Zwischen Mühlsteinen

Frage/1:Ich habe von meinem Arbeitgeber einen Aufhebungsvertrag vorgelegt bekommen und auch unterschrieben. Die Suche nach einer neuen Anstellung läuft gut. Ich war (alleiniger) „Functional Safety Manager“ in der deutschen Tochter eines US-Konzerns, laut Stellenbeschreibung zuständig für die Errichtung einer „Safety Culture“ im Geschäftsbereich, für die Definition und Einführung aller notwendigen Prozesse zur ISO26262 im weltweiten Geschäftsbereich Automotive und für die Projektbegleitung mit der Erstellung aller nötigen Dokumentation zur Safety. Die ISO26262 ist eine 2011 eingeführte Norm, die aufgrund ihrer Anforderung an Dokumentation, Analysen und Nachweise die Automobilindustrie in Atem hält. Das wesentliche Problem ist, dass diese Dokumente und Nachweise anhand beschriebener, eingeführter und (optimalerweise) gelebter Prozesse entstehen sollen. Ich sehe in der Norm eine Art „Game Changer“, die in der Automobilindustrie noch für Umwälzungen sorgen kann. Frage/2:Meine Aufgabe war es, die notwendigen Prozesse zu definieren und einzuführen, dabei waren jeweils mehrere Standorte betroffen. Mir wurde der Aufhebungsvertrag ohne Darstellung der genauen Gründe vorgelegt. Wegen der von mir in Erfüllung meines Auftrags vorgetragenen Forderungen nach der Verbesserung des einen oder anderen Prozesses war ich beim höheren Management sicherlich nicht der beliebteste untere Manager, das hatte ich gewusst. Aber die Entlassung selbst hatte ich wegen der Bedeutung jener Norm und damit meiner Arbeit nicht erwartet. Ich war über lange Zeit der einzige Mitarbeiter mit den entsprechenden Fachkenntnissen. Beim Eintritt einer Produktkatastrophe hätte ich mich sicher nur schwer entlasten können, da ich der verantwortliche Experte gewesen wäre. Durch diese Verantwortung war mir die Norm näher als das Wohlgefallen der Vorgesetzten. Frage/3:Welche guten Hinweise können Sie Leuten wie mir in entsprechenden Stellen (Risikobewertung, verantwortlich für Sicherheitsbelange) geben, sodass sie in einer Umgebung der Lippenbekenntnisse ohne Beschädigung der Karriereaussichten arbeiten können?Sollte das vorzeitige Verlassen des Unternehmens mittels eigener Kündigung Ihre Lösung darstellen, wie stelle ich meinen Wechselwunsch beim nächsten Arbeitgeber dar, ohne den derzeitigen Arbeitgeber zu belasten?Wie stelle ich im gleichen Fall meine mögliche Akzeptanz einer der vielen angebotenen Ingenieurstellen dieses Metiers ohne Managerstatus dar („flieht aus der Managerverantwortung“)?Ich frage bei Bewerbungen um adäquate Positionen schon nach der dortigen Organisationsstruktur (Einordnung einer solchen Position in eine Ebene, in der sie auch etwas bewirken kann), bekomme aber auch Ablehnung zu spüren, wenn meine Fragen offenlegen, dass mir wieder eine ähnliche Konstellation blüht. Ich hörte beispielsweise, dass auch Risikovorstände, die zur damaligen Zeit auf die Risiken des neuen Marktes verwiesen, später in der daraus entstandenen Krise entlassen worden sind, weil sie sich nicht hatten durchsetzen können.

Antwort:

Antwort/1:Ich unterbreche Ihre Darstellung schnell einmal, bevor die ersten Leser kopfschüttelnd erklären, das beträfe sie alles nicht und ihr Interesse zurückfahren. Keine Angst: Hier geht es um das Prinzip einer Tätigkeit, nicht um eine spezielle Norm in einer speziellen Branche. Die Details sind nur die Aufhänger für die generelle Aussage zu einer weitverbreiteten Problematik.Antwort/2:Da, mit dem letzten Satz dieses Teils Ihrer Frage, haben wir den Schlüssel zur ganzen Angelegenheit.Alles was Sie sonst noch im letzten Absatz schreiben, ist richtig: Sie wären verantwortlich gewesen. Dazu hatte man Sie ja eingestellt: Um möglichst solche Fälle zu vermeiden – und um im Notfall jemanden zu haben, der als Schuldiger hätte präsentiert werden können.Ich will einmal so anfangen: Mir fehlt hier ein Satz in Ihrer Darstellung, der etwa hätte lauten können: „Nun war ich zwar von meinem Arbeitgeber vor die Tür gesetzt worden, aber ich war ja in Erfüllung meiner Pflicht der Norm gegenüber ‚gestorben‛. Und da kamen die Schöpfer dieser Norm zu mir, überreichten mir einen größeren Scheck, mit dem ich für alles Ungemach entschädigt wurde.“Soll ich einmal raten? Die Normleute kamen nicht und einen Scheck von denen gab es auch nicht.Im Ernst: Sie haben zwei katastrophale Fehler begangen:1. Es heißt so einprägsam: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Wer allein bezahlt Sie? Um wessen Wohlgefallen allein (es sei denn, die Normleute zahlen die Hälfte Ihres Gehalts) geht es? Also.Ganz egal, was mit Ihrer so ernst genommenen Norm ist: Das Wohlwollen Ihrer Vorgesetzten ist unverzichtbar. Wissen Sie noch, wie es im ersten Gebot heißt? „Du sollst nicht haben andere Götter neben mir.“ Das gilt symbolisch für die Pflichten des Angestellten auch. Es ist ein bisschen übertrieben, aber nur ganz wenig.(Als Tipp dazu: Schreiben Sie niemals etwas Religiöses, zitieren Sie keine Gebote, sprechen Sie nicht über die Bibel, das regt einen speziellen Leserkreis sehr leicht auf. Ausnahmen gelten nur für Autoren mit mehr als 30 Serienjahren.)Also das, so würde unsere Kanzlerin sagen (solche weltlichen Querverweise gelten wiederum als erlaubt), ging ja nun gar nicht mit Ihrer Ausrichtung.2. Für jeden halbwegs mit industriellen Strukturen vertrauten Menschen ist doch vor(!) Antritt eines solchen Jobs völlig klar: Der Inhaber dieser Position soll zwei völlig konträre Interessen befriedigen. Er sitzt nur allzu leicht nicht nur zwischen zwei Stühlen, er befindet sich zwischen zwei Mühlsteinen. Von denen sich der obere gegenläufig zum unteren dreht. Dass man dabei zermahlen werden kann, haben Sie ja nun gesehen.Gut, so etwas (einen solchen Job annehmen) kann man machen. Könner dürfen sich durchaus freiwillig zwischen Mühlsteine begeben, wir sind ein freies Land. Aber wenn man das tut, dann sollte man sehr sicher sein dürfen, zu den taktisch geschicktesten, cleversten, diplomatischsten, überzeugungsstärksten, vielleicht sogar abgebrühtesten Menschen dieses Landes zu gehören. Und selbst dann kann es außerdem nicht schaden, sich das Risiko sehr gut vergüten zu lassen.Es ist doch so: Ein (Ihr) Unternehmen hat sogenannte originäre Interessen: Es will auf dem Weg über Umsatz Rendite erzielen. Dazu entwickelt, produziert und vertreibt es bestimmte Produkte. Alles, was dazu beiträgt, ist – vereinfacht gesagt – gut, dafür wird relativ freudig Geld ausgegeben. Solche Tätigkeiten sind im Hause anerkannt, in entsprechenden Laufbahnen ist eine gute Karriere-chance gegeben.Aktivitäten im Unternehmen, die nicht diesen originären Zielen dienen, stehen unter Generalverdacht, überflüssig zu sein, Ärger zu machen, die Mitarbeiter bei ihrer zielgerichteten Tätigkeit zu stören, unnötig Geld zu kosten etc.Ein Beispiel, in dem dann auch gleich der Lösungsansatz steckt, sind die Mitarbeiter der Steuerabteilung. Wer im Unternehmen liebt Steuern, zahlt sie gern, hört freudig zu, wenn „mal wieder die blödsinnigen Steuern die größere Hälfte des Gewinns auffressen“?Hätten wir bis gestern keine Steuern gezahlt, müssten es nun plötzlich und würden jetzt Mitarbeiter für die Steuerabteilung suchen – dann dürften diesen Job zwischen den beiden Mühlsteinen „Staatsinteressen, bedingungsloses Einhalten kaum verständlicher Vorschriften“ auf der einen und „Gewinninteressen des allein ihn bezahlenden Unternehmens“ auf der anderen Seite nur solche Kandidaten annehmen, die zu den taktisch geschicktesten … (s.o.) gehören.Wir zahlen aber Steuern seit Menschengedenken. Und die Unternehmenslenker haben sich daran gewöhnt wie an Starkregen, Vogelgrippe, Bahnstreiks und andere Ärgernisse auch. Seit Jahrhunderten! Also übertragen sie ihre natürlich weiterhin gegen „derart unsinnig hohe“ Steuern bestehende Abneigung wenigstens nicht mehr auf die Mitarbeiter der Steuerabteilung. „Die machen ja auch nur ihren Job.