Heiko Mell

Die „Priorität 1“ geht zulasten der anderen

Frage 1

Zunächst möchte ich mich für Ihre fundierten Karrieretipps, die ich seit dem Studium des Maschinenbaus verfolge, bedanken. Sie werden sehen, alle konnte ich nicht erfolgreich befolgen:

Während des Studiums habe ich mich des Öfteren mit dem Gedanken getragen, dieses abzubrechen, da ich mich mit mehreren Fächern sehr schwer getan habe. Letztlich habe ich es dennoch „durchgezogen“, indem ich mich auf den „Hosenboden“ gesetzt und diszipliniert gelernt habe. Aber die Dauer des Studiums ist nun in den Lebenslauf gemeißelt: zwölf Semester, Bachelor mit 2,3 vor vier Jahren – wo andere (wenn auch nur wenige) nur sechs Semester benötigen. Ein Master kam für mich nicht in Frage.

Glücklicherweise war dies kein großes Hindernis auf dem Weg in die Anstellung als Trainee beim Weltmarktführer mit einem speziellen Bearbeitungsprozess für diverse Bauteile, bei welchem ich schon meine Abschlussarbeit erfolgreich angefertigt hatte.

Antwort 1

Sie hatten ein Abitur unterhalb von 2,5 – da kann es schon einmal Probleme im Studium geben. Schön dass Sie es schließlich dennoch geschafft haben, einen Studienabschluss zu erzielen.

Heute wissen Sie auch: Hätten Sie den Entschluss mit dem „Hosenboden“ und dem disziplinierten Lernen im ersten Semester getroffen, wäre Ihnen viel erspart geblieben – u. a. ein berufslebenslang anhaltender kritischer Blick von Bewerbungsempfängern wegen des extrem langen Studiums.

Als Trost: Solange Sie in Ihrem Unternehmen bleiben, hat die Studiendauer überhaupt keine Bedeutung mehr: Man sieht nur noch die Person und ihre Leistungsfähigkeit, man hat in den unteren wie oberen Managementebenen ein genaues Bild von Ihnen. Danach urteilt man; kein Mensch schaut ständig in Ihrer Personalakte nach, wie lange Sie wohl studiert hatten. Man geht davon aus, Ihre Stärken und Schwächen auf allen Gebieten wegen der ständigen direkten Kontakte mit Ihnen genau zu kennen.

Nur wenn Sie sich jetzt extern bewerben, geht „das ganze Theater“ von vorne los. Sie sind dann für Bewerbungsempfänger ein unbeschriebenes Blatt, man nimmt alle Details Ihres Lebenslaufs unter die Lupe: Nach Jahreszahlen gerechnet, waren Sie beim Abitur (fast) 21, dann das eher schwache Ergebnis dabei. Anschließend das überlange Studium mit einem zwar noch guten, aber wegen der Studiendauer abgewerteten Examens und natürlich zu alt bei dessen Abschluss.

Noch ein kleiner Trost: Alle diese „Belastungen“ aus der Studienzeit verlieren im Laufe der Jahre auch bei externen Bewerbungen an Bedeutung. Konkret: Sie werden nach und nach von den Details des beruflichen Werdegangs überdeckt. Sofern diese absolut vorzeigbar sind! Sollten sich auch in der beruflichen Praxis noch negative Aspekte zeigen (zu häufige Arbeitgeberwechsel, keine erfolgreiche oder gar nach „unten“ zeigende Berufslaufbahn, arbeitgeberseitige Entlassungen, Arbeitslosigkeit, schlechte Zeugnisse), ist mit sehr deutlichen Beeinträchtigungen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen, die negativen Kriterien würden sich addieren.

Ein ganz wichtiger Aspekt bei Ihrem guten Start ins Berufsleben: Das Unternehmen kannte Sie aus der Zeit, in der Sie Ihre Bachelorarbeit dort angefertigt hatten. Auch dort galt: Der persönliche Eindruck aus der praktischen Tätigkeit des Kandidaten war für die betrieblichen Entscheidungsträger deutlich wichtiger als Noten, Zeugnisse, Studienverläufe etc. Aber dieser möglichst gute persönliche Eindruck muss halt gegeben sein. Ein Vorstellungsgespräch allein ersetzt ihn für den künftigen Vorgesetzten nicht.

