe ich zwei mögliche Wege:

Plan 1: Ich versuche, eine langfristige Karriere im Ausbildungsberuf aufzubauen. Ich sehe meine Stärken vor allem im organisatorischen Bereich, kann mir also eine Tätigkeit in der Produktionsplanung, im Einkauf, im Projektmanagement oder im Personalbereich vorstellen. Das notwenige wirtschaftliche Knowhow könnte ich in einem entsprechenden Master- bzw. Aufbaustudium erwerben.

Plan 2: Ich mache mein Hobby zum Beruf und werde Lehrer. Dazu beginne ich nach meinem Bachelor ein Lehramtsstudium für Berufsschulen. Durch Anrechnung eines Hauptfaches würde sich die Studienzeit verkürzen.

Bei diesem Weg, so rosig er mir zum jetzigen Zeitpunkt auch erscheinen mag, kommen mir doch auch einige Bedenken: Der Schuldienst dürfte wenig mit dem Freizeitangebot für Jugendliche zu tun haben, in dem ich meine entsprechenden Erfahrungen gesammelt habe. Außerdem weiß ich nicht, ob ich die Chance hätte, nach meinem Lehramtsstudium als „vollwertiger“ Ingenieur in die Wirtschaft zurückzukehren, falls ich im Studium nicht zurechtkommen sollte.

Antwort/5:

Im Hinblick auf Ihren Plan 1 habe ich Bedenken. Zwar müsste Ihnen im klassischen Unternehmen mit etwas Mühe ein berufliches Überleben möglich sein, aber die von Ihnen festgestellte Überlegenheit Ihrer Kommilitonen in Fragen der Effizienz und Termintreue, Ihre fehlende Integration ins Team während des Praxissemesters und die deutlich werdende Hinwendung zu einem speziellen Thema (Wissensvermittlung speziell an junge Menschen), das in klassischen Unternehmen kaum hinreichend oft geboten wird, sind erstzunehmende Warnsignale.

Leider sind ständige Überbetonung von Bedenken, ausgeprägte Zweifel an der Richtigkeit eigener Entscheidungen und der Versuch, sich immer wieder Rückzugsmöglichkeiten offenzuhalten, einige Ihrer unveränderlichen persönlichen Eigenschaften, die Ihnen bei jeder Art von Festlegung das Leben schwer machen werden. Sehr viele bahnbrechende Erfolge sind dadurch entstanden, dass die jeweils beteiligten Menschen ein Ziel hatten und dieses einfach konsequent angegangen sind. Nur so wurden Gipfel erstiegen, Kontinente entdeckt, Forschungen zum Erfolg gebracht, Karrieren gestaltet. Aber, so ehrlich muss man sein, so mancher vermeintliche Erfolgstyp ist dabei auch unter die Räder gekommen. Das ist der Preis, der bei dieser Art des Vorgehens gezahlt werden muss.

Ihr Plan 2 könnte eine Lösung sein. Aber rechnen Sie mit einer starken Abneigung der Industrie gegen Bewerber, in deren Lebenslauf der Lehrer festgeschrieben ist. Dahinter steckt keineswegs die pauschale Ablehnung einer unverzichtbaren Berufsgruppe, sondern die auf Erfahrung beruhende Erkenntnis, dass Industrie-Mitarbeiter und Lehrer in wesentlichen Bereichen völlig „anders“ gefordert sind: in der Art der Tätigkeit, in der Zusammensetzung des Personenkreises, mit dem sie täglich umgehen – und damit sind natürlich auch die Details der jeweiligen offiziellen Anforderungsprofile völlig anders.

Der Berufsschullehrer steht vor ganz speziellen Herausforderungen, die Sie vor dem Realisieren Ihres Plans B genau kennen sollten. Ich rate dringend zur Beschaffung von Informationen über das, was Sie dort erwartet.

Mein Angebot: Wenn dies ein aktiver Berufsschullehrer liest, der gern seine Erfahrungen weitergeben möchte, leiten wir gern seine Adresse an Sie weiter. Mein Rat: Sprechen Sie einmal die Schulleitung einer entsprechenden Institution an. Vielleicht erlaubt man Ihnen, einmal einen Tag einfach in einer Klasse zu sitzen und Atmosphäre zu schnuppern. Oder man vermittelt Ihnen zumindest einen Kontakt zu einem der dortigen Lehrer, der für eine Auskunft zur Verfügung steht. Diese Vorbereitung ist sicher einen Urlaubstag wert!

Liebe Leser, die Sie nicht von dem Problem betroffen sind: Sie bitte ich um Verständnis für diese sehr ausführliche Darstellung. Natürlich könnte man Frage und Antwort auf ein paar Sätze reduzieren. Aber das würde dem Problembewusstsein und den Erwartungen der betroffenen jungen Menschen nicht gerecht. Sie tun sich oft schwer damit, erst das Ziel und dann den dorthin zu gehenden Weg festzulegen. Die „Verkehrsregeln“, die bei der Wegenutzung zu beachten sind, kommen dann noch erschwerend hinzu. Jeder dieser Briefe – alle Einsendungen dieser Serie sind ausnahmslos echt und höchstens minimal aufbereitet und gekürzt – gibt uns allen Einblick in die Denkweise eines Vertreters einer bestimmten Gruppe. Ich hoffe stets, dass dies das gegenseitige Verständnis fördert. Und anderen Lesern in ähnlicher Situation hilft erfahrungsgemäß schon die Erkenntnis, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind.

Frage-Nr.: 3.074
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24/25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-06-12

Von Heiko Mell

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