Heiko Mell

Fachliche Breite contra technische Tiefe

Frage 1:

Stammend aus einem bildungsfernen Umfeld habe ich mich nach sehr guten Erfolgen während meiner Berufsausbildung entgegen allen Empfehlungen für ein ingenieurwissenschaftliches Studium entschieden. Ausschlaggebend war für mich, dass ich zu jeder Zeit in meinem Leben immer alles hinterfragt und mich nie mit einer Antwort zufrieden gegeben habe.

Antwort 1:

Was immer in Ihrer Schilderung noch folgt: Allein durch diesen letzten Satz wird klar, dass Sie im Berufsleben in der Industrie Probleme bekommen werden. Was ist Kern der Aufgabe eines Angestellten? Im Rahmen vorgegebener Ziele und bindender Ausführungsrichtlinien so zu arbeiten, dass er auf seinem Platz möglichst viel zur Gewinnmaximierung sowohl des Unternehmens als auch vor allem seiner Gesellschafter beiträgt. „Immer alles“ zu hinterfragen, das findet sich dabei in keinem Anforderungsprofil. Wenn Sie dann noch überdurchschnittlich intelligent sind, touchiert Ihr „Auto“ immer wieder einmal die Leitplanken. Pauschal gesagt: Entweder Sie hören mit der Hinterfragerei auf oder Sie suchen sich ein Betätigungsfeld außerhalb des Angestelltendaseins in der Industrie.

Und: Natürlich muss der Ingenieur technische Lösungen hinterfragen, optimieren, darf nicht mit dem Erstbesten zufrieden sein. Aber von „immer alles“ ist dabei keine Rede.

Frage 2:

Gleichzeitig ist es eines meiner größten Probleme, dass ich mich zwar für die Dinge im Speziellen interessiere, aber auch für ein breites Spektrum. So bin ich nach meinem universitären B. Sc. (Abschluss mit 1 vor dem Komma) in Elektrotechnik von einem Promotionsvorhaben abgekommen und mich hat es in die Praxis gezogen (Automatisierungingenieur mit Schwerpunkt Softwareentwicklung). Mein Interesse am Gesamtheitlichen hat mich davon nach vier Jahren wieder weggetrieben, da ich ständig an die Grenzen zu anderen Disziplinen gestoßen bin. Dort durfte ich nicht mitreden und ein Blick über den Tellerrand war ungern gesehen.

Antwort 2:

Meine Leser und ich haben eine Vereinbarung: Sie dürfen gegen alle hier immer wieder engagiert dargestellten Regeln verstoßen – und ich darf sagen: „Das haben Sie nun davon.“ Ihre klaren Fehler waren:

  1. a) Wenn man einmal promovieren wollte, darf man das Vorhaben ggf. auch aufgeben, aber eine (!) Stufe darunter, nicht zwei.
  2. b) Ein Bachelor mit 1,x muss praktisch den Master machen, sagt Mell.
  3. c) Ein Uni-Bachelor allein ist keine sehr gute Basis für die Praxis, sagt die Praxis. Wer die Uni einmal betritt, hat im Nur-Bachelor eher eine Art Notausstieg, weniger das Resultat einer überzeugenden Strategie.
  4. d) Wer breit interessiert ist, gern über den Tellerrand blickt und „immer alles hinterfragt“ (der arme Chef!), muss sich wenigstens die beste aller möglichen Ausbildungen gönnen – und darf niemals beim 1,x-Uni-Bachelor aufhören.

Das alles ist bekanntes, hier in breiter Form immer wieder neu durchgekautes Wissen. Wie man sieht, schafft der bewusste Verstoß gegen die bewährten Regeln schnell die vorhersehbaren Probleme.

Frage 3:

So bin ich jetzt etwa da gelandet, wo ich bereits während meiner Zeit als Werkstudent war, in der technischen Projektleitung. Hier darf ich mich um alles kümmern, einschließlich Verhandlungen, Verträge und kaufmännischem Controlling. Irgendwie fehlt mir aber jetzt wieder die Tiefe.

Ich sehe derzeit kein Entkommen aus der Misere. Bewusst wird mir das vor allem, wenn ich versuche meinem Wunsch nachzukommen, einen nebenberuflichen Master-Studiengang zu absolvieren: E-Technik ist durchs Raster gefallen, da die Spezialisierung zu stark ausfällt. Interessant finde ich Systems-Engineering, das weniger speziell ist – aber zu wenig Tiefgang hat. Ein wirtschaftswissenschaftlicher Aufbaustudiengang würde mich reizen, gleichzeitig ist es abschreckend, da ich fürchte, die oben genannte Problematik noch zu verschärfen.

