Heiko Mell

Selbstständigkeit mit Know-how-Defizit

Ich bin Dipl.-Ing. Maschinenbau und seit meinem Abschluss vor etwa drei Jahren selbstständig als CAD-Zeichner/Kon­strukteur im regionalen Umfeld einer Großstadt tätig. Inzwischen habe ich ein Team aus einigen Voll- und Teilzeitangestellten sowie Studenten.

Nach wie vor merke ich, dass mir viel Fachwissen fehlt, um als Ingenieur voll durchzustarten, andererseits macht mir das Projekt- und Teammanagement sehr viel Spaß.

Die Frage ist, vor allem in Frustrationsphasen, ob ich mein Unternehmen bis zu einem gewissen Grad abwickle, um mir im Angestelltenverhältnis das nötige Fachwissen anzueignen oder ob ich mit meiner bisherigen Learning-on-the-job-Strategie weitermache. Letzteres ist aufwendiger und bereitet des Öfteren Frustrationen, macht aber auch mehr Spaß. Ersteres würde bedeuten, Erreichtes zum großen Teil wieder aufzugeben.

Antwort:

Häufig hilft es, nach der Ursache für ein Problem – das Sie sehr anschaulich und nachvollziehbar beschreiben – zu suchen. Das führt uns dann zu der Karriere-Regel: Erst angestellt, dann selbstständig. Und genau dagegen haben Sie verstoßen.Ich rate sehr davon ab, sich direkt nach dem Studium selbstständig zu machen und empfehle, erst einmal solide Praxis auf dem entsprechenden Fachgebiet als Angestellter eines auf diesem Sektor möglichst renommierten Unternehmens zu erwerben. Dafür sprechen diese Gründe:

1. Selbstständig machen, wenn Sie bisher angestellt waren, können Sie sich immer, mit 30 oder mit 60 Jahren, als bisheriger Sachbearbeiter oder als Führungskraft, aus ungekündigter Position oder aus längerer Arbeitslosigkeit heraus.

2. Angestellter zu werden, wenn Sie bisher selbstständig waren, ist ungleich schwieriger. Bewerbungsempfänger, die Angestellten-Positionen zu besetzen haben, bevorzugen sehr deutlich Kandidaten, die am besten immer Angestellte waren oder es doch zumindest seit einigen Jahren sind.

3. Beachten Sie den feinen Unterschied: Angestellte, die in die Selbstständigkeit wechseln, streben – so die Annahme – gezielt nach größerer gestalterischer Freiheit, nach einer Arbeitswelt ohne übergeordneten Chef und ohne einengende Vorschriften aller Art. Mitunter mag auch der Wunsch nach – vermeintlich – höherem Einkommen eine Rolle spielen.Daraus ergibt sich der immerhin erlaubte „Verdacht“: Wer selbstständig wird, hat u. a. erkannt, dass er sich nicht ideal zum Angestellten eignet.

Selbstständige, die (wieder) angestellt sein wollen, kommen wegen ungelöster Probleme, die meist wirtschaftlicher Natur sind und sich in wenigen Worten zusammenfassen lassen: Es fehlt an Aufträgen, man verdient nicht genug, ist also mit seinem Vorhaben weitgehend gescheitert.

4. Jede Selbstständigkeit kann scheitern – in nahezu jedem „Bewerbungsstapel“ von Zuschriften, die auf eine übliche Stellenanzeige eingehen, ist mindestens ein Kandidat zu finden, der aus der Selbstständigkeit in das – vermeintlich – sicherere Angestelltenverhältnis strebt. Also ist jeder, der mit der Selbstständigkeit liebäugelt, sehr gut beraten, auf einen eventuell nötigen, aber eben schwierigen Wechsel ins Angestelltenverhältnis so gut wie möglich vorbereitet zu sein.

Die beste Ausgangsbasis für diesen Wechsel liegt vor, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

a) Es gab vor der Selbstständigkeit schon Angestellten-Praxis.

b) Im Idealfall war diese frühere Praxis lang und die Selbstständigkeit besteht erst seit kürzerer Zeit.

c) Vor allem verlangt werden aus der früheren Angestelltentätigkeit ein einwandfreier Werdegang und möglichst gute Arbeitszeugnisse.

5. Der Selbstständige braucht Kunden (Unternehmen), die ihm Aufträge geben. Es kann absolut nicht schaden, wenn er einige Jahre Erfahrungen in dieser Umgebung gesammelt hat, wenn er die Sprache seiner künftigen Auftraggeber spricht und ihre Denkweise versteht.

Und es ist sehr empfehlenswert, sich dabei die „dem Stand der Technik“ entsprechenden Fachkenntnisse angeeignet zu haben. Wer aus einem in der Branche seiner Kunden hochrenommierten Unternehmen kommt, imponiert später seinen (potenziellen) Kunden – und kann ziemlich sicher sein, sein Fachgebiet recht gut durchdrungen zu haben.Das ist alles kein Geheimwissen, ich schreibe an dieser Stelle darüber seit über 30 Jahren (also geschätzt seit kurz vor Ihrer Geburt).

