Heiko Mell

Ich muss hier raus!

2.922. Frage/1: Seit meiner durch einen Arbeitsunfall im Alter von 33 Jahren bedingten Umschulung habe ich immer wieder mit Absagen auf meine Bewerbungen kämpfen müssen.

Heiko Mell

Antwort/1: Als Betroffener stellt man gern Zusammenhänge her, insbesondere dann, wenn das scheinbar alles auslösende Ereignis von einschneidender Bedeutung war. Ich werde Ihnen zeigen, dass nicht Ihr Unfall, sondern verkäuferische Ungeschicklichkeiten ursächlich für die Absagen bei Bewerbungen sind.

Im Vertrauen gesagt, ich habe Ihren Lebenslauf nur deshalb mehrmals gelesen und zu verstehen versucht, weil ich es hier für diese Serie tun muss. Wären mir Ihre Unterlagen bei einer Bewerbung um eine Position auf den Tisch gekommen, hätte ich sie nach oberflächlicher Prüfung als „zur Absage“ beiseitegelegt. Weil man u. a. die Informationen nicht schnell genug aufnehmen kann.

Denken Sie an den Grundsatz: Arbeitgeber können einen Bewerber aus dem Kreis der vorhandenen Kandidaten auswählen und einstellen, aber sie müssen nicht. Der Bewerber ist aufgerufen, ihnen diese Auswahl schmackhaft zu machen. Dafür reicht schon bei den kleinsten Problemen eine nur korrekte Darstellung im Lebenslauf nicht mehr aus. Man darf natürlich auch nicht aktiv und vor allem nachweisbar lügen. Aber dazwischen liegt ein weites Feld. Das werden wir für Ihre Zwecke nutzen.

Frage/2: Immer wieder wird angeführt, dass ich nicht über genügend Berufserfahrung verfüge. 

Antwort/2: Die Kernfrage lautet: „Genügend wofür?“ Wenn Sie sich z. B. um eine Anfängerposition bewerben, gibt es gar keine „ungenügende“ Praxis. Ich fasse das einmal so zusammen: Wenn Ihre Berufserfahrung ungenügend war, dann für die Positionen, die Sie sich für Ihre Bewerbungen ausgesucht hatten – und bei Ihnen auch noch für die Position, die Sie heute zu haben vorgeben.

Damit die Leser das verstehen: Sie haben vor zwei Jahren den staatlich geprüften Maschinenbautechniker (1,77) erfolgreich absolviert, dann kommt eine Ausbildung zum technischen Betriebswirt (sechs Monate), dann folgt Ihre Einstiegs- und heutige Stellung als „Abteilungsleiter Konstruktion und Entwicklung“ im Metallbereich, dort sind Sie seit etwa 1,5 Jahren tätig.

Allein damit sitzen Sie in einer Falle, aus der es keinen klaren Ausweg gibt. Niemand will Sie „kaufen“: Man wird nicht Abteilungsleiter als Technikeranfänger – und ein auf dem Markt begehrter Leiter muss mehr als 1,5 Jahre Praxis haben (nach der hochwertigsten Ausbildung). Bewerben Sie sich jetzt als Konstrukteur – scheitern Sie daran, dass niemand einen ehemaligen Leiter als Sachbearbeiter einstellen mag. Bewerben Sie sich jedoch als Leiter, scheitern Sie an zu geringer Berufs- und völlig fehlender Führungspraxis. Denn, wie Sie mir weiter mitgeteilt haben, sind Sie gar kein Leiter (kein Team, keine Mitarbeiter, einziger Konstrukteur überhaupt), Sie werden nur so bezeichnet (vermutlich, um den Kunden zu imponieren).

Also lautet die Lösung für dieses Kernproblem: Sie sind in Ihrer kompletten Bewerbung (Anschreiben und Lebenslauf) Konstrukteur und sonst gar nichts und bewerben sich; wenn es denn jetzt schon sein muss, um eine Konstrukteur-Position in einem Unternehmen, bei dem Branche, Größe und die technische Problemstellung Ihren heutigen Gegebenheiten so ähnlich wie möglich sind. Damit haben wir dieses Problem vom Tisch. Nun müssen wir nur noch mit einem Häufchen kleinerer Ungeschicklichkeiten fertig werden:

Frage/3: Andererseits glaube ich auch herausgehört zu haben, dass sich die Arbeitgeber einen beruflichen „roten Faden“ wünschen, der durch meinen Arbeitsunfall unterbrochen wurde. 