Und Sie hatten noch mehr Glück: Die wichtigen Personen in dem Unternehmen dort lernten Sie gerade in Ihrer „Hosenboden- & Disziplin-Phase“ kennen. Wären Sie z. B. während Ihres zweiten Semesters dort aufgetaucht, hätten Sie keinen Blumentopf gewinnen können.

Es gilt auch: Wenn man sich schon deutlich unterschiedliche Leistungsphasen im Lebenslauf leistet, dann unbedingt – wie Sie – mit positiver Tendenz: Ein schwaches Abitur und ein gutes Studienexamen sind sehr viel besser als die umgekehrte Entwicklung. Es schadet auch nicht, entsprechende eigene Fehler in der persönlichen Einstellung aus früheren Jahren einzugestehen – aber heute muss das überwunden sein.

Letztlich bestätigen Sie zusätzlich die alte Erfahrung: Studenten bekommen oft für „Jugendsünden“ eine Art „Rabatt“ durch Entscheidungsträger. Das ist schön, aber verlassen sollte man sich nicht darauf. Es hängt auch mit den – Ihnen leider nicht zugänglichen – Lebenslauf-Daten der entscheidenden Manager zusammen. Wie man an Ihrem „Fall“ sehen kann, haben längst nicht alle künftigen Chefs, auf die man im Bewerbungsprozess trifft, nur Einsen auf Ihren Zeugnissen. Nur weiß man vorher nie, wer von diesen Leuten durch den eigenen Werdegang in welcher Art geprägt ist.

Frage 2

Zwei Jahre durfte ich in dieser Traineephase Projekte an unterschiedlichen nationalen und internationalen Standorten bearbeiten (siehe auch das angehängte Arbeitszeugnis).

Antwort 2

Dieses wichtige Arbeitgeberzeugnis nach Abschluss des Traineeprogramms ist „gut“; es zeigt einige bessere Einzelbewertungen, ist aber nicht sehr gut. Für sehr ehrgeizige weitere Karrierepläne wäre das nicht optimal. Hier gilt das bekannte Prinzip: Während ein „gutes“ Studienexamen durchaus sehr positiv wirkt und ein „befriedigendes“ Resultat für weniger anspruchsvolle Positionen noch reichen kann, sind die Ansprüche an Arbeitgeberzeugnisse wegen der ganzen gesetzlichen bzw. aus der Rechtsprechung resultierenden Vorschriften etwa eine Stufe höher.

Aber: Die Firmengruppe hat Sie im Anschluss übernommen (Trainees haben sehr oft nur befristete Verträge), das ist immer ein sehr positives Signal. In jedem Fall war diese Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis eine neue Chance für Sie!

Frage 3

Meinem Wunsch, nach Beendigung des Traineeprogramms an einen Produktionsstandort im heimatlichen Bundesland eingesetzt zu werden, konnte leider nicht entsprochen werden. Aber man bot mir bereits kurz vor meiner Abreise zum letzten Trainee-Einsatz in Asien eine Stelle im Bundesland Y im Osten Deutschlands an. Dort hatte man akuten Personalbedarf und man brauchte dringend Unterstützung bei einem Projekt, das für die Zukunft des entsprechenden Werkes enorm wichtig war. Damit war eine geplante Umsatzsteigerung im deutlich zweistelligen Prozentbereich verbunden. Ich sagte nach Bedenkzeit zu.

Das tat ich vor allem aus Loyalität und Dankbarkeit dem Unternehmen gegenüber. Denn das Traineeprogramm war eine sehr lehr- und ereignisreiche Zeit mit spannenden Herausforderungen gewesen. Überhaupt war die Beschäftigung mit dem sehr speziellen, vielseitigen Produktionsprozess sehr interessant. Hinzu kommt: Hätte ich abgelehnt, hätte ich später vielleicht externe Bewerbungen aus Asien schreiben müssen, deren Erfolgsaussichten ich für äußerst gering hielt.

