Heiko Mell

Zurück nach Deutschland – aber wie?

Nach meiner Promotion habe ich zunächst als Sachbearbeiter in einem kleinen F&E-Start-up-Unternehmen in Nordamerika angefangen. Nach etwa einem Jahr habe ich dort die Leitung der Entwicklung übernommen und war eine Reihe von Jahren auf dieser Position. Inzwischen bin ich seit einigen Jahren in diesem kleinen Unternehmen Vice President.

Ich strebe nun eine Rückkehr nach Europa, idealerweise Deutschland, an. Obwohl ich der Meinung bin, dass mein Qualifikationsprofil einiges zu bieten hat, ist mir bewusst, dass es nicht gerade einfach werden könnte, eine entsprechende Stelle zu finden. Ich befürchte, dass die Tatsache, noch nie im deutschen System gearbeitet zu haben, als großes Hindernis gesehen wird.

Mein Ziel ist eine vergleichbare Position im Bereich F&E (ist auch heute weiterhin wesentlicher Schwerpunkt meiner Aufgaben) in einem mittelständischen Unternehmen. Allerdings musste ich nach intensiver Suche feststellen, dass Stellen dieser Art und in meiner Branche im Mittelstand scheinbar rar sind. Ich wäre eventuell bereit, den Wechsel in einen großen Konzern zu wagen. Aber es ist mir auch vollkommen bewusst, dass ich bei Bewerbungen den entsprechenden „Stallgeruch“ nicht mitbringe und auf viel Widerstand stoßen werde.

Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Wechsel in ein Großunternehmen nur durch einen Rückschritt in der Hierarchieebene möglich ist. Geht es gut, kann ich bei erbrachter Leistung darauf hoffen, erneut aufzusteigen. Ginge das Experiment Großunternehmen schief, wäre es ein großer Knick in meinem Werdegang.

Inzwischen habe ich nach einigen versandten Bewerbungen die Hürde zu einem Vorstellungsgespräch noch nicht geschafft. Sehen Sie mein Ziel, in Europa eine ähnliche Position in einem mittelständischen Unternehmen zu finden, als realistisch an oder muss ich umdenken? Oder anders gefragt, was ist als Rückkehrer bei Bewerbungen besonders zu beachten, damit sie zum Erfolg führen?

Da es hier keine Zeugnisse gibt: Ich könnte meinem Chef, zu dem ich ein gutes Verhältnis habe, ein selbstgefertigtes Dokument zur Unterschrift vorlegen (kann das in Englisch beigelegt werden?). Sind Ihnen auch im Englischen Codeformulierungen bekannt, die es zu vermeiden gilt?

Antwort:

In Ihrer – oben nicht abgedruckten – Einleitung der Original-Einsendung heißt es: „… und bewundere Ihre präzisen Darstellungen.“ Bitte erhalten Sie sich diese Bewunderung, denn diese Präzision kann durchaus ihre besonderen Tücken haben:

Sie legen beispielsweise eine vorbildlich ausgefüllte „Mell’sche Prioritätenliste“ bei, von 1. bis 10. geordnet und mit jeweils nur einem Begriff pro Zeile. Nr. 1 hat dabei die absolute Priorität und Nr. 10 rangiert unter „ferner liefen“. Ihre Liste beginnt so:

„1. Ich will eine gehobene Führungsposition.

2. Ich will im Bereich F&E arbeiten.

3. Ich will in meiner Branche arbeiten.

4. Ich will zurück nach Deutschland.“

Es geht bis hin zu:„10. Ich will eine gute Ausgangsposition für die nächsten zehn Jahre.“

Am Rande bemerkt: Wäre ich Psychologe oder so, würde mich die zehnfache Wiederholung von „ich will“ schon bedenklich stimmen. Aber ich bin ja keiner.

Zum Kern: Eine Prioritätenliste (das Besondere an meiner ist, dass nur ein Begriff auf jede Rangstufe darf) sortiert die Anliegen nach der persönlichen Bedeutung, die der Schreiber ihnen zumisst. Eine Lösung, die alle zehn Anliegen erfüllt, ist utopisch.

