Heiko Mell

Promotion trotz nicht geradlinigen Werdegangs?

Ich (w) habe Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau (Kraftfahrzeugtechnik) studiert. Jetzt stehe ich im Auslandssemester kurz vor dem Ende meiner englischsprachigen Abschlussarbeit in Kooperation von uni-externem Forschungsinstitut und Industrie. Bei der Erstellung dieser Abschlussarbeit habe ich die Arbeit in der Industrie kennengelernt und kann dies vergleichen mit den mehrjährigen Erfahrungen aus meinem studentischen Nebenjob am Forschungsinstitut (< 5 J.). In der Forschung fühle ich mich ebenfalls wohl und ich kann mir die Arbeit trotz unterschiedlichen Stress-Levels in beiden Umfeldern gut vorstellen. Mit meinem Eindruck deckt sich auch, was ich von befreundeten Berufstätigen aus Forschung und Industrie meiner Branche höre. Von mehreren Seiten ist mir eine Promotion angetragen worden. Es wäre sehr reizvoll für mich, über einen längeren Zeitraum bei einem Thema ins Detail gehen zu können. Dies wird in der Industrie über Projektarbeit nicht möglich sein. Auf der einen Seite sind die Firmen und Institute, mit denen ich bisher gearbeitet habe, einer weiteren Zusammenarbeit zwecks Promotion sehr zugetan. Auf der anderen Seite habe ich bei fünf versendeten Bewerbungen mit dem Ziel des Direkteinstiegs als Ingenieurin in die Projektarbeit nur eine Zusage erhalten (unbefristet bei einem Dienstleister). Mein Werdegang ist nicht geradlinig: erst eine kaufmännische Ausbildung, dann drei Semester einer speziellen Richtung des Ingenieurwesens studiert, dann Wechsel der Studienrichtung zum jetzigen Fachgebiet, danach noch einmal fünf Jahre im ersten Studienabschnitt durch ernste Krankheit verloren. Dagegen stehen meine ab Hauptstudium guten bis sehr guten Noten, die Verkürzung des Hauptstudiums um ein Semester und exzellente Beurteilungen durch die Arbeitgeber (Institute) bei meinen Nebentätigkeiten.  Dennoch erscheint mir mein Werdegang nicht geeignet für eine Promotion, auch wenn ich ein Thema vorliegen habe, welches ich unter anderen Umständen sofort(!) angemeldet hätte. Meine Sorge ist jedoch, dass ich im Falle einer Promotion danach den Absprung in die Arbeitswelt nicht mehr schaffe (Alter, Werdegang). Dieses Kriterium ist für mich wichtiger als alles andere.

Antwort:

Diesen Text hatte ich vorliegen. Nach dem Lesen drängten sich Fragen auf: Wie alt sind Sie, was hatten Sie denn als Erststudium gewählt – diese Fakten begleiten einen Angestellten die nächsten Jahrzehnte lang. Also bat ich um einen Lebenslauf. Den haben Sie auch nachgereicht. Dort haben Sie aber das Foto (na schön, muss ich eben darauf verzichten; dass wir es veröffentlichen würden, haben Sie doch bei unserer strikt anonymisierten Darstellung aller Einsender nicht ernsthaft befürchtet?), die Telefonnummer, die E-Mail-Adresse (die natürlich dennoch auf der Begleit-Mail steht) und das Geburtsdatum gelöscht. Das habe ich nun von meiner Neugier, recht geschieht mir. Also, geehrte Einsenderin, sofern Ihnen eines Tages jemand auf den Kopf zusagt, ein bisschen schwierig seien Sie durchaus, widersprechen Sie nicht unbedingt. Aber dank meiner überragenden Intelligenz, die durchaus auch für große Herausforderungen jederzeit zur Verfügung steht, habe ich aus den beiden Daten für „Einschulung Grundschule“ und „Abitur“ eiskalt hochgerechnet, dass Sie jetzt etwa 32 Jahre alt sein müssen. Auf dieser Basis zur Kernfrage:

1. Contra Promotion:

1.1 Der fertig promovierte Ingenieur tritt heute mit etwa 30 Jahren in das klassische Arbeitsleben ein. Sie wären deutlich älter; das Überschreiten von Altersgrenzen wird immer schlimmer, je älter man absolut wird: In jüngeren Jahren ist die Formbarkeit z. B. durch die durchaus schwierige und anspruchsvolle Arbeitswelt in der Industrie größer, später sinkt sie rapide ab.

1.2 Gerade bei Wirtschaftsingenieuren wird auf dem Arbeitsmarkt relativ selten die Promotion von Berufseinsteigern verlangt oder auch nur erbeten. Sie können das durch einen schnellen Blick in die Internet-Stellen­börsen nachvollziehen. Wenn Sie auf einem speziellen rein technischen Gebiet zum Dr.-Ing. promovieren und dann Laufbahnen nachgehen, die für klassische Dr.-Ingenieure ausgeschrieben sind, kann es sich als Nachteil erweisen, dass Sie eben kein klassischer Dipl.-Ing. sind und dass Ihnen dessen breite technisch-wissen­schaftliche Basis fehlt. Wer einen „Dr.-Ing.“ sucht, meint grundsätzlich stets einen „Dipl.-Ing. TH/TU mit anschließender, ein Thema vertiefender Promotion“, kaum je den Dipl.-Wirtsch.-Ing.

