Hilfe! Mayday! SOS! Ich gehe im Arbeitsmarkt unter!

Frage/1: Ich bin seit nunmehr über sieben Jahren arbeitssuchend und finde trotz intensiver Bemühungen meinerseits nicht in den Ingenieur-Arbeitsmarkt. 

Antwort:

Antwort/1: Bevor Sie, liebe Leser, uninteressiert abwinken („sieben Jahre arbeitslos, da gibt es keine der üblichen Chancen mehr“), hier ein erster Hinweis auf Fakten, die vielleicht doch zum Weiterlesen anregen:Abitur sehr gut, davor Schüleraustausch USA; Zivildienst an einem Forschungsinstitut, Sektion für Limnologie; Besonderheit: Wer kennt schon Limnologie? Ich habe es für Sie nachgeschaut: Seenkunde; Sie wissen schon diese Binnengewässer; Studium Maschinenbau an deutscher TU (sehr gut), Spezialisierung auf das Zukunftsgebiet Faser-Kunststoff-Verbundwerkstoffe (Carbon-Laminate); anschließend drei Jahre Projektingenieur an renommierter ausländischer TH im Bereich konstruktiver Leichtbau; kein Ansatz für die von mir erwartete Promotion erkennbar; Zeugnis ist schwächer, spricht von gescheiterten Projekten, kein ausdrücklicher „eigener Wunsch“ beim Ausscheiden, kein Bedauern: Die Katastrophe bahnt sich an.Seither (seit sieben Jahren) eine Mischung aus FH-Dozenten- und freiberuflicher Tätigkeit (Ingenieurbüro), über die der Kandidat in seinem Anschreiben kaum spricht. Er beschreibt das so:Frage/2: Die Misere fing vor zehn Jahren an, als ich eine Stelle an der TH im Ausland als wissenschaftlicher Mitarbeiter angetreten hatte: Ich übernahm ein Industrieprojekt, bei dem eine Patentidee in ein marktfähiges Produkt überführt werden sollte. Leider stellte sich heraus, dass es gar keine wirklich tragfähigen technischen Grundlagen für die Umsetzung des verfolgten Ansatzes gab und ich dieses Projekt nicht zum gewünschten Erfolg führen konnte. Letztlich konnte ich meinen Vorgesetzten nicht von mir überzeugen. Danach konnte ich mich noch in zwei weitere Industrieprojekte hinüberretten. Nach gut drei Jahren wurde mir dann aber nach einem längeren Klinikaufenthalt mitgeteilt, dass mein Vertrag nicht mehr verlängert würde. Seitdem (2009) bin ich auf der Suche nach einer Anstellung. Um in Bewerbungen nicht ganz so schlecht dazustehen, gebe ich an, dass ich seitdem freiberuflich arbeite. Dies ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Auch halte ich mich mit kleineren Lehraufträgen über Wasser. Zudem forsche ich auf eigene Rechnung mit Studenten an meinem Hobby: neue nachhaltige Mobilitätslösungen für den Stadtverkehr. In den wenigen Vorstellungsgesprächen, die ich bisher hatte, konnte ich mit dieser Geschichte jedoch nicht überzeugen. Angeblich finden die Firmen immer andere Bewerber, die besser für die ausgeschriebene Stelle geeignet sind. Es kann doch nicht sein, dass eine Gesellschaft, die u. a. Deutschland zum weltweiten Leitmarkt für Elektromobilität machen will, arbeitswillige und gut ausgebildete Ingenieure nicht integrieren will und quasi in die Privatinsolvenz schickt – andererseits dann aber im großen Umfang Absolventen einstellt, die noch weniger können als ich. Was mache ich falsch, was kann ich ändern, um endlich zum Erfolg zu kommen? Ich bin doch wahrscheinlich nicht der Einzige, der Probleme mit einer selbstständigen Tätigkeit hat und einen Weg zurück in den regulären Arbeitsmarkt finden muss.  