Berufswegplanung

Schwierigkeiten im deutschen Arbeitsmarkt

Heiko Mell

Frage:
Ich bin in Syrien geboren und aufgewachsen, bin syrischer Staatsbürger, etwa 48 Jahre alt (ich habe das mühsam hochgerechnet, da ich nirgends in den zahlreichen Unterlagen ein Geburtsdatum gefunden habe; H. Mell). An einer Universität in Weißrussland habe ich Chemiewissenschaften mit Abschluss eines Dipl.-Ing. studiert (vor achtzehn Jahren) und daneben ein Dolmetscher-Diplom (Russisch-Englisch) erworben.

Zwischen 1996 und 2011 arbeitete ich als Chemieingenieur bei verschiedenen großen Unternehmen in Syrien, wo ich umfangreiche Erfahrungen in einem internationalen Arbeitsumfeld sammelte und z. T. Teamverantwortung für 250 Mitarbeiter hatte. Die kritische wirtschaftliche Situation in Syrien zwang mich zeitweise zu fachfremden Tätigkeiten. Daneben habe ich versucht, selbstständig eine kleine Fabrik für Altölrecycling aufzubauen. Zwischen 2011 und 2014 habe ich in Saudi-Arabien und in der Türkei wiederum als Chemieingenieur gearbeitet.

Seit drei Jahren bin ich in Deutschland und habe hier zunächst Sprachkurse und ein Kommunikationsseminar absolviert. Zuletzt war ich, zunächst für einige Monate als Praktikant, dann für ein Jahr als Projektingenieur bei einem deutschen Großkonzern befristet tätig. Da man mir dort keine weitere Beschäftigung anbieten konnte, bin ich derzeit arbeitslos.

Was könnten Sie mir empfehlen, in welche Richtung muss ich meine Karriere in Deutschland aufbauen?
1. Ein deutsches Weiterbildungsstudium machen,
2. ein Unternehmer werden und ein eigenes Unternehmen eröffnen,
3. wieder einmal einen Job bei einer Firma in Deutschland bekommen – es würde höchstwahrscheinlich wieder eine befristete Anstellung sein?

Ich freue mich sehr auf Ihre Meinung und Ihren Rat bei der Gestaltung meiner Karriere in Deutschland.

Antwort:

Sie haben ein paar kleinere Probleme, die lösbar sind und ein zentrales, gewaltiges, das Sie vermutlich noch nicht erkannt haben, wohl auch selbst nicht erkennen konnten. Gehen wir erst die kleineren an:

a) Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache und auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es für Außenseiter sehr schwere Hürden. Selbstverständlich werde ich einem Einsender mit Ihrem Hintergrund keine sprachlichen Fehler ankreiden. Aber mir ist etwas aufgefallen: Ihr Brief an mich ist fast fehlerfrei – und sieht aus, als hätten Sie den Text von einem sprachkundigen Menschen bearbeiten lassen. Das ist – gerade auch bei Bewerbungen – ganz vernünftig und empfehlenswert. So ist ein Brief entstanden, der von mir kaum korrigiert werden musste, ich habe nur versucht, die Aussage an einigen Stellen zu konzentrieren. Aber den Betreff Ihres Briefes, den ich bewusst als Überschrift wörtlich übernommen habe, dürften Sie selbst ohne fremde Überarbeitung formuliert haben. Das könnte, so wird man vermuten, Ihre wirklichen Sprachkenntnisse widerspiegeln. Wenn Sie also eine Bewerbung überarbeiten lassen, dann ganz, auch im letzten Detail. Sonst fühlt sich der Leser getäuscht.

b) Der Lebenslauf, den Sie beifügen, ist irgendwie keiner. Da haben Sie ein Formular Ihres letzten Arbeitgebers ausgefüllt, die Rubriküberschriften sind in Englisch, irgendwo finden sich im Kopf das Firmenlogo sowie der Name eines firmeneigenen Managers. Suchen Sie sich andere Vorbilder für dieses wichtige Dokument.

c) Bei einem Bewerber Ihrer Staatsangehörigkeit stellt sich der Bewerbungsempfänger selbstverständlich Fragen nach Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, findet aber weder darauf eine Antwort, noch etwa auf die Frage nach entsprechenden Zukunftsplänen. Ist ein endgültiger Verbleib in Deutschland geplant, streben Sie mittelfristig die deutsche Staatsangehörigkeit an, welchen Status haben Sie hier?

