Nach zwei Monaten wieder draußen

Ich habe nach dem Studium bei einer kleinen Firma angefangen, die zu jenem Zeitpunkt einen Berufsanfänger gesucht hat, um ihr Team zu verjüngen. Nach einem Monat im Büro und einem Monat auf einer Baustelle wurde mir dann gekündigt. Begründung: Man hätte die personellen Kapazitäten unterschätzt, die benötigt würden, um einen Berufseinsteiger einzuarbeiten. Der Geschäftsführer sagte mir, er formuliere das Arbeitszeugnis so, wie ich das möchte. Also vor allem in der Frage, von wem die Beendigung des Arbeitsverhältnisses ausging. Ich bin nicht sicher, welche Formulierung für mich und meinen weiteren beruflichen Werdegang am besten ist. Was meinen Sie, mit welcher Variante ich da am besten wegkomme?

Antwort:

Das Thema reicht weit über die Zeugnisfrage hinaus – es hat sogar eine ins Grundsätzliche gehende Komponente. Schlüsseln wir etwas auf: 1. Zur Situation junger Berufseinsteiger: Wie sehr viele Mitglieder dieser Gruppe schon gemerkt haben, sind ihrer Beliebtheit auf dem Arbeitsmarkt derzeit Grenzen gesetzt. Immer wieder sieht man Stellenanzeigen mit der Mindestanforderung „erste Berufspraxis“. Hintergrund sind u. a. ähnliche Erfahrungen mit Anfängern, die viele Unternehmen – wie Ihres auch – irgendwann gemacht haben. Ein simples Beispiel: Was glauben Sie wohl, was der in dieser Einsendung vorkommende Geschäftsführer in seinem beruflichen und privaten Umfeld in den nächsten zwei bis drei Jahren über den Wert von Studienabsolventen kurz nach dem Examen verbreitet? Mit zu vermutenden Aussprüchen wie „Die können Sie alle in der Pfeife rauchen“ liegt man sicher nicht ganz falsch. Regen Sie sich nur nicht über den Dimensionssprung von diesem einen Beispielfall zu der Formulierung „alle“ auf – so reagieren Menschen nun mal.Auf einen jüngeren Beitrag von mir, in dem es auch um Berufseinsteiger ging, schrieb mir ein berufserfahrener Leser sinngemäß, ich ginge noch viel zu nachsichtig mit denen um: Kinder seien das, tatsächlich Kinder. Das kommentiere ich lieber nicht. Sehr große Unternehmen, z. T. mit eigenen Personalabteilungen für Hochschulmarketing ausgestattet, haben sich auf diesen Bewerberkreis eingestellt und wissen einigermaßen mit ihm umzugehen. Und in der relativ geordneten Welt der Konzerne mit ihren mitarbeiterstarken Abteilungen findet sich bei etwas gutem Willen irgendwie eine Möglichkeit, den einen oder anderen Anfänger fachlich und persönlich so lange mit „durchzufüttern“, bis er „arbeitsmäßig“ selbstständig laufen kann – und sein Gehalt eines Tages tatsächlich wert ist (was beim Einstieg eher nicht gegeben sein dürfte). Schlimmstenfalls verhängt der Konzern dann mal wieder einen generellen Einstellstopp, bei dem vorübergehend gar nichts mehr geht, auch nicht für Einsteiger. Mittelständler, insbesondere kleinere, tun sich da schwerer. Wenn sie eine Personalabteilung haben, so ist die zur Universalität verdammt – und absolut nicht auf die Probleme von Anfängern spezialisiert. Dort fehlen dann Zeit und Raum, um sich diesen Personen zu widmen. Diese jungen Leute kosten ziemlich viel Geld, ohne in den ersten Monaten adäquate Leistungen zu bringen – die Enttäuschung ist programmiert. Es ist eigentlich alles noch viel schlimmer: Stellen Sie sich vor, ein Mittelständler hat eine technische Abteilung mit fünf Mitarbeitern. Diese sind bis über ihre Kapazitätsgrenze