Heiko Mell

Flucht aus dem Öffentlichen Dienst?

Frage 1:

Direkt im Anschluss an mein Duales Studium Maschinenbau/Produktionstechnik habe ich die Stelle meines damaligen „Ausbilders“ im Partnerunternehmen meiner Ausbildung übernommen (mittelständischer Industriebetrieb) und die Tätigkeit als Produktionsingenieur ca. 6,5 Jahre ausgeübt. Vor drei Monaten habe ich dann die Stelle gewechselt. Damit war auch der Wechsel hin zu einem deutlich klarer umrissenen Tätigkeitsfeld mit wesentlich größerer fachlicher Tiefe verbunden.

Nach etwas über einem Jahr bewege ich mich hier bereits ziemlich sicher, auch werden mir seitens meiner Vorgesetzten regelmäßig sehr gute Fortschritte bescheinigt. Bis in fünf Jahren möchte man mich als Nachfolger meines dann altersbedingt ausscheidenden Abteilungsleiters aufgebaut haben (natürlich ist dies nur eine Absichtserklärung).

Antwort 1:

Moment, Moment! Eingangs Ihrer Zuschrift sind Sie seit drei Monaten im neuen Job (habe ich aus Ihren konkreten Datenangaben errechnet), jetzt plötzlich „seit über einem Jahr“. Habe ich mich so geirrt? Nein, auf der Basis Ihrer Angaben nicht. Zum Glück liegt der Lebenslauf bei. Dort fehlt zwischen beiden Arbeitgebern ein ganzes Jahr. Einfach so.

Die einzig mögliche Erklärung: Sie haben sowohl im Lebenslauf als auch im ersten Absatz Ihrer Einsendung 2019 geschrieben, wo es doch 2018 beim Eintrittsdatum ins heutige Unternehmen hätte heißen müssen. Durch die Duplizierung der falschen Angabe ist das bereits eine Fehlinformation, kein einfacher Tippfehler mehr.

Immer wieder fragen mich Leser,

a) wo ich „bloß die ziemlich extremen“ Beispiele hernehme und

b) ob „so etwas denn wirklich so schlimm“ sei.

Die Antwort zu a) ist: aus der täglichen Praxis und zu b): das kommt darauf an. Wer in zwei Angaben innerhalb eines überschaubaren Vorganges solche Fehler macht, der berechnet vielleicht auch ein Stützgerüst falsch, das Mitarbeiter vor dem Absturz bewahren soll.

Warnend sei darauf hingewiesen: Ein Bewerber, der in seiner Zuschrift solche Fehler macht, riskiert Absagen. Weil der Empfänger weniger den „Tippfehler“ sieht als „mangelnde Sorgfalt“, „hat sich zu wenig Mühe gegeben“, „die Geschichte war ihm nicht wichtig genug, um sich alles noch einmal durchzulesen“ (das wertet er als Missachtung und reagiert äußerst negativ darauf).

Frage 2:

Mein neuer Arbeitgeber ist im Öffentlichen Dienst angesiedelt. Seit mehreren Monaten wachsen meine Zweifel, ob ich in diesem Arbeitsumfeld lange bestehen kann. Ein Hauptproblem sind dabei die Rahmenbedingungen: Jede Entscheidung, sei sie auch noch so klein, wirtschaftlich vorteilhaft oder gar sicherheitsrelevant, bedarf immenser Anstrengungen zur Umsetzung.

Teilweise verstreichen Monate ungenutzt, bis auch nur Teilaspekte komplexer Lösungen durch die unterschiedlichen Gremien abgesegnet, kaufmännisch unter Anwendung aller zugrundeliegender Beschaffungsvorschriften vorbereitet und entsprechend dokumentiert sind. Bereits jetzt stellt sich bei mir oft eine gewisse Gleichgültigkeit ein. „Ist halt so. Kann man nichts machen. So sind halt die Vorschriften.“

Mir ist durchaus bewusst, dass auch außerhalb des Öffentlichen Dienstes manche Entscheidungen lange Zeit reifen müssen oder auch unverhofft widerrufen werden können. Im Öffentlichen Dienst fühle ich mich jedoch regelrecht gelähmt. Ich muss mir leider eingestehen, dass ich diesen Umstand deutlich unterschätzt hatte.