Nun mein Angebot, wie es präziser nicht geht: Ich zaubere eine Lösung aus dem Hut, welche die ersten drei Punkte auf der Liste problemlos total erfüllt und auch noch die Punkte 6, 7 und 9 sicher abdeckt. Ein hervorragendes Ergebnis, wie Sie einräumen müssen. Diese Lösung lautet: Bleiben Sie, wo Sie sind, machen Sie Ihren Job weiter, dann sind Ihre drei wichtigsten Prioritäten erfüllt und vom Rest auch noch fast die Hälfte. Damit können Sie sehr zufrieden sein.Ich erwarte nicht, dass Sie diese Lösung als genial anerkennen – aber ich erwarte, dass Sie mir zustimmen, wenn ich sage: Ihre Liste ist falsch!

Wen wollen Sie eigentlich austricksen, wenn Sie doch in Ihrer Einsendung wie oben abgedruckt schreiben: „Ich strebe nun eine Rückkehr nach Europa, idealerweise Deutschland, an“ und später noch einmal: „… mein Ziel, in Europa eine ähnliche Position … zu finden“ – dann aber die „gehobene Führungsposition“ auf Nr. 1 Ihrer Prioritätenliste setzen? Das stimmt doch so nicht.Für mich ist die Zielrichtung „Europa“ eine Nummer zu groß, ich kann nicht auch noch über Schweden, Griechenland und Polen so viel wissen wie über Deutschland. Also erlauben Sie mir, aus „Europa, idealerweise Deutschland“ nur „Deutschland“ zu machen, dann sähe der Kopf Ihrer persönlichen Mell’schen Prioritätenliste etwa so aus:

1. Zurück nach Deutschland

2. Bereich F&E

3. Branche beibehalten

4. gehobene Führungsposition zum Start oder zumindest als reale Perspektive

5. vorzugsweise in den Mittelstand

Und dann wird das Problem deutlich, das Sie unterschwellig schon erkannt haben: Nr. 1 ist ein Ort. Goldene Regel, gegen die man nicht ungestraft verstößt: Kein Arbeitgeberwechsel aus örtlichen/regionalen Gründen.

Natürlich wird es aus Ihrer Sicht oder der Ihrer Familie gute Argumente für die Rückkehr geben. Aber: Nach zwei Auslandsjahren wäre die Heimkehr problemlos gewesen. Nach drei bis fünf Auslandsjahren hätte man auch noch einen Weg gefunden. Ab fünf Jahren in der Fremde gilt man als „auslandsverdorben“. Bei Ihnen sind es jetzt deutlich mehr als zehn Jahre. Und es wird aus zwei Gründen noch schlimmer:

a) Schon Ihre Promotion im Anschluss an das deutsche Studium fand im Ausland statt. Das erhöht die Anzahl der deutschlandfernen Jahre in Folge auf mehr als fünfzehn.

b) Beruflich kann man von einer „Rückkehr nach Deutschland“ gar nicht sprechen, Sie haben hier nie gearbeitet, nur „in grauer Vorzeit“ einmal studiert (sind aber in Deutschland geborener Deutscher).

Eine weitere Regel lautet: Auslandserfahrung hat auf dem deutschen Arbeitsmarkt einen hohen Stellenwert (für manche Konzernlaufbahnen ist sie sogar zwingend) – aber erst, wenn die Reintegration in den deutschen Markt erfolgreich abgeschlossen ist (also etwa zwei bis drei Jahre nach Rückkehr).