Wenn ich in mich gehe und mich selbst hinterfrage, würde ich mich am liebsten selbstständig machen. Ich bastele gerne in meiner Freizeit: Mechanik, Elektronik, Software. Eine kleine Firma für Rapid Prototyping, Machbarkeitsuntersuchungen, Schaltschrankbau und kleinere Automatisierungsprojekte wäre mein Traum.

Was können Sie mir raten? Habe ich irgendein Berufsbild nicht auf dem Schirm, das mir gerecht wird. Mit welchem Studium wäre ich am besten beraten? 

Antwort 3:

Es waren einst zwei kräftige junge Burschen, die beschlossen, Holzfäller in Kanada zu werden. Man drückte ihnen dort je eine Axt in die Hand, wie sie dort üblich waren, zeigte auf einen riesigen Wald voller Bäume und sagte: „Fällt sie!“

Der eine Bursche wog die Standard-Axt in der Hand, erkannte ihre Unvollkommenheit, sah aber auch die zahlreichen schon vorhandenen Baumstümpfe, zuckte die Schultern und fing an. Der andere empfand sein Werkzeug als total unbefriedigend und zog los, es zu optimieren. Er sprach mit Metallurgen, mit Schmieden und Schreinern, er konsultierte Ergonomie-Experten und bastelte an seinem Traumwerkzeug, das tatsächlich besser und besser wurde.

Währenddessen schlug der erste Bursche Baum um Baum. Er lernte, mit der Unvollkommenheit seiner Axt zu leben, erkannte ihre Fehler und schätzte ihre Vorzüge. Am Ende des ersten Jahres blickte er auf mehr als tausend gefällte Bäume zurück, da war der andere gerade mit dem Problem einer noch besseren Schneidenform beschäftigt. Am Ende des zweiten Jahres blickte der erste Bursche auf zweitausend bildschöne selbstbehauene Baum‧stümpfe zurück, während der zweite jetzt erkannte, dass die typische Holzfäller-Kleidung unvollkommen genannt werden musste – und damit vor einem neuen, herausfordernden Projekt stand. Für ihn lohnte sich das Fällen von Bäumen eigentlich nicht mehr. Und verkaufen ließ sich die so mühsam entwickelte Super-Axt auch nicht – dazu war sie inzwischen viel zu teuer für so ein bisschen mehr an Perfektion.

Der erste Bursche erwarb von seinen klug verwalteten Leistungsprämien größere Waldbestände und baute ein kleines Holzimperium auf, der zweite gründete eine Firma zur Perfektionierung bewährter Handwerkzeuge, ging in die Pleite und war vollständig ruiniert.

Soviel dazu – wenn die Geschichte etwas taugt, bedarf sie keiner zusätzlichen Erklärung.

Ich glaube, sehr geehrter Einsender, der Schlüssel zu Ihrem Problem liegt in Ihrem allerersten Satz, den Sie so ungewöhnlich formuliert haben. Damit hier auch nicht das geringste Missverständnis aufkommt: Die Herkunft aus bildungsfernem Umfeld ist absolut kein irgendwie negatives Kriterium; es geht später nur darum, was Sie sind und was Sie können, Ihre Ausgangsbasis spielt dabei keine Rolle mehr. Dafür gibt es weder Malus noch Bonus. Aber bei der Suche nach möglichen Ursachen bestimmter Entwicklungen ist dieser Aspekt von Interesse.

Da ist einmal die Einschränkung, dass Sie von zu Hause kaum eine Grundschulung über das berufliche System unter dem Stichwort „der Akademiker in der Industrie“ mitbekommen konnten, sondern sich alles Wissen darüber selbst aneignen mussten. Das ist möglich, dieses Wissen wird ja in breiter Form angeboten (u. a. hier), man muss es nur aktiv aufnehmen. Aber dieser – bekannte – Aspekt steht für mich hier gar nicht im Mittelpunkt. Mir geht es um die häufig zu machende Beobachtung, dass man bei dieser Herkunft oft die Details einer Ausbildung stark überbewertet und sich dann mit der Frage herumquält, ob man auch das Richtige studiert hat, ob man auch den einzig wahren Job zur optimalen Anwendung Qualifikationsdetails hat, ob nicht eine noch bessere Aufgabe denkbar wäre, ob eher fachliche Breite oder Tiefe anzustreben ist etc.