Aber, wie gesagt, das waren nur kleinere kritische Aspekte. Das massive Problem liegt in der Beurteilung durch Ihren letzten Arbeitgeber hier im Lande. Diese ist, ich bremse mich bei dieser Aussage schon, äußerst negativ. Und sie ist, bei dem Namen des Unternehmens, „wie in Marmor gemeißelt“. Das war Ihre Chance, Sie aber haben sie nicht genutzt.

Ich versuche, die Details Ihres Zeugnisses nach den hier geltenden Maßstäben zu interpretieren:
„… verfügt über das erforderliche Fachwissen“: Das ist irgendwo „befriedigend“ oder „ausreichend“ und meilenweit von anzustrebenden Spitzenbewertungen entfernt.

„… arbeitete systematisch und strukturiert“: Ein wirkliches Lob würde etwa „jederzeit ausgesprochen systematisch und stets in besonderem Maße strukturiert“ lauten. Das Prinzip: In sehr guten Bewertungen werden Wärme und Anerkennung spürbar, die Formulierungen haben „Fleisch am Knochen“, das hier fehlt.

„… kennzeichnet seine sichere Urteilsfähigkeit in vertrauten Zusammenhängen“: Aber wehe, es kommen unvertraute.
„Seine rhetorischen Fähigkeiten ermöglichen es ihm, Sachverhalte zu formulieren …“: Das ist nun wirklich die unterste aller Bewertungen für einen akademisch gebildeten Menschen.

„Die ihm übertragenen Aufgaben nahm er zu unserer vollen Zufriedenheit wahr“: Das ist „befriedigend“, keinesfalls mehr. Wer auf sich hält und nach oben strebt, peilt „sehr gut“ an; mit einem „guten“ Gesamturteil kann man noch leben, alles darunter reduziert deutlich die Akzeptanz durch Bewerbungsempfänger, also auch in diesem Fall.

„…endet mit Ablauf der vereinbarten Zeit:“: Es gibt kein „Bedauern“, nur den Hinweis auf eine schlechte „unternehmensinterne Beschäftigungssituation“.
„Wir danken ihm für seine Mitarbeit …“: Ein besseres Zeugnis dankt für seine „wertvolle“ oder „engagierte“ oder „erfolgreiche“ Mitarbeit (wieder gilt das Prinzip „mehr Fleisch an den Knochen“ zu bringen).

Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Situation war für Sie, der Sie mit dem deutschen Arbeitsmarkt nicht vertraut waren, sicherlich sehr schwierig. Sprachprobleme mögen hinzugekommen sein. Mir geht es ja nicht um Kritik, ich will und muss jedoch die Fakten auf den Tisch legen.
Und zu denen gehört: Jeder Bewerber wird nicht etwa nach absoluten Maßstäben beurteilt und danach eingestellt oder bekommt eine Absage. Er steht hingegen „relativ“ im Wettbewerb mit fünf oder fünfzig anderen Kandidaten – und muss diese im Urteil des Bewerbungsempfängers hinter sich lassen, um den ersten Platz des Feldes einzunehmen und ein Vertragsangebot zu erhalten.