hinaus belastet: Nichts geht mehr. Schweren Herzens genehmigt die Geschäftsleitung eine zusätzliche Stelle für diese Abteilung. Bewusst öffnet man sich einem Berufseinsteiger, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: a) Die Abteilung besteht außer aus zwei Ingenieuren noch aus einem Techniker, einem aufgestiegenen Meister und einem Praktiker, der schon so lange dabei ist, dass man sich an seine Ausbildung nicht mehr erinnert. Es werde dem Niveau der Abteilung gut tun, denkt die Leitung, wenn da jemand frisch von der Hochschule hineinkommt und den allerneuesten Wissensstand mitbringt. b) Die vorhandenen fünf „alten Kämpen“ in der Abteilung sind inzwischen Vollblut-Profis auf ihrem Gebiet, aber auch alt. Und es ist absehbar, dass sie eines Tages nahezu gemeinsam ausscheiden werden. Also ist eine Verringerung des Durchschnittsalters angesagt – und auch aus dieser Sicht die Einstellung eines Berufseinsteigers die überzeugende Lösung. Schön, die Gehaltskosten der Abteilung werden dadurch weiter steigen, aber hier ist ja eine Steigerung der Abteilungsleistung und/oder eine Entlastung der überbeanspruchten Mitarbeiter zu erwarten. Also dann. Das Resultat ist eine einzige Pleite. Nur der erwartete Effekt „Steigerung der Personalkosten“ tritt ein. Aber der junge Anfänger kann eigentlich aus der Sicht der eingefahrenen Praktiker überhaupt nichts. Er entlastet aber nicht nur niemanden, er frisst selbst einige der schon vorher knappen personellen Kapazitäten: Entweder muss ein Kollege nicht vorhandene Zeit opfern für seine Einarbeitung – oder der Neue fragt ständig und hält damit alle von der Arbeit ab. Ich weiß, ich weiß: Das alles ist vorhersehbar und wäre besser im Sinne einer personellen Investition zu sehen. Man muss erst etwas investieren, damit dann – später und hoffentlich – etwas dabei herauskommt. Und selbst wenn man aufseiten des Geschäftsführers so etwas zumindest geahnt hätte: In der Hektik des fordernden Tagesgeschäfts wäre kaum eine andere Lösung möglich gewesen. Außer einer: Wir entlassen den Anfänger und suchen jetzt einen jener berufserfahrenen Ingenieure mit drei Jahren Praxis, der sofort wirksam arbeiten kann. Das kostet noch etwas mehr, bringt aber wenigstens etwas. 2. Lösungsansätze:2.1 Die Berufseinsteiger: Hier lautet die Empfehlung für die gesamte Zeit vor dem ersten Arbeitstag: Praxis, Praxis, Praxis. Nutzen Sie jede vernünftige Möglichkeit, beispielsweise über Praktika, Werkstudententätigkeiten oder Diplomarbeiten, mit der Praxis in Berührung zu kommen und erste Erfahrungen zu sammeln. Firmen sagen nahezu übereinstimmend: Der junge Einsteiger soll möglichst solche Praxis erworben haben, die weitgehend dem künftigen Job entspricht. Wer bei einem großen Mittelständler anfangen will, der Anlagen zur Fertigungsautomation entwickelt und produziert, sollte intensiv in ein ähnliches Unternehmen hineingerochen haben (es muss keineswegs dieses sein). Für den Automobilsektor und andere Branchen gilt das entsprechend. 