„Weiße Salbe“ MBA?

Frage/1: Ich bin Anfang 30, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (Examen vor mehr als fünf Jahren mit 2,0; Studienschwerpunkt Produktion & Logistik).Ich fand in der Wirtschaftskrise direkt eine Anstellung bei einem Dienstleister und arbeitete über diesen zwei Jahre lang als Prozessmanager in einem WaffentechnikKonzern. Die Besonderheit der Anstellung, das militärische Umfeld und die schwierigen Zeiten beim Konzern ließen mich nach einem neuen Aufgabengebiet suchen. Nach einer Bewerbungsphase von vier bis fünf Monaten hatte ich zwei Zusagen. Der Weg über einen Dienstleister kam und kommt für mich nicht mehr in Betracht. Auch wollte ich eine mehr vertrieblich orientierte Position, weil ich dort meine Stärken sehe und dies mir viel Freude bereitet.Ich nahm dann meine jetzige Position im technischen Marketingbereich des After Sales bei einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen an. Das Aufgabengebiet als solches ist sehr spannend und dort sehe ich mich auch. Leider bin ich mit den Entwicklungsmöglichkeiten und den Aufgaben im Detail unzufrieden.Ich empfinde das Umfeld (u. a. auch die Branche) als sehr träge und langsam. Das Schlimmste ist aber, dass der Bereich des After Sales leider einen sehr geringen Stellenwert bei Vorgesetzten, der Geschäftsleitung und den anderen Bereichen hat (wir sind der letzte Punkt bei Tagesordnungen, unsere Termine fallen oft aus, ranghohe Manager erscheinen nicht zu den Terminen …). Durch gewisse Projekte und Vorträge in der Firma habe ich zwar unseren Bereich bekannter gemacht und seinen Stellenwert verbessert, aber ich stoße sehr oft an interne Grenzen.Auch ist das Aufgabengebiet anders als erwartet. Dies hätte ich besser und genauer hinterfragen sollen – mein Fehler. Letztlich bin ich zwar zeitlich, nicht aber fachlich/inhaltlich ausgelastet. Ich führe ein kleines Team fachlich. Frage/2: Aufgrund der Unterforderung und weil ich mich weiterentwickeln will, habe ich kürzlich ein berufsbegleitendes MBA-Studium (Vertrieb/Marketing) begonnen. In den letzten Monaten habe ich 15 bis 20 Bewerbungen geschrieben: Zwei Vorstellungsgespräche, kein Vertragsangebot.Ich will in den technischen Vertrieb, ins Produkt- oder Risikomanagement. Bevorzugen würde ich eine Position mit Entwicklungsmöglichkeiten. Anbei eine Bewerbung, auf die ich eine Absage erhielt. Wo liegt mein Fehler? 

Antwort:

Antwort/1: Analysieren wir einmal, was bis hierhin geschehen ist:1. Sie unterschrieben Ihren ersten Arbeitsvertrag bei einem Dienstleister. Ihr Fazit: Solch ein Arbeitgeber „kommt für mich nicht mehr in Betracht“.2. Dieses Arbeitnehmerverleih-Unternehmen setzte Sie bei einem Konzern in der Waffentechnik ein. Ihr Fazit: Das militärische Umfeld gefiel Ihnen nicht, die „schwierigen Zeiten“, die der Konzern durchmachte, missfielen Ihnen auch.3. Sie wechselten zu einem mittelständischen Unternehmen einer anderen Branche: Das ganze Umfeld gefällt Ihnen nicht. Sie und Ihr Tätigkeitsgebiet finden intern nicht genügend Beachtung/Wertschätzung. Ihr Fazit: Sie sind unzufrieden.4. Lediglich das Fachgebiet, in dem Sie jetzt tätig sind, könnte Ihnen durchaus gefallen, wenn die Detailumstände besser wären.Die Bilanz: Drei Reinfälle, ein theoretisch akzeptabler Aspekt, der jedoch in der Praxis nicht zur Wirkung kommt.Ich finde das Verhältnis nach mehr als fünf Dienstjahren und zwei grundverschiedenen Arbeitgebern sehr bedenklich, vorsichtig gesagt. Es ist dies eine Frage des persönlichen Standpunkts, den Sie hier einnehmen. Bei jedem einzelnen Aspekt, den Sie aufführen, ist Ihre Abneigung irgendwie nachvollziehbar. Aber: Noch immer sind sehr viele Menschen bei jenem Konzern tätig, noch immer bauen viele Menschen dort und anderswo Waffen. Die anderen Mitarbeiter Ihres heutigen Arbeitgebers sind alle noch da, empfinden das Umfeld nicht als zu träge und zu langsam, machen ihren Frieden mit ihrer Bedeutung im Hause.Was ich sagen will: Hier besteht so langsam der Verdacht, dass Ihre Maßstäbe nicht stimmen oder dass Sie zu wenig tun, um zur angestrebten Zufriedenheit zu kommen.Lassen Sie mich einmal eine Lanze brechen für Ihr heutiges Unternehmen, das ich nicht kenne:Als Sie sich dort bewarben, schleppten Sie zwei Belastungen mit sich