Nachteile kleiner Unternehmen

Dem Schreiber der Einsendung zu Frage 2.861 kann ich aus eigener Erfahrung nur beipflichten und zwar vom ersten bis zum letzten Wort (es ging dort um die Warnung insbesondere an Absolventen vor zu kleinen Unternehmen; H. Mell).Ich bin Dipl.-Ing. Maschinenbau. Nach meinen ersten acht Dienstjahren bei einem inhabergeführten Mittelständler wechselte ich seinerzeit zu einem 60-Mitarbeiter-Unternehmen. Die Aufgabe (Vertriebsleiter) reizte mich, doch die Ernüchterung war groß und zwar genau aus den vom Schreiber der erwähnten Frage genannten Gründen.Am kritischsten war das Gehaltsgefälle von mir zur übrigen Mannschaft, obwohl ich keineswegs überdurchschnittlich für meine Position bezahlt wurde. So etwas lässt sich gerade in so einem kleinen Unternehmen auf Dauer nicht geheim halten und schafft Misstrauen.Als dann auch noch der (verheiratete) Inhaber ein Verhältnis mit einer meiner (ebenfalls verheirateten) Mitarbeiterinnen anfing, war es für mich nach weniger als einem Jahr Zeit, die Reißleine zu ziehen.Ich wechselte zu einem viel größeren, ebenfalls inhabergeführten Mittelständler mit deutlich mehr als 500 Mitarbeitern und starker internationaler Orientierung. Dort fand ich für fast dreißig Jahre mein Glück im Investitionsgütervertrieb.Ich kann schon verstehen, dass Sie die kleineren Unternehmen nicht zu negativ darstellen wollen. Andererseits hilft es keiner der beteiligten Parteien, wenn ein neuer Mitarbeiter, von falschen Erwartungen angelockt, dort nach kurzer Zeit scheitert.

Antwort:

Hier spielen sehr viele Aspekte eine Rolle. Lassen Sie mich mit einem beginnen, der vielleicht spontan verblüfft:Sie sind seit dreißig Jahren aus jenem Unternehmen weg. Nehmen wir einmal an, diesen alten Arbeitgeber gäbe es noch. Nehmen wir zusätzlich an, der Inhaber wäre damals 40 gewesen, dann könnte er heute 70 sein, das Beispiel ist realistisch. Und die Firma verkaufe nach wie vor fröhlich ihre Produkte – und habe wie damals zu diesem Zweck einen Vertriebsleiter.Ich garantiere, dass der heutige Inhaber dieser Position nicht Ihr (etwa) 35. „Nachfolger im Amt“ wäre! Realistisch betrachtet, mögen seit damals etwa fünf bis sechs Vertriebsleiter dort tätig gewesen sein – und der letzte davon ist immer noch da. Und wenn es sieben oder acht waren, 35 (nach den Dienstzeitmaßstäben, die Sie dort gesetzt hatten) waren es jedenfalls nicht, es könnten sogar auch nur zwei oder drei gewesen sein!Sie werden mir bis dahin zustimmen. Schon deshalb, weil kein Unternehmen es überlebt, wenn über Jahrzehnte hinweg in mehrmonatigen Abständen der Inhaber einer zentralen Führungsposition wechselt.Wenn dem so ist, was bedeutet das nun für Ihren geschilderten Fall? Es bedeutet nicht, dass Sie unvollkommen waren und Fehler gemacht haben – außer dem einen, dort überhaupt hingegangen zu sein. Andere Menschen aber, davon dürfen, ja müssen wir beide ausgehen, sind auf Ihrer alten Stelle entweder glücklich geworden, waren dort wenigstens halbwegs zufrieden oder fanden bzw. finden zumindest doch ihr Auskommen, das es ihnen erlaubt(e), die Familie zu ernähren. Denn es gibt Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen ebenso wie solche mit unterschiedlichen Ansprüchen. Irgendjemand findet sich immer, der zu einem noch so „außergewöhnlichen“ Job passt.Ich halte Ihre Schilderung aus jenem Umfeld für durchaus glaubhaft – aber muss sich jeder daran stoßen? Und was ist, wenn die Alternative Arbeitslosigkeit im zweiten oder dritten Jahr lautet?Halten wir fest: Die Person an der Spitze eines Unternehmens prägt – u.a. das Arbeitsumfeld der nächsten zwei bis drei Ebenen darunter. Weiter „unten“ flaut dieser Einfluss der „Spitze“ schon stark ab. Das ist die eine Basis für Überlegungen zu unserem Thema.Die zweite lautet: Ein Inhaber (dem „der Laden“ gehört und der u. a. nicht gefeuert werden kann!) prägt sein Unternehmen durch seine Person ungleich stärker als ein angestellter Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzender. Und sein prägender Einfluss reicht im kleinen Betrieb bis hinunter zum Hilfsarbeiter.Das bedeutet: Je größer der fremd geführte Konzern, desto freier sind Sie als „kleiner Angestellter“ (auch als mittlere Führungskraft) vom direkten Einfluss bestimmter persönlicher Eigenschaften, Unarten und Marotten der Spitze. Je kleiner jedoch das inhabergeführte Unternehmen ist, desto stärker sind Sie den stilprägenden Charakterzügen der Person an der Spitze ausgesetzt. Das kann „Himmel“ oder „Hölle“ bedeuten – aber deren Definitionen sind nicht genormt, sondern von den individuellen Empfindungen und Erwartungen der betroffenen Personen abhängig.Und unabhängig von allen systematischen Überlegungen dazu, von Betrachtungen hinsichtlich Rechtsform und Größe des Unternehmens gilt: Täglich verlassen Angestellte ihre Unternehmen voller Groll gegenüber diesen Arbeitgebern und in der „sicheren Erkenntnis“, dass man dort einfach nicht bleiben könne. Und einige Tausend anderer Mitarbeiter sind dort halbwegs zufrieden und bleiben bis zum Ende ihrer (beruflichen) Tage. Es ist ein weites Feld, auf dem wir uns hier bewegen. Aber eine generelle Warnung meinerseits vor einem bestimmten Unternehmenstyp wäre nicht zu verantworten.Berechtigt aber ist meine Empfehlung an Angestellte aller Ebenen: Beginnen Sie schon im Studium damit, sehr sorgfältig zu analysieren, wie Sie „gestrickt“ sind, welche Erwartungen Sie haben, unter welchen Umständen Sie sich wohlfühlen, was Sie ertragen können und was nicht. Und dann sammeln Sie alle Informationen über Unternehmenstypen und ihre Besonderheiten, die Sie bekommen können – und werten Sie beides aus. Das geht – ich habe es selbst ausprobiert. Voraussetzung ist: Man muss an diesen Zusammenhängen interessiert sein und sich intensiv um entsprechende Erkenntnisse bemühen. Was zu meinem stillen Entsetzen keineswegs selbstverständlich ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2883
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-18

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