Heiko Mell

Projektmanager, Produktstratege oder Hochschul-Professor?

Frage/1:

Ihrer Auffassung und Erfahrung nach ist es sehr wichtig, frühzeitig und nachhaltig das Berufsziel und den Weg dahin persönlich zu definieren/zu planen und die Karrieresequenzen als stimmigen „roten Faden“ für zukünftige Arbeitgeber erscheinen zu lassen.

Antwort/1:

Im Prinzip ja, in der Praxis ist es eigentlich noch eine Stufe einfacher: Was Sie möglichst früh brauchen, ist das Ziel Ihres Berufsweges. Das kann ruhig etwas übertrieben anspruchsvoll sein. Wenn Sie dann nicht alles erreichen, macht das nichts. Sie können dann immer noch erklären, genau das Erreichte hätten Sie gewollt.

Wenn Sie aber zu tief ansetzen mit Ihrer Zielsetzung und diese überraschend früh erreichen – dann sind Sie vielleicht mit Mitte 30 schon dort, wo Sie sich früher einmal in Ihren kühnsten Träumen kurz vor dem Renteneintritt gesehen hatten. Aber nun spüren Sie weiteren Ehrgeiz, neuen Tatendrang und weitere Ansprüche – stecken aber vielleicht in einer Laufbahn, die auf geradem Weg nicht weiterführt (das gibt es).

Also lautet die Devise: Setzen Sie Ihr Ziel ruhig etwas höher an als Sie es sich derzeit vorstellen können. Der richtige Weg dorthin ergibt sich dann aus den „Spielregeln“ des Systems.

Und bei der Gelegenheit: Der so gern zitierte philosophische Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ kommt aus einem anderen Kulturkreis. Hier klingt er nur schick, passt aber nicht so richtig zu den Gegebenheiten. Der Weg ist nur der Weg – auch an ihn sind Ansprüche zu stellen, auch er kann die Erreichung des Ziels erleichtern oder unmöglich machen. Aber er ist nur Mittel zum Zweck, um an das Ziel zu kommen, für Anspruchsvolle aber nie Selbstzweck.

Daraus ergibt sich: Derselbe Weg kann einmal völlig richtig und sogar absolut ideal sein, andererseits aber auch total in die Irre führen und Sie scheitern lassen. Es kommt darauf an, wohin Sie eigentlich wollten.

Der Bergsteiger oder der anspruchsvolle Bergwanderer kann, sein konkretes Ziel vor Augen, auf dem richtigen oder dem falschen Weg dorthin sein. Wer aber ohne Ziel in den Bergen herumläuft, macht dabei weder etwas besonders richtig noch besonders falsch, er geht halt bloß spazieren. Zur Entspannung reicht das, aber vorzeigbare Ergebnisse sind dabei nicht zu erwarten.

Als Trost: Man kann während der Beschreitung des Weges das Ziel auch noch ändern. Aber möglichst so, dass es zur bisher schon zurückgelegten Wegstrecke passt. Wenn man das geschickt und regelgerecht durchzieht, merkt von dem Zielwechsel kein Mensch irgendwas.

Frage/2:

Ich starte in Kürze das letzte Studiensemester im Masterstudium des Wirtschaftsingenieurwesens an der Hochschule in XX und mache mir aktuell Gedanken darüber, welche Märkte und Unternehmen mit langfristiger Zukunftsperspektive empfehlenswert sind.

Zunächst ist es mein Ziel, in einem Großunternehmen in der strategischen Innovationsmanagement- oder Produktentwicklungsabteilung als Projektmanager zu starten. Nach einigen Jahren Praxiserfahrung möchte ich nach Möglichkeit bis in die strategische Führungsebene (Projektportfoliomanagement, Produktstrategie) aufsteigen. Langfristig erwäge ich auch die Option einer Hochschulkarriere als Professor.

Antwort/2:

Neben der Frage nach den Zielen stellt sich natürlich auch noch die Frage nach den dazu passenden Voraussetzungen, die es mitzubringen gilt.

Das Ziel Hochschulprofessor setzt nahezu kompromisslos eine Promotion voraus. Natürlich sind dann auch noch überzeugende eigene Studienleistungen eine gute Empfehlung. Ihr bisheriger berufsrelevanter Werdegang (Lebenslauf liegt mir vor) beginnt mit einem Abitur von 1,8 – das hätte eigentlich für alle denkbaren Ziele ausreichen müssen. Sie haben dann in Ihrer heutigen Fachrichtung etwa ein Jahr an einer TU studiert und sind am selben Ort an die FH gewechselt (Bachelorabschluss dort mit 1,6). Ich bezweifle, ob dieses Scheitern an der TU für eine Berufung zum Hochschulprofessor als besondere Empfehlung gesehen wird. Da die gleichzeitige Verfolgung zweier grundverschiedener Ziele sehr hohe Ansprüche an die Planung und Durchführung stellt, rate ich Ihnen vorrangig zu einer Konzentration auf eine Industrielaufbahn.

