Dauer der Auslandstätigkeit

Frage/1: Wenn es um die Auslandserfahrungen geht, empfehlen Sie eine maximale Dauer von drei (bis fünf) Jahren, um nicht als „auslandsverdorben“ zu gelten. Darüber hinaus heben Sie die Bedeutung der Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt hervor sowie die Problematik, sich ggf. direkt aus dem Ausland für einen neuen Job in Deutschland bewerben zu müssen.

Antwort:

Antwort/1: Das ist ein sehr komplexes Thema, bei dem die Industrie eine nicht immer logisch erscheinende Richtung verfolgt:

Die fortschreitende Globalisierung führt zu immer breiteren Auslandsaktivitäten der Unternehmen. Damit steigen die Anforderungen an Mitarbeiter, sich bei Bedarf ins Ausland versetzen zu lassen und/oder bereits umfassende Auslandserfahrungen im Lebenslauf vorweisen zu können, wenn sie aufsteigen wollen. Oft gilt die interne (Konzern-) Richtlinie: Beförderungen ab einer bestimmten Ebene aufwärts sind überhaupt nur noch möglich, wenn man mindestens X (z.B. zwei oder drei) Jahre Auslandseinsatz vorweisen kann. Dieser Trend wird sich verstärken.

Zum „Ausgleich“ dafür erschweren die Unternehmen einerseits den gezielten Erwerb von Auslandspraxis zu einem Zeitpunkt, der optimal in den Werdegang des Mitarbeiters passt. Bewerben Sie sich einmal irgendwo mit der Bitte: „Ich möchte gern zunächst für etwa zwei Jahre von Ihnen ins Ausland entsandt werden und danach eine adäquate Aufgabe in Ihrer Inlandsorganisation übernehmen.“ Dem kann so gut wie kein Arbeitgeber entsprechen. Das ist keinesfalls reine Bosheit, die strukturellen und organisatorischen Gegebenheiten lassen ein Eingehen auf solche – eigentlich höchst vernünftigen – Bewerbervorstellungen kaum zu. Hinzu kommt, dass die Unternehmen immer mehr Aktivitäten im Ausland und immer weniger im Inland ausweisen – sie können den vielen Rückkehrern aus dem Ausland gar nicht mehr einen adäquaten Inlandsjob versprechen. Also versuchen sie, Bewerbern einen Vertrag nur mit der Tochtergesellschaft in China oder Bulgarien (ohne Rückkehrzusage nach Deutschland) schmackhaft zu machen.

Dann freuen sie sich auch keineswegs uneingeschränkt über externe Bewerbungen aus dem Ausland nach jenen zwei bis maximal fünf Jahren dort: Wer sich aus China oder Afrika bewirbt, ist schwer für Kontakte (Vorstellungsgespräche) greifbar. Und oft sind seine Erwartungen, die auf seiner Auslandstätigkeit beruhen, hier nicht so leicht zu erfüllen: Ein Kandidat, der in einem Schwellenland zwanzig einheimische Arbeitskräfte geführt hat, kann nicht automatsch auch eine Abteilung mit hochqualifizierten deutschen Mitarbeitern leiten; er kennt deutsche Betriebsräte nicht – und hat vielleicht seine Führungsautorität auf seinem „überlegenen“ Fachwissen aufgebaut, das hier nicht mehr gegeben ist.

So kommt es zu der paradox erscheinenden Konstellation:

a) Auslandspraxis ist grundsätzlich sehr empfehlenswert bis nahezu unverzichtbar für Mitarbeiter mit Karriereambitionen und wird von Unternehmen sehr geschätzt.

b) Der geplante und gezielte Erwerb von Auslandspraxis ist schwierig bis sehr schwierig, insbesondere die danach fällige Reintegration in den deutschen Markt kann äußerst problematisch werden.

c) Auslandspraxis wird absolut gern gesehen und ist fast immer karrierefördernd – sofern die Rückkehr nach Deutschland vor etwa zwei bis fünf Jahren erfolgte und die Reintegration in den deutschen Markt bereits erfolgreich vollzogen wurde (die Bewerbung erfolgt aus dem Inland aus einer vorzeigbaren Position heraus).