Bei der Gelegenheit ein Einschub für andere Leser, die vielleicht ein Auslandsengagement planen:

A) Wer unmittelbar nach dem Studium für ca. zwei Jahre ins Ausland geht (und dort in seinem Beruf arbeitet), macht kaum etwas falsch. Wenn er dann bereit ist, auf dem für ihn fremden deutschen Arbeitsmarkt als „gehobener Anfänger“ zu beginnen, wird er in der Regel kaum Probleme haben. Und: In den folgenden zehn Jahren zahlt sich die Auslandspraxis ganz sicher irgendwie aus.B

) Wer nach dem Studium etwa fünf Jahre einen sehr soliden, erfolgreichen Berufsweg in Deutschland absolviert und dann für zwei bis drei (nicht mehr) Jahre ins Ausland geht, kann bei seiner Reintegration problemlos an die alte Stellung in Deutschland anknüpfen. In den folgenden Jahren (nicht immer direkt bei der Rückkehr) zahlt sich die Auslandspraxis ganz sicher aus.

C) Wer nach dem Studium bei einem der ganz großen Konzerne anfängt, ehrgeizig ist, aber eben auch offen für das, was seinem Arbeitgeber vorschwebt und allen Verwendungs-/Einsatzvorschlägen zustimmt, unterliegt eigenen, konzerninternen Regeln. Bald gehört er zum hauseigenen „Goldfischteich“, muss aber mehrfach auch mit Familie und trotz eigenen Hauses drei Jahre nach Asien und/oder nach Lateinamerika. Diese Konzerne trennen längst nicht mehr wie früher zwischen In- und Ausland. Als Nachwuchsmanager übernehmen Sie die Produktion im Werk A und bauen danach ein neues Werk B auf. Zufällig liegt A in Rumänien und B in Vorderasien. Das sind aus Konzernsicht nur Orte; verbindende Klammer über alle Aufgaben ist, dass es stets um Organisationseinheiten dieses Konzerns geht. Und ja, es gibt Menschen (auch Ehepartner), denen machen solche Einsätze richtig Freude. Und die Kinder werden oft echte Weltbürger (denen die alte Heimat längst zu eng geworden ist).

So, geehrter Einsender, zurück zu Ihnen. Unter der Voraussetzung, dass meine Version Ihrer Prioritätenliste in etwa stimmt:

1. Sie sind heute ein sehr ranghoher Manager (Vice President) in einem sehr kleinen, sehr speziellen Unternehmen (kleiner als 50 Mitarbeiter). Das ist nicht eben ideal.

Als erfahrener Sergeant der US Army hätten Sie als Berufssoldat sicher weltweit Ihren Stellenwert. Als General der Armee von Monaco (wenn es die denn gäbe) wären Sie nur schwer anderweitig unterzubringen. Da Sie die heutige Firmengröße nicht ändern können, reduzieren Sie wenigstens Ihren Rang. Gerade im deutschen Mittelstand kann man mit dem Vize-Präsidenten wenig anfangen. Oft spukt da das politische Modell der Vereinigten Staaten im Kopf herum: Es gibt nur einen (Vize) und der wird sofort Präsident, wenn letzterem etwas geschieht. So „hoch“ will man den mit den hiesigen Verhältnissen (u. a. auch Betriebsrat, Arbeitsrecht, geschäftliche Gepflogenheiten) unvertrauten „Mann aus dem Ausland“ nicht einsteigen lassen, Bewährung weiter unten ist zunächst angesagt. Lassen Sie den Vice President erst einmal weg, Sie sind beispielsweise heute Manager mit Zuständigkeit für die Entwicklung neuer und die Weiterentwicklung bestehender …

2. Vermutlich müssen Sie in zwei Etappen springen: Erst einmal – im vertrauten Metier – in einer halbwegs zumutbaren Position auf dem hiesigen Markt Fuß fassen. In etwa drei Jahren kommt dann der Sprung in die „richtige“ Position, nun aber von Deutschland aus und als mit hiesigen Verhältnissen vertrauter – und darin bewährter – Mann. Das ist in- und extern denkbar. Es bedeutet: Der jetzt zum Start gefundene Wohnsitz in Deutschland ist vermutlich auch noch nicht Ihr letzter.

