Heiko Mell

Master mit 21 – und dann?

Frage:

Ich habe verhältnismäßig früh mein Abitur gemacht (mit 16 Jahren) und habe auch direkt angefangen, XX-Technik an der örtlichen Universität zu studieren. Mittlerweile bin ich 19 und stehe kurz vor meinem Bachelorabschluss.

Seit Beginn des Studiums habe ich durchgehend als Werkstudent bei einem großen Zulieferer gearbeitet. Es war mir aufgrund meines „jungen“ Alters äußerst wichtig, Praxiserfahrungen zu sammeln. Aktuell verfasse ich in diesem Unternehmen meine Bachelorarbeit. Nun fange ich bald mit meinem Master an und werde diesen, sofern alles gut läuft, ebenfalls in Regelstudienzeit abschließen.

Bin ich dann mit 21 und Masterabschluss zu jung für den normalen Arbeitsmarkt? Ich habe ja durchaus soziale Kompetenz und erste Praxiserfahrung während meiner nebenberuflichen Tätigkeit aufgebaut.

Außerdem überlege ich, nach meinem Abschluss noch zu promovieren, da ich mir sehr gut vorstellen kann, in F&E tätig zu sein. Gleichzeitig habe ich aber Angst, dass die Promotion zu zermürbend ist. Auch weiß ich nicht, wie es in der Industrie ankommt, wenn ein 25-jähriger Dr.-Ing. als Bewerber auftritt. Ich habe schon mitbekommen, dass man in diesem Alter noch als zu unreif gilt und eigentlich zu wenig Lebenserfahrung hat. Gleichzeitig würde man aber wohl für viele Einstiegsjobs als überqualifiziert eingestuft werden.

Antwort:

Sie haben die Fakten und Ihre daraus resultierende Frage ebenso anschaulich wie sachlich zurückhaltend dargestellt. In geradezu vorbildlicher Bescheidenheit erwähnen Sie den eigentlichen Kern der ganzen Angelegenheit überhaupt nicht, sondern überlassen es dem Leser, sich diesen Aspekt selbst zu erschließen. Das ist, gerade auch für einen Mann von 19 Jahren, außerordentlich anerkennenswert, aber:

In der Welt der Industrie, in die Sie im Augenblick erkennbar hineinstreben, ist besonderes Understatement nur sehr bedingt angebracht oder gar zu empfehlen. Der tägliche Kampf um maximale Gewinne für die Gesellschafter (darum allein geht es, alle anderen Aktivitäten sind diesem Ziel untergeordnet) fordert eher ein offensives, von Selbstbewusstsein geprägtes Auftreten im Sinne der Devise: „Tue erst ein wenig Gutes und dann sprich ausführlich darüber.“ Hinzu kommen gefragte Eigenschaften wie Stressstabilität, Frustrationstoleranz, Durchsetzungsvermögen, Erfolgswille und – im Idealfall – durchaus auch ein wenig Machtstreben.

Ihr Abitur mit 16 geht ja nicht einfach auf die Tatsache zurück, dass Sie sich ein wenig mehr beeilt haben als andere, sondern Sie müssen hochbegabt sein, Klassen übersprungen haben etc. Vermutlich haben Sie trotz des „zarten“ Alters auch noch ein sehr gutes Abiturergebnis und dürfen mit ebensolchen Resultaten beim Bachelor- und Masterabschluss rechnen. Als Warnung: Ein Abitur mit 16 Jahren und 1,x imponiert den meisten Menschen (nicht allen!), eines mit 16 und 3,5 würde Kopfschütteln und Bedauern hervorrufen („was haben die mit dem armen Kind angestellt?“).

Was Sie nach diesen „aufbauenden“ Worten schon ahnen, kommt jetzt zur Sicherheit noch einmal in zwei Aussagen ganz deutlich:

  1. Ausgesprochen hochbegabte Menschen, absolute Einser-Kandidaten in allen ihren Abschlüssen, bekommen mit großer Wahrscheinlichkeit als Angestellte in der Industrie später Probleme – die Umwelt dort passt nur selten zu ihren Fähigkeiten und vor allem zu ihren Ansprüchen. Als kritisches Alter für solche Probleme habe ich ca. 38 Jahre ermittelt. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen, aber die Zusammenhänge drängen sich dem aufmerksamen Beobachter doch auf.

(Wer diese meine These zum ersten Mal liest, sie ablehnt und zu leichter Erregbarkeit neigt, warte bitte 24 Stunden, bis er eine E-Mail in die Tasten seines PC hämmert.)

  1. Aufbauend auf Punkt 1 rate ich jedem Betroffenen, sich den Berufsweg nach der Universität sehr genau zu überlegen und mögliche Alternativen sorgfältig zu prüfen (wie z. B. die Hochschul-/Institutslaufbahn).

Und da vielleicht gerade Sie, geehrter Einsender, meine Aussage nicht so recht einordnen können: Ich bin ein Mann der Industrie und ihrer beruflichen Welt, ich war gern und sehr erfolgreich dort tätig und arbeite seit vielen Jahrzehnten sehr zufrieden in ihrem Umfeld. Aber sagen wir es einmal so: Um die Rendite der Ihnen dort stets unbekannt bleibenden Aktionäre von 5 auf 7 % anzuheben, bedarf es zwar unbedingt des „Schweißes der Edlen“ und vieler weniger hochtrabend zu bezeichnenden Anstrengungen, aber keiner extremen Hochbegabung (die häufig mit fehlenden Eigenschaften lt. meiner obigen Aufzählung einhergeht).

