Sechs Ausbildungen – und arbeitslos

Frage/1: Nach Abschluss meiner Promotion vor gut einem Jahr bin ich trotz ca. 200 Bewerbungen arbeitslos. Ich habe nach dem Abitur zunächst meinen Wehrdienst abgeleistet und bin im Anschluss bei der Bundeswehr geblieben. Dort habe ich zunächst drei Jahre lang die Ausbildung zum Pionieroffizier durchlaufen und danach an der Universität der Bundeswehr Maschinenbau studiert. Das Studium konnte ich aus familiären Gründen leider nicht erfolgreich abschließen.

Antwort:

Antwort/1: Wer etwas plant, sollte sich dabei etwas denken. Nicht ohne Grund verbindet die Bundeswehr die Laufbahn des Zeitoffiziers mit dem Studium. Schließlich weiß sie und wissen auch die Offiziere, dass nach Ablauf der Verpflichtungszeit noch 30 bis 35 Jahre beruflicher Tätigkeit im Zivilleben anstehen. Und die Offiziersausbildung und ‑tätigkeit als solche findet im späteren Berufsleben nur wenige genau dazu passende Laufbahnen; man sieht auch kaum darauf abzielende Stellenanzeigen z. B. aus der Industrie. Also ist es in hohem Maße die aus dem angebotenen Studium resultierende Qualifikation, die dem späteren Zivilangestellten die Basisqualifikation verleiht.Daraus folgt: Dieses Studium muss unter allen Umständen erfolgreich abgeschlossen werden!Hinzu kommt, dass nach den überall geltenden Regeln ein erfolglos abgeschlossenes Studium eher noch weniger gilt als gar keines. Nun wissen wir alle, dass es Situationen im Leben gibt, die diesen Erfolg nicht zulassen. Aber man muss auch bedenken, dass ein späterer Bewerbungsempfänger kaum nachprüfen kann, ob die angebotene Erklärung für ein erfolglos abgebrochenes Studium nun stimmt oder nur gut dargeboten wird.Und Sie, geehrter Einsender, handeln diese absolut alle Pläne und Träume vereitelnde  Katastrophe in Ihrer längeren Darstellung mit einem lapidar formulierten Satz ab. Dabei ist das die Ursache Ihrer Probleme, damit hat alles angefangen. Frage/2: In den letzten zwei Dienstjahren war ich dann als stellvertretender Kompaniechef und Einsatzoffizier eingesetzt (Führungs- und Projektmanagementerfahrung). Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr … Antwort/2: Sie kommen insgesamt auf neun Jahre Dienstzeit bei der Bundeswehr. Ich bin – einziger Sohn eines im Krieg gebliebenen Vaters – „ungedient“ und möchte auch kein Spezialist für Dienstregeln im Staatsdienst werden. Aber von einer neunjährigen Verpflichtung eines Zeitoffiziers (zieht man den Wehrdienst ab, sind es nur acht Jahre) habe ich noch nie gehört. Das kann ja zu meinen Lasten gehen, aber ich versichere Ihnen, dass es vielen anderen zivilen Personalleuten ebenso geht.Oder beendet der Arbeitgeber Bundeswehr die eigentlich längere Verpflichtungszeit vorzeitig, wenn man das Studium nicht erfolgreich durchzieht? Das käme der im Zivilbereich äußerst ungern gesehenen arbeitgeberseitigen Entlassung aus persönlichen Gründen schon sehr nahe. Frage/3: … habe ich zunächst eine Ausbildung zum Betriebswirt (VWA) gemacht.  Antwort/3: Aber warum denn bloß? Das geplatzte Maschinenbaustudium nachzuholen – auf welchem Niveau auch immer – wäre sinnvoll gewesen. Sie hätten dann später darauf aufbauen können.Ober aber Sie hätten bei der neugefundenen Betriebswirtschaft bleiben und darauf aufbauend bis zum (notfalls auch promovierten) Diplom-Kaufmann (Uni) studieren können. Aber in Ihrer damaligen Situation und unter Berücksichtigung Ihrer späteren Schritte war dieser Betriebswirt nur ein Zeit verschwendender Seitenschritt. Frage/4: Im Anschluss daran konnte ich das Maschinenbaustudium in den Niederlanden bis zum Bachelor fortsetzen, die ersten Studienjahre an der Universität der Bundeswehr wurden mir anerkannt. Die Bachelorarbeit schrieb ich über die elektrochemische Entzunderung von bestimmten Metalllegierungen. Dann habe ich an einer deutschen Universität bis zum erfolgreichen Masterabschluss weiterstudiert (Schwerpunkte Energie-, Umwelt- und Verfahrenstechnik). Mit Beginn der Masterarbeit habe ich in einem Forschungszentrum gearbeitet, bei dem ich schon die Bachelorarbeit erstellt hatte. Dort habe ich dann auch promoviert und u.a. die Oberflächenspannung bestimmter Schlackesysteme bestimmt (inkl. Weiterentwicklung eines mathematischen Modells zur Berechnung der Oberflächenspannungen). Nach Abschluss der Promotion vor ca. einem Jahr war es sehr schwer, Stellen im Bereich der Energietechnik zu finden. Daher habe ich eine Weiterbildung zum Schweißfachingenieur gemacht, um meine Kenntnisse im Bereich der Werkstoffkunde zu vertiefen.  