Heiko Mell

Ein Arbeitgeber spricht Tacheles

In Frage 2.974 ging es um einen jungen Mann, der sich erst in einer späten Phase seines Studiums „auf den Hosenboden gesetzt“ und insgesamt zwölf Semester bis zum Bachelor gebraucht hatte, dennoch eine Fach-Trainee-Stelle bei einem Marktführer bekam, jetzt Projektingenieur im deutschen Osten und überfordert ist, auf ca. fünf Überstunden pro Woche kommt – aber nun unbedingt in sein Heimat-Bundesland zurückkehren will.

Frage 1:

Jetzt möchte ich aus Arbeitgebersicht etwas dazu sagen: Wenn ich die umfassenden und ausführlichen Fragen des Ingenieurs lese und seinen Anspruch daraus ableite, springt mir die Quint.

Antwort 1:

Damit die Leser nicht unnötig Zeit für Recherchen aufwenden müssen: Vermutlich ist mit „Quint“ eine spezielle Haltung der Klinge beim Fechten gemeint. Die Formulierung „springt mir“ in dem Zusammenhang ist zwar auch mir nicht vertraut, man kann sich die Bedeutung aber gut vorstellen.

Frage 2:

Wenn jemand „Karriere machen“ möchte – egal, wie das im Einzelnen aussieht – sind 45 Stunden pro Woche kein unlauteres Ansinnen. Man macht keine Karriere im nine-to-five-Job. Keiner. Auch nicht die Besten, Sorry – einfach NEIN.

Und der Einsender hat für sich schon abgespeichert, dass er eh zu den langsamen, eher begriffsstutzigen Menschen gehört. Das meine ich nicht despektierlich, das ist einfach so. Er sagt von sich selber „Ein Master kam für mich nicht infrage“ und hat gleichzeitig zwölf Semester für sein Bachelorstudium gebraucht. Er wird also möglicherweise eh schon 45 Stunden für ein 40-Stunden-Pensum brauchen.

Antwort 2:

Zwölf Semester für den Bachelor sind eine Katastrohe, keine Frage – das weiß auch der damalige Einsender. Er hatte sich von Anfang an mit einigen Fächern sehr schwer getan, sich dann aber doch noch „auf den Hosenboden gesetzt“, mit dem intensiven Lernen begonnen und immerhin noch einen Abschluss mit 2,3 zustande gebracht. Wir kennen die Qualität des vorangegangenen Schulabschlusses nicht, daraus hätte man sicher auch noch Erkenntnisse ziehen können.

Fest steht: Die beste Basis für Erfolg ist Erfolg. Wer von Anfang so studiert, dass er innerhalb der zeitlichen Norm bleibt und vorzeigbare Noten erzielt, geht jede neue Herausforderung gelassen, selbstbewusst und siegessicher an. Wer gewohnt ist, Einsen oder Zweien zu schreiben, schreibt sie auch weiterhin, wie die Erfahrung lehrt. Weil er gewohnt ist, jede neue Herausforderung so anzugehen, dass eine gute bis bessere Bewertung dabei herauskommt.

Unser damaliger Einsender hat – basierend auf einer nur durchschnittlichen Begabung fürs Studieren, wie Sie und ich vermuten – einen zentralen Fehler gemacht: Bei der ersten Niederlage, einer verhauenen Klausur oder einem nicht verstandenen Stoff, hat er die Schultern gezuckt und die Dinge schleifen lassen. Stattdessen hätte er die in dem Moment grellrot leuchtende Warnlampe beachten und ab dem folgenden Tag so hart arbeiten müssen, dass die Resultate in jedem Fall stimmen. Dann kommt es gar nicht zu solchen kindischen Rechnungen mit fünf Überstunden pro Woche. Das Ergebnis zählt, ob fünfzig oder sechzig Stunden dafür erforderlich waren, spielt keine Rolle. Was ich anfange, wird vorzeigbar abgeschlossen, das allein muss die Devise sein.

So, nachdem ich mich so langsam warmgelaufen habe, darf ich auch einmal die Frage nach dem wahren Schuldigen der ganzen Misere jenes Einsenders stellen: Es ist jener Arbeitgeber, der einem 12-Semester-Bachelor mit (von mir vermutet) schwachem Schulabschluss eine Trainee-Stelle anbietet und ihn dann fern der Heimat in dem von ihm ungeliebten (was man hätte sehen können, er hatte sich ja ausdrücklich Bedenkzeit erbeten und wollte eigentlich unbedingt heimatnah eingesetzt werden) deutschen Osten einsetzt und ihn dort mit Projektleitungsaufgaben überfordert!

Ich habe oft geschrieben, bestimmte Aspekte in der Arbeitgeber-/Arbeitnehmer-Beziehung seien sehr ähnlich den zwischenmenschlichen Kontakten im sehr persönlichen Bereich. Und welcher vernünftige Mann würde eine Partnerin heiraten, die sich auf seinen Antrag hin erst einmal Bedenkzeit ausbittet – und die früher schon gesagt hatte, sie bevorzuge eigentlich Karl-Josef? Das würde doch ebenso enden wie hier: Der „Job“ wäre von Anfang an ungeliebt.

Natürlich muss jeder Mitarbeiter auf sich selbst aufpassen und notfalls auch Angebote oder nachdrückliche Bitten der eigenen Chefs ablehnen. Aber deren Verantwortung ist eigentlich bei solchen Angelegenheiten größer. Sie werfen ja bei ihren „Angeboten“ ihre Autorität mit in die Waagschale.

Frage 3:

Keine Frage: Auch die langsameren Kandidaten gibt es und auch die haben ihre Daseinsberechtigung. Selbstverständlich. Die punkten möglicherweise in anderen Bereichen, sind z. B. extrem genau und pedantisch in ihren Arbeitsresultaten.

