Heiko Mell

Jung, erfolglos, voller Pläne

Frage/1: Ich bin vor mehr als drei Jahren nach meinem Bachelorstudium der Elektrotechnik und einigen Semestern Auslandserfahrung mit Mitte 20 ins Berufsleben eingestiegen. Mein Arbeitgeber war eine mittelständige Technologie- und Unternehmensberatung, ich war Junior Consultant und übernahm Aufgaben bei einem großen Automobilkonzern im Bereich Optimierung des Projekt- und Wissensmanagements.

Frage/2: Ich habe während dieser Zeit ein berufsbegleitendes MBA-Programm in der Schweiz erfolgreich absolviert.

Während dieser Zeit war ich aus mehreren Gründen – vor allem wegen der geringen technischen Einarbeitung und der zu wenig technischen Arbeitsaufgaben generell – nicht glücklich mit meiner beruflichen Entwicklung und suchte nach gut zwei Jahren den Absprung. Auch wollte ich kein externer Mitarbeiter eines Unternehmens (Berater) mehr sein und mich mehr in die Technik hinein entwickeln.

Frage/3: Zunächst ging ich für sechs Monate ins Ausland (jenes sehr weit entfernte Land, in dem ich schon während des Studiums gewesen war), wo ich mir durch frühere Kontakte eine Anstellung erhoffte. Wegen Erfolglosigkeit – vor allem durch die neu eingeführten Visa-Regularien – brach ich mein Vorhaben ab und bin nun seit mehr als einem halben Jahr auf Jobsuche in Deutschland.

Frage/4: Nach einer Standortbestimmung habe ich als Ziel die Automatisierungsbranche gewählt. Hier favorisiere ich die Applikationsentwicklung, bin jedoch flexibel und bereit, ähnliche Jobs anzunehmen. Der Einstieg in eine technische Tätigkeit hat sich für mich jedoch als sehr schwierig herausgestellt. Bisherige Bemühungen blieben erfolglos. Auf Nachfrage ergab sich, dass meine Bewerbung mehrfach bis zur Fachabteilung kam, dann gab es eine Absage.

Von vielen Seiten (Bekannte, Bewerbungscoaches, Personalmitarbeiter auf Messen sowie Personalentscheider während des Bewerbungsgespräches) höre ich, dass mein Lebenslauf sehr gut sei und dass sie diesen „bei einer Bewerbung nicht gleich weglegen würden“. Trotzdem hatte ich bisher keinen Erfolg.

Frage/5: Ich habe selbst erkannt, dass ich in der Vergangenheit nicht immer die besten beruflichen Entscheidungen getroffen habe.

Wie komme ich, zwar „Young Professional“, aber mit einigen Jahren „Pause“ im technischen Bereich, wieder in diesen zurück? Ist das überhaupt möglich?

Ist ein technisches Masterstudium zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll? Was wären die Alternativen?

Antwort:

Antwort/1: Also „mittelständig“ war Ihr Arbeitgeber ganz sicher nicht, das sind nur manche Staubgefäße in manchen Blüten. Das ist schlimm genug (nicht wegen der Staubgefäße, sondern wegen Ihres eklatanten Missgriffs).

Schlimmer ist, dass ein Bewerbungsleser weder aus Ihrem Lebenslauf, noch aus Ihrem Zeugnis heraus so ganz genau versteht, was Sie da eigentlich gemacht haben – was also der einzige Bereich ist, in dem Sie praktische Erfahrungen sammeln konnten, die wiederum der zentrale „verkaufbare“ Kern Ihrer Qualifikation sind.Sie benutzen im Lebenslauf (wie es auch das Zeugnis tut) einen sehr speziellen englischen Fachbegriff, den ich bewusst nicht wörtlich wiedergeben wollte und etwas mühsam umschrieben habe.

Wenn Sie sich um eine Position bewerben, in deren Beschreibung dieser Begriff vorkommt, gibt es kein Problem – aber, siehe weiter unten, das wollen Sie nicht. Wenn Bewerbungsleser aber nicht verstehen, was Sie können und wenn das zu weit vom Thema der zu besetzenden Position liegt, schütteln sie den Kopf und wenden sich anderen Bewerbungen zu.

Ich zitiere einmal Mell in „Karriere-Basics Nr. 3“, die wir allen Lesern zum kostenlosen Bezug angeboten haben: „Daraus wiederum folgt, dass die erste berufliche Position nach dem Studium den weiteren Berufsweg … weitgehend vorprägt.“ Man kann diese Richtung ggf. später noch ändern – aber die per Bewerbung angeschriebenen Arbeitgeber wollen wenigstens verstehen, was der Kandidat bisher gemacht hat. Und die für den Leser verständliche Darstellung dieser Funktion ist das, was die Juristen eine Bringschuld nennen (Sie müssen liefern, der Empfänger muss nicht recherchieren).

Antwort/2:Als eiserne, absolut unumstößliche Regel gilt: Die einzige einwandfreie Art des Absprungs eines Angestellten ist das „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ – nachdem er sich vorher (!) einen neuen Job besorgt hat.Schauen wir einmal in Ihr Zeugnis von jener ersten (und bisher einzigen) Anstellung: Es gibt sehr viele sehr positive Wertungen, durchsetzt von kleineren Auffälligkeiten. So heißt es z. B.: „Gegenüber Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten war sein Benehmen immer einwandfrei.“

Abgesehen davon, dass man in deutschen Zeugnissen üblicherweise vom „Verhalten“ und nicht vom „Benehmen“ spricht, stört die Reihenfolge. Das Prinzip: Die wichtigsten Aspekte zuerst. Das sind erst die Vorgesetzten als Vertreter des zahlenden Arbeitgebers, dann in Ihrem Fall die Kunden – aber niemals die Kollegen. Das soll irgendetwas bedeuten, wird man vermuten.  Mal heißt es, „er erfüllte unsere Erwartungen in guter Weise“, was nicht so überragend ist, mal wieder „seine Leistungen haben stets und in jeder Hinsicht unsere hohe Anerkennung gefunden“. „Hohe Anerkennung“ ist nicht so klar wie es eine vollste Zufriedenheit gewesen wäre.

