Heiko Mell

Ich hänge in meinem Spezialgebiet fest

Nach dem Studium in der Energie- und Prozesstechnik promovierte ich in einem Teilgebiet des Chemieingenieurwesens. Im folgenden Bewerbungsprozess wurde ich allerdings als Spezialist auf meine seltene Fachrichtung eingeengt; in diesem Bereich gibt es nur wenige Arbeitsplätze.

Ich arbeitete zunächst im Anlagenbau als Versuchs- und Inbetriebnahmeingenieur auf dem Niveau eines Technikers (z. B. war eine Fortbildung der Gabelstaplerschein). Nach zwei Jahren wechselte ich mangels industrieller Alternativen zurück in die Forschung, auch wegen der besseren Bezahlung.

Meine Anstellung hier ist allerdings zeitlich befristet. Was würden Sie mir empfehlen, um langfristig wieder in die Industrie zu wechseln, eventuell in eine gesuchtere Fachrichtung?

Antwort:

Diese Rubrik hat das Ziel, möglichst vielen unserer Leser bei der Bewältigung berufsrelevanter Probleme zu helfen. Im Extremfall gilt: Selbst wenn ich dem jeweiligen Einsender nur sehr begrenzt helfen könnte, mit der abschreckenden Darstellung seines Falles aber zahlreiche potenzielle Nachahmer genau davon abhielte, hätte ich im Sinne meines Auftrags erfolgreich gearbeitet.Ich muss die Antwort zweiteilen:

1. Allgemeine, einen größeren Personenkreis betreffende Aussagen:Ein Bewerber, das gilt für Berufseinsteiger nach Studium und/oder Promotion ganz besonders, wird vor allem auf zwei Feldern unter die Lupe genommen (die Reihenfolge ist keine Rangfolge, letztere verändert sich von Fall zu Fall).

1.1 Fachliches (Wissen, Können, Erfahrungswerte).

Hier sind die Unternehmen zunehmend kompromisslos auf den Bereich fixiert, der für die zu besetzende Position von zentralem Interesse ist, sie mögen keine entsprechenden Wechsel.

Der Kandidat legt sich also mit der Fachrichtung seines Studiums, mit darin verankerten Schwerpunktthemen, ganz besonders aber mit dem Thema der Diplom-/Masterarbeit und noch stärker mit dem Dissertationsthema hinsichtlich seiner späteren Einsatzbereiche fest. Je stärker die Spezialisierung, desto größer die Bereitschaft der Unternehmen, ihn genau für dieses Fachgebiet einzustellen – und desto geringer die Toleranz, ihn „anderswo“ tätig werden zu lassen.

Der Bewerber mit Berufspraxis erlebt eine ähnliche Haltung der Unternehmen, allerdings wird bei ihm die Bedeutung von Studiendetails überstrahlt von der fachlichen Ausrichtung seiner derzeitigen oder letzten Tätigkeit.

1.2 Persönliches (Ausstrahlung der Persönlichkeit, Aussehen, Auftreten, Eigenpräsentation, Selbstbewusstsein/Arroganz, taktisches Geschick, Art und Inhalt seiner verbalen Äußerungen).

Vereinfacht gesagt, gilt heute: „Persönliches“ ist sehr wichtig, Negativpunkte hier können Positivpunkte im „Fachlichen“ glatt aufheben oder überstrahlen. Aber: Positivpunkte im Persönlichen können im Regelfall Negativpunkte im Fachlichen kaum bis gar nicht ausgleichen.

Das bedeutet für Studenten und Promotionskandidaten: Diese Zusammenhänge müssen Sie kennen. Das ist kein „Geheimwissen“, das steht hier seit Jahren in dieser Zeitung. Bevor Sie sich also entsprechend festlegen, prüfen Sie doch einmal durch einen Blick auf die ständig veröffentlichten Stellenangebote, ob der (Arbeits-)Markt, auf den Sie später angewiesen bzw. von dem Sie später abhängig sein werden, „so etwas“ überhaupt braucht und sucht. Der zentrale Auslöser aller bisherigen Probleme unseres Einsenders war sein selbst herbeigeführter Status als „Spezialist in einer seltenen Fachrichtung“ (ob er dafür gute Gründe hatte, ist nicht von Interesse – auf das Ergebnis kommt es an).

Da ich inzwischen meine „Pappenheimer“ (frei nach Schiller) kenne, hier vorsorglich ein Einschub: Besonders engagierte Vertreter seltener Fachrichtungen in Theorie (Lehre) und Praxis (Unternehmen) könnten mir vorwerfen, ich verhinderte mit Empfehlungen dieser Art jeglichen Fortschritt, den Aufbau und technischen Durchbruch neuer Technologien und vor allem die Gewinnung von Studenten für neue Studienrichtungen und exklusive Diplomarbeits-/Dissertationsthemen. In der Theorie könnte man das befürchten. In der Praxis jedoch (frei nach „Radio Eriwan“) können diese Skeptiker unbesorgt sein:

a) lesen auch nach diesem Artikel immer noch nicht alle Studenten diese Serie,

b) befolgen nach wie vor immer noch nicht alle Leser alle meine Ratschläge und

c) sage auch ich jungen Menschen: Wenn das „Feuer“ einer bestimmten fachlichen Ausrichtung seit Jahren hell in Ihnen brennt, wenn Sie spüren, dass hier Ihre Berufung liegt, dann wählen Sie diese Spezialisierung dennoch.

