Heiko Mell

Ein Ruf an die Hochschule

Meine akademische Ausbildung hatte mit einem Kooperationsstudium an der Hochschule … begonnen, das ich als B. Eng. und mit Facharbeiterbrief als Industriemechaniker abschloss. Anschließend habe ich eine Stelle als Projektingenieur bei meiner ehemaligen Kooperationsfirma angenommen. Nach 2,5 Jahren wurde im Rahmen größerer Umstrukturierungen meine Abteilung stark verkleinert und ich wurde in die Konstruktion versetzt. Da mir der Zeitpunkt günstig erschien und ich ohnehin ein Masterstudium geplant hatte, habe ich meine Anstellung gekündigt und ein Vollzeit-Masterstudium begonnen, derzeit bin ich im ersten Semester. Jetzt wurde ein Professor auf mich aufmerksam. Er hat mir eine 50%-Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in seinem Labor angeboten, um einen speziellen technischen Bereich aufzubauen. Er möchte, dass ich in diesem Feld die noch fehlenden Kompetenzen aufbaue, mit Industriepartnern Entwicklungs- und Forschungsprojekte entwickle und dann selbst nach abgeschlossenem Masterstudium (in etwa einem Jahr) mit einer Promotion zu den bis dahin gefundenen Themen beginne.

Prinzipiell finde ich das angebotene Themengebiet hochinteressant und kann mir vorstellen, mich dort weiterzuentwickeln. Allerdings bin ich sehr unschlüssig, da ich nach einer Promotion im allerbesten Fall bereits 33 Jahre alt sein würde und erst dann wieder in die Industrie zurückkommen könnte.

a) Wenn ich dann zurückginge, wären meine 2,5 Jahren Industriepraxis noch etwas wert? Ich wäre dann 4,5 – 6 Jahre weg von der „Industriefront“ gewesen.

b) Passt das überhaupt in meinen Werdegang? Als ich nach dem Abitur angetreten bin, um die Welt zu erobern, habe ich mit voller Absicht ein Kooperationsstudium gewählt, um zusätzliche Praxiserfahrungen „mit Öl an den Händen“ zu bekommen. In meiner Tätigkeit als Projektingenieur war das sowohl fachlich als auch im Umgang mit Kollegen der Werkstatt und Lieferanten sehr hilfreich. Meinem Gefühl nach passt eine derartige Hands-on-Einstellung allerdings nicht zu der allgemeinen Wesens-Vorstellung eines Dr.-Ingenieurs. Was wird ein Personaler denken, wenn er dann meinen Lebenslauf liest?

c) Als Berufsziel nach dem Studium hatte ich ursprünglich geplant, als Projekt- oder Entwicklungsingenieur einzusteigen und dann über die Karriereschiene in Richtung Abteilungsleitung oder sogar Bereichsleitung aufzusteigen. Würde mich ein Dr.-Ingenieur für einen Mittelständler weniger attraktiv machen, da ich dann als überqualifizierter Theoretiker angesehen würde und mir Jobs als Projekt- oder Entwicklungsingenieur verwehrt würden?

d) Falls ich das sehr spezielle Themengebiet der Promotion irgendwann verlassen möchte, bringt mir der Dr.-Ingenieur dann überhaupt noch etwas?

e) Alternativ zur Promotion habe ich vor, die Masterthesis im Ausland zu erstellen, um dort wichtige Erfahrungen für den Beruf und die Persönlichkeitsentwicklung zu sammeln.

Antwort:

Eine komplexe, aus Ihrer Gesamtsituation aber gut nachvollziehbare Frage. Wir nähern uns in bewährter Form dem Kern in „Salamitechnik“, also scheibchenweise. Zunächst Grundsätzliches:

1. Jedes Angebot, das Ihnen im Leben gemacht wird, ist immer vorrangig gut und nützlich für den Anbieter, für sein Problem. Nirgends steht, dass ein solches Angebot auch gut für Sie ist. Dafür ist der Anbieter nicht zuständig, daran denkt er oft nicht einmal(!). Sie müssen auf sich selbst aufpassen. „Da hatte ich ein Angebot“ beweist gar nichts, entschuldigt nichts, entlastet Sie nicht. Dass ein solches Angebot auch für Sie als Empfänger „gut“ ist, wäre reiner Zufall, ist aber möglich. Generell ist Misstrauen/Vor­sicht/Zurückhaltung angebracht.

Als Warnung: Ich schätze, dass Menschen etwa 5 – 10-fach stärker auf ein Angebot reagieren, wenn es ihnen persönlich im Direktkontakt unterbreitet wird; demgegenüber bringt etwa das Lesen einer entsprechenden Zeitungsanzeige nur den Faktor 1 an positiver Reaktion. Staubsauger- und Versicherungsvertreter nutzen den Effekt.

2. Ihre Fachhochschule (die nicht mehr so heißen mag) kann keine Promotion in Eigenregie durchführen und damit auch nicht verbindlich zusagen. Sie braucht dafür eine Universität als Kooperationspartner. Sicher hat man entsprechende Kontakte, aber eine kleine zusätzliche Hürde bleibt.

