Heiko Mell

Versuchung in der Probezeit

Frage/1: Ich bin in der Probezeit meiner ersten Stelle nach dem Studium. Mein Arbeitgeber ist ein sehr kleines Unterneh-men. Angenommen hatte ich das Angebot primär, um in der Entwicklung arbeiten zu können. Die Stelle ist soweit in Ordnung, allerdings habe ich gemerkt, dass die Produkte bzw. der entsprechende Hintergrund auf Dauer nicht mein Interesse finden werden. Auch werde ich nicht mit den Arbeitsvorgängen glücklich, was primär von meiner Konzern- und fachlichen Prägung herrührt. Ich plane einen Wechsel.

Frage/2: Nun hat sich die Gelegenheit ergeben, mich bei „meinem“ alten Top-Konzern um eine Stelle zu bewerben, die voll meinen fachlichen sowie persönlichen Interessen entspricht. Daher habe ich mich beworben, der Ausgang ist noch offen. Mir ist bewusst, dass ein Wechsel des ersten Arbeitgebers innerhalb von zwei Jahren nicht vorkommen sollte und leichtsinnig ist. Dennoch ist der Unterschied zwischen meiner heutigen und der jetzt zu besetzenden Stelle so groß, dass ich geneigt wäre zu wechseln, sofern mir die entsprechende Position angeboten werden würde.

I. Fällt der Malus eines frühzeitigen Wechsels des (ersten) Arbeitgebers geringer aus, falls man
a) von einem sehr kleinen Unternehmen zu einem sehr großen Konzern wechselt und/oder
b) durch die neue Stelle wieder seinen „roten Faden“ im Lebenslauf aufnimmt?

II. Bliebe das Risiko bei einem Wechsel im akzeptablen Rahmen?

III. Würde es Sinn machen (sofern ich die neue Stelle bekomme), meinen aktuellen Arbeitgeber zu bitten, mein Gehalt bis zum Arbeitsende auf Mindestlohn zu senken und meine Stelle nachträglich zum „Berufseinstiegspraktikum“ umzuwandeln?

Antwort:

Antwort/1: Gemessen an den Schwierigkeiten anderer jüngerer Ingenieure (nennt man einen Master of Science eigentlich immer noch Ingenieur – auf dem Examenszeugnis steht nichts mehr davon?) ist das fast ein Luxusproblem, aber es bedrückt Sie.

Werfen wir zum besseren Verständnis einen Blick in Ihren Lebenslauf: Mittlere Reife, gewerbliche Lehre in Richtung B im Konzern, Fachhochschulreife, 2 Jahre Uni-Bachelor-Studium Richtung A ohne Abschluss, 3 Jahre Uni-Bachelor-Studium Richtung B mit Abschluss, knapp 3 Jahre Uni-Master-Studium Richtung A(!) mit einer Abschlussarbeit in Richtung B und mit Abschluss (gut). Heutige Tätigkeit passt zu A, wechseln wollen Sie jetzt zu B.

Diese Anmerkungen fallen mir dazu ein:

a) Bei einer Herkunft auf dem zweiten Bildungsweg neigt man oft zu einer Überschätzung/Überbetonung des rein fachlichen Aspekts der Tätigkeit: „Was tue ich hier, welche Produkte entstehen hier, was bedeuten mir diese Produkte, wie stark deckt sich das alles mit Träumen, die ich früher einmal hatte?“Diese Fragen sind natürlich einschränkungslos erlaubt.

Aber das System ist so ausgerichtet, dass das Tun im beruflichen Bereich eher Mittel zum Zweck ist, um etwas zu werden. Ich verspreche Ihnen: Der Chef jenes Konzerns, bei dem Sie gelernt haben, der Sie geprägt hat und zu dem Sie (siehe unten) jetzt wieder hinwollen, verstünde diesen meinen Satz sofort.