Aber eine Karriereplanung auf der Basis von zwölf Semestern Bachelorstudium, verbunden mit einem klaren „Nein“ zu „NOCH MEHR“ Arbeitsbelastung: Da ist nach meinem Dafürhalten kein Planungsspielraum vorhanden. Es gibt sicher einen Job für ihn. Aber mit Karriere hat das nichts zu tun – da muss schon mehr kommen.

Antwort 3:

Ich gehe auf der Basis der mir vorliegenden Informationen, geehrte Einsenderin, davon aus, dass Sie zu den Inhabern eines mittelständischen Familienunternehmens gehören. Ich gehe weiterhin davon aus, dass nicht alle Leser, die ja überwiegend Angestellte sind, mit allen von Ihren Aussagen und Anmerkungen restlos glücklich sind, vorsichtig gesagt.

Aber ich halte Ihre Meinung gerade in dieser Serie für besonders wertvoll. Unabhängig davon, wie der jeweilige Leser diese Aussagen einstuft, gilt: Ich versuche hier, die geltenden Spielregeln des Berufslebens zu erläutern. Diese Regeln wurden und werden überwiegend von Arbeitgebern gemacht. Diese spielen die Rolle des stets stärkeren zahlenden Käufers auf einem (Arbeits-)Markt.

Und hier lesen Sie, liebe Leser, nun einmal nicht nur die Darstellung eines Autors, der zwangsläufig beide Seiten verstehen muss, wenn er überleben will, sondern Sie bekommen einmal auch die ungeschminkte Arbeitgebersicht erläutert. Man könnte dazu in mehrfacher Hinsicht Stellung beziehen. Ich finde aber, für betroffene angestellte Mitarbeiter ist es viel wertvoller, die Meinung der Vertreter der „anderen Seite“ im Original zu erleben.

Dann lesen Sie hier noch eine kleine Sensation der besonderen Art: Der Autor dieser Serie, der manchen von Ihnen immer mal wieder als unnötig hart gegenüber den Einsendern, als stark arbeitgeberfreundlich und viel zu anspruchsvoll erscheint, wird hier aus anderer Sicht mehr oder minder dafür gerügt, im Einzelfall zu weich gewesen zu sein.

Frage 4:

Wo ist unser vielgerühmter Ingenieursstandort Deutschland? Wo ist die Weltführerschaft im Bereich Maschinen- und Anlagenbau? Mir wird angst und bange, wenn ich solche Auffassungen lese. Natürlich muss nicht jeder in der ersten Reihe stehen (wollen), aber bei dem hier beschriebenen Maß an Leistungsbereitschaft kann von „KARRIERE“ auch wohl keine Rede sein.

Das musste ich mir einfach von der Seele schreiben, nichts für ungut! Ansonsten lese ich jede Woche sehr gerne Ihre Karriereberatung, die gehört zu den ersten Dingen, die ich in den VDI nachrichten aufschlage.

Ich bin nicht immer Ihrer Meinung, finde es aber an vielen Stellen schon erfrischend, wie Sie den einen oder anderen Kandidaten zurechtstutzen. Bei diesem hat mir das allerdings leider gefehlt.

Antwort 4:

Ich danke Ihnen sehr für Ihre engagierte Zuschrift, die den Nachdenklichen unter unseren Lesern wichtige Meinungsbilder vermittelt. Denn nur wenn man weiß, wie auf der Gegen- oder Partnerseite (wie immer Sie wollen) gedacht wird, kann man die eigene Strategie optimal ausrichten.

Und wenn ich einmal sehr unter Druck geraten sollte, nehme ich diese Einsendung als Beweis dafür: Ich bin zumindest gelegentlich viel zu gut für diese Welt. Den entsprechenden Verdacht hege ich schon lange …

 

Frage-Nr.: 2.982
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47-48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-11-23

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

Universität  Osnabrück-Firmenlogo
Universität Osnabrück Leiterin/Leiter des Dezernats Gebäudemanagement Osnabrück
invendo medical GmbH-Firmenlogo
invendo medical GmbH Technischer Assistent (w/m) im Bereich Messtechnik / Entwicklung Kissing (Raum Augsburg)
ILF Beratende Ingenieure GmbH-Firmenlogo
ILF Beratende Ingenieure GmbH Senior Consultant PV Power Plants (m/f) München
invendo medical GmbH-Firmenlogo
invendo medical GmbH Entwicklungsingenieur (w/m) Kissing (Raum Augsburg)
Giesecke+Devrient GmbH-Firmenlogo
Giesecke+Devrient GmbH Financial Controller (m/w) München
ILF Beratende Ingenieure GmbH-Firmenlogo
ILF Beratende Ingenieure GmbH Senior Consultant for PV Hybrid System – Battery Systems (m/f) München
invendo medical GmbH-Firmenlogo
invendo medical GmbH Spezialist Spritzguss (w/m) in der Entwicklung Kissing (Raum Augsburg)
Institut für Solarenergieforschung-Firmenlogo
Institut für Solarenergieforschung Ingenieur (m/w/d) – Physikalische Technik, Mechatronik, Elektrotechnik u.a. Hameln
f.u.n.k.e. Mittelstands GmbH-Firmenlogo
f.u.n.k.e. Mittelstands GmbH Systemengineer & Business Developer (m/w) Luft- und Raumfahrt Ulm, Buchloe
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY-Firmenlogo
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY Elektrotechnikingenieurin (w/m/d) als Entwicklerin für Synchronisations- und Regelungselektronik Hamburg

Zur Jobbörse

Das könnte sie auch interessieren