Heiko Mell

Typisches Konzern-Chaos?

Ich lese Ihre Ratschläge seit Studienende und bin immer interessiert an Ihrer Sichtweise der dargestellten Probleme und an Ihren Optimierungsvorschlägen.

Nach dem Studium war ich mehr als fünf Jahre bei einem Familienunternehmen auf einem Spezialgebiet tätig, das ich schon seit meiner Bachelor Thesis fachlich betreue.

Dann habe ich den Wechsel gesucht, da die Aufgaben eintönig waren und mich einige Dinge, die ich nicht ändern konnte, gestört haben.

Nun bin ich vor wenigen Monaten zu einem Konzern gewechselt. Die Aufgabe, an einem Standort in einem für mich neuen Tätigkeitsfeld einen neuen Kundenstamm aufzubauen, klingt für mich grundsätzlich spannend und interessant. Eine andere Konzern-GmbH bewegt sich aktuell in einer engeren Region, die mehrere hundert Kilometer entfernt ist, schon in diesem Tätigkeitsfeld. Ein Markt für dieses Feld scheint vorhanden zu sein, da Mitbewerber im näheren Umkreis ebenfalls Stellenangebote veröffentlicht haben.

Gedacht hatte ich, dass man vor dem Ausschreiben einer Stelle die Frage der Investitionskosten geklärt und einen Plan über den Rahmen und den Umfang der Einarbeitung des neuen Mitarbeiters hat. Erst recht, wenn ein Konzern vorgibt, weiter wachsen zu wollen. Dem ist leider nicht so.

Ich habe also einen Investitionsplan erstellt und mir Gedanken um meine Einarbeitung in der erwähnten anderen Konzern-GmbH gemacht. Allerdings ist dort der Wille, mich einzuarbeiten, nicht sehr groß, der Widerstand dagegen umso größer.

Ich habe einige weitere „Warnzeichen“ vernommen, sodass ich mir nun Gedanken über meine Situation mache: Investitionen in Deutschland wurden generell gestoppt; da es mir bisher sowohl an der notwendigen Hard- als auch Software fehlt, komme ich fachlich nicht weiter. Mein Investitionsplan wurde von meinem Vorgesetzten bisher nicht „nach oben“ weitergeleitet. Die anzugehende Kundenakquise wurde verschoben. Unser Geschäftsfeldleiter scheint lieber Know-how über externe Firmen einzukaufen als intern aufzubauen. Einerseits sollen auf meinem Fachgebiet in Kürze erste Aufträge vorhanden sein, andererseits will man „alles ruhig angehen“ lassen.

Ist es unter diesen Randbedingungen sinnvoll, hier noch weiter der Beschäftigung nachzugehen oder ist ein Wechsel in der Probezeit die bessere Alternative, auch wenn bei einem neuen Arbeitgeber die gleiche Gefahr vorhanden ist?

Zumindest bin ich nun klüger und kann einige Dinge in künftigen Bewerbungsgesprächen besser einschätzen und vorher abklopfen.

Antwort:

So einfach ist das alles nicht, man muss verschiedene Aspekte beleuchten – und dann hoffen, dass sich ein brauchbares Bild aus den einzelnen Puzzle-Teilen ergibt.

1. Sie: Sie sind einen speziellen Ausbildungsweg von der Realschule über ein Berufsgrundbildungsjahr, eine gewerbliche Lehre, die Fachhochschulreife und das Bachelor-FH-Studium gegangen. Dieses Studium hat lange gedauert, der Abschluss ist gerade noch „gut“.

Mein Eindruck, der auch auf den Formulierungen in Ihrer Einsendung beruht: Sie sind vorrangig fachlich orientiert, legen den Schwerpunkt auf sachliche Gegebenheiten; außerhalb Ihres jeweiligen Fachgebiets liegende Fragen z. B. der Konzerntaktik sind Ihre Sache nicht, Sie empfinden so etwas eher als störend und von Ihrer fachlichen Arbeit ablenkend.

2. Ihr derzeitiger Konzern-Arbeitgeber: Sehr große Institutionen sind oft so, wie Sie es beschreiben. Man geht dort nicht hin, um als einzelner Mitarbeiter etwas zu bewegen oder dort etwas wesentlich zu gestalten. Jederzeit kann man ein Opfer übergeordneter Konzerninteressen werden (siehe den Sie lähmenden zentralen Investitionsstopp).

Irgendjemand hatte die Schnapsidee, in Ihrer Konzerneinheit etwas Neues aufzubauen, was es in einer anderen Konzerntochter schon gibt. Dass man Sie in der anderen Gesellschaft nicht einarbeiten will, ist „normal“ – was hätten die auch davon?

Ihre Chefs haben zuerst Sie eingestellt und sich dann erst Gedanken über das zugehörige Investitionskonzept gemacht? Na und? Hätte Ihr Chef erst das Geld beantragt, hätte man ihn gefragt, ob er überhaupt das Personal dafür habe. Das hätte er verneinen müssen, die ganze Frage wäre ihm unangenehm gewesen.

Also nimmt er erst diesen einen Bewerber unter Vertrag – und notfalls dessen Entrüstung über das Vorgehen in Kauf. Das ist für ihn einfacher als kritische Fragen seines Chefs beantworten zu müssen.

