Bindung an ein labiles Unternehmen

Frage/1: Ich bin seit ein paar Jahren als …-Ingenieur bei einem großen mittelständischen Unternehmen tätig. Die letzten Jahre waren von Umstrukturierungen, Produktionsverlagerungen und Entlassungswellen geprägt. Meine tägliche Arbeit neigt zur Unterforderung, bereitet aber dennoch Freude.

Antwort:

Antwort/1: Also, es tut mir ja fast leid, aber das geht so nicht: Ihre Arbeit neigt absolut zu gar nichts! Was Sie meinen ist: „Ich fühle mich von meinem Tagesgeschäft unterfordert“ oder auch „Meine tägliche Arbeit unterfordert mich“. Da bekommt man ja fast Bauchschmerzen.

Frage/2: Die Branche entwickelt sich positiv, viele der anderen Unternehmen wachsen. Unser Misserfolg liegt wohl in einem seit Jahrzehnten andauernden Missmanagement und erstarkender Konkurrenz begründet. Andererseits sind der Zusammenhalt unter den Kollegen sowie das Arbeitsklima sehr gut. Auf der anderen Seite erkenne ich kaum Führungskompetenz, und die Zukunftsperspektive am Markt ist mehr als ungewiss.  

Antwort/2: Diese meine Anmerkung ist nicht als Kritik gemeint, sondern eher als Tipp für das Vorgehen in künftigen Fällen: Was wir für diesen Beitrag und insbesondere für die Antwort auf Ihr konkretes Anliegen brauchen, sind die folgenden Randinformationen: Ihre Arbeit macht Ihnen Freude, Umfeld und Klima sind gut, aber das Unternehmen steckt in Schwierigkeiten, seine Zukunftsaussichten sind ungewiss. Die Spekulationen über die möglichen Ursachen der Misere sind weder erforderlich noch bei Ihrer geringen Berufspraxis letztlich zu verantworten. Man liest so etwas öfter, Sie haben das nicht „erfunden“: Wenn man einmal dabei ist, die Dinge zu Papier zu bringen, öffnen sich schnell irgendwelche „Schleusen“ und man vollzieht bei der Gelegenheit gerne eine Generalabrechnung. Mich stört das nicht, ich könnte es ja überlesen und zum Kern vorstoßen. Aber ich kenne dieses Phänomen auch aus Vorstellungsgesprächen. Da fühlt sich dann der Bewerber zu einer Analyse vor fachkundigem Publikum berufen – und kann nun endlich einmal die aufgestauten Frustrationen der letzten Jahre in konkrete Anklagen umsetzen.

Dazu zwei Anmerkungen:

a) Die Zuhörer, beispielsweise im Vorstellungsgespräch, freuen sich vielleicht über Klatschgeschichten aus anderen, vielleicht sogar bekannten Unternehmen, ziehen aber sofort den Schluss: „Eines Tages sitzt der in einem anderen Unternehmen als Bewerber und zieht entsprechend über uns vom Leder, kreidet dann uns Missmanagement an und spricht über fehlende Führungskompetenz. Nein, das riskieren wir nicht, wir sagen ihm ab.“

b) Es schmückt gerade den jungen Angestellten, der noch ausschließlich auf der ausführenden Ebene unterhalb des Managements tätig ist, wenn er zwar über Fakten (wirtschaftliche Probleme, Entlassungswellen etc.) spricht, aber von sich aus hinzufügt: „Über die Ursachen kann ich nichts sagen, dazu habe ich in meiner Position zu wenig Einblick.“ So etwas imponiert den Zuhörern sehr. Und es passt zu der Regel: Man sagt nie etwas Schlechtes über seinen Arbeitgeber. Fakten jedoch sind erlaubt. Also: „Man spricht intern allgemein über eine bevorstehende Insolvenz“, aber nicht: „Unsere Geschäftsführung hat den Laden gegen die Wand gefahren.“

Und bevor Sie, geehrter Einsender, mir jetzt versichern, das hätten Sie nur hier zu diesem Zweck schriftlich von sich gegeben, Sie würde so etwas natürlich nie im Rahmen von Vorstellungsgesprächen mündlich äußern, sage ich, dass ich Ihnen glaube und diese Anmerkungen nur für weniger überlegt vorgehende andere Leser formuliert habe. (Aber: Wozu, sagten Sie weiter oben, neigt Ihre Arbeit?)

