Heiko Mell

Darf ich mich „zurückkaufen“ lassen?

Heiko Mell

Frage 1:

Ein Kollege von mir (Maschinenbau-Unternehmen, ca. 3000 Mitarbeiter) hatte gekündigt, um innerhalb der Branche zu wechseln. Unser Chef-Chef wollte ihn unbedingt halten und hat ihm das großzügige Angebot gemacht, im Unternehmen zu seinen Bedingungen zu bleiben: Wahl der Position, des Standortes (auch international). Mein Kollege lehnte ab, leider weiß ich nicht, aus welchen Gründen. Er ließ aber durchblicken, dass es nicht am Gehalt lag.

Antwort 1:

Handeln wir zunächst einen Spezialaspekt dieses Arbeitgeberangebots ab: „zu seinen Bedingungen“ mit freier Positionswahl. Das ist ein bisschen viel, um eine seriöse Entscheidung des Mitarbeiters zu begründen – und dürfte einen Angestellten, der sonst auch in diesen Fragen weisungsgebunden ist, weitgehend überfordern und misstrauisch stimmen.

Gestern noch hatte der Mitarbeiter Gründe, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen (sonst hätte er ja diesen zur Kündigung führenden Schritt nie unternommen), heute wird ihm das Unternehmen „auf dem Silbertablett serviert“; wer soll das verkraften, ohne sich so seine Gedanken darüber zu machen.

Mir kommt ein Verdacht. „Um innerhalb der Branche zu wechseln“: Ging es vielleicht gar nicht um den Mitarbeiter und sein tolles persönliches Potenzial (das man erst erkannte, als er gekündigt hatte), sondern mehr um firmen-/produktspezifisches Wissen, das man dem Wettbewerb unbedingt vorenthalten wollte?

Man wünscht sich oft, Chefs würden Mitarbeiter, die das Zeug dazu haben, schon aktiv fördern, bevor diese externe Bewerbungen schreiben.

Frage 2:

Für den Fall, dass auch ich über einen externen Wechsel nachdenken würde: Wenn man bereits einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und im bisherigen Unternehmen die Kündigung eingereicht hat, ist die Annahme eines solchen internen Angebots sinnvoll? Speziell beziehe ich mich auf den begangenen Vertrauensbruch (die ganze Bewerbung erfolgte hinter dem Rücken des Arbeitgebers).

Ist eine weitere längerfristige Zusammenarbeit auf dieser Basis möglich, würde das besondere Zustandekommen der neuen Position zu Problemen führen (missgönnen die Kollegen mir die so errungene neue Position?). Oder wollte der Chef-Chef meines Kollegen nur mehr Zeit gewinnen, um z. B. die Rekrutierung eines Nachfolgers besser vorbereiten zu können?

Antwort 2:

Den in Ihrer letzten Frage angerissenen Aspekt schließe ich aus. So bösartig (der Kollege würde dann ja bald überflüssig und die plötzlich ausbrechende Fürsorge des Chefs hätte sich erledigt) sind Arbeitgeber in der Regel nun auch wieder nicht.

Aber es gibt zwei Aspekte in diesem Vorgang, die man sehen muss:

  1. Ein „zurückgekaufter“ (so der Fachausdruck) Mitarbeiter macht im Hinblick auf seine „moralischen Qualitäten“ nicht den besten Eindruck. Mit ein bisschen Pech sehen das sogar jene seiner Chefs so, die ihn jetzt unbedingt halten wollen (weil ihnen das Hemd näher ist als die Hose). Eines Tages erinnert man sich daran, dass dieser Mann ja auch gegenüber seinem potenziellen neuen Arbeitgeber wortbrüchig geworden ist – und wer das einmal macht, könnte auch andere Arbeitgeber („z. B. uns“) so enttäuschen.
  2. Besonders gravierend ist die Gefahr, dass Chefs diesem Mitarbeiter die ganze Geschichte später als „Erpressung“ (außerhalb der juristischen Definition angesiedelt) auslegen: „Nur mit seiner Kündigung hat er uns unser damaliges Angebot aus der Nase gezogen“, so etwas wird schnell in die Diskussion eingebracht, ob die Fakten dafür sprechen oder nicht.

Hier sollte der Mitarbeiter intensiv und aktiv gegensteuern und in allen Kontaktgesprächen (Chef, Chef-Chef, Personalabteilung, Kollegen) immer wieder darauf hinweisen, er habe nichts gefordert, sondern einfach nur gekündigt, darauf habe der Arbeitgeber von sich heraus Angebote auf den Tisch gelegt. Was wiederum manche Kollegen auf die „unmoralische“ Idee bringen dürfte, es auch einmal mit einer Kündigung zu versuchen.

Zur Frage, ob „unter diesen Umständen eine längerfristige Zusammenarbeit noch möglich“ ist: Im Prinzip ja, in der Praxis jedoch dürfte der Mitarbeiter noch einige Zeit unter Beobachtung stehen; aber wenn ein paar Monate vergangen sind, verliert sich das. Schlecht für den Mitarbeiter: Er kann in der nächsten Zeit, welche Gründe er auch immer dafür hätte, nicht kündigen, er machte sich lächerlich und würde Wutanfälle seiner Chefs riskieren.

Und ob man Freude an einem neuen Job hat, den man erst bekam, als man gekündigt hatte, muss jeder selbst für sich entscheiden. Es spricht viel dafür, bei der einmal getroffenen Entscheidung (Kündigung) zu bleiben. Das Unternehmen hatte vorher seine Chance, es hat sie nicht genutzt.

 

Frage-Nr.: 3.038
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-10-18

Von Heiko Mell

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