Antwort/2: Fangen wir mit dem Schluss Ihrer Frage an (um etwaige Zweifel zu zerstreuen: Der Einsender will ausdrücklich mit seinem Problem hier öffentlich vorgestellt werden):Ihr Ausdruck vom „Weg zurück in den regulären Arbeitsmarkt“ ist falsch. Um zurückzukehren, muss man vorher dort gewesen sein. Sie haben vor „ewigen Zeiten“ studiert und dann eine kurze, erfolglose Beschäftigungsphase an einer ausländischen Universität gehabt. In dem klassischen „regulären“ Arbeitsmarkt (angestellt bei Unternehmen) sind Sie nie gewesen. Das ist ja eines Ihrer Probleme. Und: Man kann doch nicht sieben Jahre brauchen, um zu erkennen, dass ein Konzept nicht funktioniert. Sie hätten Ihren Brief hier an uns vor sechs Jahren schreiben sollen.Fangen wir vorne an: Nach Ihrem sehr guten Examen lag die Promotion auf der Hand. Einser-Kandidaten sollten mit einem solchen Projekt nicht scheitern! Die Schlüsselinformation, die wir über jene Phase haben, ist Ihr Hinweis auf Probleme mit Ihrem Vorgesetzten an der TH. So etwas zu vermeiden, ist zentrale Aufgabe jedes Angestellten – ob er nun wissenschaftlicher Mitarbeiter ist oder im Lager Kisten transportiert.Natürlich gilt auch: Jeder darf einmal Pech haben (wobei ich beim Verhältnis zum Chef Pech allein nicht gelten lasse, es müssen auch Fehler in Ihrem Auftreten hinzugekommen sein). Aber dann zeigt sich das geforderte Format in der Problembewältigungsstrategie: Hat es hier mit dem Promotionsvorhaben nicht geklappt, probiert man es eben noch einmal anderswo. Besser ein fragwürdiger Wechsel als ein totales Scheitern.Ich muss ins Grundsätzliche hineingehen, um Ihnen und eventuellen Nachahmern zumindest die Ursachen für die Probleme bei Ihrer Akzeptanz am Arbeitsmarkt darzustellen: Der Ingenieur (und das gilt für die anderen Berufsgruppen mit ähnlicher Ausbildung und vergleichbaren Zielen auch) stützt seine Qualifikation je etwa zur Hälfte auf sein fachliches Können und auf seine persönliche Eignung. Die Gewichtung beider Teile schwankt je nach Anforderungsprofil und Hierarchieebene, aber stets gilt: Bei gravierenden Einschränkungen in einem dieser Bereiche wird die Akzeptanz kritisch; auch eine Überqualifikation auf dem jeweils anderen der beiden „Beine“, auf denen der Bewerber steht, kann Schwächen oder gar fehlende Eigenschaften beim anderen nicht ausgleichen.Nun kommen noch zwei kleinere Regeln hinzu, die es aber in sich haben: Gutes über andere will der Mensch bewiesen sehen, Schlechtes glaubt er sofort. Und: Im negativen Fall reicht der Anschein, man gräbt nicht wie im Strafprozess endlos in den Details und versucht gar nicht erst, Schuld und Unschuld sauber herauszufinden.Als Einser-Kandidat ist Ihre fachliche Qualifikation grundsätzlich absolut bewiesen. Lediglich die inzwischen verstrichenen „arbeitssuchenden“ Jahre könnten leise Zweifel wecken, ob Ihre Kenntnisse noch auf dem neuesten Stand sind (aber ein Einser-Kandidat hat damit in der Regel auch später kein Problem, er liest ein Buch – und hat es wieder).Bleibt die „persönliche Eignung für das Arbeitsleben als Angestellter, also als abhängig Beschäftigter“. Und da sieht es seit Studienende hier schlecht aus. Gerade auch die letzten sieben Jahre gelten als sehr bedenkliches Indiz: Da müssen ja extrem viele Unternehmen Ihre Bewerbung geprüft und negativ beschieden