Antwort/4: Versetzen wir uns einmal in die Rolle eines Empfängers Ihrer Bewerbung, der sich jetzt ein Bild von Ihnen machen soll. Die Phasen Ihres Werdeganges sind einzelne Puzzlesteine, aus denen er ein möglichst geschlossenes Bild zusammensetzen möchte. Er steht unter Stress, nach diesem Puzzle warten noch zwanzig andere – und er liebt Bilder, bei denen alle Teile schnell und unkompliziert zueinander passen, in dem weder große Felder unbedeckt, noch mehrere Teile übrig bleiben. Dieser Mensch denkt in Rastern, will nichts mit unklar bleibenden Persönlichkeitsstrukturen zu tun haben. Ich wage etwas: Aus Filmen kenne ich die Situation, in der ein „Kammerbulle“ dem neuen Rekruten nach einem flüchtigen Blick auf dessen Figur eine Uniform zuwirft und dazu raunzt: „Passt!“Nun raunzen Bewerbungsempfänger nicht – aber „passt“ würden sie auch gern sagen. Bezogen auf die üblichen Anforderungen bei Industriepositionen.Nun schauen wir uns einmal an, mit welchen Puzzleteilen der Arbeitgebervertreter es bei Ihnen zu tun bekommt:a) Da ist der Pioniersoldat. Was wissen wir Zivilisten über Pioniere? Handfeste, bodenständige Männer, breite Schultern, Schraubenschlüssel in der Hand und unter schwerem Feindbeschuss eine Brücke im Schneetreiben über einen Fluss vorantreibend (liebe Pioniere, so denken Zivilisten eben; meine Besonderheit besteht nur darin, dass ich es offen ausspreche).b) Na schön, er bringt das fest zum Zeitoffiziersprogramm gehörende Studium nicht zu Ende. Ist eine ganz große Niederlage, aber vielleicht war der Mann tatsächlich mehr praktisch begabt (siehe Vorurteil unter a).c) Was ist das mit der Dienstzeit für Zeitoffiziere von acht oder neun Jahren? Nie davon gehört. Vorzeitiges Ausscheiden ist immer irgendwie kritisch. Er hat sich diesen Arbeitgeber selbst ausgesucht, also sollte er dort auch nach Plan „funktionieren“.d) Der Kandidat holt ein Studium nach, als er die Bundeswehr verlassen hat, das ist absolut richtig. Aber welches Fach wählt er? Und später hat er promoviert – was sollte dann die VWA? Natürlich schadet Wissen nie, aber wo war der Masterplan? Das wird kein Puzzle, das wird eine Ansammlung von Teilen, die kein geschlossenes Bild ergeben.e) Der holländische Masterabschluss in Maschinenbau ist problemlos, damit wird die Scharte des Bundeswehrstudiums erst einmal ausgewetzt.f) Schon mit der Bachelorarbeit, spätestens dann aber mit dem nachfolgenden Masterstudium und vor allem mit der Masterarbeit entwickelt sich der Kandidat in den Augen des Betrachters in Richtung Forschung mit Spezialisierung auf ein ganz enges Thema. Die anschließende Promotion inklusive Dissertation festigt diesen Eindruck nachdrücklich. Fazit: Dieser  Bewerber ist mit dem Bild, das man sich lt. a vom ehemaligen Pioniersoldaten gemacht hat, nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen.Damit kein Missverständnis entsteht: Persönliche Reifeprozesse, Persönlichkeitsveränderungen, Zielverschiebungen etc. sind natürlich erlaubt, ebenso Spätentwickler. Aber ein Bewerber ringt um die Anerkennung und Anstellung durch Entscheidungsträger in Unternehmen. Und die denken meist gemäß der Einleitung in dieser „Antwort/4“. Frage/5: Ich hatte auch einige Bewerbungsgespräche. Leider ging es dabei in vielen Fällen nicht um meine Fachgebiete (Umweltreferent, Normensachbearbeiter etc.), sodass ich dort oftmals den Eindruck hatte, ein Notnagel zu sein. Weiterhin wurde oftmals stark hinterfragt, ob ich nicht doch zurück in die Forschung möchte, und es wurde fehlende Industriepraxis bemängelt. Ich kam mir teils schon vor wie der Hauptmann von Köpenick.  