Kann Ihrer Meinung nach ein schon im Laufe der nächsten Monate erfolgender Wechsel (zurück in die freie Wirtschaft) als Knick im Lebenslauf langfristig verschmerzt werden? Gefühlsmäßig wäre es aus Sicht späterer Bewerbungsempfänger schlimmer, würde ich hier noch einige Jahre an Dienstzeit sammeln und mich dann, völlig im Öffentlichen Dienst „eingefahren“, wieder zurück in den industriellen Mittelstand bewerben.

Ich hatte Produktionstechnik studiert, dazu passte auch meine erste längere Tätigkeit in der Industrie. Mit dem Wechsel zum derzeitigen Arbeitgeber hatte ich auch das Fachgebiet gewechselt. Einerseits bereitet mir die neue Richtung fachlich große Freude und liegt mir sehr gut, andererseits könnte ich vielleicht den Knick etwas abmildern, wenn ich beim anstehenden Wechsel wenigstens in der neuen Fachrichtung bleibe.

Abschließend (vielleicht auch als Anregung für andere Hilfesuchende) möchte ich Ihnen mitteilen, dass bereits der Versuch weiterhilft, die teils sehr umfangreichen Hintergründe und Gedankengänge in halbwegs verständlichen und nachvollziehbaren Sätzen auszuformulieren. Man wird sich schon damit der eigenen Probleme und Wünsche etwas klarer.

Antwort 2:

Damit gerade dieser letztgenannte Aspekt von allgemeiner Bedeutung nicht untergeht, gehe ich darauf zuerst ein: Einsender berichten öfter von diesem Effekt. Allein der mit der Niederschrift verbundene Aufwand einer systematischen Ordnung der eigenen Gedanken und die Anforderung, die meist etwas verzwickte und verschachtelte Geschichte für Außenstehende verständlich und nachvollziehbar zu formulieren, hilft bereits, den Kern des Problems zu erkennen und führt oft schon dadurch zu Lösungsansätzen.

Das bedeutet auch: Selbst wenn Ihnen meine Antwort nicht in jedem Detail gefällt (was Gerüchten zufolge in Ausnahmefällen durchaus der Fall sein soll), haben Sie allein durch Ihre Fragestellung schon einen positiven Effekt erzielt. Ich muss nur aufpassen, dass ich dabei nicht überflüssig werde.

Jetzt taste ich mich vorsichtig an das Kernthema heran: Wie ist das mit dem Öffentlichen Dienst?

Nun, ich kann hoffentlich die gefährlichsten Klippen umschiffen und dennoch eine verwertbare Antwort liefern:

  1. Ich glaube Ihnen, sehr geehrter Einsender, dass Sie (und viele Ihrer heutigen Kollegen, wie Sie an anderer Stelle Ihrer gekürzten Zuschrift schreiben) genau so empfinden.
  2. Und exakt so lautet das (Vor-)Urteil, das viele Unternehmen der freien Wirtschaft über das Arbeitsumfeld im Öffentlichen Dienst haben. Und das zu einer mitunter ausgeprägten Abneigung gegen Bewerber aus jenem Bereich führt.