Antwort/3: Ihre Erkenntnis ist richtig. Die Nr. 40 meiner vor allem auf der Arbeit an dieser Serie basierenden, kostenlosen und unverbindlich (siehe meine Homepage) zu beziehenden „Karriere-Basics“ heißt „Prosperierende Kontinuität contra sprunghafte Vielseitigkeit: Der ‚rote Faden‘ ist gefragt“. Da steht es ausführlich begründet.

Schauen wir in Ihren Lebenslauf: Gelernter Holzmechaniker (!), Tätigkeit über ca. elf Jahre als Schreinergeselle. Dann, vor etwa sechs Jahren, der Unfall, über dessen Folgen wir nichts wissen. Danach gibt es eine erfolgreiche Ausbildung zum Technischen Zeichner Maschinentechnik, es folgen der Maschinenbautechniker und die heutige Position.

Sie wollten offenbar von dem ganzen „Holz“ nichts mehr wissen und sind über die Ausbildung zum Technischen Zeichner zum Maschinenbau gewechselt. Ein Holz
sene Arbeitslosigkeit, keine „berufliche Neuorientierung und Bewerbungsphase“ mehr, das bleibt alles weg.

Noch etwas: Der Unfall als damals auslösendes Ereignis wird heute im Lebenslauf deutlich, aber: Der Leser will wissen, was daraus geworden ist, wie sehr Sie ggf. heute noch beeinträchtigt sind (!) etc. Am besten wäre es, Sie könnten schreiben (schon im Lebenslauf): „Ich bin mit der linken Hand in eine Säge geraten, was tiefe Verletzungen und mehrere Operationen zur Folge hatte. Die Schäden sind absolut ausgeheilt, ich bin vollständig genesen und erlebe keinerlei Beeinträchtigung bei meiner heutigen Tätigkeit.“ Aus der Formulierung ersehen Sie, was der Leser wissen will.
Nun noch schnell zum Anlass Ihrer Bewerbungsbemühungen:

Frage/4: Ich merke, dass Innovationen und Produktweiterentwicklungen bei uns nicht gewünscht sind. Die Nachfolgefrage in der Geschäftsführung ist nicht gelöst. Die Sättigungsphase unserer Produkte ist schon längst überschritten. Ich spüre Stillstand in der Firma und in meiner Karriere und bemerke Anzeichen innerer Kündigung. Außerdem fehlt mir ein fachlicher Austausch in einem Konstruktionsteam.

Antwort/4: Es gibt in Ihrem Brief dazu noch etwas mehr, aber das reicht schon. Mein Rat: Machen Sie zwei Jahre dort in dieser Einstiegsposition als Konstrukteur voll – Sie wissen nicht, ob es beim nächsten Arbeitgeber nicht noch schlimmer wird.

Und dann versuchen Sie, noch immer als Konstrukteur, den Wechsel. Ein echter Aufstieg ist so ab fünf Berufsjahren (als Techniker) denkbar, wenn er früher gelingt, ist es auch gut. Die langen Jahre als Schreinergeselle haben zwar Ihre Persönlichkeit geformt, sind aber als Berufspraxis hier wertlos.

Ein weiteres Problem: In der Technik denkt man „klassenbewusster“ als im kaufmännischen Bereich. Konstrukteure sind zumeist Ingenieure. Sie, geehrter Einsender, wollen eines Tages Konstruktionsleiter und damit Chef von Ingenieuren werden. Das geht, ist jedoch recht schwierig, aber zunächst steht für Sie eine solide Berufslaufbahn als Konstrukteur im Maschinenbau im Mittelpunkt. Der Rest kommt später.

Frage-Nr.: 2922
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51/52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-12-22

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