Heiko Mell

Richtungswechsel mit Zwischenzeugnis?

Ich bin Bachelor (Maschinenbau) und Master (Mechanical Engineering and International Sales Management), Ende 20, mit drei Jahren Berufspraxis bei einem mittelständischen Unternehmen. Eingestiegen bin ich als Junior Marketing Manager, seit etwa einem Jahr bin ich Leiter Marketing.

Ich sehe mich mittelfristig eher im Produktmanagement und möchte mich ab sofort um verschiedene Positionen „Leiter Produktmanagement“ bewerben.

Zu meinem Chef (Inhaber-GF) habe ich ein sehr offenes Verhältnis. Er hatte mir die Marketingleiter-Stelle angeboten, obwohl ich gesagt hatte, dass ich mich mittelfristig nicht mehr in dem Unternehmen sehe. Er weiß also, dass irgendwann der Wechsel ansteht.

Damals hatte ich auch ein Zwischenzeugnis angesprochen. Er meinte, wenn ich unbedingt wollte, würde er es ausstellen. Aber er würde es gern vermeiden. Ich habe nicht darauf bestanden.

Wenn ich mich jetzt bewerbe, habe ich also kein Zwischenzeugnis. Ist das ein Problem? Hätte ich eines, würde der Bewerbungsempfänger dort halt die typischen Formulierungen lesen und ich hätte es schwarz auf weiß, dass ich vor einem Jahr die erste Stufe der Karriereleiter erreicht habe. Mehr ließe sich nicht daraus ablesen. Lohnt es sich, meinen Chef darum zu bitten oder sehen Sie keinerlei Probleme, wenn ich mich ohne ein solches Dokument bewerbe?

Antwort:

Ich bin auch dafür „berüchtigt“, dass ich Fragen beantworte, die der Einsender gar nicht gestellt hat. Man kann als engagierter Fachmann nicht einfach über zusätzlich erkennbar werdende Probleme hinwegsehen, die sich geradezu aufdrängen. Angesprochen werden hier folgende Themen:

1. Ihr Alter: Sie sind, legt man den üblichen Einstieg in Führungslaufbahnen zugrunde, noch extrem jung. So mancher Bewerbungsempfänger würde allein darüber schon den Kopf schütteln.

2. Die Bewährungszeit im alten Job als Basis für das Streben nach einem neuen: Drei Jahre Berufspraxis insgesamt sind grundsätzlich zu wenig, um anderswo Leiter Produktmanagement werden zu wollen. Dieser Aspekt korrespondiert mit dem Alter. In jedem Fall aber ist dieses eine Jahr der Tätigkeit in der Beförderungsstufe nach der Ernennung zu wenig. Hier werfen Sie den Verdacht auf, Sie wären von der neuen Verantwortung überfordert. In Ihrem Falle sollten Sie mindestens drei Jahre als „Leiter“ haben, bevor Sie sich bewerben.

3. Marketing (heutiger Bereich) und Produktmanagement (Zielbereich) sind zwar eng verwandt, häufig ist das Produktmanagement eine Funktion des Marketing, in manchen Branchen sogar letzterem unterstellt.

Aber: In Ihrem Lebenslauf taucht eine eigenständige (mehrjährige) Tätigkeit im Produktmanagement überhaupt nicht auf. Auf dieser „Basis“ ist eine Bemühung um die Position des Leiters Produktmanagement derzeit nicht aussichtsreich. Sie könnten jetzt höchstens versuchen, den Wechsel zum (nicht leitenden) Produktmanager anzustreben, beim neuen Arbeitgeber einige Jahre erfolgreich als solcher zu arbeiten und dann dort – alternativ bei einem anderen Unternehmen – zum Leiter Produktmanagement aufsteigen. Bei einem solchen Fachgebietswechsel stört der „Leiter“ in Ihrer heutigen Positionsbezeichnung schon sehr, Sie müssten ihn entweder im Lebenslauf „vergessen“ zu erwähnen oder die Beförderung „tief hängen“. Beispiel: „seit … Leiter Marketing (reine Nennbeförderung bei praktisch gleichgebliebenem Aufgabengebiet als Anerkennung meiner Leistungen in der bisherigen Funktion)“.

4. Jede neue Funktion (in Ihrem Fall der „Leiter Produktmanagement“) ist ein Risiko, vergleichbar mit einem Drahtseil, auf dem Sie balancieren müssten. Die bisherige Laufbahn ist quasi das darunter gespannte Netz, das den „Artisten“ auffängt, falls er abstürzt. In Ihrem Fall wäre dieses Netz klein, schwach, mit großen Löchern versehen. Sie könnten durchaus bis auf den Manegenboden durchstürzen.

5. Am Tage Ihrer Ernennung zum Leiter Marketing hätten Sie einen guten Grund für die Bitte um ein Zwischenzeugnis gehabt (wesentliche Veränderung im Aufgabenbereich, Festhalten von Tätigkeit + Leistung in der alten Funktion). Jetzt haben Sie keinen solchen Grund und signalisieren nur dem Chef: Ich will mich bewerben. Dann sieht der sich schon einmal nach einem Nachfolger um und Sie stehen unter Druck („Wer a sagt, muss bald auch b sagen“).

6. Sie unterschätzen den Aussagewert eines Zwischenzeugnisses. Dort steht nicht nur, was Sie gestern getan haben resp. tun, es wird auch bewertet, wie Sie es tun. Letzteres wäre am Tag der Ernennung sicher positiv bewertet worden, aber ist das auch aus heutiger Sicht noch garantiert? Wenn Ihr Chef heute schreibt, dann formuliert er auch, was er heute denkt. Und er wird in der neuen Funktion andere Maßstäbe anlegen.

Sicher, sicher, der frühere Junior Marketing Manager war irgendwie überragend, sonst hätte man ihn nicht befördert. Aber welche Garantie gibt es, dass in den Augen Ihres Chefs auch der neuernannte Leiter Marketing in eben dieser Funktion noch überragend ist – vielleicht ist er doch nur „ganz gut, er entwickelt sich noch“? Ein Fachmann liest aus einem Zeugnis erstaunlich viel heraus, auch wenn es lauter Floskeln enthält.

Aber in Ihrem Fall gilt: Sie brauchen jetzt für eine – von mir nicht befürwortete – Bewerbung kein Zwischenzeugnis. Wegen der oben genannten anderen Probleme, die der Bewerbungsempfänger vermutlich sieht, ist jenes Dokument im Augenblick nicht von zentraler Bedeutung. Ein Bewerber mit nur drei Dienstjahren beim heutigen Arbeitgeber kommt ohne aus, nach z. B. fünfzehn Jahren in einem Hause wäre das anders.

7. Möchten Sie dreißig Jahre lang auf ein und derselben Funktionsebene tätig sein und keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr haben? Das aber drohte Ihnen, würden Sie – beim bisherigen Tempo ja nicht ausgeschlossen – z. B. mit 35 Jahren Geschäftsführer. Die Grundregel „alle fünf Jahre eine Beförderung“ bringt vorhandene Hierarchieebenen und die Altersfrage in ein harmonisches Verhältnis.

Kurzantwort:

Jede neue Funktion oder Stelle ist ein Drahtseilakt, die bisherige Laufbahn ist das unter dem Seil aufgespannte Sicherheitsnetz. Ist dieses „mit heißer Nadel“ gewebt oder zu flüchtig verankert, riskiert der „Artist“ beim Absturz den freien Fall bis zum Manegenboden.

Frage-Nr.: 2716
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-10-16

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