Nun bin ich seit zwei Jahren Projektingenieur am Standort im östlichen Bundesland X. Ich komme auf ca. fünf Überstunden die Woche, punktuell auch darüber. Einerseits bin ich mit der sehr abwechslungsreichen und verantwortungsvollen Aufgabe zufrieden (von der Kundenanfrage mit Kalkulation und Machbarkeitsanalyse über Musterfertigung mit entsprechenden Auswertungen und mit Kunden-Abstimmungen bis zur Bemusterung und Übergabe an die Produktion). Andererseits fühle ich mich teilweise überfordert, wenn ich den Ansprüchen nicht gerecht werden kann, die andere Abteilungen und mein Chef an meine Arbeit stellen. Ich stehe unter enormem Zeit- und Arbeitsdruck. So kann ich es nicht verhindern, dass z. B. interne Meetings teilweise weniger gut vorbereitet sind oder FMEAs nicht dem aktuellen Stand entsprechen.

Ich schaffe es selten, meine Tagesplanung umzusetzen, da praktisch täglich ungeplante Ereignisse eintreten. Mit Blick auf die Kollegen kann ich jedoch sagen, dass sich dies alles noch in einem mehr oder weniger normalen Rahmen abspielt; lt. meinem Chef braucht man in diesem Job ein „dickes“ Fell. Ein neuer Kollege hatte dies nicht, ging nach einem Jahr wieder – und hinterließ den anderen noch mehr Arbeit.

Mein Fell muss noch kräftig wachsen; ich denke, dass ich einen derartigen Job in zwei bis drei Jahren selbstsicherer und besser ausführen werde. Das ist zumindest meine Hoffnung. Ich kann mir nicht vorstellen, in den nächsten Jahren noch mehr Verantwortung zu übernehmen (es kommt schon jetzt regelmäßig vor, dass mir die Projekte „über die Bettdecke krabbeln“ und mir den Schlaf rauben).

Nun werden wir verkauft, die neuen Inhaber haben einen Weiterverkauf unserer Geschäftseinheit in absehbarer Zeit angekündigt. So viel zum aktuellen Stand.

Antwort 3

Es gibt (mindestens) zwei Typen von Trainee-Programmen: Einmal das „klassische“, von dem in dieser Serie schon öfter die Rede war. Es zielt auf die Heranbildung von Führungsnachwuchs. Nach Programmabschluss führt der Weg mehr oder minder steil in Leitungspositionen. Dafür hätten Sie sich auf der speziellen Basis Ihres Studienverlaufs nicht bewerben sollen; für ein solches Vorhaben hätte ein Unternehmen Sie auch nicht einstellen dürfen. Dieses klassische Trainee-Programm wendet sich an eine gewisse Elite der Bewerber, was gezeigte Leistungen und erwartete Persönlichkeitsmerkmale angeht. Dieser Typ lag hier offensichtlich nicht vor.

Dann gibt es „Fach-Traineeprogramme“. Diese zielen auf die breit angelegte Vermittlung von Fachkenntnissen z. B. auf einem Gebiet (Einkauf, Vertrieb, Entwicklung, Produktion). Hier sind natürlich den Trainees später auch Führungslaufbahnen möglich, diese sind aber nicht vorrangiges Ziel. Der Trainee steigt nach Programmabschluss in „seinem Gebiet“ in fachlich anspruchsvolle Positionen zumeist ohne Personalverantwortung ein und arbeitet entweder so weiter oder sich allmählich hoch. Dieser Typ des Programms scheint hier vorgelegen zu haben.