2.2 Die Hochschulen: Die wichtigste Forderung lautet: Vermitteln Sie wenigstens den Studenten, dass die Hochschule sie in der Regel nicht ausreichend auf die Praxis vorbereitet. Sagen Sie den Studenten, dass sie mit „nur Studium“ im Rücken in den Augen der Unternehmen keine einsatzfertigen Ingenieure sind, auch wenn ihre Diplomurkunden etwas in dieser Art auszusagen scheinen. Versuchen Sie, über Ihren Schatten zu springen und immer wieder zu erläutern: Wenn die Hochschule „Ingenieur“ sagt und wenn ein Unternehmen „Ingenieure für definierte Tätigkeiten“ sucht, dann meinen beide zwei ziemlich verschiedene Exemplare. Der frisch diplomierte Hochschulabsolvent kann in der Regel ohne weiteres Wissen, das man ihm vermittelt oder das er sich erarbeitet, einen Standard-Ingenieurarbeitsplatz in einem Unternehmen gar nicht übernehmen. Eigentlich ist dieser Berufseinsteiger erst einmal eine Art „Ingenieur zur Anstellung“ oder etwas in der Art, um einen Begriff aus dem Beamtenbereich zu bemühen. Dass dies so ist, stellt nur einen kleinen Teil des Problems dar. Wenn die Betroffenen das wissen und angemessen damit umgehen, ist das durchaus lösbar. Aber Studenten der Examenssemester fragen mich, ob und vor allem wie sie „pokern sollen, um ein möglichst hohes Einstiegsgehalt zu realisieren“, während sie lt. obiger Darstellung gut beraten wären, die ersten sechs bis sechsunddreißig Monate einmal ganz kleine Brötchen zu backen und bemüht zu sein, das unsichtbare „zur Anstellung“ loszuwerden bis sie als eine Art „Voll-Ingenieur“ (da mache ich eine Anleihe beim Volljuristen) gelten können. Ein durch die Hochschule vermitteltes Wissen, dass die Anfänger in den Augen der (lebens-)wichtigen Arbeitgeber ein Problem haben, ist der erste Schritt zur Lösung. Man kann den Hochschulen nur empfehlen, den Erwerb jener ersten „Schnupper-Praxis“ durch die Studenten engagiert zu unterstützen. Sicher, in dieser Richtung ist das Duale Studium vorbildlich. Aber es ist nicht so verbreitet, dass es als Standard gelten kann – und mit jedem Vorteil sind auch wieder spezielle Einschränkungen verbunden. 2.3 Die Unternehmen:Das Beispiel unseres Einsenders, wenn denn die ihm gegebene Begründung der Entlassung stimmt und nicht noch Unzulänglichkeiten seinerseits hinzukommen, wäre vermeidbar gewesen, weil die Entwicklung vorhersehbar war. Hier hat wohl die Erkenntnis gefehlt, dass nicht nur der Kauf einer neuen Produktions- oder IT-Anlage eine Investition ist – bei der man erst einmal Geld oder andere Aufwendungen hineinstecken muss, um spätere Vorteile daraus ziehen zu können. Das entsprechende Prinzip gilt eben auch für frisch eingestellte Berufseinsteiger. Und wenn Praxis von Anfängern gefordert wird, muss man auch vielfältige Angebote bereithalten, damit Studenten sich entsprechend betätigen können: Praktikanten- und Werkstudententätigkeiten, Diplomarbeiten etc. Ja, das ist mühsam und durchaus auch aufwendig. Es bringt – überschaubare – Kosten mit sich und führt auch immer wieder zu Enttäuschungen. Aber wenn die Unternehmen morgen gute, sicher einsetzbare Ingenieure haben wollen, werden sie heute Studenten und Berufseinsteiger fördern müssen. Da einzelne Unternehmen von ihrer „Verfassung“ her zwangsläufig egoistisch ausgerichtet sind und den eher kurzfristig in Euro messbaren Erfolg vor Augen haben, sind hier auch übergeordnete, weiter blickende Verbände etc. gefragt, immer wieder auf Lösungen zu drängen. Es ist gar nicht so einfach, in einer auf das Denken in Quartalsbilanzen ausgerichteten Unternehmenswelt eher langfristig angelegte Projekte zu forcieren. 