Frage/3: Vor Antritt dieser Anstellung hatte ich an der TU in … ein Master-Studium in „Maschinenbau und Management“ absolviert, sowie Aus- und Inlandserfahrung bei großen Konzernen im Rahmen von Praktika gesammelt.

Ehrgeiz, inhaltliches Interesse und fehlende berufliche Herausforderung veranlassen mich dazu, die berufsbegleitende Absolvierung eines MBA-Studiums zu planen. So möchte ich die Zeit vor einem beruflichen Wechsel (hin zu mehr Herausforderung) sinnvoll nutzen. Eine kurze Verweilzeit von kürzer als drei Jahren wie sie jetzt gegeben ist, würde ich als Malus im Lebenslauf einschätzen.

Das MBA-Studium würde von meinem Arbeitgeber finanziell und durch Freistellung unterstützt. Es gibt dann aber eine Bindungsverpflichtung von zwei Jahren nach Abschluss dieses Studiums. Diese Bindung im Zusammenhang mit der unsicheren Zukunft des Unternehmens hindert mich daran, dieses Vorhaben zu starten.

Raten Sie mir, auch in Anbetracht der unsicheren Lage des Unternehmens, die lange Bindung (insgesamt vier Jahre für das Studium + den anschließenden Verbleib) einzugehen?

Oder soll ich alternativ in ein bis zwei Jahren in eine stärker herausfordernde Anstellung mit mehr Verantwortung wechseln – mögli­cherweise in ein größeres Unternehmen? Das MBA-Studium könnte ich dann mögli­cherweise später aus einer erfahreneren Position heraus beginnen. 

Antwort/3: Mit Ihrem letzten Satz schließt sich ein Kreis – und ich kann nicht aus meiner Haut: Es gibt Positionen höchst unterschiedlicher Art, die man mit höchst unterschiedlichen Adjektiven belegen könnte, aber eine „erfahrene Position“ gibt es nicht. Damit entfällt auch die Steigerung hin zu „erfahrenere“. Sie meinen entweder, Sie könnten dann aus einer Sie mehr fordernden Position heraus das Studium angehen oder wenn Sie mehr Erfahrungen gesammelt hätten. Und wissen Sie was? Das ganze Argument ist überflüssig – lesen Sie einmal Ihren letzten Satz ohne „aus einer erfahreneren Position heraus“ – er gewinnt deutlich und verliert nichts.

Bei der Gelegenheit: Niemand von Ihnen, liebe Leser, gewinnt etwas, wenn er jetzt zum Ausgleich mir Fehler nachweist, was gelegentlich versucht wird. Ich sage ja nur, Sie sollen sich um Präzision, Logik und halbwegs akzeptable Rechtschreibung bemühen. In Ihrem Interesse. Ich sage nicht, ich sei das leuchtende Beispiel, dem es nachzueifern gelte. Aber wenn es Ihnen Spaß macht, suchen Sie ruhig dennoch nach meinen Unzulänglichkeiten. Selbst ich bin überzeugt, dass es hinreichend viele davon gibt. Aber Sie haben wenig davon, wenn Sie Ihre Zeit mit dem Aufspüren derselben verbringen. Um mich geht es ja hier nicht.

Nun zur Kernfrage:

A) Das Unternehmen weiß genau, was ihm ohne Ihre Bindungsverpflichtung drohen würde: Sie nähmen gern die (teure) Förderung in Anspruch – und wechselten an dem Tag, an dem man Ihnen das MBA-Examen aushändigte, den Arbeitgeber. Also will man mit der Bindung „das Schlimmste verhüten“.

