Heiko Mell

Langfristig interessant für den Markt bleiben

Für die Karriereberatung in den VDI nachrichten ein großes Dankeschön. Ich lese diesen Bereich gern. Ihre Beiträge gaben mir des Öfteren eine neue Sichtweise, es ist für mich deshalb sehr lohnenswert, diese zu lesen. Es ist wirklich eine gute Sache, dass es jemanden gibt, von dem man eine sachlich fundierte Antwort und Einschätzung mit hohem Erfahrungswert zu beruflichen Fragen bekommt.

Ich bin Mitte 30, Dipl.-Ing. (FH) und (nach berufsbegleitendem Studium) Master of Engineering, seit Studienabschluss (jeweils „gut“) vor zehn Jahren bei einem großen Mittelständler angestellt als Entwicklungs- und Berechnungsingenieur. Seit einigen Jahren bin ich dort zusätzlich als Fachingenieur für XY tätig.

Die numerische Berechnung sowie unsere Aktivitäten auf dem XY-Gebiet habe ich bei uns erfolgreich eingeführt. Disziplinarisch habe ich von Anfang an denselben Vorgesetzten, der mit den beiden genannten Fachgebieten nur wenig vertraut ist. Daher organisiere ich mich selbst und genieße großen Freiraum. Meine Aufgabengebiete sind sehr umfangreich.

Seit einigen Jahren sind dem Unternehmen weitere Einstellungen nicht möglich, ich arbeite viel mit Studenten zusammen. Nach einer finanziellen Erholung soll es auch eine personelle Aufstockung geben.

Ich habe mich im Hause bisher kontinuierlich weiterentwickeln können, zwar in stets denselben Abteilungen, aber immer mit neuen Themengebieten. Ich war Konstrukteur, Entwickler, Berechner und heute zusätzlich als XY-Spezialist. Dadurch hatte ich es immer mit komplett neuen Aufgaben und Herausforderungen zu tun.

Meine fachliche Lernkurve ist so gesehen stetig steil verlaufen und läuft immer noch steil. Durch die Studentenbetreuung und fachliche Beratung meiner Kollegen auf meinen Spezialgebieten habe ich auch persönlich viel lernen können. So habe ich mir einen hohen fachlichen Stellenwert in der Firma erarbeitet. 

Ich bin mir nun über meinen weiteren Werdegang unsicher. Ich möchte auch im höheren Alter stets interessant für den Arbeitsmarkt bleiben. Eine oft angesprochene Empfehlung in Ihrer Serie ist es, nach ca. zehn Jahren die Firma zu wechseln. Gilt das auch, wenn man sich dort stets fachlich und persönlich weiterbildet?< Einerseits könnte ich mir eine neue Stelle mit ähnlich gelagerten Aufgabengebieten suchen, was schwierig, aber sicherlich nicht ganz unmöglich wäre. Bringt mich das weiter bzw. hält mich das auf dem Arbeitsmarkt attraktiv? Andererseits kann ich in der jetzigen Firma weiterhin bleiben, mich fachlich weiter steigern und in ca. vier Jahren eine Führungsposition anstreben. Dann müsste ich aber weitere fünf Jahre bleiben um zu zeigen, dass ich in der Führungsposition nicht überfordert bin. Das wären dann in Summe zwanzig Jahre in derselben Firma. Ich freue mich sehr auf Ihre Einschätzung.

Antwort:

Ich zitiere mich einmal selbst: In den „Karriere-Basics“, die ich den Lesern zum kostenlosen Bezug angeboten hatte und die seitdem etwa wöchentlich verschickt werden, heißt es in Nr. 12 „Dienstzeiten pro Arbeitgeber“: „Also gilt: Bei Dienstzeiten von deutlich mehr als zehn Jahren beim heutigen Arbeitgeber sollten Sie mit dem Nachdenken darüber beginnen, ob nicht aus reiner Vorsicht und ‚für alle Fälle‘ ein langfristig und sorgfältig geplanter Arbeitgeberwechsel sinnvoll sein könnte.“ Das kann man nicht wie Sie verkürzen auf: „… Empfehlung in Ihrer Serie ist es, nach ca. zehn Jahren die Firma zu wechseln.“ Bei mir heißt es dann noch: „Dieser Vorbehalt (gegen lange Dienstzeiten) wird nicht ganz ausgelöscht, aber z. T. deutlich gemindert, wenn es während dieser langen Dienstzeit des Bewerbers gravierende, ihn und sein Umfeld betreffende Veränderungen gab. Darunter fallen Beförderungen, Versetzungen, neue Tätigkeiten und auch Eigentümerwechsel.“ Genug der Zitate, aber diese Richtigstellung musste sein. Damit ist klar: Das Problem, dessentwegen Sie eigentlich geschrieben haben, ist noch gar keins. Aus dieser Sicht könnten Sie noch einige Jahre dort bleiben. Aber es gibt zwei andere, durchaus gewichtige Probleme in Ihrem Werdegang:

1. Sie sind Mitte 30 und seit zehn Jahren ausführend als „Sachbearbeiter“ tätig. Wenn Sie Karriere-Ehrgeiz haben, also in Führungspositionen aufsteigen wollen, wird es jetzt höchste Zeit. Wobei diese Zielsetzung Ihre eigene freie Entscheidung ist; Sie müssen nicht, aber sofern Sie wollen, wird es Zeit. Sie sprechen von einer internen Chance in vier Jahren. Das ist beim heutigen Veränderungstempo sehr lange hin. Falls Sie dann den Führungsjob nicht bekommen, sind Sie 40, ohne Führungserfahrung und fast fünfzehn Jahre in einer Abteilung eines Unternehmens. Damit wären Sie „angeschmiert“ und könnten eine Laufbahn mit hierarchischem Aufstieg weitgehend vergessen. Ich gehe einmal davon aus, dass es bei der Chance um die Altersnachfolge Ihres langjährigen Vorgesetzten geht. Vielleicht hat der Ihnen Hoffnungen gemacht. Aber: Seine eigene Nachfolge kann ein angestellter Manager nicht vergeben. Sie brauchen die möglichst verbindliche (für vier Jahre im Voraus extrem unübliche) Zusage seiner Chefs. Die werden sich aber nicht festlegen wollen. Was Sie immerhin tun könnten: Nach Abstimmung mit Ihrem Vorgesetzten melden Sie sich bei der Geschäftsleitung an und erklären dort etwa: „Ich arbeite hier gern, hoffentlich in Ihren Augen auch gut und würde gern meinen beruflichen Weg im Hause fortsetzen. Dabei strebe ich die Übernahme von Führungsaufgaben an. Von meinem Alter, meinen Dienstjahren und, so hoffe ich, von meiner Qualifikation her, wäre nach allgemein üblichen Gepflogenheiten jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Ich sehe aber auch, dass es derzeit keine für mich passende freie Position gibt. In vier Jahren wird die Führungsposition von Herrn A frei, die ich gern anstreben würde. Bitte verstehen Sie, dass ich mich ungern der großen Ungewissheit aussetzen möchte, erst in vier Jahren als Bewerber auftreten zu können – und dann vielleicht von Ihnen eine Absage zu erhalten (was natürlich Ihr gutes Recht wäre). Ich akzeptiere, dass Sie mir heute keine verbindliche Zusage im Hinblick auf diese Position machen können; es weiß ja niemand, wie sehr sich das Unternehmen bis dahin verändert. Aber ich bitte Sie herzlich, mir ein – zwangsläufig unverbindliches – Signal zu geben. Sagen Sie mir bitte, ob Sie mir aus heutiger Sicht eine klare Chance zur Übernahme der Position geben würden, ob Sie mir die Verantwortung zutrauen und meine Ernennung für möglich erachten. Mir reicht Ihr Wort, ich würde dann gern meine heutigen Aufgaben weiter wahrnehmen und die entsprechende Zeit abwarten – ich trage das Risiko, die Position am Ende vielleicht doch nicht zu bekommen. Meine heutigen, hochinteressanten Aufgaben, die Arbeit hier im Unternehmen und die angesprochene Chance wären mir das unbedingt wert.“

Das ist viel verlangt, aber aus Ihrer Sicht geht es nicht anders, ohne Chef-Chef-Unterstüt­zung ist die Chance in vier Jahren zu vage. Und aus der Antwort Ihres Chef-Chefs hören Sie heraus, wie er dazu steht. Wenn er Sie gar nicht auf dieser Position sehen oder nichts mit dieser unverbindlichen Zusage zu tun haben will, dann wird er sich extrem unverbindlich-nichtssagend ausdrücken. Im positiven Fall könnte er sagen: „Ich kann mich über einen so langen Zeitraum nicht festlegen. Aber ich sage Ihnen etwas: Wenn ich es heute entscheiden müsste, bekämen Sie den Job.“

Übrigens könnte er im positiven Fall als Zeichen des guten Willens Sie heute schon zum Stellvertreter Ihres direkten Chefs ernennen, das wäre ein vielversprechender Anfang. Auf der Basis der Stellungnahme Ihres Chef-Chefs müssten Sie dann entscheiden, ob Sie nun auf diese Chance setzen. Wenn Sie bleiben, orientieren Sie sich mehr oder minder ganz an diesem Unternehmen.