Es ist letztlich nicht wichtig, der Frage nachzugehen, ob die realen Verhältnisse immer und überall diesem Bild entsprechen. Mit höchster Wahrscheinlichkeit gibt es auch Ausnahmen, aber ein „gesundes Vorurteil“ wäre auch durch eine noch so gut recherchierte Faktenlage nicht zu erschüttern. Und ich habe die Aufgabe, über bestehende Verhältnisse, Vorbehalte, Entscheidungshintergründe zu informieren, ich bin nicht zum Obergutachter für das Problem der Effizienz von Entscheidungsvorgängen in bestimmten Bereichen der Volkswirtschaft berufen. Ich informiere die Leser darüber, dass diverse Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, insbesondere solche mit Industriepraxis, so empfinden wie der Einsender es hier schildert – und dass sehr viele Arbeitgeber aus der freien Wirtschaft denken, dass es im Öffentlichen Dienst genau so aussieht. Und dass Bewerber aus diesem Bereich davon als entscheidend geprägt gelten und damit oft deutlich weniger interessant sind.

  1. Immer wenn etwas „schief“ läuft, sucht man nach dem Schuldigen. Das, geehrter Einsender, sind zweifelsfrei Sie. Der Öffentliche Dienst ist nun einmal so, wie er ist. Wir beide werden das nicht ändern.

Deshalb schreibe ich hier seit Jahren: Diese beiden Arbeitgebergruppen sind jeweils nicht besser oder schlechter, sie sind schlicht „anders“. Und das so gravierend, dass der durchschnittliche Angestellte gut beraten ist, seine Entscheidung für eine dieser beiden Kategorien einmal zu treffen – und dann dabei zu bleiben.

Natürlich gibt es unter den vielen Lesern dieser Zeitung auch einige, die genau diesen Wechsel irgendwann vollzogen haben – und glücklich damit geworden sind. Und es gibt selbstverständlich auch Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, die sehr engagiert und mit Herzblut ihre Arbeit verrichten und mit allen Umfeldbedingungen äußerst zufrieden sind. Aber hier geht es um Durchschnittsbetrachtungen und extrem „nachhaltig wirkende“ Vorurteile. Und, vergessen wir das nicht, auch um einen Rat an den Einsender, der die Dinge nun einmal so kritisch sieht – und erkennbar darunter leidet.

  1. Bei der Gelegenheit: Denkbar ist der Einwand gegen die Vorbehalte der Industrie-Arbeitgeber gegen Bewerber aus dem Öffentlichen Dienst, die Mitarbeiter dort könnten doch gar nichts für jene Umstände. Die Vorschriften und die üblichen Gegebenheiten dort seien nun einmal so, die Mitarbeiter hätten keine Chance, daran etwas zu ändern. Also könne man ihnen doch keinen Vorwurf machen.

Oh doch, man könnte: Diese Mitarbeiter sind, obwohl die besonderen Umstände in diesem Beschäftigungssektor allgemein bekannt sind, dort hingegangen, sind dann (oft) viele Jahre lang geblieben, haben das Umfeld also akzeptiert und sich eben nicht wenigstens nach kurzer Zeit entsetzt wieder wegbewegt. Im Gegenteil, sie haben sich durch viele Jahre der Tätigkeit dort auch noch entsprechend prägen lassen (so wird unterstellt).

  1. Das Argument spielt zwar bei der konkreten Fragestellung keine Rolle, muss aber erwähnt werden: Den subjektiv empfundenen Nachteilen der Umstände bei einem dieser Arbeitgebertypen stehen nahezu ebenso viele individuelle Vorteile gegenüber, die aber in einzelnen Phasen der Berufstätigkeit unterschiedlich gewichtet werden (z.B. Sicherheit des Arbeitsplatzes und andere soziale Aspekte).
  2. Sie, geehrter Einsender, haben nun jene geschilderten Empfindungen. Damit ist klar: So können Sie nicht weitermachen, es muss etwas geschehen! Ändern können Sie die Umfeldbedingungen nicht, anpassen (eine denkbare Alternative) wollen Sie sich auch nicht. Also müssen Sie sich ein neues externes Umfeld suchen.

Jetzt schnell zu wechseln ist – wie immer bei einem klar erkannten Fehler – das „kleinere Übel“. Im Gegenteil: Nach ein bis zwei Jahren ist der Weggang überzeugender als nach fünf oder sieben.