Das ist schon mit den Faktoren „prägende Herkunft aus fremdem Kulturkreis“, „fachliche Basis durch nicht einschätzbares Studium in einem hier völlig unbekannten Land mit völlig unbekannten Qualitätsmaßstäben“ und „schwer einzuordnende Berufspraxis in weitgehend fremden Ländern“ nicht einfach. Aber die Anstellung bei dem deutschen Top-Arbeitgeber wird als Test gewertet – und er ist nicht gut ausgegangen, vorsichtig gesagt.
Auf dieser Basis zu den mir konkret gestellten Fragen:

Zu 1. Deutsches Zusatzstudium: Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Man weist anschließend eine „fachliche Basis auf deutschem Niveau“ auf und hat während des Studiums noch Zeit und Gelegenheit, mit der deutschen Sprache, mit hiesigen Gepflogenheiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt etc. vertrauter zu werden. Im vorliegenden Fall käme dabei jedoch ein Einstiegsalter auf der neuen fachlichen Basis von über 50 Jahren heraus. Dieser Weg wäre also teils empfehlenswert, teils jedoch mit einem hohen Risiko verbunden. Ich signalisiere Skepsis.

Zu 2. Aufbau eines eigenen Unternehmens in Deutschland: Ich kenne die vorliegenden Voraussetzungen bei Ihnen nicht, weiß nicht, welche Geschäftsidee Sie verfolgen möchten und könnte eine solche auch nicht beurteilen. Aber: Sie würden bei der Gründung eines eigenen Unternehmens die oben von mir genannten Einschränkungen weitgehend hinter sich lassen: Ein Unternehmer legt seinen Kunden keine alten Arbeitgeberzeugnisse mehr vor. Die Fragen, inwieweit Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus eine Unternehmensgründung zulassen, kann ein Wirtschaftsanwalt schnell klären. Das Problem: Geht der Versuch schief, sind Sie über 50 und auf dem Arbeitsmarkt schlechter gestellt als heute.

Zu 3: Ein Job bei einer Firma in Deutschland: Die Chancen sind nach dem Versuch beim letzten Arbeitgeber deutlich schlechter als davor. Auf eine solide, anspruchsvolle Aufgabe im unbefristeten Arbeitsverhältnis darf kaum gehofft werden. Vielleicht ist ein – steiniger – Weg über Dienstleister mit einer allmählich sichtbar werdenden besseren Anpassung an die Anforderungen einer Beschäftigung hier im Lande ein möglicher Weg. Eine Garantie kann es nicht geben.

So, geehrter Einsender, ich habe getan, was ich konnte. Sie stehen tatsächlich vor jenen drei von Ihnen selbst erkannten Möglichkeiten, die alle sowohl eine Chance als auch ein erhebliches Risiko einschließen. Sie müssen entscheiden, es ist Ihr Leben. Wenn Sie mich zu einer Präferenz zwingen: Sofern Sie für Nr. 2 ein überzeugendes Konzept haben und über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, sollten Sie diese Variante besonders ernsthaft prüfen.

 

Frage-Nr.: 2.971
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-10-05

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Systemdesign Beleuchtung (m/w/x) Oberkochen
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Vertriebsingenieur Außendienst Fabrikautomation (w/m/d) Norddeutschland
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Systemdesign Beleuchtung (m/w/x) Oberkochen
MTS Sensor Technologie GmbH & Co. KG-Firmenlogo
MTS Sensor Technologie GmbH & Co. KG Software Ingenieur (m/w/d) Lüdenscheid
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Techniker im Vertriebsinnendienst (w/m/d) Münster
BERGER BAU SE-Firmenlogo
BERGER BAU SE Bauleiter (m/w/d) Passau
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Junior Softwareentwickler / Softwareingenieur (m/w/d) verschiedene Standorte
BERGER ROHSTOFFE GMBH-Firmenlogo
BERGER ROHSTOFFE GMBH Werkleiter (m/w/d) Altenau, Paschwitz
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer / Manager (m/w/d) Lüneburg
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Ingenieur / Staatlich geprüfter Techniker (m/w/d) Elektrotechnik / Versorgungstechnik (HKLS) Gebäudemanagement Wiesbaden

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…