Heiko Mell

Ich bin nicht zufrieden

Ich arbeite seit über drei Jahren in einem mittelständischen Unternehmen im Energiebereich. Ich hatte mich dort auf eine Stelle im Bereich Netzsimulation beworben, bin eingestellt worden und dann dieser Tätigkeit ein halbes Jahr nachgegangen. Dabei habe ich auch einige Seminare für den Umgang mit der entsprechenden Software besucht.

Danach habe ich innerhalb des Unternehmens andere Aufgaben bekommen – mit der Begründung, dass zurzeit im Bereich Netzsimulation kein Bedarf mehr bestehe.

Ich bin dieser neuen Tätigkeit auch eine Weile nachgegangen. Doch irgendwann kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen meinem Abteilungsleiter und mir.

Daraufhin bot man mir an, die Abteilung zu wechseln und eine neue Tätigkeit aufzunehmen. Dieses Angebot habe ich nach einer Weile angenommen, da mir keine andere Wahl blieb. Aber ich bin in meiner neuen Situation nicht mehr zufrieden. Ich fühle mich „in die Ecke gedrängt“ und komme von meiner eigentlichen Tätigkeit, die ich gerne machen möchte, nämlich Netzsimulation, immer mehr und immer weiter weg.

Ich habe mich daraufhin bei anderen Unternehmen im Energiebereich beworben und wurde auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Allerdings habe ich z. T. die Erfahrung gemacht, dass mich größere Unternehmen eher belächelt haben, da ich in dem mittelständigen heutigen Unternehmen zwar einen guten Gesamtüberblick habe, allerdings kein Expertenwissen u. a. mit der dort üblichen Software erwerben konnte.

Ich bin zurzeit dabei, mich bei verschiedenen Unternehmen zu bewerben. Ein Freund schlug mir sogar vor, dass ich noch eine Zusatzausbildung, z. B. ein IT-Studium anfangen soll. Ich kann mir genauso gut vorstellen, einige Zeit im Ausland zu arbeiten, um meine Englischkenntnisse zu festigen. Ich spiele auch bereits mit dem Gedanken, mich z. B. in den Medizinbereich umzuorientieren.

Was können Sie mir aus Ihrer Erfahrung empfehlen, damit ich auch in Zukunft noch eine gefragte Arbeitskraft bin?

Antwort:

Ich bin nicht begeistert von Ihrer Art, mit dieser Thematik umzugehen. Und damit meine ich nicht vorrangig Ihre Idee, die schwierige Frage, ob es nun „mittelständisch“ oder „mittelständig“ heißt, durch den abwechselnden Gebrauch beider Varianten zu lösen.Ich behaupte, dass es Ihren Überlegungen an Tiefgang mangelt. Nehmen Sie allein das in die Debatte geworfene IT-Zusatzstudium. Zusatz zu was? Ich erfahre ja nicht einmal, was Sie vom Haupt-/Erststudium her sind, geschweige denn, mit welchem Resultat Sie abgeschlossen haben.Und dann wollen Sie unbedingt Netzsimulation machen. Oder ins Ausland gehen, um Ihr Englisch aufzubessern. Oder „in den Medizinbereich gehen“, womit Sie vermutlich Medizintechnik meinen.

Schon der Anfang Ihrer Geschichte stimmt mich nachdenklich. Man hat Sie ein halbes Jahr in der Starttätigkeit arbeiten lassen und Sie dann versetzt. Sie berufen sich auf den Ihnen damals gegebenen Hinweis, es gäbe keinen Bedarf mehr an dem Thema. Sie waren drin in dieser Thematik, waren auf dem Weg zum Fachmann, haben ehemalige Kollegen aus jener Zeit, sehen im Detail, was auf diesem Gebiet dort geschieht. Wenn dieser Simulation wirklich Ihre Leidenschaft gilt, dann wüssten Sie, ob sich auf diesem Gebiet in jenem Hause noch etwas tut und man nur Sie dort loswerden wollte oder man das ganze Gebiet aufgegeben hat. Das wäre schon ein gewaltiger Unterschied …

Die „Auseinandersetzung“ mit Ihrem ehemaligen Abteilungsleiter stimmt mich auch sehr nachdenklich. Es scheint derselbe gewesen zu sein, der Sie aus der Netzsimulation herausgenommen hat.

Ihr Brief ist in meinen Augen ein einziger Aufschrei: „Man mache mich endlich glücklich“ – das aber ist allein Ihr Job, niemand anders wird das tun.

Mein Rat: Laufen Sie nicht einem engen fachlichen Thema nach, mit dem Sie unbedingt glücklich werden wollen. Sie haben nur ein Fünftel Ihrer bisherigen Praxis auf dem Gebiet gearbeitet und sind von namhaften größeren Unternehmen „eher belächelt“ worden. Geben Sie diese „Leidenschaft“ auf.Suchen Sie sich durch intensives Studium der Internet-Stellenangebote Positionen heraus, die zu Ihrem Studium und möglichst auch zu Tätigkeiten passen, die Sie bisher ausgeübt haben. Wichtig ist, dass Sie können, was da von Ihnen verlangt wird. Das Arbeitsleben ist kompliziert genug, machen Sie es nicht noch schwieriger, indem Sie sich einreden, Sie könnten nur in einem ganz schmalen fachlichen Segment zufrieden werden. Glücklich wird, wer etwas tut, was er kann, wo er Erfolge hat, von Chefs und Kollegen anerkannt wird – viele von diesen Menschen sagen, sie hätten sich vorher nie vorstellen können, ausgerechnet auf diesem Gebiet zu arbeiten. Man muss gern Leistung bringen und gern Erfolg haben, dann rutscht das Fachgebiet auf eine tiefere Rangfolge auf der Prioritätenskala. Der Appetit kommt beim Essen, weiß der Volksmund, das gilt auch für Fachgebiete.

Kurzantwort:

Wer sich fachlich bewusst auf ein sehr enges Gebiet einengt und sich gegen andere verschließt, blockiert seine Offenheit für die Wahrnehmung solcher Chancen, die sich oft am „Wegesrand“ auftun.

Frage-Nr.: 2812
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-04-14

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