haben. Also braucht er sich, so denkt ein neuer Bewerbungsempfänger, gar nicht mehr im Detail mit Ihnen zu beschäftigen, Ihre mangelnde persönliche Eignung nimmt er als gegeben hin, festgestellt durch frühere Bewerbungsempfänger. Übrigens steht alles, was ich hier schreibe, seit über dreißig Jahren in dieser Serie und darf als „bekanntes Wissen“ gelten. Dies nur nebenbei.Das mir vorliegende Bewerbungs-Anschreiben ist eine nicht überzeugende Problemlösung, die überhaupt nicht auf Ihr Kernproblem eingeht, bringt Sie also nicht weiter.Nun wollen Sie, geehrter Einsender, natürlich vorrangig von mir lesen, was Sie jetzt tun können, um doch noch einen akzeptablen Job zu erringen. Eine pauschale, bis ins Letzte durchdachte, allein richtige Lösung gibt es für solche Fälle nicht mehr. Firmen denken bei der Einstellung in Rastern – und für Sie fehlt schlicht die vorgestanzte Entscheidungsschablone. Also müssen Sie nach dem „Schrotschussprinzip“ viele Kügelchen auf den Weg bringen, also viele Wege gehen, auch Unkonventionelles versuchen und Ihr Vorgehen immer wieder variieren, dürfen also auch kein Prinzip zu Tode reiten. Mal rufen Sie vorher an, dann wieder nicht, mal verwenden Sie diese Formulierung, dann probieren Sie eine andere.Ich sehe folgende Ansatzpunkte:1. Ihr bisheriges Vorgehen bei Bewerbungen ist lange und oft genug vergeblich ausprobiert worden, geben Sie es auf.2. Was Sie vor allem anderen brauchen, ist eine Anstellung. Ihre „arbeitssuchende Zeit“ muss aufhören. Sie müssen Ihre – bisher unbewiesene, dabei sind Sie bald 40 – Fähigkeit unter Beweis stellen, sich ins Arbeitsleben zu integrieren, sich dort anzupassen, nicht anzuecken – nicht gefeuert zu werden. Die Art des Jobs, der Anspruch der Aufgaben dort, die Bezahlung sind zunächst demgegenüber sekundär.3. Ziel muss sein, sich in der Bewährungsphase im ersten Job, die bis zu etwa zwei Jahren dauern kann, so zu qualifizieren, dass man Sie intern langsam an Aufgaben heranführt, die Ihrer fachlichen Qualifikation entsprechen. Also wäre es gut, wenn sich das jetzt zu findende Unternehmen dazu eignet.4. Konzerne haben in der Regel besonders starre Gepflogenheiten im Hinblick auf ihre Einstellentscheidungen, durch deren Raster fallen Sie sofort. Infrage kommt der Mittelstand irgendwo in Deutschland, je tiefer in der Provinz, je östlicher im Osten, desto besser (dort ist der Wettbewerb geringer, was die „besser geeigneten Mitbewerber“ angeht).5. Warten Sie nicht auf Ausschreibungen, schicken Sie Initiativbewerbungen an Unternehmen, die nach gründlicher Recherche fachlich so ausgerichtet sein könnten, dass Ihre Grundqualifikation dazu passt. Schreiben Sie auch an Arbeitnehmerüberlasser.6. Räumen Sie bisherige Fehler ein, man sieht sie ja ohnehin. Aber es ist besser, wenn Sie dazu stehen – und damit die Regeln anerkennen. Gleichzeitig müssen Sie den engagierten, kämpferischen, hartnäckig auf die Erfüllung der Ihnen dort vorgegebenen Ziele hinstrebenden Kandidaten geben – an Getretenen, Geschlagenen, vom Schicksal Zermürbten hat niemand Interesse.7. Ich gebe Ihnen ein denkbares Anschreiben-Muster, aber variieren Sie auch das. Schreiben Sie mal an die Personalabteilung, im anderen Fall und besonders gern auch an Inhaber/geschäftsführende Gesellschafter direkt (die haben keine Angst, mit Ihrer