Stellen Sie sich das von mir gelegentlich zitierte Gegenbeispiel vor: Ein junger Mensch wächst auf zwischen promovierten und nicht-promovierten Akademikern, registriert, dass Onkel Karl, Einser-Absolvent zweier Studien, viel Unsinn redet und zu viel trinkt, dass Cousine Karla-Marie trotz eines eindrucksvollen Doktor-Grades und diverser ausländischer Studien beruflich nichts auf die Reihe bringt, während vielleicht sein älterer Bruder mit einem weniger elitären Studienabschluss eine solide Karriere hinlegt. Dieser junge Beispiel-Mensch lernt früh: Ein Studium zu haben ist ganz normal, die Details dazu sind gar nicht so wichtig, man hat den Abschluss halt, aber dann bestimmt die Persönlichkeit, was in der Praxis daraus wird. Und aus den häuslichen Gesprächen hat er früh gelernt, dass man diese fachlichen Details nicht überbewerten darf.

Vielleicht hat der Vater auch manchmal ein befreundetes Konzern-Vorstandsmitglied mit nach Hause gebracht. Damit hätte unser Beispiel-Mensch dann auch jemanden aus der Leistungselite kennengelernt und wüsste, dass der verständnislos auf die Frage reagiert, ob fachliche Breite vor entsprechender Tiefe gehe oder umgekehrt.

Und er wäre nicht auf die Idee gekommen, mit einem 1,x-Bachelor von der Uni in die Praxis zu gehen und sich dann über nicht befriedigende Aufgaben zu wundern.

Nun also meine abschließende Meinung zu dem ganzen Komplex: Sie nehmen viele Details einfach zu wichtig. Sie brauchen völlig zweifelsfrei einen Master. Nun denken Sie nicht so viel über dessen Breite oder Tiefe nach, sondern machen Sie den so, dass niemand (außer vielleicht Ihnen) später daran herummäkeln kann: Machen Sie ihn als logische Fortsetzung der fachlichen Bachelor-Ausrichtung (also in E-Technik). Das ist vielleicht nicht immer optimal, aber niemals falsch.

Und dann versuchen Sie, einen speziellen Aspekt unseres beruflichen Systems (in der Industrie und verwandten Bereichen) zu verinnerlichen: Das fachliche Tun dient in erster Linie dem Ziel, etwas zu werden, Verantwortung und/oder Leitungsfunktionen zu übernehmen. So wie eine Fußballmannschaft Meister werden will (wovon auch immer), ein Unternehmen Marktführerschaft oder zumindest einen führenden Platz in der Branche anstrebt, so wird nach einigen Jahren der fachlich tüchtige Mitarbeiter mit Top-Ausbildung Team- oder Projektleiter, vielleicht Abteilungsleiter und mehr werden wollen (ggf. sogar sollen).

Ich sage nicht, dass jeder Mitarbeiter dem folgen muss, es sind andere Laufbahnentwürfe denkbar und erlaubt. Aber wenn man das System verstehen und seine Besonderheiten akzeptieren will, dann muss man diese Zusammenhänge kennen und möglichst auch akzeptieren.

Ich behaupte keineswegs, dass alle Abteilungsleiter glücklich sind. Aber ich bekomme so gut wie keine Briefe aus diesem Kreis mit dem Inhalt, sie seien von ihren Aufgaben nicht ausgefüllt, das sei ihnen zu viel Breite oder zu wenig Tiefe oder umgekehrt.

Machen Sie Ihren Master, nehmen Sie Ihre „Axt“ und fällen Sie „Bäume“. Denken Sie ruhig gelegentlich nach, aber nicht zu intensiv. Und wenn Sie das alles nicht überzeugt, ist vielleicht die Industrie nicht unbedingt der optimale Einsatzbereich für Sie. Aber fragen Sie dann nicht mich, welcher besser passen würde. Dafür bin ich – zum Glück – nicht zuständig. Vielleicht wäre die Hochschulumgebung (Professor) ein Platz für Sie gewesen. Aber als Bachelor ohne Promotion imponieren Sie dort absolut niemandem.

 

Service für Querleser:

Es gibt viele Hinweise darauf, dass im industriellen Umfeld – ähnlich wie in anderen hierarchisch strukturierten Großorganisationen – das fachliche Tun vor allem das Ziel hat, etwas zu werden: Wenn man etwas „ist“, hat sich die Frage, was man eigentlich so „tut“, erledigt. (Verständlicherweise gefällt diese Aussage nicht jedem.)

 

Frage-Nr.: 2.994
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-02-22

 

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Von Heiko Mell

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