Nun zu Ihrer speziellen Situation: Sie haben erkannt, dass es eine Ideallösung nicht mehr gibt, was immer Sie tun, ist mit Nachteilen verbunden. Es bleibt Ihnen, das kleinere Übel auszuwählen, sich also z. B. für eine dieser Möglichkeiten zu entscheiden:

I. Sie haben ja fast schon ein kleines Unternehmen aufgebaut – das zerschlägt man nicht gern. Andererseits nehme ich Ihre Bedenken hinsichtlich Ihrer heutigen fachlichen Unzulänglichkeiten ernst. So taucht an mindestens zwei Stellen Ihrer Einsendung das Wort „Frustration“ auf, das könnte noch schlimmer werden und ist auch nicht gut für die Kundenkontakte.

Als „Ein-Mann-Selbstständiger“ müssten Sie unter allen Umständen Super-Fachmann auf Ihrem Gebiet sein. Als „Firmenchef“ jedoch müssen Sie das nicht. Irgendeinen Nachteil müssen Sie schlucken, wie wäre es mit diesem:

Sie stellen einen zusätzlichen Mitarbeiter ein, der auf Ihrem Gebiet jener Super-Fachmann ist. Vielleicht müssen Sie den sogar an der „Firma“ beteiligen oder Sie geben ihm eine gewinnabhängige Tantieme. Dabei sollten Sie im Zweifel eher nach dem vielleicht etwas introvertierten, weniger vertriebsbegabten Spezialisten schauen – sonst nimmt der eines Tages Ihre Kunden mit und macht sich seinerseits selbstständig. Hier wäre auch ein sehr durchdachter Vertrag zu schließen.

In jedem Fall ist dieser zusätzliche Mitarbeiter teuer und reduziert – oder frisst – zunächst Ihren Ertrag. Sie würden sich dann vor allem auf Akquisition neuer Kunden (Sie könnten den Super-Fachmann gezielt dazu mitnehmen) konzentrieren und das Ertragsloch durch zusätzlichen Umsatz wieder zu stopfen versuchen.

Nebenbei könnten Sie ja von diesem neuen Fachmann auch noch etwas lernen und so Ihr Fachwissen ausbauen.

II. Die Zerschlagung Ihrer bisherigen Existenz kostet Herzblut und ist wirtschaftlich unvernünftig. Aber wenn Sie – für einige Zeit – Angestellter werden wollen, dürfte das unvermeidbar sein: Fast alle Angestelltenverträge schließen „auf Erwerb gerichtete Nebentätigkeiten“ aus.

Die Bewerbung um eine Angestelltenposition ist – siehe oben – in Ihrer Situation nicht einfach. Mit der wahren Begründung („Ich will hier Wissen abstauben, und dann gehe ich wieder“) haben Sie keine Chance. Sie müssen offiziell schon einen endgültigen Schritt ins Angestelltendasein planen. Als Begründung empfiehlt sich, was geglaubt wird: „Die Selbstständigkeit rentiert sich für mich nicht.“ Und: „Es war ein Fehler, ich hätte nach dem Studium den üblichen Weg einschlagen sollen.“ Selbstverständlich gehen Sie von einer langen, langen Betriebszugehörigkeit im Unternehmen aus, bei dem Sie sich bewerben.

Was überhaupt für diesen Schritt spricht: Sie denken, Ihr Fachwissen sei ungenügend. Und dieser Gedanke ist schlimmer als die Fakten, er zermürbt Sie irgendwann. Und Sie haben heute kein „Polster“ an Angestelltenjahren, auf das Sie sich bei Bewerbungen im Falle ausbleibender Aufträge zurückziehen könnten. Das jedoch würden Sie in dieser Variante aufbauen.

III. Weitermachen wie bisher ist in meinen Augen zwar möglich, aber konzeptionslos und riskant. In fünf Jahren könnte ein Wechsel ins Angestelltendasein schon sehr viel schwerer bis kaum möglich sein – und ein „kleiner“ Selbstständiger, der Sie heute noch sind und der glaubt, fachliche Lücken auf „seinem Gebiet“ zu haben, lebt ziemlich gefährlich. Und auch bei dieser Variante ist das fehlende „Polster“ an Angestelltenjahren als zusätzlicher Risikofaktor zu sehen.

Meine Empfehlung: Wählen Sie zwischen I und II.

Kurzantwort:

Es gibt gute Gründe, diese bewährte Regel einzuhalten: Nach dem Studium erst ins Angestelltenverhältnis und dann – sofern das überhaupt angestrebt wird – in eine Selbstständigkeit.

Frage-Nr.: 2852
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-12-01

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