Heiko Mell

Soll ich das Abenteuer Ausland annehmen?

Frage 1:

Seit gut vier Jahren arbeite ich in erster Anstellung nach der Promotion bei einem deutschen Top-Industriekonzern. Ich fühle mich hier sehr wohl: Ich mag meinen Job sehr und gehe gern zur Arbeit, komme gut mit den Kollegen aus und fühle mich in jeder Hinsicht hervorragend unterstützt und gefördert (mir fehlt in dieser Aufzählung nur noch die Anerkennung Ihrer Leistungen durch den Chef; H. Mell).

Meine Tätigkeit, die sich aus meiner Qualifikation ergibt (Sicherheitstechnik/Arbeitsschutz) ist in den meisten Unternehmen nicht unmittelbar wertschöpfend. Das ist hier nicht anders, allerdings wird dem Thema bei uns, wie in der ganzen Branche, ein erheblicher Stellenwert beigemessen. Als nächstes Entwicklungsziel habe ich mir eine Tätigkeit in der Produktion mit Führungsverantwortung gesetzt. Obwohl ich mich beruflich derzeit uneingeschränkt wohlfühle, habe ich das jetzt bereits meinem Vorgesetzten mitgeteilt, bevor irgendeine Art von „Leidensdruck“ aufkommt.

Antwort 1:

Die Geschichte mit dem „Leidensdruck“ verstehe ich nicht so ganz, aber darum geht es hier auch nicht vorrangig. Konzentrieren wir uns einmal auf Ihr Entwicklungsziel: Ganz einfach wird das sicher nicht. Da ist einmal Ihre spezielle Fachrichtung in Studium und Promotion – die eben nicht ihren Schwerpunkt in der eigentlichen Produktion hat. Dieser Aspekt überwiegt beim möglichen Wechsel in den neuen Bereich und in den ersten Jahren danach (z. B. in der Betrachtung durch Empfänger externer Bewerbungen; mit der Notwendigkeit dazu ist stets zu rechnen). Ein „in der Wolle“ gefärbter Produktionsmann sind Sie vorläufig nicht – man produziert ja nicht vorrangig, damit die Fertigung sicher abläuft, sondern um unter Anwendung effizienter Produktionsmethoden im harten internationalen Wettbewerb mit marktgängigen Produkten Geld zu verdienen. Nach einigen Jahren der Tätigkeit als Produktionsmitarbeiter verliert sich dieser Aspekt langsam, nach zehn Jahren ist es nahezu gleichgültig, was Sie früher einmal studiert hatten.

Dann würde Ihnen bei der Erreichung Ihres Entwicklungszieles eine Art „Doppelsprung“ bevorstehen: Wechsel in der fachlichen Ausrichtung und Einstieg in diesem neuen Fachgebiet direkt als Führungskraft. Auch das fällt unter „nicht ganz einfach“. Heute sind Sie „Experte“, also Fachmann ohne Führung. Nach geltenden Standardregeln müssten Sie entweder in das neue Fachgebiet „Produktion“ ebenfalls auf Ausführungsebene wechseln und sich dann dort zur Führungskraft qualifizieren – oder Sie werden z. B. erst im heutigen Fachgebiet Teamleiter und wechseln dann als erfahrener Teamleiter in die Produktion. Dabei würde aus dem doppelten Sprung jeweils nur ein einfacher. Im Einzelfall kann es in bestimmten Unternehmen auch abweichende Gepflogenheiten geben, aber pauschal ist mit solchen Hürden zu rechnen.

Ob es darüber hinaus klug war, Ihre Vorgesetzten über Ihre Pläne zu informieren, bevor konkrete Maßnahmen anstehen, ist auch eine offene Frage. Im Regelfall verdichtet ein Vorgesetzter im Fachgebiet A die Aussage eines seiner Mitarbeiter, er wolle demnächst ins Gebiet B wechseln, zu: „Bei mir will der Mitarbeiter nicht bleiben, ich werde ihn verlieren.“ Und dann verliert er das Interesse an ihm.

Nur ein ranghoher Vorgesetzter, in dessen Zuständigkeit A und B fallen (z. B. ein Bereichs-/Werkleiter o. ä.) sieht das gelassen. Denn der Kandidat bleibt ihm ja in jedem Fall erhalten.

Grundsätzlich sind Vorgesetzte durch das geltende System zum (Abteilungs-)Egoismus geradezu angehalten: „Was meine Zuständigkeit verlässt, findet nur noch begrenzt meine Aufmerksamkeit.“ Daher sind Chefs, die junge Mitarbeiter innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs fördern, verhältnismäßig oft zu finden. Aber kaum ein Vorgesetzter kümmert sich noch um Mitarbeiter, die aus seinem Einfluss verschwinden wollen. In der Regel (nicht immer) ist auch der tollste Vorgesetzte nur nett zu und fördernd gegenüber einem Mitarbeiter, von dem er selbst auch mittelfristig profitiert – er formt gern einen verantwortlichen Leistungsträger für seine Abteilung, nicht jedoch für die Abteilung des Kollegen Lehmann.