Als Begründung schlage ich etwa folgenden Text im Anschreiben vor:

„Ich habe nach 6,5 Jahren in einem mittelständischen Unternehmen zu einer Institution im Bereich des Öffentlichen Dienstes gewechselt. Dieser Schritt war mein Fehler, ich hatte mich vom sehr interessant geschilderten, weitreichenden Aufgabengebiet begeistern lassen und mich nicht hinreichend über die besonderen Umfeld- und Randbedingungen dort informiert: Entscheidungen fallen so langsam und spät, dass ein effizientes Arbeiten nach den mir vertrauten Maßstäben praktisch nicht möglich ist. Das ist nicht mit einem Vorwurf an die Führungskräfte dort verbunden – die bestehenden vielfältigen Vorschriften und Verfahrensregeln lassen kaum ein anderes Vorgehen zu. Daher suche ich aus ungekündigter und absolut unbelasteter Position gezielt die Rückkehr in das mir vertraute industrielle Umfeld.“

Das reicht – und überzeugt, klagt aber niemanden an.

  1. Etwas skeptisch bin ich mit Ihrem Wechsel des Fachgebietes. Das neue kennen Sie erst seit kurzer Zeit (gut ein Jahr, wenn meine abschließende Auslegung Ihrer widersprüchlichen Angaben stimmt) – und Ihre geringe Praxis stammt noch dazu aus einem Arbeitsumfeld, das Sie gerade in Grund und Boden stampfen und verdammen. Ob das wohl reicht? Wenn der Arbeitgeber „nichts taugt“, taugt auch das wenig, was Sie dort eventuell gelernt haben (auch das ist ein weit verbreitetes Vorurteil).

Fahren Sie zweigleisig: Bewerben Sie sich (bei jeweils verschiedenen Empfängern, versteht sich) teils auf Ihr früheres und auch Ihrer Studienrichtung entsprechendes Fachgebiet, teils auf das neue, von dem Sie sich begeistert zeigen. Bei Bewerbungen auf das frühere Gebiet müssten Sie dabei auch den Wechsel zum heutigen Fachbereich als Fehler hinstellen, den es zu korrigieren gilt. Sonst verpufft Ihre Argumentation.

Auf einem der beiden Wege kommen Sie gewiss ans Ziel. Übrigens: Bewerber, die einen Fehler zugeben, sind so selten, dass ihnen die besondere Aufmerksamkeit von Empfängern sicher ist. Sich bewerbende Vorstandsvorsitzer sollten lieber keine Fehler gemacht haben, denn sonst fürchten die Aktionäre gleich um ihr Geld. Sachbearbeiter und mittlere bis gehobene Führungskräfte sind in den Augen ihrer potenziellen Chefs ohnehin nicht frei von Fehlern – also können sie das ruhig einmal eingestehen. Das macht sie über Sachargumente hinaus sogar noch „menschlich sympathisch“.

 

Service für Querleser

Berufserfahrene Bewerber, die ihren Arbeitgeber wechseln möchten, sollten darauf achten, die einzelnen Umstände und Rahmenbedingungen im Umfeld der neuen Position nicht – und schon gar nicht auf mehreren Gebieten – „brutal anders“ zu wählen als sie ihnen bisher vertraut waren.

Die freie Wirtschaft einerseits und der Öffentliche Dienst andererseits sind grundsätzlich nicht die besseren oder schlechteren Arbeitgeber, sie sind einfach jeweils „anders“, z.T. in erheblichem Maße.

Daher gilt der pauschale Rat, gegen den nur in besonderen Fällen verstoßen werden sollte: Entscheiden Sie sich einmal für einen dieser beiden Arbeitgebertypen und bleiben Sie dabei, vermeiden Sie spätere Wechsel dazwischen.

 

Frage-Nr.: 3.045
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-11-22

Von Heiko Mell

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