Verachtet mir die Mittelständler nicht!

Ihre Karriereberatung verfolge ich seit meinem Studium, Ihre Hinweise standen mir in vielen beruflichen Situationen hilfreich zur Seite. Momentan bin ich Fremdgeschäftsführer in einem kleinen mittelständischen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern. Ich „stolperte“ über Ihre Antwort auf Frage 2.829/1, in der Sie den Fragesteller darauf hinweisen, dass Unternehmen betriebswirtschaftlich denken und auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet sind. Die beiden ersten Punkte kann ich natürlich bestätigen, beim dritten Aspekt gilt dies m. E. ausschließlich für Konzerne. Mittelständler, insbesondere inhabergeführte Unternehmen, sind eben nicht am kurzfristigen Erfolg, sondern am langfristigen Erhalt des Unternehmens interessiert. Und der Großteil der Unternehmen in diesem Land ist mittelständisch geprägt. 60% aller Arbeitnehmer sind in sogenannten KMU’s beschäftigt. 80% aller Ausbildungsplätze sind dort vorhanden und 98% aller exportorientierten Firmen sind KMU’s (Quelle: Die Zeit). Die deutsche Wirtschaft wird wesentlich geprägt durch flexible kleine Unternehmen, die innovativ sind. Ich würde mir wünschen, dass in der Öffentlichkeit und auch in Ihrer Karriereberatung der Mittelstand den Stellenwert erhält, der ihm volkswirtschaftlich zusteht. Was halten Sie davon, junge Berufsanfänger mehr als bisher darauf hinzuweisen, dass es auch in mittelständischen Unternehmen spannende Aufgaben gibt und man sich hier viel leichter als in Großunternehmen mit eigenen Ideen einbringen kann? PS: Vor einigen Wochen erhielt ich einen Brief des hiesigen CDU-Bundestagsabge­ordneten, der unser „mittelständiges Unternehmen“ besuchen wollte (kein Witz). Wenn man nicht einmal weiß, wie man es schreibt, wie soll man es dann fördern?

Antwort:

Ich lebe sowohl mit dem Vorwurf, zu oft über Fälle aus Großbetrieben zu schreiben – als auch mit der Aussage aus Leserkreisen, die Belange von Einsendern aus mittelständischen Firmen stünden zu sehr im Vordergrund. Vermutlich ist in der Realität die Berücksichtigung von Fällen aus beiden „Lagern“ ziemlich ausgewogen.Allem, geehrter Einsender, was Sie ausführen, kann ich voll zustimmen. Und wer von unseren Lesern eine Antwort auf die Frage nach den spezifischen Vorteilen kleinerer Firmen sucht, muss sich nur Ihre Darstellung noch einmal genau durchlesen. Ich kenne eine ganze Reihe solcher Gesellschaften, auf die das alles uneingeschränkt zutrifft. Aber …Bevor ich auf dieses „Aber“ konkret eingehe, eine allgemeine Bemerkung: In unserer offenen Gesellschaft setzt sich etwas, das nur Vorteile hätte, gnadenlos zu 100% durch; was nur Nachteile hätte, würde ebenso gnadenlos vom Markt verschwinden. Was also auf Dauer existiert, muss demnach sowohl Vor- wie auch Nachteile haben. Sonst würden beispielsweise alle Angestellten in eine Firmenkategorie drängen und die andere konsequent meiden. Da das nicht geschieht, muss es eine Art ausgewogenes Plus und Minus für beide Firmentypen geben. Fazit: Es muss also auch Einschränkungen hinsichtlich der Beschäftigung in KMU’s geben. Sie haben über wesentliche Vorteile gesprochen. Ich liste ein paar nennenswerte Nachteile auf (die Reihenfolge ist keine Rangfolge):a) Gerade vielen Berufsanfängern (und deren Kommilitonen und Schwiegereltern) bedeutet es etwas, wenn über sie gesagt wird: „Der soll ja eine tolle Position bei BMW (willkürliches Beispiel) ergattert haben.“ Name, Ruf und Ruhm des Arbeitgebers werden Teil der Qualifikation seiner Mitarbeiter in den Augen der Umwelt (z. B. auch späterer Bewerbungs­empfänger).b) Wer einigermaßen „gut“ ist, bewegt bald recht viel in einem mittelständischen Unternehmen. Aber er stößt auch schnell an seine Beförderungsgrenzen. Meist gibt es nur eine überhaupt denkbare Aufstiegsposition für ihn. Ist diese gerade gut besetzt mit jemandem, der erst in zwanzig Jahren in Rente geht, hat man keine reelle Chance. Untersteht man direkt dem Inhaber, hat man überhaupt keine echte Entwicklungschance. Aufstieg ist also überproportional häufig mit Arbeitgeberwechseln verbunden.c) Viele, sehr viele Inhaber verfolgen engagiert das Ziel, das Unternehmen langfristig zu erhalten. Das ist ihnen wichtiger als die Gewinnoptimierung im nächsten Quartal oder auch Geschäftsjahr. Und fast immer sind die Unternehmensgründer-Inhaber eindrucksvolle, positiv wirkende Persönlichkeiten.Schwachpunkt ist oft die Altersnachfolge der Inhaber. Jeder kennt Beispiele, in denen unfähige Kinder oder bösartige Schwiegerkinder an die Macht kommen und alles kaputt machten („Blut ist dicker als Wasser“). Überhaupt prägt die Person des Inhabers sehr viel stärker die gesamten Strukturen, Abläufe, Gepflogenheiten und Arbeitsweisen im mittelständischen Unternehmen als es der (angestellte) Vorstandsvorsitzende im Konzern könnte.d) Wer in sehr kleinen mittelständischen Unternehmen anfängt, legt sich weitgehend auf diesen Firmentyp fest –spätere Wechsel (die immer[!] erforderlich werden können) sind eher zu gleichgroßen oder kleineren Gesellschaften möglich als zu deutlich größeren.e) Über Bezahlung, Sozialleistungen wie z. B. Altersversorgung, fachliche Weiterbildung habe ich bewusst noch gar nicht gesprochen. Die obige Darstellung sollte nur eine einseitige Betrachtung verhindern, nicht aber vollständig sein.PS: Die Überschrift geht auf ein Zitat aus „Die Meistersinger von Nürnberg“, einer Oper von Wagner, zurück („Verachtet mir die Meister nicht“).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2873
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-03-30

Top Stellenangebote

Vistec Electron Beam GmbH-Firmenlogo
Vistec Electron Beam GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Datenvorbereitung für Elektronenstrahl-Lithographieanlagen Jena
EUMETSAT-Firmenlogo
EUMETSAT Meteosat Flight Dynamics Engineer (m/f/d) Darmstadt
FERCHAU Engineering GmbH-Firmenlogo
FERCHAU Engineering GmbH SPS-Entwickler (m/w/d) Großraum Mönchengladbach
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Bauingenieur / Architekt / Projektsteuerer (m/w/d) als Baumanager Berlin
Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen - Bundesbauabteilung-Firmenlogo
Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen - Bundesbauabteilung Ingenieurin / Ingenieur (m/w/d) für die Leitung der Fachgruppe Heizung/Lüftung/Sanitär- und Maschinentechnik Hamburg
Gross + Froelich GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Gross + Froelich GmbH & Co. KG Entwicklungsingenieur/Projektleiter (m/w/d) Weil der Stadt
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Baucontroller (m/w/d) Berlin
Sulzer Chemtech-Firmenlogo
Sulzer Chemtech Senior Product and Application Manager Static Mixers and Power (m/f) Winterthur (Schweiz)
TÜV NORD Service GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD Service GmbH & Co. KG TGA-Ingenieur*TGA-Ingenieurin oder TGA-Techniker*TGA-Technikerin als TG-Verantwortlicher* TGA-Verantwortliche im Bereich Immobilienmanagement Essen
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Projektbevollmächtigte / Projektbevollmächtigten (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen, Energie- und Umwelttechnik Eggenstein-Leopoldshafen

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…