Sehen Sie, es gibt reihenweise Zulieferer und unabhängige Unternehmen, die produzieren linke hintere Kleinwagenkotflügel, WC-Becken, Frühstückstabletts oder auch Benzinkanister. Die genannten Produkte als solche reißen sicher in berufsphilosophischer Hinsicht niemanden direkt vom Stuhl. Aber ihre Entwicklung, ihre Produktion und nicht zuletzt ihr Vertrieb beinhalten höchst anspruchsvolle sachlich-fachliche Herausforderungen, die ebenso des „Schweißes der Edlen wert“ (Klopstock, 1724 – 1803) sind wie Herz-Lungen-Maschinen, GPS-Satelliten oder Vernetzungssysteme zwischen Kühlschrank und Garagentor.Ich will mit diesem Hinweis nichts bei Ihnen erreichen, ich möchte nur, dass Sie und andere „anfällige“ Leser das einfach wieder einmal gehört haben. Diese Gedanken sind die Basis für meine nur ansatzweise ironisch gemeinte Regel: „Sie tun entweder etwas Interessantes oder Sie sind etwas Interessantes – aber nur äußerst selten trifft beides zusammen.“ Sie müssen sich rechtzeitig für ein Ziel entscheiden.

b) Das, so sieht es aus, Durcheinander zwischen A und B in Ihrem Ausbildungswerdegang zeigt, dass Sie Schwierigkeiten hatten und haben, Ihre Ausrichtung festzulegen und konsequent dabeizubleiben. Diese Schwankungsbereitschaft könnte in Ihrer Persönlichkeit verankert sein – und kann Ihnen im Berufsleben noch oft Probleme machen. Ganz simpel ausgedrückt: Bisher haben Sie zwischen A und B geschwankt, jetzt auch noch zwischen Mini und Magnum.

c) Sie wären, wenn Ihr Wechsel in den Konzern (den Sie seit vierzehn Jahren kennen, also problemlos seit damals zum Ziel Ihrer Träume hätten machen können) klappt, dort in den nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahren zwangsläufig ein so kleines „Licht“ (gemessen am CEO), dass Sie auch das Produkt, an dem Sie arbeiten, nicht überbewerten sollten. Sie haben dort die Chance, durch Leistung etwas zu werden, das ist die spezielle Perspektive in solch einem Unternehmen.

Und zum geplanten Wechsel überhaupt: Große Konzerne sind wie ein Riesentanker, der über die Weltmeere fährt. Da kann es schon einmal geschehen, dass so mancher Matrose nichts davon merkt, wenn „oben“ der Kapitän wechselt. Die Strukturen ergeben sich vor allem aus den Anforderungen des gewaltigen Apparates, so furchtbar viel Spielraum hat die Leitung dafür gar nicht. Daher sagt man über Großkonzerne auch (etwas überspitzt): Wer einen kennt, kennt alle.

Kleinstunternehmen sind im Gegenteil dazu geprägt durch immer begrenzte Ressourcen, den täglichen Zwang zum pragmatischen Lösen der immer wieder neuen Probleme und Problemchen – und durch die Person des Chefs. Seine Eigenschaften und Fähigkeiten, seine Marotten und eigensinnigen Vorstellungen schlagen ständig „voll durch“. Kleinst­unternehmen sind individuelle Konstrukte, man kann dort sehr glücklich und ebenso extrem unglücklich werden, es kommt auf den Einzelfall an.

Antwort/2: Die Sache ist ziemlich einfach: Entweder der Konzern nimmt Sie oder nicht.Im letzteren Fall hat sich die ganze Frage erledigt.Werden Sie eingestellt, dann gilt: Gerade auch in Verbindung mit Ihren früheren (A-B-)Schwankungen dürfen Sie in den nächsten etwa sieben bis zehn Jahren nicht mehr als Bewerber auf dem Arbeitsmarkt auftauchen. Gelingt das, ist die Vorgeschichte komplett überspielt, der Konzernname „adelt“ Ihre Qualifikation, die früheren Problemchen sind nicht mehr relevant.

Verlieren Sie jedoch den neuen Job nach 1,5 Jahren wieder oder gefällt es Ihnen dort nicht (was jederzeit geschehen kann), dann haben Sie ein gewaltiges Problem.