Frage/2: Ich arbeite in einem internationalen Unternehmen der …-Industrie und strebe an, konzernintern für ca. ein Jahr ins Ausland zu gehen. In meinem Unternehmen wird Auslandserfahrung oft als Voraussetzung für die Übernahme höherer Positionen gefordert. Studiert habe ich in Deutschland (Dipl.-Ing. FH) sowie ein Jahr in Großbritannien (M. Sc.). Ich arbeite nun seit zwölf Jahren in der Entwicklung, etwa die Hälfte davon in der Projektleitung. Welche minimale Aufenthaltsdauer empfehlen Sie, damit die Auslandstätigkeit von der Industrie „gewürdigt“ wird? Mir ist klar, dass man in vier Monaten eine fremde Kultur nur begrenzt erleben kann; allerdings ist mein Vorgesetzter der Meinung, ein Aufenthalt unter zwei Jahren würde wenig Sinn machen.  

Antwort/2: Fragen Sie einmal bei einem verantwortlichen Mitarbeiter Ihrer Personalabteilung nach, von welcher Dauer des Auslandseinsatzes man in Ihrem Hause „als Voraussetzung für die Übernahme höherer Positionen“ ausgeht. Das wäre ein wichtiger Anhaltspunkt.

Ich neige zur Ansicht Ihres Vorgesetzten. Sie sollen ja nicht nur „Land und Leute beschnuppern“, sondern für den Konzern im Ausland etwas Nützliches tun. Und wenn jemand irgendwo eine neue Aufgabe übernimmt, dann gelten zwei Jahre Dauer als Minimum. Sonst geht ja die Begrüßungsparty nahtlos in die Abschiedsfeier über. Im Ernst: Um anschließend Arbeitserfolge(!) und eine Bewährung in fremder Kultur sowie ein gewisses „Stehvermögen unter schwierigen/un­gewohnten Begleitumständen“ nachweisen zu können, müssen Sie mindestens zwei Jahre ansetzen.

Frage/3: Sollte ich nur über einen lokalen Vertrag ins Ausland gehen können, d. h. ohne Rückkehrgarantie, ändert das Ihre Meinung zur Mindestaufenthaltsdauer? Sollte ich im Anschluss einen Job außerhalb des Konzerns suchen, frage ich mich, ob ich den Auslandsaufenthalt im Lebenslauf im Rahmen meiner Konzerntätigkeit gut und glaubwürdig verkaufen kann, denn ein z. B. einjähriges Arbeitsverhältnis losgelöst sieht im Lebenslauf ja nicht so positiv aus.

Antwort/3: Da sehe ich nicht den Kern des Problems. Sie würden später die gesamte Zeit im In- und Ausland in Ihrem Lebenslauf unter der gemeinsamen Überschrift „XY AG“ zusammenfassen und die Jahre im Inland bei diesem Arbeitgeber und die Jahre im Ausland bei einer Tochter jeweils als Unterpunkte darstellen. Dann entfallen von insgesamt dreizehn Dienstjahren im Konzern sechs auf die Tätigkeit eines Entwicklungsingenieurs in der Zentrale, weitere sechs auf die Position eines Projektleiters in der Zentrale sowie ein Jahr auf den Job (der irgendwie zum Projektleiter passen sollte) bei der Auslandstochter. Das ist nicht so problematisch.

Viel schlimmer ist, dass Ihr eines Auslandsjahr Ihnen vielleicht noch gar nicht weiterhilft, weil der externe Bewerbungsempfänger wie Ihr heutiger Chef darüber denkt. Und noch problematischer ist, dass Sie sich aus „Timbuktu“ nach Deutschland bewerben und dabei noch den Wechsel dorthin sowie den von dort weg vernünftig begründen und den dahinterstehenden Plan erläutern müssen.

Mit ein bisschen Pech haben Sie hinterher deutlich mehr Probleme als Sie ohne das Auslandsexperiment gehabt hätten – und stehen erst einmal schlechter da.Wo der Fehler liegt, ist auch klar: Man soll nicht mitten in einer soliden Laufbahn sagen, man wolle jetzt unbedingt ein Jahr in Flensburg arbeiten (oder auch in Passau). „Ausland“ ist letztlich auch ein Ort, im Mittelpunkt Ihrer Planung sollten aber Positionen, Aufgaben, Tätigkeiten stehen.

PS: Dass Auslandspraxis oft so schwierig und nur unter Opfern zu erwerben ist, trägt hinterher entscheidend zu ihrer Wertschätzung bei. Falls Sie finden, dass gerade dieses Thema geradezu vor Unlogik strotzt, kann ich nur antworten: Na und? Auch das (vielleicht sogar vor allem das) gehört zum Berufsleben.

Kurzantwort:

Service für Querleser:

Auslandserfahrung wird mehr und mehr sowohl bei externen wie bei internen Bewerbungen gefordert, ihr systematischer Erwerb aber wird von denselben Unternehmen überwiegend nicht gefördert bis sogar erschwert.
Frage-Nr.: 2910
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-10-26

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