3. Eigentlich kann man gar nicht genug an unterschiedlicher Ausbildung haben. In der Praxis (auch der zeitliche Aufwand muss ja irgendwie im Rahmen bleiben) haben sich jedoch Schwerpunkte als typisch herauskristallisiert. So spreizt man generell die Stufen bei einer Person nicht unendlich weit. Typisch sind der FH-Ingenieur, der noch eine praktische Ausbildung (Lehre) mitbringt und der TU/TH-Ingenieur, der noch eine Promotion draufsattelt. Lehre vorn + Promotion hinten jedoch sprengen den üblichen Rahmen und werden kaum je in einer Stellenausschreibung gefordert. Wer beides hat, wird es irgendwie schätzen – aber wirklich sinnvoll ist diese Spreizung nicht. Auch deshalb nicht, weil die Aufgabenprofile in der Regel nicht daran ausgerichtet sind.

4. Nach Wegfall des Wehr-/Zivildienstes und unter Einbeziehung der in vielen (nicht jedoch in allen) Fällen verkürzten Jahre bis zum Abitur sollte der Standardkandidat mit klassischem Uni-/TU-/TH-Studium und Promotion mit etwa 30 Jahren damit fertig sein. Dafür hat er dann nicht wie Sie 2,5 Jahre dazwischen – aber Praxis vor dem Master zählt nach der Promotion kaum noch (Sie arbeiten dann ja fast zwei Qualifikationsstufen höher).

Nicht in ein Standard- (auch Alters-)Raster zu passen, ist insbesondere bei der Erstanstellung nach der Promotion nicht ungefährlich. Je nach Konjunkturlage könnten Ihnen manche Türen bei großen (Elite-)Unternehmen verschlossen bleiben. Allerdings: Zehn Jahre später interessiert das nicht mehr, nur der Start kann schwierig werden.

5. Die Argumente 1 – 4 sprechen eher gegen das Projekt. Dem müsste jetzt ein brennender Wunsch Ihrerseits gegenüberstehen, unbedingt den Dr.-Ingenieur als eigenständiges Ziel erreichen zu wollen. Dieses „Brennen“ sehe ich nicht, Sie zweifeln an allen Ecken und Enden an dem Projekt.

6. Zu Ihren Fragen im Detail:

Zu a: Diese dann „alten“ Praxisjahre sind weniger fachlich von Bedeutung, aber sie zeigen, dass Sie es schon gewohnt waren, im industriellen Umfeld zu arbeiten. Das verlernt man nicht, wie etwa auch das Radfahren. Also: Ein positiver Resteffekt bleibt.

Zu b: Ja, es gibt Dr.-Ingenieure, die als „abgehobene Theoretiker“ auftreten und die man besser von Schraubenschlüsseln fernhält. Aber die Regel ist das nicht. Der Dr.-Inge­nieur ist ein „ganz normaler Dipl.-Ingenieur“, der zusätzlich unter Beweis gestellt hat, dass er zur vertieften wissenschaftlichen Bearbeitung eines Temas fähig ist. Darüber hinaus ist er ein Mensch wie Sie und ich. Dr.-Inge­nieure sind auch auf all jenen Gebieten tätig, die durch nichtpromovierte Dipl.-Ingenieure abgedeckt werden.

Dass es so viele Dr.-Ingenieure in der Industrie „nach oben“ gebracht haben, liegt nur sehr bedingt an der Schulung während der Promotionszeit. Diese Menschen waren schon vorher Teil der Leistungselite – das wären sie auch ohne den „krönenden“ Dr.-Grad. Konkret: Die vielen Dr.-Ingenieure in Vorständen, Geschäftsführungen und Bereichsleitungen sitzen dort nicht, „weil sie Dr. sind“, sondern weil sie gut sind. Qualität setzt sich letztlich immer durch, ob mit oder ohne Titel.

Und so wie schon ein sehr guter, nichtpromovierter Dipl.-Ingenieur für manche Jobs überqualifiziert sein kann, so gilt das auch für viele Dr.-Ingenieure. Der Dr.-Ingenieur ist ein Leistungsnachweis im vertieften wissenschaftlichen Arbeiten. Er verdient Respekt, aber keine Ehrfurcht.

Zu c: Niemand verwehrt einem Dr.-Ingenieur einen Job als Entwicklungs- oder Projektingenieur.

Zu d: Er steht lebenslang für gute Noten in Schule und Studium (pauschal), für eine überdurchschnittliche technische Qualifikation und er verleiht mitunter ein gewisses gesellschaftliches Ansehen. Außerdem lernt man in der Promotionsphase, wie man ein komplexes Thema angeht – das alles schadet nicht.Zu e: Eine sehr gute Idee.

So, nun sind Sie dran: Treffen Sie Ihre Entscheidung. „Hören“ Sie dabei ruhig auch auf Ihren „Bauch“. Und danach gilt: Keine Zweifel mehr, kein „Hätte ich nicht doch …“ So völlig falsch ist keine der Varianten.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2722
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-11-13

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