Steigen Sie auf, könnten Sie tatsächlich erst mit achtzehn bis zwanzig Dienstjahren dort weggehen – dann macht man das nur noch im Notfall. Bekommen Sie jene Position dann doch nicht, haben Sie zwar „nur“ fünfzehn Dienstjahre dort, sind aber für den externen Einstieg in die Führung fast zu alt. Aber machen kann man das. Es ist eine der typischen Entscheidungen, die das Leben gelegentlich von uns fordert. Fünf Jahre später wissen Sie, ob Sie richtig gelegen hatten …

2. Wenn Sie sich aber jetzt (weil Ihr Chef-Chef Sie enttäuscht) oder bei einem immer denkbaren Misserfolg in vier Jahren extern bewerben wollen oder müssen, ist die „Marktakzeptanz“ Ihres Werdeganges ein zentrales Thema: Sie müssen nicht nur hochinteressante Tätigkeiten mit großer Begeisterung hervorragend ausführen – es muss auch „draußen“ möglichst viele Positionen vergleichbaren Zuschnitts geben, für die Sie als interessanter Kandidat gelten. Nur dann können Sie den vielen Gefahren, die eine Angestellten-Existenz bedrohen, gelassen entgegentreten. Und Sie selbst schreiben oben: „… könnte ich mir eine neue Stelle mit ähnlich gelagerten Aufgabengebieten suchen, was schwierig … wäre.“

Das fürchte ich auch. Hier müssen Sie dringend – vorbeugend für den stets denkbaren „Fall der Fälle“ – etwas tun:

2.1 Marktforschung in eigener Sache: Durchforsten Sie den im Internet ja problemlos zugänglichen Stellenmarkt rund um Jobs, in denen Ihre Qualifikation eine Rolle spielt. Suchen Sie Stellenangebote im führenden und im nichtführenden Bereich, suchen Sie Ihre verschiedenen Fachgebiete einzeln und auch in Kombination. Dann bekommen Sie ein Bild davon, ob Sie nun ein „einsamer Exot“ sind, der auf keines der in Suchanzeigen stehenden Anforderungsprofile so richtig passt (was ich befürchte – und Sie wohl auch) oder ob Sie auf dem Arbeitsmarkt ein vielfach begehrter Kandidat sind, der jederzeit wechseln könnte. Bei der Gelegenheit: Gerade Ingenieure neigen schon einmal dazu, sich von bestimmten Aufgaben oder fachlichen Herausforderungen so „fressen“ zu lassen, dass so profane Dinge wie „wem verkaufe ich diese Erfahrungen, wenn hier einmal Schluss ist?“ auf der Strecke bleiben.

2.2 Auf den Erkenntnissen nach 2.1 müssen Sie aufbauen. Gegebenenfalls verändern Sie Ihr Aufgabengebiet allmählich so, dass Sie für eine größere Anzahl offener Positionen interessant sind bzw. werden. Und/oder Sie überlegen, ob und wie Sie Ihre derzeitige Position mit all ihren Facetten im Lebenslauf so darstellen können, dass Sie solchen offenen Stellen weitgehend entsprechen. Solche Bemühungen sind überlebenswichtig. Niemals darf sich der Angestellte nur darauf konzentrieren, für seinen gerade aktuellen Arbeitgeber „nahezu unentbehrlich“ zu sein, stets muss er sich so aufstellen, dass ihn viele andere Arbeitgeber auch gern nehmen würden (weil der reale Arbeitgeber nicht „Ehepartner ist, bis dass der Tod euch scheide“, sondern „Lebensabschnittsgefährte – solange es eben läuft“).

Kurzantwort:

1. Niemand muss nach zehn Dienstjahren im Hause den Arbeitgeber wechseln. Aber man sollte bei deutlichem Überschreiten dieser Grenze langsam mit dem Nachdenken darüber beginnen, ob nicht in diesem Fall die Planung eines Wechsels angebracht wäre.

2. Wer mit 40 Jahren noch nicht führt, kommt kaum noch in eine Führungslauf-bahn hinein (weil früh sich krümmt, was ein Häkchen werden will).

Frage-Nr.: 2828
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-08-04

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