Ihre Einstellung war nicht sorgfältig durchdacht. Na und? Wenn Konzerne alles was sie so tun, vorher sorgfältig durchdenken würden, kämen sie ja zu gar nichts mehr (das ist nur ein bisschen sarkastisch).

2. Aus meiner Sicht haben Sie einen Dreifach-Fehler begangen (das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung):

2.1 Sie sind vermutlich vom ganzen Persönlichkeitstyp, von Ihrem Werdegang und von Ihrem Schwerpunkt auf der fachlich-sachlichen Aufgabenstellung her kein idealer Mitarbeiter für einen Konzern. So etwas gibt es, man muss es nur wissen. Interessant dabei: Sie haben Ihre Bachelor-Arbeit bei einem anderen Groß-Konzern geschrieben, haben dann aber dort nicht angefangen.

Es gilt ein ganz einfaches Prinzip: Hätte jener Konzern Sie damals nicht haben wollen, wäre das ein tolles Warnsignal für Sie gewesen. Denn gerade bei Konzernen gilt in etwa: Wer einen kennt, kennt alle. Hätten aber Sie nach Ihren Erlebnissen dort nicht bleiben wollen, wäre das ebenfalls ein Warnsignal gewesen: Ich passe nicht gut in Konzerne.

2.2 Einem jungen Akademiker kann der Berufsstart (!) im Konzern kaum schaden: Er sieht und lernt viel (auch das unausweichliche Kopfschütteln über schier unergründliche Arbeits- und Entscheidungsprinzipien) – wenn er genug hat, geht er, z. B. zum kleineren Mittelstandsbetrieb. Man wechselt in der Firmengröße von oben nach unten, besser nicht umgekehrt. Sie waren aber nicht mehr der unbefangene junge Anfänger, der seine neue berufliche Welt mit staunenden Augen erst einmal so nimmt wie sie ist, Sie waren als Konzernneuling durch jene fünf Jahre bei einem völlig anders denkenden und handelnden Mittelstandsbetrieb aus Konzernsicht „falsch vorgeprägt“ (der Mittelstand ist anders, nicht etwa pauschal besser).

2.3 Etwas Neues beim neuen Arbeitgeber aufzubauen, ist immer ein Risiko – wenn auch mitunter ein reizvolles. Dies als „Ein-Mann-Show“ auf Sachbearbeiterebene ist sehr, sehr schwer. Das dann noch in Ihrer Konzerneinheit tun zu sollen, wo eine andere Einheit das alles schon praktiziert, ist zusätzlich problematisch.

Wie Sie heute wissen, hätten Sie viele Ihrer Probleme durch mehr Neugier im Vorstellungsgespräch erkennen können. Aber es gilt auch: Wer dort zu viel misstrauisch nachfragt, wird vielleicht gar nicht eingestellt.

3. Ihre Gesamtsituation: In Ihrem Lebenslauf steht diese Beschäftigungsphase in diesem Konzern lebenslang drin – und fällt, wenn Sie jetzt gehen, durch ihre Kürze sehr unangenehm auf. Ein entsprechend schwaches Zeugnis bekämen Sie auch noch.

In späteren Vorstellungsgesprächen brauchten Sie gute Begründungen für Ihr viel zu schnelles Ausscheiden. Es ist deutlich einfacher, eine unbekannte „Müller & Tochter KG“ zum Saftladen abzustempeln, in dem Sie einfach nicht vernünftig arbeiten konnten, als einen namhaften Großkonzern.

Und wie Sie selbst schreiben: Niemand garantiert Ihnen, dass beim nächsten Arbeitgeber nicht auch irgendein Umstand zu einem weiteren schnellen Wechsel führt, der Sie dann zum „Wiederholungstäter“ machen würde.

Letztlich haben Sie derzeit zwar Warnsignale empfangen, aber „passiert“ ist noch nichts. Alles läuft nur viel langsamer und zähflüssiger ab als erhofft. Sie stehen noch nicht unter konkretem Druck.

Und es gilt das Prinzip: Man läuft nicht beim ersten Gegenwind weg. Man kämpft um den Erfolg, überwindet Widerstände, setzt sich durch. Auch wenn es schwieriger als erwartet ist und länger dauert.

4. Fazit: Würden Sie mich fragen: „Soll ich unter solchen Umständen in diesen Konzern eintreten?“, sagte ich: „Nein, bloß nicht.“ Jetzt aber sind Sie nach eigener Entscheidung bereits da; ich rate erst einmal zum Weitermachen. Kämpfen Sie, zeigen Sie Einsatz, äußern Sie Verständnis, treiben Sie die Chefs nicht vor sich her – geben Sie sich so, wie diese Chefs es in dieser Situation erwarten. Und dann warten Sie erst einmal ab. Nebenbei sollten Sie vorsichtshalber den Arbeitsmarkt im Auge behalten.

Kurzantwort:

Viele Mitarbeiter passen besser in den Mittelstand als in den Konzern, bei anderen ist das umgekehrt. Der Wechsel zwischen beiden Dimensionen gelingt nicht jedem, er ist aber in der Größe von oben nach unten einfacher als umgekehrt.

Frage-Nr.: 2785
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-11-12

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