Dort wäre dann – Ihren Zielen entsprechend – der Berufseinstieg in einem Großunternehmen die erste Wahl. Fachlich sollten Sie die größtmögliche Nähe zu den bevorzugten Gebieten anstreben. Der „Projektmanager“ ist zumeist bereits eine Aufstiegsposition, die der Anfänger noch nicht bekommt, aber die Kombination von „Innovation“ oder „Produktentwicklung“ mit „Projektarbeit“ ist möglich und als Ziel geeignet. Nach den ersten zwei bis drei Jahren dort haben Sie erste Rückmeldungen im Hinblick auf die Beurteilung Ihrer Fähigkeiten und sehen Sie auch Ihre weiteren Ziele noch deutlicher.

Absolut unmöglich ist es, Ihnen heute eine sichere Branche zu empfehlen. Eine solche Festlegung müsste einige Jahrzehnte halten, das kann niemand verantworten. Ich habe so viele Branchen und Märkte kommen und gehen sehen, dass ich keine Prognose mehr wage. Hier muss jeder seinen eigenen Weg suchen und das damit verbundene Risiko tragen. Ich weiß nur eines: Es gibt in dieser Frage keine Sicherheit. Sie werden Flexibilität und Veränderungsbereitschaft mitbringen müssen.

Frage/3:

Ich hatte auch den Rat erhalten, den Berufseinstieg bei einer Unternehmensberatung zu suchen und dann nach zwei bis drei Jahren bei einem potenziellen Wunschunternehmen schnell in eine Führungsposition aufzusteigen.

Ein achtwöchiges Praktikum bei einer Unternehmensberatung war jedoch ernüchternd für mich. Meine Vorstellungen hinsichtlich der hochqualifizierten Arbeitsweise in diesem Berufsfeld wurden nicht erfüllt. Die hohe Wechselhäufigkeit bei der Belegschaft, die befristete Beschäftigung von IT-Fachleuten aus Niedriglohnländern und der wahrgenommene Ansatz „lies dich schnell in dieses Fachgebiet ein, ab nächster Woche bist du Experte“ wirkte auf mich sehr oberflächlich und unbefriedigend. Ich kann aber wegen fehlender Erfahrung nicht bewerten, ob eine solche Unternehmenskultur auch typisch für andere Unternehmensberatungen ist.

Von Traineeprogrammen wurde mir abgeraten, da ich ja bereits Ideen bezüglich meiner Karrieregestaltung und schon verschiedene Praktika absolviert hätte sowie mehrere Facharbeiten anfertigen konnte.

Antwort/3:

Es gibt ganz sicher auch anders ausgerichtete Unternehmensberatungen, aber wohl eben auch mindestens eine der ganz großen, die sehr spezielle Eindrücke bei Ihnen hinterlassen hat. Man trifft auf dem Arbeitsmarkt Menschen mit höchst unterschiedlichen Erfahrungen als Berater: Manche berichten, ihr Wechsel in eine anspruchsvolle Industrieposition nach ersten Jahren in der Beratung hätte hervorragend geklappt, andere haben diesen Schritt absolut nicht so hinbekommen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Ich kann daher diesen Weg weder pauschal empfehlen, noch generell davon abraten.

Sehr viel näher dran bin ich an pauschalen Empfehlungen von Traineeprogrammen für aufstiegs- und leistungsorientierte Berufseinsteiger. Das von Ihnen vorgebrachte Argument gegen ein Traineeprogramm beruht auf einer Fehlinterpretation: Ein solches Programm dient nicht vorrangig der fachlichen Orientierung von unentschlossenen Kandidaten. Es dient stets der Heranziehung von Führungsnachwuchs mit dem Effekt, dass in dem jeweiligen Unternehmen (!) der Aufstieg für Trainees schneller geht und sicherer ist (bei vorhandenem, aber tragbarem Risiko). Ein Nebeneffekt ist dabei die Vermittlung von Richtungshilfe für Unentschlossene (die aber ihre Aufnahme ins Programm gefährden, wenn sie diese Ziellosigkeit in der Bewerbung erkennen lassen).

Frage/4:

Mich würde Ihre Einschätzung auch hinsichtlich meiner anstehenden Masterarbeit sehr interessieren.

Antwort/4:

Hier ist der pauschale Rat erlaubt, dass zunächst das Thema möglichst zum angestrebten fachlichen Einstiegsgebiet passen sollte. Es ist eine Brücke, die im Idealfall genau in die Ihnen vorschwebende Startposition hinführt.

Weiterhin ist es empfehlenswert, die Arbeit möglichst bereits in einem der potenziellen Zielunternehmen oder einem ähnlich großen Wettbewerber zu schreiben. Das deckt sich mit den Interessen dieser Firmen: Sie streben weniger nach den aufsehenerregenden wissenschaftlichen Erkenntnissen von Noch-Studenten, sie wollen hingegen mögliche spätere Mitarbeiter kennenlernen, auf Herz und Nieren prüfen und im positiven Fall bereits weitgehend an sich binden bzw. für einen späteren Einstieg dort begeistern.

Übrigens müssen Sie dann zwei Partner mit Ihrer Masterarbeit zufrieden stellen: Das Unternehmen muss sie ebenso „sehr gut“ finden wie Ihr manchmal andere Ansprüche stellender Professor. Aber so richtig geschenkt bekommt man im Berufsleben ohnehin nur selten etwas.

3.089. Frage, erschienen in VDI nachrichten 42/2020

Von Heiko Mell

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