Antwort/5: Ihre Darstellung bestätigt eindeutig meine Aussage: Die Leute konnten mit Ihnen nichts anfangen, sie vermochten die einzelnen Teile Ihrer Persönlichkeit und Ihres Werdeganges nicht zu einem brauchbaren Bild zusammenzusetzen.Sie sind jetzt ein gutes Jahr arbeitslos. So etwa ab sechs Monaten nagt dieser Status mehr und mehr an Ihrem „Marktwert“ auf dem Markt für Arbeit. Inzwischen überlagert in den Augen vieler Betrachter diese Langzeitarbeitslosigkeit bereits Ihre „papiermäßige“ Qualifikation.Und: Alles ist besser als nichts. Arbeitslosigkeit ist so gesehen nichts. Umweltreferenten, Normensachbearbeiter oder sonst von Ihnen als Notnagel-Lösung eingestufte Angebote waren sicher nicht ideal, aber besser als nichts! Sie kommen damit rein in den Erwerbsprozess, können endlich die so vermisste Industriepraxis erwerben. Wenn Sie sich dabei bewähren, steht Ihnen sicherlich einmal die Chance zum internen Wechsel offen. Fest steht nur: Bleiben Sie noch länger arbeitslos, gehen Ihre Chancen gegen Null. Reden Sie z. B. auch einmal mit Zeitarbeitsfirmen (Arbeitnehmerüberlassern).Da sicher nicht alle Leser Ihre Bemerkung über den Hauptmann von Köpenick spontan richtig einordnen werden, hier noch ein Hinweis: Man denkt dabei sofort an den Zivilisten, der sich eine Offiziersuniform besorgt und ein paar Soldaten unter sein Kommando nimmt. Darum aber geht es hier nicht. Sie denken an die Vorgeschichte: Der Mann war ein arbeitsloser Schuster, der ohne Job und ohne Wohnung war. Um einen Job zu bekommen, brauchte er einen Wohnungsnachweis, für eine Wohnung musste er einen Job nachweisen – eine ausweglose Situation. Und das vergleichen Sie mit Ihrer Industrieerfahrung – die man Sie nicht machen lässt, aber deren Fehlen man Ihnen vorwirft. Frage/6: Über die Gründe für die Ablehnung meiner Bewerbung kann ich nur Vermutungen anstellen. Unter anderem könnte es daran liegen, dass ich sehr introvertiert bin. Daher trete ich in Bewerbungsgesprächen meist sehr ruhig und förmlich auf. Ansonsten denke ich gern etwas über meine Antworten nach, dies wurde u. a. vom Psychologen beim Einstellungstest der Bundeswehr angesprochen.  Antwort/6: Ich bekomme bei Ihnen mein Bild mit den unterschiedlichen Puzzleteilen nicht aus dem Kopf. Da ist der ehemalige Pionieroffizier, der sich im Lebenslauf rühmt, „Zugführer beim Elbehochwasser 2002“ und „Einsatzleiter beim Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm 2007“ gewesen zu sein. Entweder: „Was stellt die Bundeswehr da für Leute ein?“ oder: „Was wurde in so kurzer Zeit aus einem Mann, der sich damals noch für herausfordernde Aufgaben erster Güte eignete?“„Nachdenken“ über zu gebende Antworten müssen viele andere und muss ich auch. Aber doch innerhalb von Sekundenbruchteilen! Und dieses Nachdenken darf nicht zu unangenehmen Sprechpausen führen.Fazit: Ob ich Ihnen, geehrter Einsender, wirksam helfen kann, weiß ich nicht. Aber wie immer steht hier ja nicht die einzelne Person im Mittelpunkt (da wäre in einer Zeitung der Streuverlust viel zu groß), sondern der Fall dient dazu, einer größeren Zahl von Lesern Zusammenhänge zu erläutern sowie Hintergrundwissen zu vermitteln – und potenzielle Nachahmer abzuschrecken.In Ihrem Fall hätten Sie vermutlich auf die Promotion verzichten sollen. Sie hat den „Forscher-Eindruck“ vertieft, den Ihre Persönlichkeit hinterlässt – und Sie waren beim Abschluss schon 36 Jahre alt.Jetzt sollten Sie in einem möglichst großen Unternehmen anfangen (wegen der späteren Wechselchancen in interessante Aufgaben), die Art des Jobs spielt schon fast keine Rolle mehr. Auf Zeitarbeitsfirmen habe ich schon hingewiesen. Weitere Fortbildung (Sie haben in Ihrem langen Brief auch danach gefragt) bringt in Ihrem Fall nichts mehr. Ihnen fehlt nicht Wissen, Ihnen fehlt Anwendungspraxis.Und was jetzt kommt, ist riskant, wird von mir aber nach blitzschnellem Nachdenken lächelnd dennoch geschrieben: Versuchen Sie, in Vorstellungsgesprächen wenigstens einen ganz schwachen Abklatsch des Bildes jenes Offiziers der Pioniere zu liefern, der unter schwerem Feindbeschuss im Schneetreiben eine Brücke in Rekordzeit … Konkret: Geben Sie dem Affen ein klein wenig Zucker.Und wenn Sie, lieber Leser, aktiver Pionieroffizier sein sollten und sich eventuell über einige Details ärgern: Ich als Zivilist weiß schon mehr als viele andere ohne Bundeswehrpraxis wissen.

Kurzantwort:

Service für Querleser:

Der Bewerbungsempfänger setzt aus den einzelnen „Puzzleteilen“ der Bewerbung ein Bild zusammen – und hofft, die einzelnen Teile mögen zueinander passen.
Frage-Nr.: 2896
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-07-27

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