herum, die durchaus nicht alle Bewerbungsempfänger zu Begeisterungsstürmen hinreißen: Sie waren ein „verliehener“ Arbeitnehmer und Sie waren in der Waffentechnik tätig, die ihre Besonderheiten hat (u. a. ja auch in Ihren Augen).Dieses neue Unternehmen gab Ihnen eine mehrfache Chance: Einstieg in eine absolut neutrale, attraktive Branche, Einstieg in ein selbst von Ihnen als „spannend“ und „dort sehe ich mich auch“ bewertetes, absolut zukunftsorientiertes Tätigkeitsfeld. Und zum Teamleiter machte man Sie auch noch.Wenn Sie sich nach etwa fünfjähriger Tätigkeit (davon möglichst drei Jahre oder mehr als Teamleiter) extern bewerben und zwar in einer Laufbahn mit dem Langfristziel „Leiter des Geschäftsbereichs After Sales“ (das ist ein Gebiet, in dem viele Unternehmen schon heute das meiste Geld verdienen), dann steht Ihnen die Welt offen. Sie sollten Ihrem Chef und seinen Chefs schon jetzt an jedem Ersten eines Monats „die Füße küssen“ oder etwas in der Art.Alles, worüber Sie meckern (ja, das tun Sie), ist nur intern relevant, bleibt zurück, wenn Sie einmal gehen, taucht niemals in Ihren „Papieren“ auf und ist in Kürze „Schnee von gestern“. Und es ist noch nicht einmal sicher, ob Sie objektive Gründe für Ihre Klagen haben oder ob das einfach Ihre Art ist (so etwas gibt es).Also bis hierhin sollten Sie schreiben: „Es geht mir eigentlich verdammt gut – mein Status ist eine solide Basis, die mir viele Chancen dafür eröffnet, dass es mir in Kürze noch viel besser geht.“Und da ich stets meine, was ich schreibe (ich schreibe nur nicht alles, was ich meine), ist auch das mein voller Ernst. Schauen wir mal, wie es bei Ihnen weitergeht.Antwort/2: Zunächst gibt es eine Überraschung: Das Zeugnis des Dienstleisters (erstes Arbeitsverhältnis) ist ganz hervorragend, besser geht es kaum. Das zeigt sich nicht nur in der zusammenfassenden „Gesamt-Schulnote“, das steht auch in der Bewertung diverser Einzelaspekte, von Eigenschaften und Fähigkeiten.Und die der Bewerbung beigefügte von Ihnen erstellte „aktuelle Tätigkeitsbeschreibung“ ist so umfassend und ausführlich formuliert – da bleiben für den Leiter Ihres Geschäftsbereichs eigentlich nur noch einige Randfunktionen übrig (etwas überspitzt gesagt). Alles also ganz toll, einschließlich des vorzeigbaren FH-Examens und eines davorliegenden halbjährigen Praktikums bei einem deutschen Top-Konzern. Sie waren nur schon etwas älter bei ‧Studienende: Eine etwas unklare schulische Basis, Lehre und Zivildienst forderten hier ihren Preis.Schauen wir uns Ihre Bewerbung an:a) Die Zielposition: Ein größeres Unternehmen, Teil eines internationalen Großkonzerns, sucht einen „Spezialisten“ für das Ausschreibungsmanagement bei Garantie- und Wartungsverträgen im After-Sales-Bereich. Angesiedelt ist die Position im Vertrieb, eine Teamleitung o. ä. gibt es nicht.b) Ihre Qualifikation in Relation dazu: In Ihrem ersten Job waren Sie bei einem Dienstleister angestellt und in einem Großunternehmen in der Fertigungssteuerung eines komplexen Waffensystems eingesetzt. Das bringt hier außer allgemeiner Berufspraxis wenig. Der Inserent sucht eher seine Branche und spezielle After-Sales-Erfahrung.Ihr Lebenslauf sagt nichts aus über die Größe des heutigen Arbeitgebers. Seine Name sagt uns, dass er Produkte herstellt, die der Inserent in seine deutlich größeren Produkte einbauen könnte, wir wissen aber nicht, ob das der Fall ist oder ob Ihr Arbeitgeber ganz andere Branchen beliefert.Dann, ich sagte es schon einmal, wimmelt Ihre Aufgabendarstellung im Lebenslauf von anspruchsvollen Details wie „strategische Entwicklung des Geschäftsbereichs“ etc. Und Sie leiten schon ein kleines Team. Das geht in Richtung: kommt aus kleinerer Firma, macht dort größeren Job = partielle Überqualifikation.c) Das MBA-Studium (nebenberuflich): Es wird, wie fast immer in solchenAnzeigen, weder verlangt noch gewünscht. Der Wirtschaftsingenieur, den Sie seit sechs Jahren haben, reicht dem suchenden Unternehmen völlig.d) Das spezielle Problem des zum Bewerbungszeitpunkt noch – ohne Angabe eines Endes! – laufenden nebenberuflichen MBA-Studiums: Wären Sie einfach schon MBA, könnte man jene hier nicht gesuchte Zusatzqualifikation als leichte Überqualifizierung schulterzuckend abtun. So aber verbinden