Üblich ist nämlich, und auf dieser leidvollen Erfahrung beruht die Bindungsverpflichtung, dass ein MBA-Absolvent nach nebenberuflichem Studium sofort nach dem Examen intern „auf der Matte steht“ und „mehr“ will. Mehr an Hierarchieebene, Gehalt, Verantwortung etc. Da diese Wünsche häufig nicht mit den zufälligen Gegebenheiten im Unternehmen übereinstimmen und der MBA-Absolvent in den Augen seiner Chefs immer noch absolut derselbe Mensch mit allen bekannten Stärken und Schwächen wie vor dem Examen ist, neigen die Vorgesetzten zu Vertröstungen weit in die Zukunft hinein. Der Absolvent aber will – auch als Ausgleich für die Quälerei (Freizeitopfer!) der letzten zwei Jahre und durchdrungen von dem Bewusstsein, jetzt ein neues Qualifikationsniveau erreicht zu haben, „mehr und zwar jetzt“. Das führt oft bis sehr häufig zum Arbeitgeberwechsel.

Als allgemeiner Rat an alle Leser: Wundern Sie sich also nicht über fehlende Begeisterung bei Vorgesetzten oder Bewerbungsempfängern, wenn sie von entsprechenden Plänen oder noch laufenden Studien erfahren.

Woran es meist fehlt, ist eine Einstellung des MBA-Absolventen wie: „Jetzt bin ich viel qualifizierter als früher, also kann und werde ich meinen vorhandenen Job sehr viel besser und mit deutlich eindrucksvolleren Resultaten ausfüllen. Das wird auch meine Chefs begeistern, sie werden mich in wenigen Monaten aus Überzeugung befördern.“

Damit kein Missverständnis entsteht: Die im MBA-Studium erworbene zusätzliche Qualifikation ist in jedem Fall wertvoll und schadet eigentlich niemals, nur könnte der zum Erwerb erforderliche Aufwand durchaus auch den Nutzen übersteigen. Und: Wenn Sie kein Talent zum General Manager haben, nützt auch ein „Papier“ über ein Studium des General Managements nicht allzu viel. Aber: Eine Bewerbung mit dem Hinweis „habe vor drei Jahren das MBA-Studium erfolgreich abgeschlossen“, wird stets gern gelesen werden (beachten Sie „vor drei Jahren“).

B) Bindungsverpflichtungen dieser Art sind aus Sicht des Unternehmens verständlich, aus Sicht des Arbeitnehmers aber „verdächtig“. Stehen sie doch für „Selbst mein Arbeitgeber glaubt nicht, mich nach dem Examen ohne juristische Bindung weiter für sich begeistern zu können. Statt aber zu versuchen, mich dann über den Weg einer angemessenen Beförderung zu halten, erzwingt er es über einen Kündigungsverhinderungsvertrag.“

Sachlich stellt sich das Problem so dar: Unternehmen A hat mit der Studienförderung in den Arbeitnehmer erheblich investiert. Das muss sich auszahlen – auf dem Prinzip beruht das ganze System. Dazu muss der Mitarbeiter nach Studienende noch einige Zeit dort bleiben und möglichst seine dann bessere Qualifikation in die tägliche Aufgabenerledigung einbringen. Bevorzugt im bisherigen Job zum bisherigen Gehalt. Dem Arbeitnehmer bleibt ja seine vom Unternehmen geförderte neue Qualifikation berufslebenslang erhalten – was verlöre er schon groß, wenn er nach Studienende zwei Jahre freiwillig zu bisherigen Bedingungen bliebe?

Es gibt aber eben auch Unternehmen des Typs B: Denen ist die Förderung von Angestellten in Form eines solchen Studiums zu teuer, zu kompliziert und im Ergebnis zu ungewiss. Sie stecken die Hälfte der Kosten, die Unternehmen A in diesem Rahmen in den Mitarbeiter investiert hat, in eine Gehaltserhöhung, mit der sie frischgebackene MBA-Absolventen abwerben. Das kann sich durchaus rechnen!

Also muss sich A gegen diese „Masche“ schützen, bei der fatalerweise B und der MBA-Absolvent am selben Strang ziehen.

Bevor ein Missverständnis entsteht: A, B und der Arbeitnehmer handeln jeweils regelgerecht und systemkonform. Jeder der Betroffenen muss seinen eigenen Weg in diesem Argumentationsgeflecht finden.

Und die Moral? Moralisch wäre es, wenn ein von A geförderter Mitarbeiter freiwillig und aus Anstand noch ein paar Jahre bei A bliebe und wenn B einen Bewerber mit frischem MBA-Examen, der von A gefördert worden war, aus moralischer Entrüstung nicht einstellen würde („man beißt nicht die Hand, die einen gefüttert hat“). Aber da könnte man auch fordern, es müsse an den Weihnachtsmann geglaubt werden.