“Das bedeutet: Wer es sich zutraut, einen Job wie den Ihren zu übernehmen, muss zuallererst anstreben, das gesamte Management davon zu überzeugen (!), dass hier eine Aufgabe ansteht, die unbedingt, ja bedingungslos gemacht werden muss. Ja, die zu machen nun im ureigensten Interesse des Unternehmens und seiner Top-Manager liegt. Weil z. B. das oberste Gericht von Süd-Dakota jüngst in einem relevanten Fall den President und den Vice eines Unternehmens persönlich haftbar gemacht hat (oder machen wird) oder etwas in der Art. Wie bei Steuern eben: ärgerlich, muss aber sein, Verstöße kosten mehr als rechtzeitiges Befolgen der – natürlich – „dämlichen und ärgerlichen“ Vorschriften.Wenn das erreicht ist – und bis dahin essen Sie extrem „hartes Brot“ –, dann können Sie an die Detailumsetzung gehen. Falls Sie zu den taktisch geschicktesten … etc. Leuten überhaupt gehören.Aber: „Die Norm war mir näher als das Wohlgefallen der Vorgesetzten“ ist ein gut gedüngter Humus, auf dem Aufhebungsverträge wachsen. Wer solche Leute will, wie Sie einer waren, soll „die Norm“ dazu bringen, von ihr gesandte Leute dafür zu bezahlen.Antwort/3:Aufgaben dieser Art sind nicht un-, aber zweifelsfrei sehr schwer lösbar. „Karrieremäßig“ ist auch bei überzeugender Lösung nur mühsam etwas zu gewinnen. Der klassische Abteilungsleiter Entwicklung sieht da in Sachen Karriereperspektive wesentlich klarer.Jedem von solchen Positionen abzuraten, ist auch nicht zu verantworten, der Job ist da und muss gemacht werden. Da das Risiko, das mit einer Positionsübernahme verbunden ist, als sehr hoch angesehen werden muss, sollten bevorzugt Bewerber damit betraut werden, die ein überdurchschnittliches Risiko tragen können. Ich denke da an Manager, die ohnehin die üblichen Altersgrenzen überschritten haben, schon länger arbeitslos sind etc. Wenn dann eine interessante Vertragsgestaltung erfolgt, ist für beide Seiten eine akzeptable Konstellation gegeben.Zu Ihren Fragen: Vorab gestellte Forderungen und Bedingungen, das spüren Sie, mögen die Unternehmen nicht (die meisten dürften denken wie Ihr letzter Arbeitgeber). Ich habe weiter oben versucht, einen Lösungsansatz aufzuzeichnen, z. B. durch zunächst betriebene Information und Aufklärung eine möglichst breite Akzeptanz im Management erreichen – und vor allem, dadurch nicht Ihre Person zum Ziel des Widerstands machen, sondern die Norm selbst; deren Einhaltung muss im Bewusstsein des Managements unverzichtbar im Sinne des Überlebens des Unternehmens werden. Man darf sie hassen (wie die Steuern), aber nicht Sie – ein machbares, aber äußerst schwieriges Kunststück.Sagen wir es so: Durchschnittlich begabte Mitarbeiter mit nur durchschnittlich ausgeprägtem Wagemut übernehmen besser „nur“ eine der üblichen Feld-, Wald- und Wiesen Entwicklungs-, Fertigungs- oder Vertriebsleiterjobs (was etwas übertrieben ist, aber eine Aussage enthält).Wer rechtzeitig selbst das Unternehmen verlässt, hat den Vorteil, sich aus ungekündigter Position zu bewerben. Er könnte – in Grenzen – Forderungen oder wenigstens Fragen stellen.Und was das „Belasten“ des heutigen Arbeitgebers im Vorstellungsgespräch angeht, das löst man so: Zunächst erklärt man im Brustton der Überzeugung, dass man selbstverständlich niemals … Andererseits akzeptiere man natürlich, dass der Bewerbungsempfänger ebenso selbstverständlich ein Recht hätte, etwas über die Gründe für den beabsichtigten Wechsel zu erfahren. Man werde dem natürlich auch nachkommen, bäte aber um Verständnis für den Grat, auf dem man dabei wandele. Und dann erzählt man letztlich doch, dass die Lösung der Aufgabe im heutigen Unternehmen wegen allgemeinen Desinteresses an diesem (oder sogar Widerstand gegen dieses) Thema kaum möglich war.Den Eindruck, dass Sie als bisheriger „Manager“ mit der Bewerbung um eine „nur ausführende“ Ingenieurstelle der Managementverantwortung entfliehen wollen, vermeiden Sie so: Sprechen Sie weder im Lebenslauf, noch im Anschreiben von Ihrem letzten Job als „Manager“, lassen Sie diese korrekte Positionsbezeichnung ganz weg und sagen Sie nur, Sie seien dort „verantwortlich für Functional Safety“. Allerdings kann dann bei der Gehaltsfrage wieder ein Problem auftauchen.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
1. Man darf sich bei der Übernahme einer Position nicht nur von der „spannenden Aufgabe“ leiten lassen, man muss auch sich aufdrängende Komplikationen mit in seine Entscheidung einbeziehen.

2. Eine Aufgabe zu lösen, die darin be-steht, große Teile des Managements zum Umdenken oder zur Übernahme zusätzli-cher Aufgaben zu „überreden“, ist schwer genug. Aber beim eigenen Management den von diesem engagiert abgelehnten Willen außenstehender Dritter durchzusetzen, erfordert extrem gut ausgeprägte Fähigkeiten verschiedenster Art.
Frage-Nr.: 2779
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-15

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