Zwei Anmerkungen noch zu Ihrer Darstellung der Details Ihres Tagesgeschäfts:

a) Nach der Schilderung Ihres Studienverlaufs ist es immerhin denkbar, dass Sie entweder stets oder oft länger brauchen, bis Sie eine komplexe Anforderung im Griff haben. Damit müssen Sie zumindest auch in Zukunft rechnen.

b) Ich habe schon oft folgendes Phänomen beobachtet: Ein Job überfordert erkennbar für andere seinen Inhaber, der geht. Vielleicht ist sogar der Nachfolger ebenfalls überfordert und scheitert. Beide „schwören“, dass diese Belastung nicht zu schaffen sei. Dann kommt ein Neuer, arbeitet sich ein – und alles läuft reibungslos. Er hat die gleichen Probleme wie seine Vorgänger, geht aber anders damit um, setzt andere Prioritäten, hat das „Glück des Tüchtigen“ in eigentlich unmöglichen Situationen.

Das bringt mich zu der „gesicherten Vermutung“, jede halbwegs vernünftige Anforderung sei erfüllbar, nur eben nicht von jedem – auch wenn der die richtige Ausbildung oder Einarbeitung hat. Sie, geehrter Einsender, brauchen vielleicht tatsächlich etwas länger für die Einarbeitung in komplexe Situationen (der Hinweis auf auch gestresste Kollegen nutzt wenig, wir kennen deren Fähigkeiten ja nicht).

Frage 4

Privat sehe ich meine Zukunft definitiv im Heimatland-Bundesland X (Freundin, Familie, alle sind dort). Ich habe meinem Chef meinen Wunsch, demnächst das Werk zu verlassen, bereits mitgeteilt. Aber ich habe auch gesagt, dass ich im Detail flexibel bin und die Belange meines (und auch für die Zukunft des Werkes) wichtigsten Projektes bei meiner Planung mit berücksichtige.

Als ersten Schritt würde ich HR nach internen Versetzungsmöglichkeiten fragen. Geht das nicht, bewerbe ich mich extern. Wegen unserer sehr speziellen Ausrichtung wird ein Branchenwechsel erforderlich sein, und ich möchte wieder näher an die Technik, z. B. als Prozessingenieur. Das aber würde vermutlich als Abstieg bewertet.

Ziel ist eine Anstellung wieder im größeren Unternehmen/Konzern, die Verantwortung sollte geringfügig unter dem Status quo liegen, keinesfalls darüber. Einen Aufstieg kann ich mir erst bei weiterer Berufspraxis und steigender Souveränität vorstellen.

Können Sie mir bei dem Vorhaben „Zurück nach X“ strategische Hinweise geben?

Antwort 4

Sie haben sich für den „Standort“ als Priorität Nr. 1 auf der „Mell’schen Prioritätenliste“ (die nur einen Begriff pro Rangstufe zulässt) entschieden. Sie wissen, dass ich immer davor warne, aber ich muss so etwas akzeptieren. Damit werden berufliche Belange „automatisch“ zweit- oder drittrangig. Sie jedoch wünschen sich in allen Bereichen Lösungen, die aus Ihrer Sicht ideal sind. Das wird nicht klappen.

Da Sie Ihren Chef schon informiert haben, stehen Sie beide (er plant schon Ihre Nachfolge) unter Zeitdruck. Im gerade verkauften Unternehmen werden die Chancen für einen Wechsel an einen bestimmten Standort gering sein, der notwendige Branchen- und der gewünschte Tätigkeitswechsel reduzieren die Aussichten im externen Bereich ebenso wie wiederum die Standortfrage.

Für die Rückkehr in die Heimat werden Sie im beruflichen Bereich vermutlich sehr viele Kompromisse machen müssen, alles andere wäre ein unwahrscheinlicher Glücksfall. Fahren Sie Ihre Ansprüche diesbezüglich herunter, sonst wird die Enttäuschung zu groß.

Wären Sie nicht vorrangig standort-, sondern aufstiegsorientiert, hätte ich geraten zu bleiben, Ihr Toprojekt erfolgreich (um jeden Preis) abzuschließen und im Chaos des doppelt verkauften Unternehmens Ihre persönliche Chance zu nutzen.

 

Frage-Nr.: 2.973
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-10-19

Von Heiko Mell

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