C) Mein Rat in diesem speziellen Fall: Realisieren Sie diesen speziellen Plan mit der entsprechenden Bindungsverpflichtung dort nicht! Da kommen mehrere Aspekte zusammen:

Man absolviert bei Ihrer Ausbildungsbasis zunächst einmal kein Zusatzstudium, weil man sich im derzeitigen Job nicht hinreichend gefordert fühlt. Eigentlich träumen Sie ja doch von Großunternehmen, die Sie aus Ihren Praktika kennen. Und der mögliche bis wahrscheinliche weitere Niedergang des Unternehmens passt nicht zu einer mehrjährigen Bindung an diesen Arbeitgeber.

Ich sehe zwei Möglichkeiten für Sie:

Entweder gehen Sie sofort und ohne Studium zu einem anderen Arbeitgeber. Noch sind Sie „nichts“ (hierarchisch gesehen), da ist auch der eigentlich schwierige Wechsel in ein größeres Unternehmen noch gut möglich. Über ein eventuelles (übrigens kaum irgendwo direkt gefordertes) MBA-Studium können Sie dann später wieder nachdenken.

Bedenken wegen der kurzen Dienstzeit stehen nicht im Vordergrund: Als Berufsanfänger dürfen Sie schon nach etwa zwei Dienstjahren wechseln. Es muss dann nur beim zweiten Arbeitgeber etwas länger werden – aber im Großbetrieb bleibt man ohnehin gern fünf oder auch acht Jahre, mancher geht da überhaupt nie wieder weg.

Oder Sie nutzen die Unterforderung im heutigen Job und stecken privat und ohne finanzielle Förderung durch den Arbeitgeber und also auch ohne Verpflichtungserklärung Ihre überschüssige Tatkraft in ein MBA-Studium, nach dessen Abschluss Sie dann uneingeschränkt Ihr eigener Herr sind.

Ob das Großunternehmen Sie lieber sofort ohne MBA oder in zwei Jahren mit dieser Qualifikation nimmt, können Sie durch sofortige Testbewerbungen herausfinden. Böte man Ihnen dort den Einstieg jetzt, würde ich akzeptieren. So wie Sie Ihren heutigen Arbeitgeber sehen, sollten Sie dort nicht Ihre Zukunft suchen.

Und für den Fall, dass jemand wissen möchte, welche Probleme bei unseren Einsendern generell im Vordergrund stehen: Mit den beiden Feldern „Soll ich promovieren?“ und „Was ist mit dem MBA-Studium?“ könnten wir locker diese Serie gestalten. Aber keine Angst, ich werde es nicht tun.

PS: Mein Standard-Tipp für entsprechend interessierte Einsender: Lesen Sie Stellenangebote Ihres Fachgebiets. Je mehr dort der MBA wenigstens als „ideal“ oder „gewünscht“ direkt gefordert wird, desto mehr neigt sich der Zeiger zum „Tun Sie es“. Das gilt – wieder einmal – auch umgekehrt.

Frage-Nr.: 2917
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-11-16

Top Stellenangebote

Technische Universität Darmstadt-Firmenlogo
Technische Universität Darmstadt Universitätsprofessur Fahrzeugtechnik (W3) Darmstadt
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2 Professur Nachhaltige Werkstoffe in der Kunststofftechnik Aalen
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft W2-Professur für das Fachgebiet "Digitale Signalverarbeitung" Karlsruhe
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Automatisiertes Fahren / Fahrerassistenzsysteme (W3) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Sachverständigenwesen / Unfallrekonstruktion (W2) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Fahrzeugmesstechnik / Technische Akustik (W2) Zwickau
Stadt Dreieich-Firmenlogo
Stadt Dreieich Projektingenieur*in Kanal im Produkt Abwasserentsorgung Dreieich
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart Professur (W3) "Thermische Energiespeicher" Stuttgart
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Bausachverständiger / SiGeKo (m/w/d) keine Angabe
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professorin / Professor (m/w/d) für das Lehrgebiet Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.