Dann der Knackpunkt: Kein Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“, sondern „im besten beiderseitigen Einvernehmen per Aufhebungsvertrag, weil Herr … eine neue Herausforderung annehmen möchte. “ Ein Arbeitnehmer kann kündigen, Aufhebungsverträge kommen nur auf Arbeitgeberwunsch zustande. Also eine arbeitgeberseitige Entlassung gegen eine kleine Abfindung. Und die „neue Herausforderung“ stimmt auch nicht, da gab es nichts anzunehmen, weil nichts da war. Man sieht es im Lebenslauf.

Das ist jetzt mehr als ein Jahr her.

Antwort/3: Wer diese Argumentation in Ihrem Bewerbungsprozess hört, wird nicht begeistert sein. Sie kannten jenes Land, die Geschichte klingt schlecht vorbereitet.

Und, ganz offen gesagt, sie klingt mehr nach „aus privaten Gründen mal wieder in ein fremdes Land, in dem viel Sonne scheint“ als nach „ich baue mir zielstrebig und systematisch einen Berufsweg auf“.

Nachdem auch im Ausland eine „richtige“ feste Anstellung nicht vorlag, sind Sie jetzt praktisch seit mehr als einem Jahr arbeitslos, wobei Sie Ihr bisher einziger Arbeitgeber auch noch entlassen hatte. Hier liegen u. a. die Gründe für Ihre derzeitigen Bewerbungsmisserfolge.

Antwort/4:Wenn Ihr Auto partout nicht anspringt, Sie dann einen Fachmann holen, der da sagt, mit dem Wagen sei alles in bester Ordnung, obwohl der immer noch nicht anspringt, dann haben Sie den falschen Fachmann konsultiert.

Übrigens ist auch die Geschichte mit den Fachabteilungen völlig klar: Dort wird hart gearbeitet. Die Leiter sind praxisbezogen denkende Menschen. Sie suchen Mitarbeiter, die das, was dort zu tun ist, können und also bisher getan haben (anders geht „können“ nicht). Sie suchen nicht solche Bewerber, die das, was dort zu tun ist, angeblich (wo liegt dabei die Gewissheit?) gern tun würden, bisher etwas anderes getan haben, vom letzten Arbeitgeber entlassen wurden und seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind.

Antwort/5: Gehen Sie einmal davon aus, dass die meisten Entscheidungsträger in solchen Fragen ähnlich denken wie ich es hier darstelle und vergessen Sie die Leute, die Ihren Lebenslauf sehr gut finden.Vergessen Sie zunächst einmal auch Idealbranchen, Traumtätigkeiten etc. Was Sie brauchen, ist die kurzfristige Beendigung Ihrer Arbeitslosigkeit; welche Tätigkeit das ist, kommt erst auf nachrangigen Plätzen.

– Entweder versuchen Sie, auf jenem speziellen Fachgebiet irgendwo einzusteigen, auf dem Sie in der Beratung tätig waren. Das ist dann kein Traumjob, aber Sie tun nicht mehr „gar nichts“ (Prinzip des „kleineren Übels“).

– Oder Sie suchen sich über ein Zeitarbeitsunternehmen den beruflichen Wiedereinstieg. Sie können dabei ja versuchen, als „gehobener Anfänger“ eine mehr technisch ausgerichtete Aufgabe zu bekommen. Aber vergessen Sie Traumbranchen, Idealtätigkeiten etc. (auch das wäre das „kleinere Übel“ gegenüber Ihrer Ist-Situation).

– Sie haben einen guten Bachelorabschluss und sind mit Ende 20 noch jung genug für diesen Schritt: Absolvieren Sie ein „hauptberufliches“ Masterstudium Ihres früheren Fachgebietes, streben Sie ein möglichst herausragendes Ergebnis an und steigen Sie danach noch einmal neu ein. Es kann eine Chance sein, die ganze bisherige Misere hinter sich zu lassen, ist aber nicht ohne Risiko (Ihr Alter beim Wiedereinstieg, Konjunktursituation zu jenem Zeitpunkt).

Meine Empfehlung dazu: Verinnerlichen Sie Ihren Einleitungssatz zu Frage/5 und die z. B. hier immer wieder verbreiteten Spielregeln des Systems. Misstrauen Sie in den nächsten zehn Jahren eigenen Ideen zu diesem Thema und treffen Sie nur noch beruflich relevante Entscheidungen im eher klassisch-konservativen Rahmen. Und falls Sie von mir eine konkrete Empfehlung wollen: Ich präferiere in diesem speziellen Fall (nicht als „weiße Salbe für alles“) das Masterstudium als „kleinstes Übel“).

Kurzantwort:

Wenn man Golf zu spielen beginnt, muss man vorher (!) die Regeln dieses Spiels studieren. Warum sollte das ausgerechnet beim ungleich wichtigeren beruflichen „Spiel“ anders sein? Beschäftigt man sich mit diesen Regeln, werden Arbeitgeberreaktionen vorherseh- und nachvollziehbar.

Frage-Nr.: 2821
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-06-09

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