3. Das spezielle Problem des Einsenders: Sie brauchen bei Bewerbungen eine gute Erklärung für das, was Ihnen jetzt passiert ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit fragen Bewerbungsempfänger noch in fünf Jahren danach. Diese Erklärung muss durch das Zeugnis gestützt werden, Letzteres darf ihr nicht widersprechen. Also eignet sich die Wahrheit wieder einmal nicht so gut. Schreiben Sie in Bewerbungen so wie hier an mich, hätte der Leser sofort den Verdacht, es könne dies alles auch an Ihnen gelegen haben, Sie seien vielleicht ein besonders unbeholfener, betreuungsbedürftiger Anfänger. Das wäre nicht gut für Ihre Chancen. Schließlich hätten Sie den Arbeitgeber dort irgendwie enttäuscht. Wer soll nun wem gekündigt haben? Grundsätzlich ist zwar anzustreben, stets „auf eigenen Wunsch“ (Zeugnis) auszuscheiden. Aber einmal setzt das voraus, dass Sie am Tag nach dem Ausscheiden einen neuen Job haben – was Sie in dieser schwierigen Situation vermutlich nicht hinbekommen. Dann aber wären Sie „auf eigenen Wunsch arbeitslos“ geworden – ein Unding. Außerdem geht man nicht nach zwei Monaten Dienstzeit wieder, schon gar nicht als Anfänger (der unter Generalverdacht steht, mit dem Arbeitsleben als solchem nicht zurechtzukommen). Wer garantierte dem nächsten Arbeitgeber, dass Sie dort nicht auch nach zwei Monaten wieder gehen, weil Sie vielleicht mit völlig überzogenen Vorstellungen durchs Arbeitsleben stolpern? Nein, Sie sollten gekündigt worden sein – was ja den Charme hat, auch noch wahr zu sein. Der Grund dafür, wenn Sie denn schon wählen dürfen, sollte völlig außerhalb Ihrer Leistung, Eignung oder Person liegen, also möglichst nicht an Ihrer Qualifikation kratzen. Das Unternehmen könnte Ihnen z. B. im Zeugnis bescheinigen, dass „unvorhersehbare geschäftliche Entwicklungen leider zu personellen Maßnahmen zwingen. Davon ist auch der Arbeitsplatz von Herrn X betroffen, der uns in diesem Zusammenhang zum … verlässt. Wir bedauern dies außerordentlich und bestätigen gern, dass diese Maßnahme weder mit den Leistungen noch mit der Person von Herrn X in Zusammenhang steht. Unter anderen Umständen hätten wir das Arbeitsverhältnis gern fortgesetzt. Wir wünschen Herrn X für seine Zukunft alles Gute.“ Wenn Sie als Ausgangslage einmal die Erklärung nehmen, die man Ihnen gegeben hat, dann die daraus abzuleitende Ursache der Entlassung „wir haben die Probleme unterschätzt“ (Schuldfrage) berücksichtigen, dann mit einbeziehen, dass dieses Unternehmen Ihnen damit am prägenden Beginn Ihres Berufsweges einen überaus schweren Schlag versetzt hat, an dem Sie nach seiner Aussage keine Schuld tragen – und wenn Sie dann noch berücksichtigen, dass alle möglichen Vorschriften den Arbeitgeber anhalten, im Zeugnis wohlwollend und fördernd zu formulieren, dann scheint das doch ein noch tolerierbarer Textvorschlag zu sein. Übrigens: Zum Ausgleich glauben Personalprofis wiederum nicht alles, was da in Zeugnissen so geschrieben wird (nur etwas Kritisches, das würden sie sofort für wahr halten).

Kurzantwort:

Ein zusätzlicher Mitarbeiter, der in einer überlasteten Abteilung eingestellt wird, sollte eigentlich dort zu einer Entlastung führen. Handelt es sich dabei um einen Berufsanfänger, der aufwendig eingear-beitet werden muss, können die Probleme erst einmal größer werden als vorher. Die Entlassung des Anfängers kann dann als Lösung empfunden werden.
Frage-Nr.: 2808
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-03-10

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