Einstellung einen ihrer eigenen Karriere schadenden Fehler zu machen).8. Lassen Sie den Lebenslauf etwa so wie er ist (ohne Kurzprofil und ohne „Berufliches Ziel“ auf dem ohnehin hier überflüssigen Deckblatt), kürzen Sie ihn auf max. zwei Seiten und schreiben Sie im Anschreiben z. B.:„Bewerbung: Ausgewiesener Fachmann für Konstruktion, Simulation und Optimierung von Bauteilen aus Faser-Kunststoff-Verbund­werkstoffen (z. B. Carbon-Laminate) mit leider erklärungsbedürftigem Lebenslauf sucht Chance zu beruflichen Bewährung“(Anmerkung: Die Kombination aus „Fachmann für …“, „erklärungsbedürftigem Lebenslauf“ und „Chance zur Bewährung“ ist unkonventionell und weckt Neugier. „Bewährung“ ist ein industrieüblicher, nicht mit juristischen Aspekten verbundener Begriff. Weiter im Text:)„Sehr geehrte Damen und Herren,in meinem erfolgreich abgeschlossenen Studium des Maschinenbaus an der TU … (‚sehr gut‘) hatte ich mich auf Leichtbau und insbesondere die Konstruktion mit Faser-Kunst­stoff-Verbundwerkstoffen spezialisiert. Meine Diplomarbeit beschäftigte sich mit ausgewählten Konstruktionsprinzipien im Bereich dünnwandiger Carbon-Laminate. Mit dem Ziel der Promotion nahm ich dann eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der….. in….. an. Auch dort standen Entwicklungsarbeiten im konstruktiven Leichtbau mit Composite-Strukturen im Mittelpunkt.Leider erwies sich mein erstes zentrales Industrieprojekt als technisch nicht realisierbar, das Promotionsvorhaben kam nicht in die Ausführungsphase, ich verlor diese Anstellung 2009 nach etwa drei Jahren. Pech, aber auch eigene Fehler waren die Ursachen.Danach habe ich mir eine unbefriedigende Existenz aus einer freiberuflichen Tätigkeit im Fachgebiet und kleineren Dozenten-Engage­ments an Fachhochschulen aufzubauen versucht und diesem Vorhaben eine viel zu lange Zeit geopfert. Immer wieder gab es hoffnungsvolle Ansätze, mit denen mir eine Weiterführung möglich erschien. Ich habe mich jetzt aber entschlossen, diesen Weg endgültig aufzugeben und suche eine Anstellung.Mir ist absolut bewusst, dass mein Werdegang Fragen aufwirft und dass ich die Erfüllung der üblicherweise an einen Bewerber gestellten Anforderungen derzeit nicht unter Beweis stellen kann.Ich suche jetzt eine Chance im Umfeld meines Fachgebietes und bin darauf eingestellt, mich zunächst bewähren zu müssen. Dabei glaube ich fest daran, Sie in kurzer Zeit mit besonderen Leistungen und mit meiner Bereitschaft, mich ins Team zu integrieren, überzeugen zu können.Gern trage ich einen wesentlichen Teil des Risikos, das Sie eventuell in meiner Anstellung sehen könnten: Ein befristeter Vertrag kommt ebenso infrage wie eine Einarbeitung noch in meinem derzeitigen freiberuflichen Status oder eine sonstige Lösung. Beim Starteinkommen richte ich mich gern nach Ihren Vorstellungen.Zu einem Vorstellungsgespräch stehe ich jederzeit gern zur Verfügung, für eine solche Chance bin ich dankbar.Mit freundlichen Grüßen…“PS: Sie müssen das nicht schön finden, es gibt selbstverständlich auch keine Erfolgsgarantie. Aber Ihr bisheriger Weg hat nicht funktioniert, ein neuer muss her. Viel Glück.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2869
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-03-09

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