Bedenken Sie bitte auch: Die Industrie arbeitet grundsätzlich mit standardisierten Positionen bzw. Arbeitsplätzen. Das bedeutet: Wenn ein Positionsinhaber ausscheidet, muss problemarm ein ähnlich qualifizierter Nachfolger gefunden werden können. Also sind die Anforderungen überall auf solche Menschen ausgerichtet, die – natürlich – gut bis sehr gut auf ihrem Gebiet sein müssen, aber die nicht „einsame Spitze“ sind. Was wiederum bedeutet: Hochbegabte Angestellte würden zumeist auf nicht für sie speziell zugeschnittenen Arbeitsplätzen sitzen – und wie meist in solchen Fällen „knirscht“ es dabei irgendwann.

Natürlich sind, beispielsweise in der industriellen Forschung, auch Positionen denkbar, die Hochbegabte genügend fordern. In der Praxis jedoch ist für diese Bewerber‧gruppe die Gefahr sehr groß, sich nach fünf oder zehn Berufsjahren irgendwie „fehl am Platze“ zu fühlen. Schon „durchschnittliche“ Einser-Kandidaten ohne erkennbare Hochbegabungselemente sind z. B. im Kundenfeld meiner persönlichen Karriereberatung deutlich überproportional vertreten, weil sie entsprechende Probleme haben.

Zu Ihnen und Ihrer Planung: Schließen Sie zunächst den Bachelor und den Master mit Ergebnissen ab, die einem Ausnahme-Abitur mit 16 Jahren entsprechen. Und dann promovieren Sie selbstverständlich. Bedenken wegen der hohen Ansprüche in jener letzten Bildungsphase sind nicht angebracht, promovierte Ingenieure sind auch nur Menschen.

Als Faustformel: Ein Abitur mit 2,0 im Alter von 19 Jahren, ein Bachelor mit 1,8 und ein Master mit 1,3 wären eine absolut ausreichende formale Basis für eine Promotion. Gefragt ist die Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeiten. Das ist anspruchsvoll, aber kein Hexenwerk. Das schaffen Sie auch – warten Sie mit weiteren Überlegungen dazu bis kurz vor dem Masterabschluss. Aber „Angst“ vor dem Projekt ist grundsätzlich nicht angebracht. Dr.-Ingenieure sind durchaus eine Art fachlicher Elite (zu der auch viele Nichtpromovierte zählen), aber keine Übermenschen.

Endlich komme ich jetzt zu der mich persönlich berührenden Frage: zu jung für den Einstieg in die Industrie? Denn genau da habe ich eigene Erfahrungen zu bieten:

Ich hatte mit 21 Jahren mein Studium zum Wirtschaftsingenieur erfolgreich abgeschlossen und bin unmittelbar danach als Organisator in die Hauptverwaltung eines Maschinenbau-Konzerns mit 30.000 Mitarbeitern eingetreten. Dieses Alter war für meinen Bildungsweg ganz normal, es gingen diesen Weg aber nur wenige. Um es klarzustellen: Ich bin absolut nicht hochbegabt. Aber darum geht es bei diesem Aspekt ja auch gar nicht.

Ich war jung, sprachbegabt, selbstbewusst, diskussionsfreudig, ehrgeizig und überzeugt, die berufliche Welt stünde mir offen. Und ich stieß auf die gestandene Mannschaft eines traditionsorientierten Konzerns, in dem u. a. das 25-jährige Beschäftigungsjubiläum ein Maß aller Dinge war. Wenn ich damals, frisch gestählt durch Studium und dessen vorzeigbare Resultate auch nicht alles wusste, so fürchte ich heute, zum Ausgleich eben doch alles besser gewusst zu haben. Kurz: Ich muss für mein kollegiales Umfeld eine ziemliche Heimsuchung gewesen sein. Dennoch ist die Integration dieses deutlich „zu jungen“ Mitarbeiters in den Kollegenkreis letztlich gelungen. Ich war erkennbar lernbereit und anpassungsfähig (sehr wichtig), die Umwelt lernte letztlich, mich hinzunehmen. Als Ausblick: Mit 26 Jahren wurde ich – nach internem Fachgebietswechsel – Leiter „Grundsatzfragen des Personalwesens“ des Konzerns und jüngster Abteilungsleiter des Unternehmens. Dabei hatte ich sehr viel Glück, aber das Ergebnis zählt. Und von jenem Kollegen der ersten Stunde, der am wenigsten mit mir anfangen konnte, war kürzlich der Sohn bei mir zur Beratung.

Ein bisschen hat mir geholfen, dass ich schon in der Schule und später im Studium immer etwas jünger war als viele andere und dass ich nicht versucht habe, die deutlich Älteren zu dominieren oder zu belehren. Zwar hatten, wie mir befreundete Kollegen später verrieten, manche aus meinem Umfeld den Verdacht, ich hielte mich damals für den Größten überhaupt, aber sie konnten es zum Glück nie beweisen. Man darf sich in so einer Situation selbst nicht zu ernst nehmen. In meiner Einstiegsabteilung spotteten die Kollegen: „Mell greift in die Luft, erkennt ein Problem, das wir bis dahin noch nicht hatten – und brilliert mit dessen Lösung.“ Ich ließ sie spotten, freute mich aber über „brilliert“.

Das, was ich mit 21 konnte, können Sie auch. Sie müssen es nur mit vollem Einsatz wollen. Außerdem rate ich Ihnen ja unbedingt zur Promotion. Danach sind Sie 25 oder 26 Jahre alt – und fallen im Kreise nichtpromovierter Master überhaupt nicht mehr auf.

Was immer Sie tun, ich wünsche Ihnen Glück. Ob meine Antwort Sie zufriedenstellt, weiß ich nicht. Aber ich beglückwünsche Sie dazu, überhaupt gefragt zu haben.

Frage-Nr.: 3.065
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-13-03

Von Heiko Mell

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