sich zwei spezifische Nachteile miteinander:d1) Die Kapazität eines Arbeitnehmers beträgt 100 %. Zweigt er davon 15 % für ein Fernstudium ab, bleiben dem Arbeitgeber noch 85 % (bei vollen Gehaltskosten). Daher sind in einer nebenberuflichen Weiterbildungsmaßnahme steckende Bewerber nicht beliebt (das ist ein sehr pauschales Vorurteil, aber ein gewichtiges).Ausnahme: Das inserierende Unternehmen sucht z. B. händeringend einen Schweißfachingenieur, der Bewerber steckt gerade in einer entsprechenden Zusatzausbildung. Das aber ist hier absolut nicht so.d2) Etwas, aber wirklich nur etwas überspitzt gesagt, gilt: Alle Absolventen eines Zusatzstudiums stehen am Tag (!) der Aushändigung ihrer Examensurkunde beim Arbeitgeber „auf der Matte“ und fordern „besser, größer schöner, mehr“ (Aufgaben, Verantwortung, Hierarchiestufe. Geld etc.). MBA-Absolventen sind hier besonders anfällig.Also wird der Bewerbungsempfänger zusätzlich davon ausgehen, dass auch Ihnen ab Überreichung der Urkunde Ihr bis dahin geltendes Aufgabenspektrum nicht mehr genügen wird. Die Anzeige sagt aber – über Allgemeinplätze hinaus – nichts über konkrete Perspektiven.Fazit: Ihre Ausbildung stimmt. Ihre gesamte Berufspraxis ist für den Job schon recht lang, vermutlich hätte weniger genügt. Fachlich von Interesse sind hier vor allem die ca. drei bis fünf Jahre im heutigen Unternehmen. Dort ist Ihr Aufgabenprofil sehr (zu?) anspruchsvoll („strategische Entwicklung des Geschäftsbereichs“). Der Inserent sucht aber „nur“ einen Spezialisten für ein ganz enges Detailgebiet Ihres Metiers – das es in dieser Form vermutlich bei Ihnen überhaupt nicht gibt.Sie wollen aus verantwortlicher Position innerhalb eines Mittelstandsbetriebs mit breiter fachlicher Basis in einen enggefassten Spezialisten-Job im Konzern springen. Das ist kein Weg, der in Standardlaufbahnkonzepten vorgesehen ist. Hier steht „partielle fachliche Überqualifikation“ ebenso im Raum wie „Herkunft aus der falschen Arbeitsumgebung“ und auch „fehlende Spezialerfahrungen“ im angestrebten Haupttätigkeitsgebiet.Und dann noch das MBA-Studium: Die Art, wie Sie im Lebenslauf mit der Darstellung Ihrer Schulbildung umgehen, zeigt mir, dass Sie vermutlich über eine Art zweiten Bildungsweg gekommen sind. Das ist überhaupt nicht irgendwie negativ, ganz im Gegenteil, führt aber leicht dazu, dass später der Wert noch eines Abschlusses und noch eines Abschlusses leicht überschätzt wird.Damit ich nicht missverstanden werde: Niemals schadet irgendein zusätzliches Wissen. Aber deutlich mehr und höhere Abschlüsse als bei der Ausschreibung der Zielposition gefordert werden, können auch schon einmal zur Ablehnung wegen vermuteter Überqualifizierung oder Anspruchsüberhöhung führen.Die MBA-Qualifikation ist keine „weiße Salbe“, die man auf jede Art von erkrankten Körperteilen streichen kann, auf dass sie dort Wunder vollbringe. In Ihrem Fall heißt das: Ihr Wirtschaftsingenieur reicht gut aus, um im Mittelstand, in dem Sie jetzt sind, z. B. Geschäftsbereichsleiter After Sales zu werden (und damit vielleicht in Ihrem jeweiligen Unternehmen den größten Gewinnbringer zu verantworten). Wenn das nicht klappt, hat es an der Persönlichkeit gelegen, nicht an einem fehlenden Zusatzstudium.Und wer mir nicht so recht glauben mag, lese Stellenanzeigen, die seine Zielposition(en) beschreiben. Ist dort der Anteil direkt geforderter MBA-Abschlüsse groß, dann stürmen Sie die Anmeldebüros zum Zweitstudium. Ist das nicht der Fall, wägen Sie sehr sorgfältig ab.Darüber hinaus sind Sie, geehrter Einsender, jetzt ein Mann des Mittelstandes. Dabei sollten Sie bleiben. Entweder Sie kämpfen am heutigen Platz um eine Verbesserung der Bedeutung Ihres Metiers – oder Sie suchen sich ein anderes ähnliches Unternehmen, in dem es diese höhere Bedeutung schon gibt.Und schließlich: Es gibt etwa so viele rundum ideale Arbeitsbedingungen in Unternehmen, wie rundum ideale Angestellte. In beiden Fällen bleibt oft nur, wenigstens das kleinstmögliche Übel zu wählen.Als Trost: Zwei Konzerne ähneln sich, zwei Mittelstandsunternehmen deutlich weniger.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2784
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-11-05

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