1.3 Ihr Werdegang bietet diverse auffällige Besonderheiten, die bei der üblichen Analyse von Einsteigerbewerbungen, bei denen man gern in „Rastern“ denkt, negativ zu Buche schlagen. Sie sehen das am geringen Erfolg Ihrer jetzt versuchsweise geschriebenen Bewerbungen. Angesprochen sind:

– kaufmännische Lehre vor dem Studium,

– 1. Studium ohne Abschluss abgebrochen,

– extrem langes 2. Studium (17 Semester),

– Länge des Zweitstudiums zwar durch Krankheit erklärbar, aber wenn Sie die erwähnen, bringen Sie sofort neue Ablehnungsgründe ins Spiel (die Krankheit könnte wieder ausbrechen; bedenken Sie: alle Gesprächspartner sind medizinische Laien). Wenn Sie dann eines Tages mit etwa 37 Jahren frisch promoviert in die Berufswelt einsteigen wollen, führt allein das ungewöhnlich hohe Alter dazu, dass der Bewerbungsleser seine „Lupe“ hervorholt und jedes Detail sorgfältig studiert.

Als Dr.-Ing. mit 37 werden Sie aber, unterstützt durch die Jahre eines anspruchsvollen Promotionsvorhabens, besonders hohe Ansprüche haben, die von Ihnen anvisierten Positionen sind elitärer, dort ist die Luft dünner. Und niemand weiß, welche Art von Konjunkturkrise wir in fünf Jahren haben werden, die dann Berufseinsteigern mit „Exoten-Status“ besondere Probleme bereitet.

1.4 Der klassische Promotionskandidat hat ein gutes Abitur, keine Lehre, dann ein schnelles Uni-Studium mit gutem oder sehr gutem Abschluss und ist etwa 24 oder 25 Jahre alt. Er hat keine kritischen Besonderheiten im Werdegang. Wenn dem das Promotionsvorhaben „platzt“, ist er immer noch ein sehr solider, guter Dipl.-Ing., er könnte das einigermaßen verkraften. Bei Ihnen wäre es das Ende Ihres Marktwertes.

1.5 Wenn Sie jetzt – ohne Promotion – ins Berufsleben einsteigen, haben Sie in fünf Jahren (also zum Zeitpunkt des voraussichtlichen Promotionsabschlusses) fünf verhältnismäßig solide industrielle Praxisjahre. Diese drängen dann Ihre schwierige „Vergangenheit“ in den Hintergrund. Es ist durchaus denkbar, dass Sie sich mit Promotion in fünf Jahren auf dem Markt schwerer tun als heute ohne.

2. Pro Promotion:

Natürlich gelten die unter 1. aufgezeigten Risiken auch hier. Eine sachlich-logische Basis, um Ihnen eine Promotion zu empfehlen, sehe ich eigentlich nicht. Aber eine emotionale sehe ich durchaus:

2.1 Sie haben seit dem Abitur eigentlich keine einzige beruflich relevante Phase rundum erfolgreich und ohne Ansätze für kritische Betrachtungen abgeschlossen (das berührt ausdrücklich nicht die Schuldfrage, aber die spielt im Leben ohnehin kaum eine Rolle). Mit dem Promotionsvorhaben erschließen Sie sich eine neue (letzte) Chance, einen rundum tadellosen, vorzeigbaren, noch der Ausbildung zuzuordnenden Komplex auf die Beine zu stellen; Sie gäben Ihrer Rubrik „Studium“ damit einen krönenden Abschluss. Und die Tendenz Ihrer ganzen Historie wäre positiv.

2.2 Sie sind jetzt so nah dran, haben sich so intensiv mit dem Thema beschäftigt – würden Sie jetzt die Promotion absagen, käme bei jeder der mit Sicherheit zu erwartenden beruflichen Niederlagen bei Ihnen das Gefühl hoch: Ich hätte damals doch zugreifen sollen.

2.3 Was dann danach kommt, weiß heute niemand. Aber Sie hätten jetzt ein paar Jahre vor sich, die Sie vermutlich als außerordentlich erfüllend empfinden würden.

2.4 Es gibt den Typ des Menschen, dem bedeutet der Dr.-Grad auch über vorzeigbaren Laufbahnerfolg hinaus etwas. So als Beleg dafür: Ich habe etwas Vorzeigbares, mir immer Bleibendes erreicht. Sie könnten so ein Typ sein.

2.5 Ob Sie große Managementfähigkeiten entwickeln werden, weiß ich nicht. Aber die Promotion gibt Ihnen die Chance, auf einem besonders anspruchsvollen Fachgebiet Spezialistin zu werden. Schon das Thema Ihrer Diplomarbeit klingt für mich mehr nach „Dr.-Ing. in der Forschung“ als nach „klassische Aufgaben für Wirtschaftsingenieure“. Auf dieser sehr emotionalen Basis meine ich: Tun Sie es dennoch! Und vielleicht knüpfen Sie während dieser Zeit noch wertvolle Industriekontakte, die Ihnen anschließend den Berufseinstieg erleichtern.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2718
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-10-23

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