Also überlege man es sich gut, ob man seinen Chef sehr früh über derartige Wechselpläne informiert.

Frage 2:

Nun wurde mir von meinem Chef eine Entsendung in ein südamerikanisches Land als Schwangerschaftsvertretung angeboten. Ich würde dort eine Gruppenleiterin, die ein Team von vier Mitarbeitern führt, für drei bis maximal sechs Monate vertreten. Inhaltlich decken sich die Aufgaben mit meinen hier; ich kehre nach Ablauf auf meine jetzige Stelle zurück.

Dieses Vorhaben schätze ich als anspruchsvoll ein: Ich hätte zum ersten Mal Führungsverantwortung, das Land und seine Kultur sind mir unbekannt, ich spreche die Landessprache nicht (es funktioniert mit Englisch). Ich bliebe aber fachlich in meinem Thema und könnte mich voll auf die Führungsrolle konzentrieren. Raten Sie mir zur Annahme?

Antwort 2:

Ihr von mir etwas gekürzter Brief besteht aus fünf wesentlichen Absätzen. Der letzte, von mir bewusst nicht mehr abgedruckte, ist der längste. Er beschäftigt sich mit der Frage, was auf Sie bei einem Scheitern zukäme, mit möglichen dunklen Flecken, die Ihr Lebenslauf dann aufwiese etc.

Sie sind doch der Mann, der in der Produktion Führungsaufgaben anstrebt. Und da sitzen Sie noch immer an Ihrem Schreibtisch? Auf nach Südamerika – das Abenteuer wartet! Wenn Sie jemals weiterkommen wollen, müssen Sie das annehmen. Und auf Sieg setzen. Scheitern? Wie schreibt man das?

Sie sollen dort nicht die Welt neu entdecken in jenen drei bis sechs Monaten. Sie dienen nur als zeitlich begrenzt eingesetzter Platzhalter im Organigramm, damit der Vorschrift Genüge getan wird. Sie werden, das schütteln Sie aus dem Ärmel, eine paar fachliche Anregungen geben und einige entsprechende Entscheidungen treffen müssen, das wär’s schon. Niemand erwartet, dass Sie das Rad neu erfinden, dass Sie die eventuellen fachlichen Versäumnisse aus Jahrzehnten aufholen oder gar aus einer etwas „verlotterten“ Truppe von vier Leuten einen Musterbetrieb nach preußischem Standard formen.

Sie werden für einige Wochen Chef der kleinen Mannschaft, die Leute dort wissen, dass Sie nur vertretungsweise da sind und bald wieder gehen.

Die paar Mitarbeiter haben nicht das geringste Interesse daran, Ihnen Probleme zu machen. „Mich voll auf die Führungsrolle konzentrieren“? Kümmern Sie sich um die fachliche Seite und machen Sie führungstechnisch erst einmal gar nichts. Beobachten Sie, was dort üblich ist, passen Sie sich an und fragen Sie Ihren Chef vor Ort, wenn Sie auf ein Problem stoßen sollten. Gehen Sie davon aus, dass Ihre Gruppe grundsätzlich „von alleine“ läuft, was das Tagesgeschäft angeht (Mitarbeiter sind ohnehin stets davon überzeugt, dass sie am besten ohne Chef zurechtkämen).

Sie werden dort lernen, Ihre Persönlichkeit wird durch die Erfahrungen positiv verändert werden – und Sie werden noch Ihre Enkelkinder nerven mit „damals in Südamerika“. Außerdem: Ihr Chef schlägt das vor. Sie schlagen daraufhin auch und zwar symbolisch die Hacken zusammen und sagen etwas wie „jawohl, gerne, große Ehre, freue mich über Ihr Vertrauen“ – und packen Ihre Koffer.

Schildern Sie uns später gern (unter Bezug auf die Nummer Ihrer Frage) Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen.

Und: Wer siegen will, sollte besser nicht planen, was er im Falle eines Scheiterns tut – das lenkt ihn bloß ab. Nur Mut!

 

Service für Querleser:

Der Wechsel vom Fachmann im Gebiet A zur Führungskraft im Gebiet B ist ein schwieriger „Doppelsprung“, den man ggf. in zwei Einzelsprünge aufteilen muss. Wenn man jung und ehrgeizig ist und für ein paar Monate ins Ausland geschickt werden soll, fragt man: „Wann fliege ich?“

 

Frage-Nr.: 3.033
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-09-27

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