Dann heißt es für Sie: Zum Teufel mit den Stellenanzeigen, dann müssen Sie später engagiert für Ihren Durchbruch kämpfen – wer das Internet „erfunden“ hat, konnte auch nicht auf Stellenanzeigen für entsprechende Spezialisten warten. Aber wer nur geringes Interesse an diesen neuen oder speziellen Richtungen hat, der sei gewarnt.

2. Für unseren Einsender:Dass Sie im ersten Job unzufrieden waren, kann man absolut verstehen. Aber: Ihr Weg zurück in die Forschung, in der Sie jetzt wegen Ihres befristeten Vertrages nicht bleiben können oder in der Sie vielleicht auch gar nicht bleiben wollen, war nicht sehr glücklich.

Wenn der Ex-Student nach dem Studium in die Forschung geht, um dort zu promovieren, wird das akzeptiert. Die spätere Praxis sagt über jene Zeit weniger „er war in der Forschung tätig“ als vielmehr „er hat danach promoviert“, dieses Ziel überstrahlt den Weg.

Dann aber, mit dem Dr.-Grad in der Tasche, ist man am Scheideweg und trifft eine möglichst endgültige, lebenslang gültige Entscheidung: industrielle Praxis (das kann dort auch F+E sein) oder universitäre Forschung. Man wechselt – vor allem in Deutschland, das ist nicht überall so – nicht mehr ständig hin und her zwischen diesen als grundverschieden geltenden Bereichen.

Insbesondere die Industrie, zu der Sie jetzt wieder zurückkehren wollen, betrachtet ihrerseits ein Zurück von einer industriellen Anstellung in die „vertraute, warme Welt der Universität“ mit Misstrauen.Gabelstaplerschein hin oder her: Sie waren irgendwie in dieser Ihrer Ziel-Welt angekommen und hätten sie nicht mehr verlassen sollen. Notfalls hätten Sie damals mit extremem Bewerbungsaufwand und totaler Umzugsbereitschaft einen neuen industriellen Arbeitgeber suchen oder sich hausintern für eine bessere Position qualifizieren sollen.

Wenn Sie mir eine Vermutung gestatten: „… auch wegen der besseren Bezahlung“ sind Sie wieder zurück in die „vertraute, warme Welt“ universitärer Forschung gegangen. Das dort mehr verdiente Geld kann sich als „teuer erkauft“ erweisen.

Als pauschale Empfehlung: Versuchen Sie einmal, einen Bewerbungsweg zu gehen, bei dem Sie auf die zu vermutenden Gedankengänge industrieller Bewerbungsempfänger eingehen und bei dem Sie der von Ihnen eingeschlagenen Richtung „abschwören“ – und wenigstens zeigen, dass Sie wissen, es war nicht regelgerecht. Sie könnten z. B. im Anschreiben formulieren:

„Leider hatte ich bei der Entscheidung über die Wahl meines Dissertationsthemas einen Fehler gemacht: Ich folgte der Empfehlung meines Professors, der mir eine hochspezielle, selten nachgefragte fachliche Ausrichtung empfahl. Nach erfolgreichem Abschluss der Promotion musste ich feststellen, dass es dafür im von mir gesuchten industriellen Umfeld kaum eine Nachfrage gab. Ich nahm schließlich die Position als … bei einem Unternehmen an und hielt sie ganz bewusst trotz weitgehender Unterforderung zwei Jahre lang durch. Danach gab es weder in- noch extern anderweitige Perspektiven in der Industrie für mich. Trotz deutlicher Bedenken gegen einen solchen Schritt nahm ich dann das Angebot der … an, noch einmal befristet in der Forschung tätig zu werden. Mein Ziel dabei war es, zusätzliche, mich qualifizierende, fachlich anspruchsvolle Berufserfahrungen zu erwerben – und den Zeitpunkt einer erneuten Bewerbungsaktivität im industriellen Umfeld auf einen hoffentlich konjunkturell günstigeren Zeitpunkt verlagern zu können. Jetzt strebe ich wiederum eine Tätigkeit in einem Unternehmen an; die universitäre Forschung war stets nur als Vorbereitung dafür gedacht.“Probieren Sie es einmal. Sie würden damit dem Prinzip folgen, einen „bunten“, irgendwie schwer verständlichen Weg wenigstens halbwegs nachvollziehbar zu erklären.

Kurzantwort:

Mit jeder fachlichen Spezialisierung in der Studienrichtung, im Thema der Diplomarbeit und insbesondere beim Dissertationsthema wird der Berufseinsteiger zum vermeintlichen Spezialisten für dieses Gebiet. Die Praxis will ihn vorrangig genau dort einsetzen. Gibt es keine entsprechenden Stellen oder will er nicht wieder dort tätig werden, sitzt er schnell zwischen zwei Stühlen.

Frage-Nr.: 2859
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-02-09

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