3. Verkaufen Sie sich ganz klar als Fachmann auf Ihrem Gebiet. Natürlich brauchen Sie eine Führungsposition, anders würde man Sie auch gar nicht bezahlen können. Aber das Pfund, mit dem Sie jetzt wuchern können, sind Fach- und Branchenkenntnisse, nicht vorrangig allgemeine Managementerfahrungen aus fernem Lande.

4. Suchen Sie sich infrage kommende Firmen heraus und bewerben Sie sich bei Inhabern (so vorhanden) oder Geschäftsführern initiativ. Machen Sie deutlich, was Sie fachspezifisch mitbringen – aber auch, dass Sie wissen, wie intensiv Sie sich hier einarbeiten (und anpassen) müssen und dass Ihnen ein Lernprozess bevorsteht. Warten Sie bei dem zwangsläufig engen Markt in Ihrer besonderen Branche nicht auf ausgeschriebene Positionen. Probieren Sie es ruhig zusätzlich auch bei Großfirmen; dort werden die möglichen Hierarchiestufen aber eher niedrig sein – falls die überhaupt Interesse zeigen.

5. Sie haben beruflich einen sehr speziellen Weg gewählt. Der – räumliche – Schritt, den Sie jetzt vorhaben, war zu diesem Zeitpunkt sicher nicht geplant, er passt auch in Ihr bisheriges Konzept nicht hinein. Mitten im Rennen die Pferde zu wechseln, bedingt einen zu zahlenden „Preis“ Ihrerseits.

6. Wenn Sie sich jetzt bewerben, denken Sie auch an die „Kleinigkeiten“: Wer an Ihnen interessiert ist, will Sie persönlich kennenlernen. Der deutsche Mittelständler will aber keinesfalls die Reise-(Flug-)Kosten so einfach übernehmen. Schreiben Sie, Sie seien im Zuge Ihres Rückkehrprojekts in Zukunft häufiger in Deutschland und könnten so unproblematisch zu einem Gespräch zur Verfügung stehen (Sie würden dann von einer deutschen Adresse aus anreisen). In Wirklichkeit fliegen Sie auf eigene Kosten herüber.

7. Dass es im Ausland, insbesondere im angelsächsischen Bereich, keine Zeugnisse wie hierzulande gibt, ist bekannt. Andererseits ist der deutsche Entscheidungsträger gewohnt, sich auf „Papiere“ zu stützen – und Ihre vielen Jahre ganz ohne Dokument wären langfristig nicht optimal (der Bewerber muss beweisen, was er behauptet; er könnte ja beispielsweise von fünfzehn „unbelegten“ Jahren zehn im Gefängnis gesessen haben).

Lassen Sie Ihren Chef auf Firmenbriefbogen eine persönliche Referenz schreiben („To whom it may concern“). Aufbau wie in Zeugnissen, also zunächst Daten und Fakten wie Ein- und Austrittstermin, eingenommene Positionen mit den wichtigsten Aufgaben. Dann die Wertung und Beurteilung nach Landessitte in englischer Sprache. Er mag Sie auch ruhig beim Vornamen nennen.

8. Das Land, in dem Sie jetzt so lange gelebt und gearbeitet haben, und unseres unterscheiden sich; auch die Gesetze, Gepflogenheiten und die Regeln des Berufslebens sind verschieden. Ich glaube, dass Sie den Anschluss hier schaffen können, wenn Sie die wichtigsten Aussagen dieses Beitrags akzeptieren, insbesondere den Punkt 2 dieser Aufzählung. Sie ändern mitten in Ihrer beruflichen „Schlacht“ die Strategie. Das geht nicht ohne vernehmliches Knirschen ab.

Kurzantwort:

Einen langjährig beschrittenen beruflichen Weg ändert man nicht plötzlich ungestraft.
Auslandseinsätze von zwei oder drei Jahren sind nützlich; mit mehr als fünf Jahren gilt man schnell als „auslandsverdorben“. Eine Rückkehr nach Deutschland ist leichter, wenn eine mehrjährige frühere Deutschlandpraxis vorliegt.

Frage-Nr.: 2748
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-04-09

Top Stellenangebote

Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Mechanical Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…