Das bedeutet: Mit der Annahme der neuen Stelle verzichten Sie in den nächsten etwa sieben bis zehn Jahren auf Ihr „gutes Recht“, diesen Arbeitgeber aus eigenem Entschluss zu verlassen – und zittern ein wenig angesichts der Gefahr, dass dieser Konzern Sie eventuell wieder loswerden will. Soll ich Ihnen einen Geschäftsbereich nennen, von dem sich genau dieses Unternehmen kürzlich erst komplett getrennt hat? Also: Möglich ist alles – aber nicht jede denkbare Katastrophe tritt auch ein. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Zu Ia: Nein.

Zu Ib: So könnte man später einmal argumentieren – und einen dann nicht mehr nachprüfbaren Einstellstopp jenes Konzernbereichs im Jahre 2015 ins Feld führen. Damit waren Sie zu jenem Umweg gezwungen.

Zu II: Ja; im Abgleich mit üblichen anderweitigen Risiken des (Berufs-)Lebens ist das tragbar. Wenn man Sie nicht nimmt, müssen Sie das wegstecken. Aber wenn Sie jetzt selbst ein Angebot des Konzerns ablehnten, würden Sie noch in zwanzig Jahren mit Ihrer Entscheidung hadern. Und damit Sie sehen, dass der Volksmund Patentrezepte dafür hat, hier zwei davon: – Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.- „Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn.

Zu III: Das ist recht kompliziert und liegt irgendwo zwischen Betrug und Urkundenfälschung. Außerdem müssen Sie auch noch den heutigen Arbeitgeber zu Ihrem Komplizen machen. Sollten Sie nach kurzer Dienstzeit vom Konzern wieder entlassen werden, ist diese Katastrophe so groß, dass es auf die frühere Probezeit in dem Kleinstunternehmen auch nicht mehr ankommt. Außerdem sind Sie dort „auf eigenen Wunsch“ gegangen – eigentlich ist die Probezeit genau dazu da.

PS I: Ich möchte noch einen Blick auf eine ganz andere Facette dieser Geschichte werfen. So richtig angeschmiert ist eigentlich nur Ihr heutiger kleiner Arbeitgeber. Er hatte Ihnen eine Chance gegeben, Sie haben ihn einen Haufen Geld gekostet, von dem er wenig bis nichts gehabt hat – ohne dass Sie ihm etwas vorwerfen können.

Und: Was glauben Sie, wie dieser Inhaber über Berufseinsteiger denkt und spricht in den nächsten Jahren? Und wie groß schätzen Sie seine Bereitschaft ein, es nach Ihnen noch einmal mit einem Anfänger zu versuchen, weil „die ja nicht wissen, was sie wollen“?

Es ist also ein einzukalkulierender Nebeneffekt solcher „Meinungsänderungen“, dass Sie vielleicht sogar die offensichtlich weitverbreitete Abneigung von Arbeitgebern gegen die Einstellung von Anfängern wieder etwas fördern. Ich sage das nur für den Fall, dass vielleicht eines Tages ein Berufseinsteiger auf eine Initiativbewerbung eine sehr rüde Absage bekommt und sich wundert. Der Bewerbungsempfänger könnte solche Erfahrungen gemacht haben.

PS II: Ihr Foto, geehrter Einsender, zeigt bei Ihnen eine – von Ihnen problemlos zu beeinflussende – Besonderheit (im Haarbereich), die Sie, das garantiere ich, beim für den ganzen Konzern meinungsbildenden CEO so nicht finden werden. Und folgerichtig im Management darunter auch nicht. Und „wer nicht ist wie wir, ist jedenfalls verdächtig“. Ich will es wenigstens gesagt haben, die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Kurzantwort:

Man vermeide Extreme: So wechsele man über Lehre und mehrere Studien hinweg nicht immer wieder zwischen Fachrich-tungen – und arbeite nicht im 10-Mann-Betrieb, wenn man glaubt, von einem 100.000-Mitarbeiter-Konzern geprägt zu sein.

Frage-Nr.: 2830
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-09-01

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