Heiko Mell

Leserreaktion auf die Aussage „Mir springt die Quint“

Da habe ich ja schön was angestellt: In Frage 2.982 hatte eine Arbeitgeberin ihrer Entrüstung über einen früheren Einsender mit der Formulierung „mir springt die Quint“ Ausdruck gegeben. Da mir das überhaupt nichts sagte, hatte ich nachgeschlagen und die Erklärung geliefert, das käme aus der Welt des Fechtens. Das war ein Fehler (H. Mell).

Frage 1:

Wer hätte gedacht, dass noch einmal der Tag kommt, an dem ich Sie korrigieren darf. Mit Ihrer gut gemeinten Recherche, dass diese Redewendung einen Bezug zum Fechten hat, liegen Sie leider nicht ganz richtig (obwohl die Quinte auch ein Fechtbegriff ist).

Antwort 1:

Wie so oft im Leben sah bei oberflächlicher Betrachtung alles recht einfach aus. Und wieder steckte der Teufel im Detail: Der Duden, sowohl der deutsche als auch der für Fremdwörter, sagt, der Begriff aus dem Fechten laute „Quint“, also ohne „e“. Aber es wird noch besser. Nun erst noch einmal Sie:

Frage 2:

Vielmehr hat die Redewendung einen musikalischen Bezug und bezieht sich auf die oberste Saite der Geige.

Antwort 2:

Das klingt gut, das scheint absolut logisch zu sein – und das passt auch viel besser zum Originalzitat aus Frage 2.982. Hätte ich das doch bloß einfach akzeptiert und mich zufrieden gegeben. Aber ich musste ja „zur Sicherheit“ noch einmal nachschlagen. Und da wird es immer verworrener:

Der „deutsche“ Duden (eigentlich kein Lexikon, er weiß aber sehr viel und ist als Handbuch auf dem Schreibtisch eine große Hilfe) kennt die Sache mit dem Fechthieb – und weiß auch, dass Quint oder Quinte in der Musik „der fünfte Ton der diaton. Tonleiter“ ist. Von irgendeiner Geigensaite weiß er nichts.

Also dann die ganz große Keule herausgeholt: Der „Brockhaus, die Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden“ weiß in Band siebzehn der zwanzigsten Auflage: „Quint“ kommt aus der Musik, man solle aber bitte unter „Quinte“ nachsehen. Dort steht dazu, Quinte sei der „fünfte Ton“, und Quint sei die Bezeichnung „für das Intervall, das ein Ton …“ – auch in der längeren Detailausführung steht nichts über Geigen und nichts über deren Saiten.

Als Überraschung am Rande: Dieses Standard-Großlexikon weiß nichts über Fechthiebe namens Quint. Ich fühle mich ein bisschen entlastet: Ganz offensichtlich war meine Erklärung falsch. Aber da jeder Beschuldigte gern nach Ausreden sucht, hier meine: Was der große Brockhaus nicht weiß (von hochmodernen Neu-Begriffen und Wortschöpfungen einmal abgesehen), muss ich auch nicht wissen. Und sagen Sie mir bloß nicht, wo ich „im Internet“ hätte nachsehen sollen – da bin ich auch schon hereingefallen. Nun will ich Ihnen, liebe Leser, aber auch den Schluss dieser Einsendung nicht vorenthalten:

Frage 3:

Auf Quinte als musikalischen Begriff beziehen sich die niederdeutschen Redensarten „de Quint platzt di“ (deine Stimme schlägt über); hamburgisch „up dr letzten Quinte fiddeln“ (auf dem letzten Loch pfeifen, am letzten Rest des Vermögens oder Lebens zehren). Mit der Quinte wurde die oberste Saite bei der Geige bezeichnet. Diese springt am leichtesten, wodurch die obersten Töne ausfallen müssen. Noch heute gebraucht man die Wendung „Mir ist die Quint gesprungen“ (ich habe die Geduld verloren, ich wurde wütend). Aus: M. Willberg: Die Musik im Sprachgebrauch, in Sprichwörtern, in Redensarten, im Schrifttum; in: „Die Muttersprache“ (1963), S. 201 – 221.

Machen Sie weiter wie bisher und bleiben Sie mir gewogen.

Antwort 3:

Bleibe ich, keine Sorge. Um beim Fechten zu bleiben: Ich habe einen Treffer hinnehmen müssen, aber nicht den Kampf verloren.

Ich bitte nur ausdrücklich jene Leser um Verständnis, die solch einem Geplänkel wenig oder gar nichts abgewinnen können. Bei fast 3.000 Fragen in dieser Serie muss gelegentlich auch dafür Raum sein.

„Und die Moral von der Geschicht“ (frei nach W. Busch): Wer Geige spielt, überschätze den Bekanntheitsgrad fachbezogener Metaphern nicht. Ich müsste aber auch einer solchen Kurzfassung dieses Beitrages zustimmen: Mell weiß auch nicht alles, gibt es aber ungern zu. Aber wer würde schon der Versuchung widerstehen, eine so gute Ausrede für Nichtwissen anbringen zu können wie den ganz großen Brockhaus?

 

Frage-Nr.: 2.991
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-02-08

 

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Dortmund, Kongresszentrum Westfalenhallen 15. März 2019

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Dortmund, Kongresszentrum Westfalenhallen 13. September 2019

Von Heiko Mell

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